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Wer einmal Ockersteinbrüche, z. B. die bei Rustrel, Provence, besucht hat, wird den gewaltigen Farbeindruck wohl nie vergessen.
Vermutet wird, das Ocker und andere Erd- und Naturfarben schon früh zur rituellen Körperbemalung verwendet wurden, ähnlich wie bei heutigen Naturvölkern z. B. in Afrika und Australien. Dokumentiert ist dies für die Jungsteinzeit. Eine deutlich frühere Verwendung kann angenommen werden, Gewissheit haben wir darüber nicht.
Möglicherweise wurde roter Ocker ab der mittleren Altsteinzeit (Mittelpaläolithikum) aufgrund seiner Farbe in Zusammenhang mit Blut gesehen. Aus heutiger Sicht liegt das nicht nur wegen der Farbe nahe, sondern auch wegen der chemischen Zusammensetzung. Eisenoxide färben Ocker, eisenhaltige Hämatide das Hämoglobin des Bluts.
Rot war aber vor allem die Farbe der Frau, denn sie blutete ohne Verletzung und ihre Blutung stand in Verbindung mit ihrer Schwangerschaft und der Geburt ihrer Kinder. Durch sie kam das Leben der Menschen in die Welt, durch sie war Wiedergeburt möglich. Unsere Sprache berichtet heute noch von dieser Vorstellung. "Enkel" bedeutet soviel wie "kleiner Ahn" und galt bei vielen Völkern als der wiedergeborene Großvater.
Rot war die sterbende und geborene Sonne, rot der Himmel der sie gebar.
In der Antike und im frühen Christentum geht die Verwendung von Ocker und anderen Erdfarben allgemein zurück. Statt Körperbemalung steht jetzt die Farbe der Kleidung im Vordergrund. Diese lässt sich mit Erdfarben nicht färben und so nimmt die Verwendung Farben auf pflanzlicher oder tierischer Basis deutlich zu. Für Rot stehen hier Krapprot und Karminrot zur Verfügung und natürlich das wertvolle Purpur, gewonnen aus der Purpurschnecke.
Gleichzeitig dokumentiert dieser Wandel aber auch den immer wichtiger werdenden Standesunterschied der Menschen. Purpur konnten sich nur wenige leisten. So wurde die Magie der Farbe Rot, Lebenskraft und Lebensfreude, zur Zementierung hierarchischer Ungleichheitssysteme eingesetzt.
Für Fresken und Wandmalereien wurden allerdings weiterhin Erdfarben verwendet. Das gilt für alle antiken Völker einschließlich der Malereien in den römischen Katakomben in vor- und christlicher Zeit. Auch im Mittelalter und der Renaissance fand Ocker als Grundstoff und Farbpigment weiterhin Verwendung. Seine Universalität hatte er allerdings schon lange verloren und auch der sinnliche Zugang dürfte weitestgehend verschwunden gewesen sein.
Zwar wurden viele Werke nach wie vor zu kultischen Zwecken angefertigt, jedoch stand zunehmend der künstlerische und auch transzendente Aspekt im Vordergrund. Die sinnliche Wahrnehmung war nun nicht mehr erwünscht.
Auch berühmte Maler wie Pablo Picasso konnten sich der Anziehungskraft
des Ockers nicht entziehen. Die Ocker-Bilder, die im spanischen
Dorf Gósol entstanden sind, werden mit dem Archetyp des
Weiblichen in Verbindung gebracht. Joseph Beuys verwendete Ocker
für Arbeiten, die "Themen wie zum Beispiel Prinzipien des
Weiblichen, Fruchtbarkeit, Geburt sowie Tod und Wiedergeburt" aufgreifen
und "die mit dem rituellen Gebrauch des Ocker verknüpft sind."
Die Farbe Rot hatte für unsere steinzeitlichen Vorfahren eine herausragende rituelle Bedeutung. Wie eingangs schon erwähnt ist Rot auch für uns Heutige eine sehr wichtige Farbe, und in jedem Fall auch eine Farbe, die sofort wahrgenommen wird.
Farbmagie betreiben wir heute, wenn wir für ein Kerzenritual eine rote Kerze auswählen. Aber auch beim Rotfärben der Lippen und der Wangen ist Farbmagie im Spiel. Es geht um den Ausdruck von Lebendigkeit und erotischer Kraft. Im Übrigen ist diese Art der Farbmagie das Metier der Frauen. Schon in der Steinzeit wurden die Farbe Rot und die damit assoziierten Kräfte mit dem Weiblichen in Verbindung gebracht. Daran hat sich bis heute offensichtlich nicht viel geändert. So ist es nur einer Frau, wie z. B. der Bundeskanzlerin Angela Merkel möglich, bei einem Gipfeltreffen der Staatschefs ein knallrotes Jackett zu tragen, wie im März diesen Jahres in London geschehen. Für einen Mann in gleicher Position ist dies bis auf weiteres undenkbar, will er sich nicht völlig diskreditieren.
Farbtherapie ist eine weitere Form der Farbmagie, Farb- und Stilberatung und auch die Maltherapie zählen ebenfalls dazu.
Kraftvoll ist die Körperbemalung, wobei hier natürlich nicht nur Rot eine Rolle spielt. Heute wird dafür in der Regel professionelle Körperschminke verwendet, aber die ältesten verwendeten Farben waren Erdfarben. Diese haben den Nachteil, dass sie auf dem Körper nicht sehr haltbar sind und nach dem Trocknen leicht abbröckeln und stauben. Sie vermitteln aber das sinnliche Gefühl einer Beschichtung auf der Haut. Sicherlich wurden auch schon früh Pflanzenfarben verwendet. Im Gegensatz zu Erdfarben, die auch für uns westliche Menschen angerührt mit Körperlotion völlig hautverträglich sind, ist dies bei Pflanzenfarben oft problematisch.
Sicherlich ist Ocker nicht nötig, um mit der Magie der Farbe Rot zu leben. Der Umgang mit dieser Erdfarbe weitet jedoch die Symbolik auf archaische Bezüge und lädt zum sinnlichen Experimentieren ein.
Körperbemalung mit rotem Ocker im Selbstversuch...
Neugierig geworden habe ich mir über den ökologischen Baustoffhandel fünf Erdfarben besorgt: roten Ocker, gelben Ocker, weiß, schwarz und grün, die beiden letzteren erst mal aus Interesse. Alle Farben sind tauglich für Kosmetik und können einfach in Hautcreme oder Körperlotion gerührt werden. Am nächsten freien Tag geht es los: Im Hintergrund läuft Musik, eine aromatische Räucherung erfüllt den Raum. In fünf Gefäße kommt Körperlotion, dann, teelöffelweise, die jeweilige Farbe. Natürlich beginne ich mit Rot. Für jede Farbe probiere ich auf dem Unterarm aus, ob die Intensität der Mischung stimmt. Ich benötige jeweils höchstens fünf Teelöffel Pigmente. Das Zeug ist echt intensiv. Im Raum habe ich einen Spiegel aufgestellt und beginne den Auftrag nun mit Rot. Zuerst das Gesicht. Erstaunlich, wie leicht sich die Farbe verteilen lässt, erstaunlich auch die Intensität. Nach dem Gesicht geht es schneller, doch dauert es, bis der ganze Körper rot ist. Ich trage nicht nur Farbe auf – der ganze Körper wird massiert und bekommt intensive Aufmerksamkeit. Bei den Füßen angelangt habe ich das Gefühl es sind Feuerfüße! Ich blicke in den Spiegel und erblicke mich(?) in einem warmen, roten Erdton. Es fühlt sich gut an, ich fühle mich wohl in meiner neuen Haut. Ich möchte noch etwas mehr Ausdruck haben und greife zu gelbem Ocker. Die Muster ergeben sich ganz von allein...
Zum Abschluss fehlen mir noch ein paar weiße Akzente. Ich sehe mich im Spiegel und fühle mich wohl. Bewege mich zur Musik, fühle mich sehr lebendig... Natürlich ist diese Bemalung nicht so haltbar, wie Körperschminke, aber aus meiner Sicht eine echte Erfahrung. Wer dazu weitere Informationen möchte, kann sich gerne an mich wenden.
Erdfarben lassen sich nicht ganz so fein malen wie Körperschminke, dafür sieht man ihnen aber ihren erdigen Ursprung an.
Quellen:
- Richard Fester, Marie E. P. König, Doris F. Jonas, A. David Jonas
- Weib und Macht – Fünf Millionen Jahre Urgeschichte der Frau
- Anke Rammé Firlefanz, Körpermalerie & ritual
- Reinhard Lohmiller, Ocker – Monografie einer Farbe, Inauguraldissertation
- Wikipedia.de
- Duden, Das Herkunftswörterbuch
- Doris Wolf, Was war vor den Pharaonen
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