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Es beginnt mal wieder mit einer persönlichen Geschichte. Ich habe einige Semester Geschlechterstudien studiert, in Berlin (Germany). Gegen Ende meiner Studentinnenzeit nahm ich an einem sogenannten Projekttutorium teil, das ist ein von Studierenden selbst organisiertes Projekt. Dieses Projekttutorium befasste sich mit Frauenräumen.
In der Gruppe gab es zwei „Lager“ oder, besser gesagt, zwei Positionen, die nicht immer leicht miteinander vereinbar waren: Die eine Position war eine, die ich mit „herkömmlichem Feminismus“ bezeichnen möchte, und die andere war die, die ich mit „dekonstruktivistischem Feminismus“ bezeichnen werde.
Um Näheres über diese beiden Positionen zu erfahren,
verweise ich auf meinen Artikel Feminismus:
verschiedene Strömungen
Teil I und Teil II der ebenfalls hier in WeiberCraft erschienen ist.
Mein Anfang
Ich fand mich zu Beginn unserer Arbeit in der Position des „herkömmlichen“ Feminismus wieder, und ich bejahte (und bejahe noch) Frauenräume. Ob das in politischen – also feministischen – Zusammenhängen stattfindet, oder in spirituellen Zusammenhängen, z. B. Hexengruppen, oder Frauenzirkeln. Während der Jahre, die unser Projekttutorium dauerte, trat dann das Verständnis für die Wichtigkeit von neueren Theorien in mein Leben. Meine, mehrheitlich lesbischen/queeren Mitstudentinnen haben es geschafft, mir heimzuleuchten, was daran gut und wichtig ist. Gegen viele Widerstände meinerseits. Wo dies meine bisherigen feministischen Ansichten hinterfragte, und auf eine Anpassung meiner feministischen Einstellung hinauslief, stellte diese Hinwendung zum Dekonstruktivismus meine spirituelle Konfiguration schlichtweg auf den Kopf.
Noch heute fällt es mir schwer, oder genauer gesagt, es ist schlicht unmöglich, gleichzeitig beides zu 100% unter einen Hut zu bekommen – meine Spiritualität zu vermitteln, und meine feministische Überzeugung zu vermitteln. Die gelebte, gefühlte, also die lebendige Spiritualität geht lustiger weise relativ gut unter den Hut mit Dekonstruktion, aber es hakt klar an der Vermittlung der Ideen, die sich zunächst widersprechen und sogar völlig entgegengesetzt sind.
Ich möchte zuerst meine persönliche Geschichte mit gynozentrischem Feminismus und mit der „Frauenspiri-Szene“ zum Thema machen, und die Vor- und Nachteile versuchen zu erörtern, soweit mein Horizont reicht.
Dann möchte ich erzählen, wie ich zum Dekonstruktivismus kam, und da ebenfalls das aufführen, was gut, und was problematisch ist.
Zum Schluss wird es keine Synthese geben, sondern mehr eine Beschreibung, wie ich in dieser Situation, zweier Herrinnen Dienerin zu sein, so lebe.
Der gynozentrische Feminismus und die Frauenspiri-Szene
Was in dem Artikel „feministische Strömungen“ schon angerissen wurde, will ich hier also vertiefen.
Grundsätzlich ging ich, und das tut auch der gynozentrische Feminismus, davon aus, dass es zwei Geschlechter gibt. Frauen, und Männer. Dass es zwischen Frauen und Männern sowohl eine Arbeitsteilung, als auch ein Machtgefälle gibt, ist eine weitere Prämisse, die wir jetzt einfach mal zugrunde legen. Es gibt also, begeben wir uns in diese Theorie hinein, zwei Geschlechter, und jedes Geschlecht hat einen eigenen Bereich. Und ein Bereich ist positiv besetzt und dort befindet sich die Macht, der andere Bereich ist abgewertet, und dort befindet sich nicht die Macht. Um es mal auf eine ganz platte Gleichung zu reduzieren!
Das ganze Konstrukt nennen wir, und ich nannte es auch so, „Patriarchat“.
Der männliche Bereich und Männer haben die Macht und das, was in diesem Bereich stattfindet, gilt als erstrebenswert. Der weibliche Bereich und die Frauen haben keine Macht, und was in ihrem Bereich stattfindet, ist abgewertet und verdammt worden.
Als mir diese Theorie zuerst begegnete, war es in feministisch-spiritueller Literatur.
Ich war eine junge, verärgerte Frau. Was ich gelesen habe, von der Entmachtung und Abwertung der weiblichen Sphäre, und damit von der „Verteufelung“ der Frauen, das schien sich mir am eigenen Leib und Leben zu zeigen: Ich fühlte mich mit dem gesellschaftlichen Sexismus gegenüber mir als Mädchen und später als junge Frau nicht wohl, ich fühlte mich mit der Vaterfigur der christlichen Religion nicht wohl, ich fühlte mich spirituell dort nicht zuhause und ich fühlte, dass mir mein Geburtsrecht auf Würde, Freiheit und Achtung nicht zuerkannt wurde.
Was her musste, waren zwei Dinge: zum einen der Widerstand gegen gesellschaftlichen Sexismus und damit das Arbeiten für die Abschaffung jeglicher Benachteiligungen aufgrund von Frau-Sein.
Zum anderen das Finden von einem Bedeutungssystem, einem Bedeutungsgewebe, in dem Frauen geachtet anstatt verachtet werden, und in dem das, was Frauen tun, gewürdigt und nicht selbstverständlich hingenommen und frech eingefordert wird.
Letzteres fand ich dann in „weiblicher Spiritualität“, in Frauenspiritualität. Anstatt beispielsweise meine Menstruation als peinlich zu verschweigen und zu verdrängen und froh über die blaue Ersatzflüssigkeit in der Werbung zu sein, machten spirituelle Frauen aus der Menstruation eine „weise Wunde“, ein Ereignis mit spiritueller Bedeutung und etwas Heiliges. Was verdammt war, haben sie geheiligt und ich gewann viel für mich selbst aus dieser Arbeit von Frauen, die sie vor mir gemacht hatten.
Ich holte mir nicht nur meine Menstruation zurück, sondern die Göttin, die Trommel (wie viele Schlagzeugerinnen gibt es, z. B.?), das Zaubern, die Wissenschaft, das Kämpfen, das Kochen, und nicht zuletzt die Geschichte... was nicht „weiblich“ war, war „uns“ weggenommen worden und wir konnten es uns wieder zurückholen. Was „weiblich“ war, war abgewertet worden, und wir konnten es wieder heiligen. Wo wir Frauen missachtet, ignoriert und heraus zensiert worden waren, da gab es Forschung und Theorien und ein Augenmerk darauf – von Frauen, für Frauen.
Ich kann auch gar nicht genug gewichten, wie sehr mich das bestätigt, gefreut und persönlich gestärkt hat, dass auf einmal keine Fremde oder geduldeter Gast in einer Männerwelt war, sondern dass ich auf einmal eine Frauengeschichte hatte, eine Frauensymbolik, eine Frauenspiritualität.
Allerdings gab es auch bald die ersten Wermutstropfen im Frauen-Gebräu. Ich musste feststellen, dass ich, da ich nicht wirklich aufs Kinderkriegen aus war, irgendwie defizitär erschien: Wenn das Gebären und die Geburt und das neue Leben der zentrale Wert sind, die wichtigste Eigenschaft der großen Göttin schlechthin – Gab es dann nicht Frauen, die „gleicher“ waren als ich? Gab es da eine neue Hierarchie?
Ich musste weiterhin feststellen, dass einige Symbolsysteme bestimmte Eigenschaften als „männlich“ etikettierten. Dass beispielsweise mein „Bauchgefühl“ weiblich war, und mein „logischer Verstand“ war dafür männlich etikettiert. Auch hier fühlte ich nicht das stärkende „Reclaiming“ oder auf Deutsch, „zurückfordern“ von allem, was zu mir gehört, sondern es fühlte sich im Gegenteil wie eine Enteignung an.
Außerdem fiel mir auf, dass unser „Zurückholen“ der weiblichen Dinge, und deren Aufwertung, sich direkt an konservative Diskurse anschlossen und dass es eine höchst unangenehme und peinliche Ähnlichkeit zwischen Cerridwen an ihrem Kessel und der Frau am Herd gab: Sie sahen auf den ersten Blick gleich aus. Da stand halt schlicht eine Frau und rührte in einem Topf rum.
Das waren nun alles keine Dinge, die sich nicht lösen ließen. Zu Punkt eins suchte und fand ich mir Göttinnen, die entweder gar keine Mütter waren oder noch viel mehr Dimensionen an sich hatten als den heiligen Mutterbauch.
Zu Punkt zwei wandte ich mich von den entsprechenden Symbolsystemen ab, und konzentrierte mich auf den Aspekt des „zurück holen“ und des weiter Entwickelns meiner Selbst als Mensch, als ungeteilte, ganze Frau.
Zu Punkt drei beschränkte ich meine magische Praxis auf reine Frauengruppen, denn wo keine Männer anwesend sind, kann ich mich auch nicht „an den Herd abgeschoben fühlen“, wenn ich in Cerridwens Kessel rühre, während die „Jungs“ im Walde jagen. Dort konnte ich dann unbefangen alles machen, ob männlich oder weiblich etikettiert, ohne dass es auf alle Frauen ungut zurückfiel, und ohne dass ich mich dabei komisch oder schlecht fühlen musste.
Und so hätte das alles prima weitergehen können – ich war doch glücklich und zufrieden.
Wenn da nicht, ja wenn da nicht... die Dekonstruktion gekommen wäre. Davon dann im nächsten Teil.
Ende Teil I
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