Dekonstruktivistischer Feminismus
Dies ist die neueste aller Strömungen. Der dekonstruktivistische Feminismus heisst so, weil Geschlecht als ein Konstrukt angesehen wird. Wird dieses Konstrukt abgebaut (dekonstruiert), würde auch geschlechtsspezifische Unterdrückung nicht mehr existieren können.
Der dekonstruktivistische Feminismus baut auf dem radikalen Feminismus auf, und wie der radikale Feminismus spielte Kritik am bisherigen Stand des Feminismus eine große Rolle bei seiner Entstehung. Man könnte sagen, dass dekonstruktivistische Theorien zuerst außerhalb der feministischen Bewegung formuliert wurden. Diese Theorien stammen aus der Transsexuellen-, der LesBiSchwulen (=Queer)-Bewegung, und wurden durch diese, und durch Women of Color auch an die feministische Bewegung herangetragen. Der Grund war, dass der Feminismus nicht in der Lage war, in der bisherigen Theorie von der Unterdrückung von Frauen die Situation von Queers, schwarzen Frauen und transsexuellen Menschen zu beschreiben und zu analysieren. Es fehlten die richtigen Werkzeuge in der Theorie.
Im radikalen Feminismus ging frau davon aus, dass eine Geschlechterrolle durch Sozialisation in der Kleinfamilie erst entsteht. Dekonstruktivisitinnen gehen weiter: Sie sagen, dass nicht nur eine Geschlechterrolle erst entsteht, sondern dass Geschlecht selbst keine von vornherein gegebene Kategorie ist. Geschlecht wird durch ständiges Ausagieren erzeugt. "Doing Gender" nennt sich dies, auf deutsch "Geschlecht tun". Außerdem ist der Unterschied auch, dass im "herkömmlichen Feminismus" davon ausgegangen wird, dass für Frauen und Männer unterschiedliche Wertungen und Normen vorliegen und anerzogen werden, während der dekonstruktivistische Feminismus früher ansetzt: Er thematisierte, dass zunächst einmal Menschen auf zwei Geschlechter, Männer und Frauen nämlich, reduziert werden.
Die große Leistung der dekonstruktivistischen Theorie besteht meiner Ansicht nach darin, dass das radikale Nachfragen, ob es Geschlecht denn überhaupt gäbe, mit Erfolg aufgezeigt hat, dass wir bisher immer von falschen Vorraussetzungen ausgegangen sind. Durch die Dekonstruktion von Geschlecht selbst finden "dritte Geschlechter" plötzlich einen potentiellen Platz in der Welt, erstmalig ist ein Existenzrecht für GeschlechtswandlerInnen denkbar. Während alle vorangegangenen Strömungen noch davon ausgingen, dass es nur Frau und Mann im menschlichen Spektrum gäbe, erweitert sich hier das Bild und gibt Menschen einen Gedankenraum, einen potentiellen Lebensraum.Des weiteren wurden verschiedene konstruierte Männlichkeiten und Weiblichkeiten beschrieben, die ein vollständigeres Bild darauf ermöglichen, wie die Hierarchie zwischen den Geschlechtern aufgebaut ist.
Das Manko des dekonstruktivistischen Feminismus ist meiner Meinung nach, dass sich das Ziel zu sehr auf rein theoretisches Dekonstruieren verschoben hat, während Sexismus und Unterdrückung weiterhin existiert. Diese Strömung trägt die Gefahr in sich, vor lauter Verstehenwollen "was die Welt im Innersten zusammenhält" zu vergessen, dass in der Welt immer noch Unrecht geschieht.
Dass es aber auch anders geht, zeigt ein berühmter Aktivist
der Transgender-Bewegung: Leslie
Feinberg. Frau-zu-Mann-Transsexuell, Sozialist und Autor, tritt er für ein Bündnis ein zwischen Menschen, die aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität marginalisiert werden (Frauen, Transsexuelle, LesBiSchwule, MigrantInnen), und zugleich thematisiert er auch wieder kapitalistische Ausbeutung. Und damit haben wir das Terrain des Feminismus auch schon fast verlassen und sind als Feministinnen zu Gast in der Queer/Gender-Bewegung ;-)
Meine Mixtur
Während radikaler Feminismus auf jeden Fall in der Mixtur enthalten ist, die ich als "meinen Feminismus" ansehe, muss ich gestehen, dass ich sowohl dem gynozentrischen Feminismus als auch dem dekonstruktivistischen Feminismus anhänge. Letztere Theorien schließen sich fast gegenseitig aus - denn wie kann man eine Weiblichkeit aufwerten und heilen und sie gleichzeitig abbauen, und als gar nicht natürlich vorhanden ansehen? Doch, doch - das geht! Selbst wenn eine Weiblichkeit nur ein Konstrukt ist, entfaltet dieses Konstrukt doch noch genug Macht, um sich auf mein persönliches Wohlbefinden gravierend auszuwirken. Ich kann im vollen Bewusstsein, dass es nur ein Konstrukt ist, diese "Weiblichkeit" heilen wollen. Als Sofortmaßnahme - denn ich will dass es mir jetzt schon gut geht, und nicht erst in 100 Jahren, wenn die Geschlechtskonstruktionen vielleicht gar nicht mehr existieren. So geht das für mich Hand in Hand.
Feminismus ist nicht... das liebe Klischee
Immer wieder - in einem schon ermüdenden Ausmaß,
in einem frustrierenden Ausmaß - werde ich damit konfrontiert,
was Ottilie Normalverbraucher für Feminismus hält.
Meistens sind das Klischeevorstellungen, die sich gegen den radikalen
Feminismus, wie ich ihn oben erwähnt habe, richten. Der
radikale Feminismus ist nämlich so gefährlich, dass
es nötig wurde, ihn von allen anderen feministischen Strömungen
zu isolieren, und die anderen Strömungen währenddessen
zu vereinnahmen. Ich nehme an, dass auch der dekonstruktivistische
Feminismus ein großes "Gefährlichkeitspotential" hat.
Nur gelangt er bisher noch kaum über die Grenzen der Universitäten
nach Draussen, so dass sich öffentlich noch keine "Anhass-Klischee-Dekonstruktivistenschlampe" bilden
konnte. Wir dürfen gespannt sein, ob die DekonstruktivistInnen
es noch so weit bringen werden.
Ich möchte mich noch herzlich bei Eidechse für´s Durchlesen und ihre Anregungen beim Schreiben des Abschnitts über dekonstruktivistischen Feminismus bedanken.