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Die Magie der Quilts

Dies ist der zweite Teil des Themas Quilts und quilten. Während im ersten Teil geschichtliches und grundsätzliches abgehandelt wurde, geht es ab jetzt um das praktische und um Bedeutungen und die Magie, die im Quilten steckt.

Mein Quilt

Durch eine Frauenmailingliste, auf der wir zwei Krabbeldecken für Babies nähten, kam ich auf den Gedanken, selbst einen Quilt besitzen zu wollen. Die Magie der Quilts hatte mich eingefangen. Und nach einiger Beschäftigung mit dem Wie und dem Hintergrund ging ich ans Werk.
Für mich war die Erfahrung eine sehr Besondere.
Zum Einen ist es heute schon ein Luxus, keinen massenproduzierten Gegenstand zu haben, sondern eine Decke, in die viele Stunden an Handarbeit investiert wurden. Zum anderen war es mir dabei bewusst, dass diese Arbeit sehr eingebunden war ein einen größeren Bedeutungszusammenhang, nämlich den der Frauentradition.
Nun bin ich nicht eine, die normalerweise die herkömmliche Frauenrolle propagiert. Ich bin für freie Wahl des Lebensstils, egal, welches Geschlecht eine Person hat. Und trotzdem, so empfinde ich es, ging durch die Vereinzelung von Frauen und dem Verlust von "Frauentraditionen" bei gleichzeitigem Weiterbestehen von patriarchalen Zuständen den Frauen auch viel Kraft und Zusammengehörigkeitsgefühl verloren. Und diese Kraft von Frauen, die gemeinsam etwas tun, von Frauenzusammenhängen, schwappte bei der Beschäftigung mit dem Thema Quilt und dem Nähen selbst sehr stark zu mir herüber.

fertiger Quilt
Foto: Der fertige Quilt, "magische Sternendecke mit Hagelzucker" genäht mit der Maschine und handgequiltet, nach dem Blockmuster "Checkerblock Star" von Marcia Hohn (www.quilterscache.com)

Während ich nähte, las ich täglich mehr und mehr Geschichten über das Quilten. Täglich wuchs ich also mehr und mehr hinein in ein Patchwork (Stückwerk) aus Geschichten. Während ich die bunten Flicken zusammenfügte, fügte ich mich in ein Gewebe ein, und Näherinnen vergangener und heutiger Zeiten, samt ihrer Geschichten, tauchten vor meinem inneren Auge auf.

Ich nähte und quiltete alles in etwas mehr als einem Mond, und keine Minute war es langweilig. (Ok, das Heften war langweilig!) Wie die Oberseite wuchs und wuchs, und immer bunter und vielfältiger wurde, wie dann die Oberseite mit der Rückseite und der Wattierung zusammengefügt wurde, und ich alles mit vielen Mustern, Spiralen, magischen Zeichen und Symbolen zusammenstichelte. Ich zerstach mir völlig meine Fingerkuppen und dachte an alle, die sich beim Erlernen des "Rocking Stitch" ihre Finger zerstachen. Aber bald waren die zerstochenen Finger vergessen, als ich den Stich konnte, und ich wunderte mich jeden Tag mehr, was für ein Gewebe sich vor meinen Augen wie von Geisterhand entfaltete.

Als der Quilt schon fast fertig war, habe ich abends bei Kerzenschein ein Ritual gemacht, und war noch viel erstaunter von der Kraft, die von diesem Quilt ausging. Alle Geschichten und alle Erfahrungen beim Herstellen, werden wohl immer darin verwoben sein, und ich kann es wohl verstehen, wieso es in einem Quilterinnenforum hieß: Den ersten Quilt verschenkt man doch nicht! Ich bin auf jeden Fall wahnsinnig stolz darauf.





Memory Quilts

Ahnendecke
Foto: "Ahnendecke". Diesen Quilt hat hexpatchmine für eine Freundin in den USA genäht. Vielen Dank an hexpatchmine für das Foto!

Auf deutsch und viel magischer: die Ahnendecke/Erinnerungsdecke. In einem Memory Quilt werden oft Schnipsel von Kleidungsstücken der Familienmitglieder verarbeitet. Bei einer Ahnendecke möglichst von Kleidungsstücken verstorbener Ahnen, wenn vorhanden, ansonsten kann man eine andere Repräsentation für sie finden, z.b. eine andere Möglichkeit ist, dass ihre Namen in die Blöcke gestickt werden. Mit den modernen Druckern kann man heute auch Fotos auf Stoff drucken und diesen mit in dem Quilt vernähen.

Memory Quilts repräsentieren, viel besser als es ein Stammbaum könnte, wie Menschen durch Beziehungen miteinander verknüpft sind.
Oder man gibt jemandem, der eine Gemeinschaft verlässt, z.b. auswandert oder umzieht, einen Quilt mit, wo alle aus der Gemeinschaft etwas dazugetan haben, so hat die oder derjenige die bunten Energien der alten FreundInnen immer mit dabei.

Ein Bekannter von mir war als Teenager ein Jahr in den USA auf Schüleraustausch, und bekam von den Leuten dort als Erinnerung an seine Zeit einen Quilt geschenkt, wo jeder einen Block beschriftet hatte.
Diese Decken werden auch "Friendship Quilts" genannt, oder "Album Quilts".

Auch in meinen Quilt sind nicht nur neue Stoffe eingearbeitet, sondern auch ein Kissenbezug, den ich noch von meinem Elternhaus hatte, und zwei Baumwollhemden von mir und meinem Männe.







Hochzeitsquilts

Zu diesem Thema möchte ich fast nichts schreiben, sonst heißt es wieder: "das ist ja gar nicht so wie im Film "ein amerikanischer Quilt" und stimmt ja gaaaar nicht." Dazu muss ich gestehen, dass ich den Film nie gesehen habe, aber ich möchte ihn mir mal ansehen.

Gelesen habe ich, dass unverheiratete junge Frauen für ihre Aussteuer 12 Quilts machen sollten, wobei der letzte der allerschönste war, und ihr Hochzeitsquilt wurde. Für letzteres gibt es auch textile Beispiele, ob allerdings 11 Quilts vorher fertig sein mussten?

Was die Frauen in dem Film nähen, ist eigentlich ein Freundschaftsquilt/Memory Quilt, der zum Hochzeitsquilt wird, und nicht alle Hochzeitsquilts kommen auf diese Weise zustande.

Heute ist es auch Mode, zwei Leuten zur Hochzeit einen Quilt zu schenken, was ich persönlich aber für Unsinn halte. Falls das nix wird mit der Ehe, streiten sie sich am Ende noch um den Quilt, daher ist die Tradition, dass Frauen einen Hochzeitsquilt für sich machen oder geschenkt bekommen, sinniger. Übrigens bekamen auch Männer einen Quilt geschenkt, zum 21. Geburtstag - dieser wurde von deren Mutter samt Freundinnen genäht und solche Quilts nennen sich "Freedom Quilts". Ich kann mir bei dieser Aufteilung Mann/Freiheit und Frau/Hochzeit ein etwas trauriges Grinsen nicht verkneifen.


Die Magie der Quilts - von Frauen für Frauen


Angesichts der letzten Geschichte, dass junge Männer nämlich "Freedom Quilts" zur Volljährigkeit bekamen, die von Frauen genäht waren, während die jungen Frauen ihr Zeug selber nähen mussten, denke ich schon ab und an schon drüber nach. Quilten ist zwar eine Frauentradition und es sind kaum Männer vertreten, jedoch die Endprodukte, die Quilts selbst, bleiben nicht immer in Frauenhänden.

Ich persönlich würde Quilts nicht für jeden machen. Hätte ich einen Sohn, würde der nicht unbedingt, weil's halt so Tradition ist, einen Quilt bekommen. Es ist nun mal Fakt, dass auf Handarbeiten im Allgemeinen von männlicher Seite manchmal herabgelächelt wird, auf all die "Oma-Deckchen" oder all den Firlefanz den Frauen, weil sie halt "zuviel Zeit haben", den ganzen Tag so machen.

Einem selbst nähenden Mann zum Beispiel, der sich an Freundschaftsquilts auch beteiligen würde, würde ich auch was nähen, aber ansonsten ist die Kraft und die Magie von Quilts meiner Ansicht nach viel zu stark, um als Geschenk gegeben zu werden, das "mann" nur aus Höflichkeit annimmt, ohne dass der von Frauen geleisteten Handarbeit der gebührende Respekt entgegengebracht wird.

Für mich ist diese Arbeit sehr bedeutungsreich und auch sehr symbolisch. Die ganze Frauenenergie, die da mit dran hängt. Gehen wir Frauen zu freigiebig mit unserer Kraft, Energie und Arbeit um? Eine Frage, die sich nicht nur beim Thema Quilts stellt.

Auf der anderen Seite ist natürlich der Respekt vor weiblichem Handwerk und Kunst im häuslichen Bereich nicht einfach dadurch zu erreichen, dass Frauen nun eine elitäre, zutrittsbeschränkte Sphäre um ihre Kunst schaffen. Die Freigiebigkeit und das lockere Umgehen mit häuslichen Handwerkstraditionen unterstützt auch deren einfachere Verbreitung und deren Popularität.

Eulenquilt von hexpatchmine
Foto: Eulenquilt, genäht von hexpatchmine, in den Rand sind Runen gequiltet, die man leider nicht auf dem Foto erkennt.

Bei Quilten und Patchwork kommt auch viel Austausch unter Frauen zustande, es werden Stöffchen getauscht, es wird gefachsimpelt, zusammen gefärbt, genäht und organisiert.

Zum Schluß möchte ich alle, die jetzt möglicherweise auch einen Quilt nähen wollen, warnen: Es hat ein extrem hohes Suchtpotential! Es geht schneller als häkeln oder stricken, nach jedem fertigen Block stellt sich ein Erfolgserlebnis ein. Nach dem Fertigstellen der Oberseite ist das quilten sehr meditativ und sehr magisch. Den Quilts gebührt eigentlich ein viel höherer Stellenwert in der Hexenszene. Und ich wünsche allen, die jetzt Lust bekommen haben, einen zu machen, schon mal ganz viel Spaß und so viele tolle Stunden wie ich sie hatte.


Distelfliege


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