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Ein kurzer Ausflug in die Geschichte
der Quilts
Das Zusammenfügen von zwei Lagen Stoff mit einer innenliegenden
Wattierung durch gesteppte Linien ist schon sehr alt, zum Beispiel
gibt es einen Fund einer Patchwork-Baldachindecke aus dem Jahr
980 vor unserer Zeitrechnung aus Ägypten. (1) Hier
geht es allerdings um eine ganz bestimmte Form der Steppdecke.
Diese textile Kunstform war im 19. Jahrhundert in England, vor
allem aber in Amerika verbreitet und entwickelte sich zu einer
eigenständigen kulturellen Leistung. Ich möchte betonen,
dass die Geschichte des Quiltens fast ausschließlich die
Geschichte von Frauen ist, und es ist bis heute so geblieben.
Foto: Genäht von Quiltchaos: "Nine
Patch"
Foto: © quiltchaos 2007
In der Quiltgeschichte gibt es viele Fakten, aber auch viele Mythen.
Es wird beispielsweise gerne erzählt, dass die neuen Siedlerinnen
in Amerika (17. Jahrhundert) so wenig hatten, dass sie alte Stoffreste,
auch von abgetragener Kleidung, zu Patchwork-Decken zusammennähten,
die dann oft der einzige Schmuck ihrer kargen Behausungen waren,
und dass auf diese Weise die vielen, schönen Patchworkmuster
entstanden sind. Fakt ist aber, dass man für ein zusammengesetztes
Quilt-Oberteil in etwa doppelt soviel Stoff braucht als für
die Rückseite, und Kleidung wurde, wenn möglich, bis
zur wirklichen Unbenutzbarkeit aufgetragen. Wahrscheinlicher ist,
dass die meisten Quilts von wohlhabenderen Frauen, die Zugang zu
extra dafür eingekauften Stoffen hatten, hergestellt wurden.
Erst im 19. Jahrhundert war das herstellen von Patchwork und das
Quilten verbreiteter, weil in diesem Jahrhundert Baumwollstoff
vor Ort in Amerika produziert wurde. Die ersten Patchworkmuster
entstanden, wie z.b. die "Flying Geese" (fliegende Wildgänse),
der "Nine Patch" (Neun Flicken), oder "Irish Chain" (irische Kette).
Während und nach dem amerikanischen Bürgerkrieg formierten
sich Näh-Initiativen, welche Quilts herstellten, um sie ihren "Jungs" mit
in den Krieg zu geben, als Zudecken, auch wurden Quilts verkauft,
um Geld zu sammeln für eine bestimmte Sache - zum Beispiel
für Vereinigungen zur Abschaffung der Sklaverei ("Abolitionists").
Es wird erzählt, dass bestimmte Patchworkmuster in Quilts
einen geheimen Code enthielten, der Sklaven, die in den freien
Norden flohen, "sichere Häuser" signalisierte. Über diesen
Mythos vom "Underground Railroad Quilt Code" wurde viel geschrieben.
Wahrscheinlich hat es diesen Quiltcode aber nie gegeben, und er
ist ein moderner Mythos. (2)
Quilten blieb dann in Mode bis ins 20. Jahrhundert hinein, so
gibt es die viktorianische Periode, und später die "Depressions-Quilts",
und das Interesse daran starb dann - während dem 2. Weltkrieg
- fast völlig aus. (3)
Zu einem Wiederaufleben des Quiltens kam es nur wenige Jahrzehnte
später. Schon in den 1960er Jahren ging es wieder los, obwohl
es zu dieser Zeit schwer war, reine Baumwollstoffe zum quilten
zu bekommen. Es wurde viel Stoff aus Kunstfaser hergestellt. In
den 1980er Jahren, kann man sagen, befand sich das Quiltrevival
auf dem Höhepunkt. Und nicht nur das Quiltrevival - anscheinend
waren die 70er/80er Jahre generell eine Zeit, in der sich jedes
gesellschaftliche Grüppchen überhaupt mit seinen Wurzeln
befasste, von den "Black Panthers" bis hin zu den Näh-Tanten,
vom "American Indian Movement" bis zur Matriarchatsforschung. Aus
dieser Zeit stammen wohl auch all die Mythen über Quilts,
die zur Hälfte oder überhaupt nicht wahr sind.
Heute werden Quilts in Amerika als Kunst in Galerien ausgestellt,
und als historische Objekte in Museen. Eine Fülle an Stoffen,
Materialien und Werkzeugen extra für die Herstellung von Quilts
ist auf dem Markt, und auch hierzulande erfreut sich das Quilten
zunehmender Beliebtheit.
Die Muster eines Quilts
Es gibt bei Quilts zwei Arten von Mustern:
- das Patchworkmuster, oder Blockmuster
- das Quiltmuster, also das Muster, das die Steppnähte auf
dem fertigen Quilt bilden.
Das Blockmuster

"Ohio Star"
von Distelfliege
Bei Ersterem nehmen viele Leute an, es gäbe zu jedem Blockmuster
eine Geschichte, jedes habe eine tiefe Bedeutung. Ein "Block" ist
ein viereckiges Stück Patchwork, welches in einer bestimmten
Anzahl genäht wird. Viele dieser Blöcke zusammengenäht
ergeben wieder ein neues Muster, das sich über die gesamte
Quiltoberfläche erstreckt.
Einige Blockmuster haben auch tatsächlich eine Bedeutung
im Sinne eines Codes, aber bei den meisten drückt ihr Name
lediglich aus, an was das Muster erinnert. Viele Musterbedeutungen
sind unromantisch: Es gab sehr viele biblische Namen für Blockmuster,
z. B. Hiobs Tränen, Jakobs Leiter, Dornenkrone. Teilweise
erhielten Muster später andere, zeitgemäßere Namen,
wie z. B. Sklavenkette (früher: Hiobs Tränen) oder "der
steinige Weg nach Kansas", oder "Indianerpfad".
Es gab patriotische Muster, z. B. der "Texas Star", welcher so
genannt wurde, nachdem Texas zu den vereinigten Staaten dazukam.
(Die bekannteste Patchworkarbeit ist die amerikanische Flagge selbst.)
Es gab im 19. Jahrhundert viele Blockmuster, die Embleme und Symbole
der amerikanischen "Temperance Union" darstellten. Diese "Mäßigkeits-Vereine" setzten
sich für ein anständiges Leben und vor allem gegen Alkohol
und Glücksspiel ein. Von ihnen stammen die Muster, die den
Buchstaben T in textilen Grafiken abbilden, und auch der "Weg des
Trunkenboldes" (Drunkards' Path).
Es gibt heute viele tausend Blockmuster, und ständig werden
Variationen und neue Muster erfunden. (4)
Das Quiltmuster und die "Quilting
Bees"

"New York Beauty" Trommeltasche von
Distelfliege während dem Quilten. Die spiraligen Quiltstiche
sind gut zu sehen.
Dieses Muster bildet sich durch die Steppnähte, welche mit
der Nähmaschine oder von Hand durch den Oberseitenstoff, die
Wattierung und den Rückseitenstoff genäht werden, und
die alle Lagen zusammenhalten und dem Quilt eine plastische Oberfläche
geben. Das Zusammensteppen der Lagen ist also das eigentliche Quilten.
Es gibt ein Sprichwort: "It's not a quilt until it's quilted".
Früher war es in Amerika üblich, dass nach der Fertigstellung
der Patchworkoberseite viele Frauen zusammenkamen. Das "Quilt-Sandwich",
also alle drei Lagen, wurde auf lange Holzstangen aufgespannt,
welche mit Querstangen zu einem großen Rahmen verbunden,
und auf Stuhllehnen aufgebockt wurde. Um diesen riesigen Rahmen
versammelten sich dann die Frauen, um mit Nadel und Faden zu quilten.
Diese Versammlungen zum Quilten werden "Quilting Bees" genannt.
Am gefragtesten waren kleine, regelmäßige Stiche. Eine
gute Quilterin bringt es auf 10 sichtbare Stiche pro Inch (2,54
cm.) Ich selbst komme, wenn ich mich sehr bemühe, auf 6-7
Stiche pro Inch. Als ich angefangen habe, waren es 4 bis 5 Stiche
pro Inch.
Blocktausch ("Swaps") und "Samplerquilts"
Heute hat sich das gemeinsame Arbeiten an einem Quilt verändert.
Während die Frauen früher zum Quilten zusammenkamen,
ist es heute so, dass viele Frauen jeweils einen Quiltblock nähen
für ein Quiltoberteil, welches dann die Empfängerin aus
allen erhaltenen Blöcken fertig stellt. Sind alle Blöcke
aus verschiedenen Blockmustern genäht, nennt man einen solchen
Quilt einen "Sampler". Oft werden heute Blöcke genäht
und untereinander getauscht, so dass am Ende jede, die beim Blocktausch
mitmacht, einen Quilt aus erhaltenen Blöcken nähen kann.
Das ist dann ein "Swap".
Quilts für einen guten Zweck
Wie schon erwähnt, wurden früher Quilts oft für
eine gute Sache genäht. Das hat sich bis heute erhalten und
ist auch bei Quiltliebhaberinnen in Europa üblich. Es ist
für mich schon faszinierend, dass sich gerade solche Traditionen über
die Jahrhunderte fast gleich erhalten haben. Die Gründe, warum
für einen guten Zweck ausgerechnet Quilts genäht werden,
haben sich aber geändert. Während früher Frauen
viel stärker auf auf ihre Rolle im häuslichen Bereich
eingeschränkt waren und ihnen oft nichts anderes übrig
blieb, als sich mit Nadel und Faden für etwas einzusetzen,
und damit Geld zu sammeln, ist es heute so, dass der symbolische
Aspekt eines Quilts mehr in den Vordergrund rückt, wenn es
um das Nähen für Andere geht. In Amerika nennt man Quilts
auch manchmal "Comforter" - und Quilts, die für gute Zwecke
genäht werden, stehen oft für Trost, Unterstützung,
Geborgenheit und Gemütlichkeit. Es gibt einige Projekte, wo
Quilts für frühgeborene oder behinderte Kinder genäht
werden. (5) Diese
Quilts sind direkt magische Objekte, mehr als nur Zudecken, sondern
Kraftgegenstände.
Eine andere, oft spektakuläre Form von Quilten für den
guten Zweck sind politische Quilts. Der bekannteste ist der "Aids
Quilt", welcher mittlerweile aus abertausenden Blöcken besteht
und so groß geworden ist, dass er seit 1996 nicht mehr in
seiner Gesamtheit ausgestellt wurde, da schlicht der Platz dafür
fehlt. Seine Grösse würde sehr viele Fußballfelder
füllen. (6)
Auf jedem Block des Aids-Quilts wird namentlich an eine Person
erinnert, die an Aids gestorben ist. Bei Teilausstellungen dieses
Quilts werden die Blöcke nach einem bestimmten Ritual auf
dem Boden ausgebreitet. Auf der österreichischen Seite des
Aids-Quilts (7) konnte
ich nachlesen, wer die österreichischen Blöcke genäht
hat, und so war es dort oft der Fall, dass Frauen sie genäht
hatten, sehr oft für ihre an Aids verstorbenen Söhne
oder Freunde. Dennoch ist der Aids-Quilt wahrscheinlich der einzige
Quilt, an dem auch einige Männer mitgenäht/gemalt haben.
;-)
Von Frauen für Frauen wird am "Quilt Pink Tag" genäht. (8) Dabei
nähen viele Frauen Patchwork-Blöcke aus rosafarbenen
und weißen Stoffen, welche zu Quilts zusammengefügt
werden. Diese Quilts werden dann zugunsten der Brustkrebsforschung
und einem Verein verkauft, der sich dem Kampf gegen Brustkrebs
widmet.
Ende Teil 1
Im nächsten Teil wird es um die verschiedenen Arten von Quilts
(Themenquilts, Memoryquilts.. ), und die Magie des Quiltens gehen.
Fußnoten/Links
1: Friederike
Kohlhaussen: Handbuch Patchwork, S. 10
2: http://www.ugrrquilt.hartcottagequilts.com/
3: http://www.womenfolk.com/quilting_history/midcentury.htm
4: http://www.quilterscache.com
5: http://www.quiltfriends.de/forumdisplay.php?f=109 (quiltfriends
helfen kindern)
6: http://www.aidsquilt.org/
7: http://www.namesproject.at/
8: http://www.quiltpink.com/
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