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Die englische Altargöttin
Eine Geschichte über das Verbindung - Aufnehmen mit der Göttin, die Verbindung zum eigenen Frau-Sein, spirituelle Kunst und Altäre.

Der Rebellinnen-Altar
Vor etwa zehn Jahren baute ich meinen ersten Göttinnen-Altar. Die Repräsentation der Göttin übernahm ein Bild, welches ich mit weißer Wandfarbe auf eine dunkelblau lasierte Spanplatte gemalt hatte. Das war eine junge Göttin mit wehenden Haaren und Pfeil und Bogen, eine Kriegerin, eine Rebellin. Oder war es doch "nur" das Bild einer Frau?

Altäre sind - manchmal, oder bei Manchen - eine Verbildlichung der eigenen spirituellen Vorstellungen, der eigenen Anderswelt. Wenn ich in meiner Spiritualität neue Wege gehe, verändert sich auch der Altar. Bei Manchen laufen diese Veränderungen vielleicht geplant ab. Gezielt suchen sie nach einer schönen Statue, nach Symbolen und nach Repräsentationen, malen, formen, machen und tun. So entstand mein erster Göttinnenaltar - geplant, getan.

Im Lauf der Jahre entwickelt ein guter Altar eine Art Eigenleben. Bilder, die einmal stimmig waren, fallen aus dem Rahmen. Ohne dass es gleich bewusst wird. Dafür finden sich andere Dinge und Bilder, die dort einen Platz einnehmen. Das Bild der jungen, kämpferischen Frau mit dem wehenden Haar und dem Klumpfuß (Ja, sie hatte einen) war nicht mehr ich, nicht mehr mein Zugang zur Göttin, nicht mehr meine Haltung zur Welt. Und mein Altar sollte sich verändern, bevor mir das bewusst geworden war:


AltarDie Ahnenmutter
So bekam ich eine Frauenskulptur aus Ebenholz, aus dem Sudan, geschenkt. Sie ist eine hohe Gestalt, nackt bis auf einen gewickelten Rock, und trägt einen runden, bauchigen Krug auf dem Kopf. In der Hand hat sie einen Rührlöffel. Ich stellte sie auf meinen Altar und fragte mich, ob dies jetzt das neue Bild der Göttin für mich ist. Ist das jetzt die Göttin? Eine Frau, die sich um die Hausarbeit kümmert? Die Wasser schleppt und kocht? Ist die Rebellin jetzt gezähmt? Das gefällt mir ja eigentlich gar nicht.

Warten wir doch mal ab, was sie selbst zu sagen hat, warum sie sich auf dem Altar ihren Platz genommen hat.
Wer bist du? "Ich bin deine afrikanische Stamm-Mutter. Ich bin die Frau, von der ihr alle abstammt." Jetzt wusste ich also, weshalb sie gekommen war. Und eine Weile lang wurde mein Altar ein Altar der Urahnin. Eine längere Weile - vielleicht drei Jahre lang. Eine Zeit, in der ich mich in der äußeren Welt, der alltäglichen Welt, auf meine eigenen Füße gestellt habe. Eine Zeit, in der ich die Erkenntnis, dass sich die Rebellin auch tragen lässt und dabei mit den Fäusten die Tragenden boxt und gegen sie aufbegehrt, praktisch auch umgesetzt habe, verändert habe. Die Stamm-Mutter sagte: Macht haben bedeutet, diese Macht in den Dienst anderer zu stellen. Aber diene nicht, ohne Macht zu haben, werde zuerst mächtig und dann übernimm Verantwortung. Dann trägst du den Krug und kriegst kein krummes Rückgrat. Gerade für Frauen ist das eine wichtige Lehre, finde ich. Weil sie zuerst lernen, sich für andere aufzuopfern, aber selten aktiv nach Macht streben.

Schön und gut. Ich stimme dir da völlig zu, Urahnin. Aber wie bekomm ich diese Macht? Ich stelle mich auf meine eigenen Füße, ich übernehme Verantwortung, und ich bin ja doch noch die Rebellin, die mehr mit den Fäusten trommeln kann, als stolz Krüge in der Gegend herumzutragen.

Was ich noch nicht wusste, war, dass sich eine neue Göttin für meinen Altar melden wird. Ganz ungeplant. Es begann mit einer Email aus England.

Der Brief von den Inseln
Schon wieder eine Email mit dem Vorschlag, einen Linktausch zu machen. Oh je, auch noch etwas kommerzielles. Irgendeine Bastlerin, die ihre selbstgemachten Sachen bekannt machen möchte. Das bekommt man ja alle naselang, wenn man eine Seite macht, die bei bestimmten Suchwörtern von den Suchmaschinen geliebt wird, egal, ob die Leute deutsch sprechen und den Inhalt der eigenen Seite verstehen können, oder nicht.

Da ich gerade nichts zu tun hatte, sah ich mir die Webseite mal an, die ich freundlicherweise verlinken könnte. Es war die Seite einer britischen Kunstkeramikerin, die Keramikskulpturen macht.

Als ich ihre Göttinnenskulpturen sah, da beschlich mich schon so ein Gefühl. Ich besuchte die Seite ein paar Tage hintereinander, um mich davon zu überzeugen, dass ich mir das vielleicht nur eingebildet habe, aber das Gefühl wurde immer stärker statt schwächer. Das Gefühl, dass dort eine Künstlerin die Göttin dargestellt hat, die diese Macht verkörpert, die Göttin, die ich auf meinen Altar stellen will. Neben die Ahnenmutter. Und dann war das ganz klar.


Die ägyptische Nil-Göttin
Das Original wurde ca. 4000 Jahre vor unserer Zeitrechnung in Ägypten gemacht - viel mehr ist schwer herauszufinden. Heute ist "die Vogelfrau mit den erhobenen Armen" wahrscheinlich zum Bild DER Göttin per se geworden und wird tausendfach reproduziert. (Genauso wie für viele Leute der Mann vom "Gundestrup-Kessel" das heute vielleicht populärste Bild des gehörnten Gottes geworden ist).

Und da war sie also, oder besser - war noch nicht - die schönste Nilgöttin, die ich je gesehen hatte.

Diejenige, die auf meinem Altar Platz nahm, war noch nicht gemacht. Ich tauschte ein paar Emails mit der Künstlerin aus, und drei Monde später war sie entstanden. Sie wurde in Unmengen Papier und Kartonstücke gepackt und auf die Reise nach Berlin geschickt. Und da war sie nun, die englische Altargöttin. Jetzt fühlt sich der Altar rund an - richtig "ganz" - und jetzt scheint die Macht auch bildlich anwesend zu sein, die der Ursprung der Ahnin ist. Zunächst war es sehr ungewohnt, wieder ein Bild der Göttin auf dem Altar zu haben - und noch dazu eine so weibliche, starke Göttin. Aber wir wachsen zusammen. Und damit sind wir schon beim Thema dieser Geschichte: Göttinnenspiritualität und Kunst.


noch ein AltarFormen und Bilder
Kunst ist für mich eine sehr starke Möglichkeit, mich mit bestimmten Göttinnen oder mit der Göttin als eher abstrakte, grundlegende Göttin zu verbinden. Manche lesen gern und machen sich so ein Bild davon, was für sie die Göttin ist. Andere invozieren sie, gehen in Trance und treffen sie dort, und wieder andere, so wie ich, setzen quasi intuitive Spiritualität in Kunst und Bildern um, um dann an den Bildern zu sehen, was für mich eigentlich die Göttin ist.

Es läuft dann so, dass ich nicht erst überlege, wie ich die Göttin sehe und wie demnach ihr Bild auszusehen hat, sondern ich sehe erst das Bild oder hole dieses Bild aus mir heraus, und erkenne daran, wie ich die Göttin sehe.

Einen Altar zu machen, und zu sehen, wie er sich über Jahre und Jahrzehnte verändert, ist sehr faszinierend. Ich kann daran sehen, welche Aspekte und Themen nicht nur in meiner Religion, sondern auch in meiner Alltagswelt von Bedeutung sind, und entsprechend verändert sich auch mein Bild von mir selbst und der Göttin, oder soll ich sagen, dass ich dann jeweils andere Aspekte von ihr sehe?

Altäre sind auch Kunstwerke, spirituelle Collagen. Und für spirituelle Kunst ist Inspiration essentiell. Inspiration heißt wörtlich: Ein-Geisterung. Es bedeutet, dass frau sich von Zu-Fällen, von Eingaben und vom Hörensagen leiten lässt, und auf die innere Stimme hört. In manchen Fällen ist dieser Prozess so stark inspiriert, dass wir das Gefühl haben, dass Farben, Formen, Gegenstände ein Eigenleben entwickeln. "Das wollte unbedingt auf meinen Altar" oder "Sie hat mich gefunden" sind Sätze, die ich nicht grade selten höre. Und genau das ist gemeint mit inspirierter Altarkunst.

Wenn ihr einen Zugang sucht zu einer bestimmten Göttin, oder zur Göttin überhaupt, und euch das alleinige Zusammensuchen von Angelesenem zu trocken und theoretisch ist, dann kann ich nur empfehlen, ihr einen Altar zu gestalten und ein Bild von ihr anzufertigen oder zu suchen. Nicht irgendein Bild. Nicht irgendeinen Altar. Euren ganz eigenen Altar. Ich kann nicht sagen, was auf einen Altar gehört - genauso wenig wie ich sagen könnte, was auf ein Bild gehört.

Welche sucht, die findet. Wenn euch etwas findet, was euch prinzipiell nicht gleich passend erscheint, was aber dennoch auf eurem Altar Platz nehmen will - wie die afrikanische Frauenstatue in meinem Fall - lehnt es nicht von vornherein ab. Oder wenn euch etwas ideell notwendig auf dem Altar erscheint, es aber nicht von selbst "kommen will", dann geht nicht mit Gewalt los und schnappt euch das Erstbeste, was eure theoretischen Ansichten bestätigt.

Vielleicht zeigen sich dann ganz neue Gesichter der Göttin und genau die, die euch am besten entsprechen.


Distelfliege


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