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Die Wissenschaft...
Warum "Venus"?
Die Statuetten der Steinzeit wurden "Venus" genannt, weil ein bestimmter Marquis
Paul de Vibraye 1864 eine ausgegrabene Mammutzahn-Statuette ironisch "unkeusche
Venus" benannte, inspiriert von klassischen "keuschen" Venus-Darstellungen,
wo die Göttin ihre Brüste und ihren Venushügel mit den Händen bedeckt. Andere
Ausgräber griffen diese Bezeichnung dann auf.
Interpretationen
Im 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert wurden die Venus-Statuetten
als "Muttergöttinnen" interpretiert. Dabei vermischten sich zwei Auffassungen:
Daß die ersten Menschen primitiv waren, und man aus zeitgenössischen primitiven
Gesellschaften auf die frühesten Kulturen der Menschheit Rückschlüsse ziehen
konnte, und daß der Mensch sich vom Primitiven immer höher entwickelt. Vorstellungen
davon, was "primitiv" ist, flossen in die Interpretationen mit ein: als Primitiv
galten Mutterkult, Fruchtbarkeitssymbolik und Naturreligion. (Anmerkung: Heute
wird genau diese Interpretation von Neuheiden gern genommen und positiv gewertet,
obwohl sie im 19. Jahrhundert durchaus nicht positiv gemeint war.)
Vorsichtiger könnte man sagen, ohne Rückschlüsse auf die Religion
der frühen Menschen zu wagen: Die Figurinen waren einfach idealisierte
Frauendarstellungen. Die Theorie vom Schönheitsideal könnte man
das nennen. (Quelle)
Waelcesig schrieb: Die Forschung ist sich durchaus nicht
einig über die Bedeutung dieser und anderer steinzeitlichen "Venuse".
Man diskutiert eben genau darüber: Ob es sich um Fruchtbarkeitssymbole
oder um ein Schönheitsideal handelt. (zur 1. These: Colman, Eric:
Obesity in the Palaeolithic Era? The Venus of Willendorf. Zur
2ten: Anderson/Crawford/Nadeau/u.a. Was the Duchess of Windsor
right? A cross-cultural review of the socioecology of ideals
of female body shape.)
Im Netz habe ich einen kurzen Ausschnitt aus dem Artikel Colmans
gefunden: (Quelle)
- Die Wahrscheinlichkeit, daß Menschen die Körperfülle der Venus
von Willendorf erreichten, war klein: In der Zeit der Venus-Statuen
war Unterernährung ein verbreitetes Gesundheitsproblem, darauf
deutet die Erforschung der damals zur Verfügung stehenden Nahrungspalette
hin. Zudem waren die Menschen Nomaden und bereisten weite Strecken,
ihre Lebenserwartung betrug selten mehr als 35 Jahre.
- Körperfülle war demnach erstrebenswert. Körperfülle war es
wert, in Form von Kultstatuetten rituell verehrt zu werden.
- Scheinbar unterlagen Frauen damals besonders im Alter von 20-30
Jahren einem erhöhten Sterberisiko. Dieses ist wahrscheinlich
mit Schwangerschaften und Geburten zu erklären, und die Venus-Statuetten
könnten Talismane gegen diese Risiken gewesen sein.
Noch neuere Theorien besagen einfach, daß die Figurinen Kommunikationsmittel
zwischen den sehr weit verstreuten Menschen in Europa waren. (Vor
meinem inneren Auge steigt das "Ich war auch hier" Gekritzel an
besonderen Orten auf). Diese Theorie ist zwar recht dürr, lehnt
sich nicht weit aus dem Fenster, erlaubt aber das "Draufsatteln" fast
jeder ausgefeilteren Theorie, falls durch neue Ausgrabungen sich
neue Erkenntnisse ergeben.
Trotzdem wurden und werden Venus-Statuetten (und überhaupt sehr
viele figürliche Darstellungen der Altsteinzeit) immer wieder so
gedeutet, daß es einen religiösen oder magischen Zusammenhang gibt.
Wie dieser genau ausgesehen hat, ist nicht mehr zu sagen. Aber
daß es einen gegeben hat, ergibt sich aus folgenden Punkten:
- Objekte, die keine Werkzeuge waren, sind entweder einfach "Kunst
um der Kunst willen" (L'art pour l'art) oder dienten spirituellen
oder kultischen Zwecken.
- Wiederkehrende Muster und überlieferte Formgebungen, Auftauchen
von Symbolen - und eine äusserst feine, sorgfältige Bearbeitung
der Figuren
- Die dicke Bemalung der Figuren mit rotem Ocker
- Fundorte an Orten kultischer Handlungen
Jenseits von Fruchtbarkeitssymbolik:
Marie König
Ich habe ja schon geschrieben, daß zur Zeit, als die Statuetten gefunden wurden,
gerne alles, was mit Steinzeit zu tun hatte, als primitive Fruchtbarkeitssymbolik
gedeutet worden ist. Ein Argument war z.b. (das ich jetzt leider nicht zur
Quelle zurückverfolgen kann) daß die Menschen damals sicher noch gar nicht
wussten, daß Männer bei der Zeugung auch beteiligt sind, und daher die Frauen
hochheilige Fruchtbarkeits-Gebärmaschinen waren.
Man mag ja von Marie König halten, was man möchte. Und was in
ihrem Buch "Am Anfang der Kultur" auch grassiert, ist die These,
daß man Symbole über Jahrtausende, von der Steinzeit zum Mittelalter,
nachverfolgen könnte, und damit antike schriftliche Überlieferungen über
deren Bedeutungsgehalt als "schon in der Steinzeit vorhanden" annehmen
dürfte. Dazu denke ich, das darf man so nicht, weil Symbole ihre
Bedeutung auch ins Gegenteil verkehren könnten.
Was trotzdem an Marie König interessant ist, ist daß sie die steinzeitlichen
Symbole nicht sämtlich als Fruchtbarkeits- und Jagdzauber interpretiert
hat, sondern als Ausdruck eines Weltmodells. Sie hat angenommen,
daß die Menschen damals schon eine Kosmologie hatten, und daß ihre
Artefakte und Kultstätten Rückschlüsse darauf zulassen, wie sie
sich in Zeit und Raum orientierten.
Anhand von Funden, wie angeordnete runde Steine, Schalendarstellungen,
oder zwei zusammenpassenden Halbkugeln stellt Marie König die These
auf, daß die Menschen sich das All/den Himmel schon damals als
Kugel vorgestellt haben. Die Erde war die untere Schale, und der
Himmel die obere Schale.
Als zweites hat sie in Ritzzeichnungen, bei Punkt-Bohrungen und
Schalen eine Dreiersymbolik gefunden, die immer wiederkehrt. Für
Marie König ist die Dreiersymbolik lunar, d.h. mit dem Mond in
Verbindung, und sie deutet das so, daß der Mond als lebensspendendes
Prinzip angesehen worden ist.
In der Venusfigur verbinden sich dann die runde, kugelige Form
des Kosmos mit der Dreiecksymbolik (Schoßdreieck) und auch das
Netz kommt vor (Haare/Mütze) und sie interpretiert die Haltung
der Arme so, daß dadurch ein Rechteck entsteht zwischen Ober- und
Unterarmen. Das Netz und die Vierersymbolik stehen dabei für vier
Richtungen oder die kosmische Ordnung. Womit wir wieder bei der
Theorie wären, daß die Venus-Figurinen Darstellungen der Welt selbst
seien, in welcher sich die frühen Menschen eingebettet fühlten.
... und die Neuheiden
Die Venus von Willendorf ist heute vor allem Projektionsfläche
- für Anhängerinnen weiblicher Spiritualität, die in ihr den Beweis
für eine alte Göttinreligion sehen wollen, für ErdheilerInnen,
die in ihr einen Beweis für die Verehrung von Mutter Erde sehen
wollen... Für Wiccas, die in ihr eine Darstellung der Großen Göttin
sehen, und in einer Höhlenmalerei (Zauberer aus der Höhle von "Trois
Fréres") den Gehörnten...
Z.b. wurde Marie Königs Arbeit begeistert von Matriarchats-Anhängerinnen
aufgegriffen, während Marie König selbst damit unglücklich war,
daß ihre Theorien dafür instrumentalisiert worden sind.
Einigermassen vernünftige Menschen werden auch heute, trotz allen
Wunschdenkens, nicht hergehen und sich anmaßen, die wahre Bedeutung
der Venus-Figurinen zu wissen. Vielleicht werden sie der Versuchung
erliegen, kursierende Theorien, die ihnen in den Kram passen, nur
zu gerne anzunehmen, um ihrem heutigen Gebrauch von Venusfiguren
einen Hauch Authentizität zu verleihen oder die uralte Kraft uralter
Zeiten. So lange sie sich damit besser fühlen und niemanden davon
krampfhaft überzeugen müssen, ist das auch eine ganz wirksame magische
Aufladetechnik. Es weht eine/n dann die Kraft der Jahrtausende
an... (Chaosmagische Betrachtungsweise lässt grüssen...)
Ich glaube, ich kann es mir aber anmaßen, die heutige Verwendung
der Statuetten zu beschreiben, da ich deren Reproduktionen in der
heutigen Kunst und der Heidenszene des öfteren gesehen habe und
selbst eine solche Reproduktion besitze und verwende:
Die Venus von Willendorf wird heute meist benutzt als Symbol der
Ur-Göttin oder der Heiligkeit des weiblichen Körpers. Sie ziert
Altäre als Repräsentantin der kosmischen Göttin, die alle anderen
Aspekte in sich enthält. Sie baumelt als Anhänger um die Hälse
von Menschen, die sich damit an die urwüchsige Schönheit und Kraft
weiblicher Körper erinnern, jenseits von heutigen, gezähmten und
abgemagerten Kindfrau-Idealen.
"Aus Mc Claudianischer Sicht symbolisiert wie oben behauptet
die olle Dicke das Universum. Die Brüste sind Sonne und Mond, der
Nabel ist die Welt, die Vulva die Unterwelt mit Wiedergeburtsmodus,
und das Punkgesicht symbolisiert den Sternenhimmel." (Mc Claudia,
in der Forendiskussion - Link s.u.)
Es ist vielleicht eine äusserst enttäuschende Schlußfolgerung
für diskussionsfreudige Menschen und Menschen mit einem wissenschaftlich-archäologischen
Anspruch, aber zu einer anderen komme ich nicht: Es geht schlicht
und einfach um einen persönlichen Zugang zum Heiligen, und die
persönliche Entscheidung, diese Figur aus der Altsteinzeit als
schön, heilig und wichtig für sich selber ansehen zu wollen.
Quellen/Links
Bücher
Rachel Pollack: Im Körper der Göttin, Weibliche Weisheit in Mythos, Landschaft
und Gesellschaft, Sphinx/Hugendubel Ausg. 1999
Marie E.P. König: Am Anfang der Kultur, Die Zeichensprache des frühen Menschen,
Gebrüder Mann Verlag Berlin 1973.
Es gibt übrigens eine gekürzte Zusammenfassung des Buches online: Theologie-Vision.eu:
Am Anfang der Kultur
Links
http://www.willendorf.info/:
Webseite des Museumsverseins Willendorf mit vielen Infos
Kult
der Mutter Erde in der Altsteinzeit -
aus dem Projekt "Hypersoil" - Entwicklung
einer hypermedialen
Lern- und Arbeitsumgebung zum Themenfeld "Boden" im
(Sach-) Unterricht.
Venus of Willendorf -
Seite von Christopher L.C.E. Witcombe. und
Images of Women in Ancient
Art vom
selben Autor (beides englisch).
Altsteinzeit bei Urheberinnen.org
Die Forumsdiskussion, aus der Vieles
in diesen Artikel eingeflossen ist, befindet sich im Weibercraft-Forum:
Diskussion zum Artikel von Werner: Ist die Venus von Willendorf
ein Fruchtbarkeitssymbol?
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