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Zu alldem muss vorausgeschickt werden, dass in dem Artikel von
Werner eine sehr auffällige Abwertung dicker Menschen geschieht,
auf die sachlich zu entgegnen ich mir nicht die Mühe machen werde.
Es ist nicht einzusehen, warum noch extra erklärt werden muss,
daß auch Dicke Menschen sind und ein Recht auf Respekt ihnen gegenüber
haben.
In der Forendiskussion
zum Artikel
sagte Werner, dass die Spekulation über die Venus von Willendorf
allein dem Zweck diente, durch eine überzogene "Gegenspekulation" klar
herauszustellen, dass die bisherigen Theorien über die Bedeutung
der Venus-Statuetten eben dies sind: Spekulation, nicht die Wahrheit.
Ich würde dem entgegnen, dass - bei aller kritischen Reflektion
- die völlige "Spekulationsabstinenz" auch keine Lösung ist, denn
gerade bei schriftlosen Kulturen, von denen keiner mehr lebt und
auch nichts mündlich überliefert wurde, sind Fundobjekte oft die
einzigen Dinge, die zu uns "sprechen". Über diese Funde überhaupt
nicht mehr zu spekulieren bedeutet, sich von der Frage nach den
Symboliken, Denkweisen und der Religion prähistorischer Kulturen
völlig loszusagen. (Was sicher auch mangels Beweisbarkeit einige
ForscherInnen tun.)
Wenn man denn schon spekuliert, sollte mensch beim spekulieren
versuchen, sich möglichst frei zu machen davon, die eigene, heutige
Perspektive auf prähistorische Verhältnisse zu übertragen. Das
kann nie ganz gelingen, das ist schon klar. Genau wegen diesem
Merkmal - eben dem Übertragen heutiger Bedeutungen und Verhältnisse
auf die Steinzeit - präsentiert Werner in seinen Artikeln in etwa
die schlimmstmöglichen Spekulationsfehler, die einem bei der Beschäftigung
mit Objekten wie der Venus von Willendorf unterlaufen können.
Versuchen wir also lieber, ein paar andere Spekulationen zu betreiben,
einen Gedankenaustausch, was die Figurinen bedeutet haben könnten.
Einen Gedankenaustausch, der ohne die Herabsetzung von Dicken auskommt,
und ohne esoterisch-paranoide Äonentheorien. ("Die fettleibigen
Frauenstatuen der Vergangenheit sind eine Warnung für uns dekadente
Westler, das Ende ist nah, das Ende ist nah!!")
Die Fakten
Die Venus von Willendorf entstand in der Altsteinzeit, und davon
in der jungen Altsteinzeit (40.000 - 10.000 v.Chr.) und zwar um
25.000 v. Chr. Die ältesten in Europa bisher entdeckten figürlichen
Darstellungen sind etwa 5000 Jahre älter als die Venus von Willendorf.
Der Sandstein, aus dem die Statuette mit Steinwerkzeugen geschnitzt wurde,
kommt in der Region Willendorf nicht vor - entweder wurde die Figur importiert
oder der Sandstein.
Hier findet ihr eine Zeittafel,
bei der die Entstehungszeit der Venus von Willendorf ins "Gravettien" fällt.
(Dies ist ein Name für die archöologische Kulturstufe, nach einer zeittypischen
Fundstätte "La Gravette" in Frankreich).
Die Menschen hatten es damals mit einem kalten Eiszeitklima zu tun. Weil soviel
Wasser gefroren war, konnte man damals trockenen Fusses auf die meisten Inseln
gelangen: Europakarte.
Im Gravettien steuerte das Klima auf das glaziale Maximum der Würmeiszeit zu.
Im Aurignacien, der Kulturstufe direkt vor dem Gravettien, war die Zeit, in
der der moderne Mensch (homo sapiens sapiens) den Neandertaler (homo sapiens
neandertalensis) in Europa ablöste. Von den modernen Menschen sind dann auch
die ersten figürlichen Plastiken in Europa überliefert. Zu der Zeit, in der
die Venus-Statuen wie die Venus von Willendorf gemacht wurden, bestand zwischen
den Menschen doch so viel Kontakt und kultureller Austausch, daß ähnliche Figuren
weit über Europa verteilt bis hin nach Asien (Sibirien) gefunden wurden.
Die Venus von Willendorf wurde im August 1908 gefunden, in den
Ascheschichten in der Nähe eines großen Herdes. (Laut Ausgrabungstagebuch)
Spekulationen
Fett ist unfruchtbar?
Ich gebe zu, dass ab einem gewissen Übergewicht der Organismus
der meisten Menschen stärker belastet wird als gesund ist. Es ist
aber deshalb nicht unzulässig, die "Fat Ladies" - also die Dicken-Frauen-Idole,
trotzdem als Symbole für Schönheit und Fruchtbarkeit anzusehen.
Es ist keine Spekulation, sondern Fakt, dass die Schönheitsideale
von Menschen zu verschiedenen Zeiten und auf verschiedenen Erdteilen
sich wandeln und an vielen Orten und zu vielen Zeiten dicke Frauen
als schön galten (und noch heute gelten.) Und Schönheitsideale
an sich, als Ideal, Idol, Symbol sind meistens schwer von realen
Menschen erreichbar und würden, wenn sie erreicht würden, oft ungesund
sein. Es ist also durchaus denkbar, dass dicke Frauen in der Periode
der Venus-Idole als schön galten.
Dazu schreibt Waelceasig: "(...) die Statue entstand in
einer Zeit, in dem die Menschen ständig von Nahrungsmangel bedroht
waren. In der Steinzeit wäre unser heutiges (weibliches) Schönheitsideal
- nicht die geringsten Fettreserven zu haben - absurd. Eine Frau
nach heutigem Schönheitsideal würde in einer Periode des Nahrungsmangels
verhungern. Zudem ist ein starkes Unterhautfettgewebe ein guter
Kälteschutz." (Waelcesig)
Und Mc Claudia schreibt: "Dicke Buddha-Statuen aus China,
Sumo-Ringer in Japan und der dickliche Ganesha symbolisieren
allesamt Fruchtbarkeit und Fülle!"
Wenn man in der Venus von Willendorf eine Verkörperung von Mutter
Erde zu sehen geneigt ist, passt ihre Körperfülle durchaus zur
Fruchtbarkeit. Auch, dass sie keine Beine hat. Die Erde muss sich
nicht erden, denn sie ist selbst die Erde (logo). Und je fetter
die Erde ist, je dicker ihre Humusschicht, umso üppiger ist die
Vegetation, das Leben, die Nahrung für die Menschen.
"Mutter Erde" braucht keine Füße, da sie sich nicht bewegen
muß. Sie ruht - wie das Element Erde - auf einem Fleck, und ist
nicht wie Wind, Wasser und Feuer ein "bewegtes" Element." (Waelceasig,
s.o.)
Gottheiten und Idole müssen sich nicht auf die selbe Weise wie
Menschen fortpflanzen und sind von anatomischen Beschränkungen
nicht betroffen - einer dicken Göttin wäre Schwangerschaft und
Gebären genauso problemlos möglich, wie es in der griechischen
Mythologie möglich ist, dass Stiere, Schwäne, Wildschweine und
Hirsche mit Homo Sapiens Nachkommen zeugen, welche dann wiederum
Halbgötter sind. Sie wird aber nicht schwanger dargestellt, sondern
dick, und der Gedankengang, dass sie für Wohlstand und Fülle steht,
ist nicht weit hergeholt - wobei Wohlstand und Fülle sehr eng mit
Fruchtbarkeit in Verbindung stehen, genauso wie Wüste, Hunger und
Dürre mit Unfruchtbarkeit.
Lasst es leben, denn Gott hat's mir gegeben, mein Haar!
Die "Haarspekulation" dass langes, wallendes Haar besonders schön
und sexy ist, und dass Frauen, die kein offenes, langes Haar aufweisen,
sexuell inaktiv sind, hat Waelceasig so gekontert:
Sicher ist es in vielen Kulturen zu beobachten, dass offenes Haar für
sexuelle Freiheit steht, aber das ist nicht immer und überall so der Fall.
Besonders nicht in Kulturen, in denen die äußeren Bedingungen offenes, langes
Haar nicht zulassen. (Läuse und anderes Ungeziefer, Gefahr in bewalden Gebieten
in Zweigen hängen zu bleiben, etc.)
Die These lässt sich auch leicht mit dem Umkehrschluss entkräftigen: Alle weiblichen
Figuren (Bilder oder Plastiken) der Steinzeit, die explizit im sexuellen Kontext
dargestellt werden, müssten langes Haar haben. Dem ist aber nicht so.
Zudem gibt es steinzeitliche weibliche Idole, die die selbe Fettleibigkeit
aufweisen wie die Venus von Willendorf - aber lange Haare haben. (So z.B. die
Venus von Laussel). Hier zeigt sich für mich besonders, dass eine Deutung der "Venus
von Willendorf" - will diese Deutung nicht nur oberflächlich irgendeine These
belegen - mit kulturhistorischen und kunsthistorischen Mitteln angegangen werden
sollte, um sinnvoll zu sein.
Gekräuseltes Haar würde ohnehin nicht lang von den Schultern wallen,
sondern als "Afro" vom Kopf abstehen, und es hat laut Christopher
Whitcombes Artikel über die Venus im 19. Jahrhundert Vermutungen gegeben,
ob die Menschen des Aurignacien eher wie Afrikaner ausgesehen haben
und ihre Haare so geflochten haben. Die Anzahl der rundgeflochtenen
Zöpfe ist übrigens sieben.
In Marie Königs Buch "Am Anfang der Kultur" findet sich auch ein
interessanter Zusammenhang mit den Haaren oder der Mütze. In Kulthöhlen
aus der selben Periode fand Marie König sehr viele, und über lange
Zeiträume immer wiederholte Ritzungen. Ein immer wiederkehrendes
Muster war dabei das Netz, Ritzungen, welche schachbrettmusterartige
Netze ergaben. Sowohl die Strukturen am Kopf der Venus von Willendorf
als auch netzartige Muster auf den Köpfen und Haaren anderer Statuetten
könnten mit der Netzsymbolik in Zusammenhang stehen. Marie König
deutete die Netzstrukturen als Symbol für den Bauplan der Welt,
oder das ordnende Gefüge, das die Welt durchzieht.
Die Füße
Wie schon weiter oben angeklungen ist, braucht die Verkörperung
der Erde selbst keine Füße, weil sie sich nicht mit der Erde verbinden
muss, sondern selbst die Erde ist.
Mc Claudia hat eine weitere "Fuß-Idee": "Die fehlenden Füße
mit den spitz zulaufenden Unterschenkeln kommen bei sehr vielen
jungpaläolithischen Frauenfigürchen vor. Und haben einen ganz
simplen Zweck: Dass man sie in die Erde stecken kann! Denn so
was wie ein Podest war offenbar noch nicht erfunden oder als
unnötig erachtet."
Mc Claudia schreibt weiter, dass die Venus-Statuetten öfter hinten
vom Ruß geschwärzt waren, und das kann bedeutet haben, dass sie
am Herdfeuer in der Erde steckten. Die Venus von Willendorf war
das meines Wissens zwar nicht, sie war mit rotem Ocker eingerieben,
aber diese Theorie kann z.B. mittels experimenteller Archäologie
entstanden sein, die Dinge mit historischen Methoden nachbaut,
um zu sehen: Wie wurden sie gemacht, und was wurde mit ihnen gemacht?
Von den Füßen bis zum
Kopf: Die Venus als Dildo?
In Rachel
Pollacks (ebenfalls hochspekulativen!) Buch "Im Körper
der Göttin" findet sich noch eine Erklärung für das Fehlen der
Füße. Die Frauenfiguren sehen aus der Weite aus wie phallische
Objekte, und die Venus von Willendorf und Andere waren mit roter
Farbe/rotem Ocker bemalt gewesen, was auf eine Mens- und Blutsymbolik
hinweist. Für Pollack führte das zu dem Gedanken, dass die Figurinen
vielleicht als Ritualdildos eingesetzt wurden, und hervorstehende
Füße und Arme und Hände wären dabei gar nicht zweckdienlich gewesen.
Die Köpfe der Figurinen seien damit auch absichtlich mehr der Eichel
eines Penis nachgebildet als einem menschlichen Kopf, und daher
fehle das Gesicht.
Diese Interpretation stützt Pollack darauf, dass es Funde von
Venus-Statuetten gibt, die tatsächlich eindeutig phallische Köpfe
hatten. Auf dieser Seite: http://www.hominides.com/html/art/venus_art_mobilier.html wird eine "Venus von Weinberg" genannt, die aus einem Phallus mit
einem ausladenden Gesäß besteht, leider ohne Foto. Von oben betrachtet,
könne man sogar den Ausgang des Harnleiters auf der Eichel erkennen.
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