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Nun wird es sicher nicht einfach sein, aus so weit zurück
liegenden Zeiten nachzuempfinden, was die Menschen damals mit solchen
Darstellungen meinten. Immerhin stammt diese „Venus“ aus
der Zeit, die ca. 25.000 bis 26.000Jahre zurückliegt.
Wenn wir uns jedoch diese Statuette ansehen, dann fallen einige
besondere Merkmale ins Auge.
- Das auffallendste Merkmal ist sicherlich, dass diese
Frau ungewöhnlich
dick ist.
- Ferner ist ihr Genitalbereich deutlich erkennbar.
- Weiterhin hat die Venus von Willendorf kein Gesicht. Ihr Kopf
ist über die Hälfte mit etwas bedeckt, das manche Forscher
als geflochtene Haare, andere als eine Art von Mütze werten.
- Die Figur hat zwar dicke Oberschenkel, die Unterschenkel sind
jedoch dünn und die Füße fehlen ganz.
- Die Arme der Figur sind nur angedeutet.
Ich will nun auf diese
Besonderheiten näher eingehen.
Die Fettleibigkeit
Obwohl die Figur nur 11 cm groß ist, hat man bei der Bearbeitung
größten Wert auf Genauigkeit der Details gelegt. Dies
gilt jedoch nur bezüglich des Rumpfes, also der Brüste
und des Bauchbereiches. Im Gegensatz dazu sind die Extremitäten
und der Kopf sehr ungenau dargestellt. Die Rundungen des der genannten
Bereiche sind tatsächlich auffallend naturgetreu. Die Falten
und Fettpolster sind so detailgetreu und naturalistisch dargestellt,
dass kein Zweifel bestehen kann, dass dies keine stilisierte Darstellung
ist. Diese Genauigkeit der Darstellung lässt die hier abgebildete
Frau als eine nicht mehr ganz junge und in extremer Weise fettleibig
Person erkennen.
Nun gibt es heute in unserer Gesellschaft, in der
mehr als reichlich Nahrung zur Verfügung steht, ganz besonders viele Menschen,
die an Fettleibigkeit leiden. Ja, es ist in extremen Fällen
eine Krankheit. In den USA ist die Zahl dieser Menschen am größten.
Die USA sind aber auch eines der besonders wohlhabenden Länder
und sicher das konsumfreudigste Land der Welt.
Wenn wir eine extrem dicke oder sogar krankhaft fettleibige Frau
betrachten, dann sehen wir in Natura genau das, was die „Venus“ von
Willendorf darstellt. Die Falten, der tiefliegende Nabel, jedes
Detail ist eine fettleibige Frau, wie sie heute in den Praxen der Ärzte
nur allzu bekannt sind.
Nun darf wohl die Frage erlaubt sein, warum man auf die absurde
Idee kommt, eine fettleibige Frau als „Venus“ oder
gar als Fruchtbarkeitsidol zu betrachten. Denn mit Fruchtbarkeit
hat eine fettleibige Frau nicht das Geringste zu tun. Ganz im Gegenteil
wird eine solche übergewichtige Frau (ebenso natürlich
auch ein Mann) zwar möglicherweise noch Interesse an Sex haben,
jedoch nicht sehr viel Möglichkeiten zur Ausführung haben.
Das Sexleben von extrem dicken Menschen ist verschwindend gering
im Vergleich zu normalgewichtigen Personen. Eine erfolgreiche Schwangerschaft
fettleibiger Menschen ist selten und wenn sie vorkommt, nicht ungefährlich.
Dass die Venus von Willendorf gar eine schwangere Frau darstellen
könnte, ist vollkommen ausgeschlossen. Brüste und Leib
einer schwangeren Frau sehen anders aus!
Die Sexualorgane
Die deutlich sichtbaren Genitalien der Statuette
werden von einigen Forschern als ein Hinweis auf die sexuelle Kraft
gedeutet und somit
sei – so wird argumentiert – diese Figur ein Symbol
der Sexualität und Fruchtbarkeit.
Diese Argumentation finde ich befremdlich. Denn was diese Figur
zeigt, das ist ein stark hervortretender Venushügel (mons
pubis) und dicke äußere Schamlippen (labia majora).
Beides ist ein Kennzeichen von Fettleibigkeit, wie sie zu den übrigen
Formen dieser Statuette passt, nicht jedoch ein Kennzeichen von
sexueller Kraft oder sexueller Aktivität. Im Bereich der Genitalien
tritt bei fettleibigen Menschen vermehrt eine Anhäufung von
Fett auf, die mehrere Zentimeter dick sein kann und zum Beispiel
bei Männern den Penis sehr klein erscheinen lassen. In Wahrheit
ist er nicht geschrumpft, sondern nur im Fettgewebe versteckt.
Bei Frauen werden die großen Schamlippen dicker und hervortretend
durch die Anreicherung von Fett speziell in diesem Bereich.
Fruchtbarkeitssymbole in jeder Form, geschnitzt in Holz, in Stein
gemeißelt, gemalt oder in Ton geformt, gibt es bei indigenen
Völkern überall auf der Welt von Männern und Frauen,
die man ohne Probleme als Fruchtbarkeitsidole erkennen kann. Diese
Abbildungen sind jedoch total anders als die „Venus“ von
Willendorf. Denn sie zeigen die Genitalien offen und nicht verschlossen.
Bei Männern zum Beispiel ein erigierter Penis oder eine gespreizte
Vulva bei Frauen, oft sogar mit genauer Abbildung von kleinen Schamlippen
und Klitoris. In der mittel- und nordeuropäischen Kulturgruppe
ist die wohl am besten bekannte Darstellung die der Sheila-na-gig,
eine keltische Muttergöttin in Kilpeck/England. Auch in der
Maori-Kultur gibt es zahlreiche Schnitzereien, die Vorfahren darstellen
und deren Genitalien deutlich als sexuell
aktiv gezeigt werden. Männer mit erigiertem Penis, Frauen
mit gespreizten Beinen, kleinen Schamlippen und Klitoris deutlich
erkennbar. Dies werten wir oft als obszön,
was jedoch in keiner Weise so gemeint ist. Vielmehr sollen diese
Darstellung die Kraft und Energie des spendenden Lebens zeigen,
was die Vorfahren als sexuell aktiv ausweist, denn sonst wären
sie ja keine Vorfahren geworden und somit sind diese Abbildungen
echte Fruchtbarkeitssymbole. Die „Venus“ von Willendorf
jedoch zeigt eine verschlossene Vulva, sie stellt ferner eine offensichtlich ältere
Frau dar (was an Brust- und Bauchform sehr deutlich erkennbar ist)
und ist zudem wegen ihrer Fettleibigkeit kaum als sexuell aktive
Frau vorstellbar. Diese Fakten weisen somit auf das Gegenteil eines
Fruchtbarkeitsidols hin.
Die Haare und das fehlende Gesicht
Interessant bei dieser „Venus“ von Willendorf ist
die Frisur oder was immer dieses Gebilde bedeuten soll. Dies als
geflochtene Haare zu betrachten, finde ich „an den Haaren
herbeigezogen“! Denn warum sollte so eine Frisur so weit
ins Gesicht reichen, dass es fast das ganze Gesicht bedeckt? Und
ferner kann man auf der Rückseite der Figur erkennen, dass
eine Haarsträhne aus diesem vermeintlichen Flechtwerk herauskommt
und über dem Rücken liegt. Auch die genaue Abgrenzung
dieser vermeintlichen Frisur lässt vielmehr dieses Gebilde
als eine Art Kappe oder Mütze erkennen und nicht als geflochtene
Haare. Die Haarsträhne, die hinten hervor kommt, weist darauf
hin, dass diese Frau zwar Haare hat, die jedoch durch die Kopfbedeckung
verdeckt werden sollen. Und selbst wenn es keine Kappe oder Mütze
wäre und die Haare in Flechten gebündelt wären,
dann hat doch auch dies eine bestimmte Bedeutung. Und zwar sehr
wahrscheinlich diese, die Haare nicht offen wallend und somit als
deutliches Kennzeichen und sexuell stimulierendes Mittel einer
erwachsenen und sexuell aktiven Frau erkennen zu lassen. Die geflochtenen
Haare sind „gebändigt“ und somit ist es fast gleichgültig,
ob das Gebilde am Kopf eine Mütze oder geflochtene Haare sind.
Wichtig ist, dass sie nicht frei wallend sexuell verführend
und nicht auf das sexuelle Interesse dieser Frau hinweisend sein
sollen.
Nun stellt sich natürlich die Frage, warum eine Frau ihre
Haare verstecken muss.
Um diese Frage zu beantworten, muss man wissen, dass den Haaren
bei vielen indigenen Völkern eine besondere Bedeutung zukommt.
Oft wird langes und wallendes Haar als Zeichen der Spiritualität
betrachtet. Außerdem haben besonders die Haare der Frau eine
nicht zu unterschätzende sexuelle Bedeutung und Wirkung. Nachdem
die Haare der Frau in aller Regel länger wachsen als die Haare
der Männer, kann man sie als sekundäres Geschlechtsmerkmal
betrachten, ähnlich wie die Brüste, die Rundungen und
die spezielle Form der Hüften, die Form der Beine (besonders
der Oberschenkel) und die höhere Stimme. Warum sollte also
ein typisches weibliches Merkmal einer sexuell aktiven Frau verdeckt
werden?
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Frauen, die ins Kloster
gehen, ihre Haare entweder abschneiden oder ebenfalls verdecken
durch einen Schleier oder Kapuze. Auch hat man Sträflingen
die Haare abrasiert als Zeichen ihrer Unfreiheit. Bei den Kelten
kam es vor, dass eine Witwe ihre Haare abschnitt um zum Ausdruck
zu bringen, dass sie für einige Zeit auf sexuelle Annäherungen
nicht reagieren würde. Haare haben also mit Sexualität,
mit Lebenskraft und spiritueller Energie etwas zu tun. Warum soll
dann eine Statue, die ein Fruchtbarkeitssymbol sein soll, ihre
Haare verstecken?
Da kann es doch nur eine Antwort geben: Weil diese dargestellte
Frau nicht (mehr) sexuell aktiv ist. Und wie oben schon gesagt,
zeigt ihre Körperform deutlich, dass es sich hier um eine ältere,
nicht mehr gebärfähige Frau handelt, bei der zusätzlich
wegen ihrer Fettleibigkeit eine Schwangerschaft und somit die Fruchtbarkeit
unwahrscheinlich ist. Dies alles weisen die Frau nicht als ein
Fruchtbarkeitssymbol aus, sondern eher als das Gegenteil.
Die Tatsache, dass diese „Venus“ kein Gesicht hat,
wird sicher damit zu tun haben, dass es sich nicht um die Nachformung
oder Darstellung eines Individuums handelt, sondern dass ein Prinzip
dargestellt werden soll. So wie auch die Menschen bei den Jagddarstellungen
der Höhlenmalerein keine Gesichter tragen, denn sie stellen
den Jäger als das Prinzip des jagenden Menschen dar, kein
Individuum, keinen bestimmten Menschen.
Das Fehlen der Füße
Alle Figuren aus dieser Epoche haben
keine Füße. Ferner
ist auffallend, dass auch die Unterschenkel sehr schwach sind und
den schweren Körper der Frau kaum mehr tragen können.
Das Fehlen der Füße und die schwach ausgeprägten
Unterschenkel können kein Zufall sein, sondern haben eine
Bedeutung und sind offensichtlich beabsichtigt in dieser Weise
dargestellt.
Die Füße dienen uns zum Gehen, zur Fortbewegung. Ohne
Füße sind wir
unbeweglich, was bei der dargestellten übertriebenen Fettleibigkeit
kein Wunder ist. Das
Fehlen der Füße unterstreicht also noch die Unbeweglichkeit
dieser Person.
Ferner sind wir mit den Füssen mit der Mutter Erde verbunden.
Wir stehen
fest mit beiden Füssen auf der Erde, wir spüren unsere
Mutter mit unseren
Füssen. Wie man eine Statue ohne Füße als die Verkörperung
der Mutter Erde
betrachten kann, das ist mir unverständlich! Denn es zeigt
genau das
Gegenteil: Das Fehlen der Verbindung zur Erde, zum Erdhaften, Ursprünglichen.
Und somit ist auch das Ur-Weibliche nicht zum Ausdruck gebracht,
wenn man
nicht einmal mit der Erde in Verbindung sein kann.
Ende Teil I
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