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Schon im ersten Satz habe ich einen Begriff benutzt, der eigentlich
verboten gehört und zwar mit voller Absicht: „Sexualität
der Menschheit“. Ich habe genau diese Formulierung gewählt,
da die Sexualität von Mann und Frau einfach oft zusammengelegt
wird, was aus meiner Sicht vollkommen unmöglich ist.
Was ist
denn eigentlich die weibliche Sexualität?
Um mal
ein paar Begriffe in den Raum zu werfen, auf die ich näher
eingehen möchte: G-Punkt, vaginaler und multipler Orgasmus,
Stellungen, Befriedigung, Sex, Vibratoren und Klitoris.
Historisch gesehen gibt es eine „menschliche Sexualität“ und
das war die männliche Sexualität. Die Frauen mussten
sich den Männern anpassen – haben dieses auch ohne Überlegungen
gemacht, denn es wurde ihnen ja nichts anderes gesagt. Nie hat
man früher vom Orgasmus der Frau gehört – wozu
soll das denn gut sein? Sex war für Männer.
In der Mitte des letzten Jahrhunderts begannen immer mehr Frauenstimmen
laut zu werden „Moment mal, was ist denn für uns drin?“ Und
genau diese Frage wurde oft versucht zu beantworten. Von Männern,
Gynäkologen, Psychologen, Doktoren – Halbgötter
in weiß. Von Frauen, im Patriarchat groß geworden, Töchter
ihrer Väter (nicht etwa ihrer Mütter), Angestellte des
Vorsitzenden, Schülerinnen ihrer Lehrer. Dann fragt man sich,
wer genau denn die Rufe von damals beantwortet hat, die Rufe nach
der neuen weiblichen Sexualität. Immer war es die Geschichte,
die geantwortet hat. Der Ruf nach etwas Neuem kam erst ein wenig
später und genau dann kam auch die Ratlosigkeit: wohin sollen
wir uns denn orientieren? Wer sind wir und was ist unsere Sexualität?
Natürlich hat man sich zuerst an der Sexualität des Mannes
orientiert – denn die war ja schon lange definiert – wenn
auch oftmals selbst männerfeindlich.
Und was prägt die Sexualität
des angeblichen Mannes?
Des Mannes, wie er dargestellt wird, wie er sein muss, wie er sein
soll? Erektion, Abreagieren, Orgasmus fast auf Knopfdruck, „Eindringen“ im
buchstäblichen Sinne – nicht etwa klopfen und um Einlass
bitten. Das war das Bild des Mannes – im Groben. Mit dem
Ruf nach der weiblichen Sexualität kam auch eine Frage der
Männer: „Und was ist unsere Sexualität?“
Wenn sich da nun die neue weibliche Sexualität an der alten
Sexualität des Mannes orientiert, was kann denn dabei rauskommen?
Klar, die Frau muss ebenfalls jederzeit bereit sein, auf Knopfdruck
orgasmen – und es wurden viele Knöpfe erfunden. Sowohl
von Männern als auch auf Frauen, die sich sehnlichst wünschten,
dass sie doch nur ein bißchen gleicher wären. Eindringen
sollte jetzt auch die Frau – neue Stellungen, die Frau darf
ruhig die Führung übernehmen, sie sollte wild sein, ihr
Recht auf einen Orgasmus fordern – genau wie die Männer
es früher auch getan haben. Sie sollte frech sein, teilweise
sogar schmutzig, dominant und doch sollte die frühere Ängstlichkeit
und Passivität nicht verloren gehen.
Und heute?
Der G-Punkt
ist im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde. „Such deinen G-Punkt, dann findest du das Paradies“.
Findet man ihn nicht, muss man ebend weiter suchen. Findet man
ihn dann immer noch nicht, ist man wohl krank. Eine Maschine ohne
Knopf ist kaputt. Die Klitoris ist ein anderer Knopf – ist
sie doch mit eigentlich viel mehr Nervenenden versehen als die
männliche Eichel. Die Klitoris ist also noch sensibler, in
der Theorie müsste die Frau also schneller zum Orgasmus kommen
als der Mann. Vaginaler Orgasmus – ausgelöst durch den
G-Punkt, den zu finden es ja jeder Frau Ziel sein sollte, um eine
selbstbestimmte, befriedigende Sexualität zu haben. Erogene
Zonen – alles Druckpunkte die, je mehr man von ihnen drückt,
schneller zum Orgasmus führen, multiple Orgasmen – zehn
auf einen Streich sagte das Schneiderlein.
Die weibliche Sexualität ist noch lange nicht am Ende ihrer
Entdeckungsreise, genauso wenig wie die Männliche. Beide müssen
sich neu entdecken, neu überdenken, neu definieren. Und zwar
zusammen.
Lust für eine Frau ist nicht nur Orgasmen haben, so viele
wie möglich an einem Tag. Weibliche und männliche Lust
können so vielfältig sein. Nackt im See schwimmen, in
romantischen Gedanken versinken, sich selbst anfassen, zuschauen
und lernen, führen und sich führen lassen und Augenkontakt – es
gibt so viel was lustvoll ist. Es ist Zeit unsere Sexualität
neu zu überdenken und die Arbeit fortzusetzen, die unsere
Vorgänger/innen angefangen haben. Wenn wir eine gemeinsame
Sexualität haben wollen, dann müssen wir viel mehr mit
einbeziehen als nur Sex, der für die Frau nicht viel mehr
als ein Vorspiel sein kann oder aber auch der Hauptgang. Wenn wir
unsere Sexualität neu definieren wollen müssen wir so
viel mehr mit einbeziehen und allem voran uns fragen, was denn
für uns lustvoll ist. Und vor allem müssen wir uns fragen – Männer
und Frauen zusammen – wie viel Platz wir einander lassen
wollen, um unsere Sexualität selbstzubestimmen und zu leben
und vor allem aber miteinander zu teilen.
Literarhinweis
Shere Hite ist ein Muss für jede (und jeden), der auf der
Suche nach einer neudefinierten Sexualität ist. Nicht nur
Frauen finden hier Antworten und ein erleichtertes Aufatmen, sondern
auch Männer dürfen sich einige Ansätze von Shere
Hite suchen. Sie ist die Erste, die zum Thema weibliche Sexualität
in eine realistische Richtung geforscht hat und zwar nicht mit
der guten alten Ankreuz-Methode sondern mit vollständigen
Antworten im Fragebogenstil. Diese Ankreuz-Methode setzt nämlich
voraus, dass man schon Ahnung auf dem Gebiet hat und genau das
- weiß Shere Hite – haben wir auch heute noch kaum.
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