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Die Große Mutter   Teil I
Was war am Anfang? Wer oder Was ist die große Göttin, gibt es eine Ur-Form von Mutter? Wie ist unser Göttinnenbildnis entstanden?

„O Natur, du Mutter von allem! Allwirkende Göttin
Reich an Künsten, und altgeborenen, und immerschaffend!
Allbezwingerin, Unbezwungene, leuchtend und leitend
Allbeherrscherin, Allgepriesene, Erste von allem!
Unvergängliche, Erstgeborene, blühend und uralt,
Unaufhaltbar im Laufe, führst die Sterne der Nächte;
Wandelst geräuschlos dahin auf der leichten Spitze der Fersen!
Heiliger Schmuck der Götter, du endloses Ende von allem;
Allen Wesen gemein, und unmittelbar alleine!
Selbergeborene, Vaterlose, ewige Urkraft,
Blütenerziehend, leibverflechtend, alles vermischend,
Anfang und Vollendung, das leben erteilend und Nahrung
allgenügsam, gerecht, und der Grazien liebliche Mutter,
herrschend im Himmel und auf der Erde, und herrschend im Meere!
Strenge und bitter den Bösen, Gehorchenden gnädig und lieblich!
Du Allweise und Gabenreiche, herrschende Göttin;
Vater bist du und Mutter von allem und Amme von allem!
Schnelle Gebärerin, samenreich und zeiterfüllend;
Künstenreiche, Gestaltenbildende, immer im Schaffen;
Ewige Immerbewegte, an Kräften reich, und an Klugheit;
Schnell ihre Schritte wälzend in unaufhörlichen Kreisen;
Rundvollendete, immerströmend, Gestalten verwandelnd;
Herrlichthronende, die allein vollführt ihren Willen
Allezeit; über die Herrscher erhaben, mächtig und donnernd,
Unerschütterlich, festgegründet, flammenausatmend,
Allebezwingend, ewiges Leben, unsterbliche Weisheit!
Alles ist dein. Denn du allein bist die Schöpferin Alles
Darum, o Göttin ! Fleh´ ich dich an, dass du bringst mit den Zeiten
Frieden und Gesundheit, und allen Dingen das Wachstum“
(Orphische Hymne)


Was war am Anfang?
Wer oder Was ist die große Göttin, gibt es eine Ur-Form von Mutter?
Wie ist unser Göttinnenbildnis entstanden?
Im Urbeginn, in jener Zeit, die keine Zeit war, gab es nichts außer dem Schoß. Und der Schoß war ein grenzenloser, dunkler Kessel, in dem alle Dinge als Möglichkeit enthalten waren: eine chaotische Blutsuppe aus Materie und Energie, flüssig wie Wasser, und dennoch schlammig fest und von Mineralien der Erde durchsetzt; glühendrot wie Feuer und dennoch voller heftiger Bewegung, von Stürmen aufgewühlt. Der Schoß war die Mutter, noch bevor Sie Gestalt annahm und allem seine Gestalt verlieh.
Sie war die Tiefe - in der Sprache der Bibel theom. Sie war die babylonische Tiamat, die ägyptische Temu, die griechische Themis. In dieser Zeit, die keine Zeit war, teilte Sie die Elemente im Kessel ihres Schoßes in die zwei sphärischen Reiche der Unendlichkeit. Durch Ihr magisches Om, das Stöhnen und Grunzen kosmischen Gebärens, ließ Sie die strahlenden Lichter und Lüfte im Himmelsrund erscheinen und gab den dunklen Wassern, den Salzen und festen Stoffen der Erde Kontinente, Flüsse, Berge und Meere. Im Licht der Sonne erschuf Sie den Tag, und im Schatten der Erde erzeugte Sie die Nacht.
An der Grenze zwischen den beiden Sphären der Unendlichkeit entstanden aus dem Blut Ihres Schoßes die Lebewesen. Jedem dieser Lebewesen verlieh die Mutter eine zeitweilige Form, die eines Tages wieder in den unendlichen Gerinnungstopf der Möglichkeiten zerfallen würde, in dem Stoffe und Energien ohne Unterlass ausgetauscht werden und neu verbunden werden. Sie machte die Welt zu einem Abbild dieses Gebärmutterkessels, und deshalb erhalten sich alle Lebensformen, indem sie aufnehmen, abgeben und andere Lebensformen in sich integrieren. Jeder dieser Formen verlieh Sie ihr eigenes Sein, indem Sie ihren Namen in Ihrer Ursprache äußerte und damit die Wortmagie der Schöpfung ausdrückte.

Der Terminus Große Mutter als Teilaspekt des Großen Weiblichen ist eine spätere abstrahierende Zusammenfassung, die bereits ein entwickeltes spekulatives Bewusstsein voraussetzt. So erscheint die Bezeichnung des Großen Weiblichen als Magna Mater erst relativ spät in der Geschichte der Menschheit. Ihre Verehrung aber und ihre Darstellung läuft diesem Terminus um Jahrzehntausende voraus. Aber sogar bei dieser relativ späten Bezeichnung ist es deutlich, dass die Zusammenstellung der Worte Mutter und Groß nicht eine solche von Begriffen, sondern von emotional gefärbten Symbolen ist. Mutter weist hier nicht nur auf ein Abstammungsverhältnis, sondern auch auf eine komplexe psychische Situation des Ich, und in gleicher Weise drückt der Terminus Groß den Überlegenheitscharakter aus, den die archetypische Gestalt allem Menschlichen und sogar allem Kreatürlichem gegenüber besitzt. Wenn in Ägypten die Göttin Toeris die Große heißt, ist deswegen der symbolische Ausdruck für die unpersönliche Anonymität des Archetyps, analog zu der goetheschen Pluralbildung die Mütter.
Bevor sich innerhalb der Menschheit die Phänomene zu der menschlichen Gestalt der großen Mutter zusammenschließen, finden wir eine Fülle spontan auftauchender Symbole, die zu ihrem noch unausgeformten und gestaltlosen Bild gehören. Diese Symbole - hauptsächlich Natursymbole aus allen Naturreichen - sind gewissermaßen signiert mit dem Bild des Großen Mütterlichen, das in ihnen lebt und mit ihnen identisch ist, sei es nur ein Stein oder Baum, Teich oder Berg, Frucht oder Tier. Allmählich werden sie mit der Gestalt der Großen Mutter verbunden und bilden den Symbolkreis, der die archetypische Figur umgibt und sich im Ritus und im Mythos manifestiert. Ein derartiger Kreis von Symbolbildern aber umgibt nicht eine Gestalt, sondern eine Vielheit von Figuren, die als Göttinnen und Feen, Dämoninnen und Nixen, Holden und Unholden in den Bräuchen und Riten, Mythen und Märchen innerhalb der Menschheit Manifestationsformen des einen Großen Unbekannten sind; der Großen Mutter, dem zentralen Aspekt des großen Weiblichen.
Ein wesentliches Merkmal des Ur-Archetyps besteht darin, dass er gleichzeitig positive und negative, weibliche und männliche, freundliche und fruchtbare Eigenschaften und Eigenschaftsgruppen in sich verbindet.

Die später auftauchende Trinität des Göttlichen impliziert ein langes unbewusstes Schema, welches in den Anfängen unserer Zeit gebildet worden ist. Wir versuchen diesen Prozess der Gestaltwerdung im ersten Schema zu verdeutlichen, indem wir die Entwicklung vom Oroboros über das große Weibliche zur großen Mutter und zu den weiteren Differenzierungen skizzieren.
Zum besseren Verständnis müssen wir gewisse Grundbegriffe vorausschicken. Der Oroboros, das Bild der sich in den Schwanz beißenden Kreisschlange, ist das Symbol des psychischen Anfangszustandes und der Ursprungssituation, in der das Bewusstsein und das Ich des Menschen noch klein und unterentwickelt sind. Als Symbol des gegensatzenthaltenden Ursprungs ist er das große Runde, in dem positive und negative, männliche und weibliche, bewusstseinszugehörige und bewusstseinsfeindliche und unbewusste Elemente miteinander vermischt sind. In diesem Sinne ist der Oroboros auch ein Symbol der Ungeschiedenheit des Chaos, des Unbewussten und der Totalität der Psyche, die vom Ich als Grenzerfahrung erlebt wird. Die oroborische Ganzheit, die auch als Symbol der miteinander vereinigten Ur-Eltern erscheint, aus denen sich später die Figuren desGroßen Vaters und der Großen Mutter herauslösen, ist somit das vollkommenste Beispiel des noch undifferenzierten Ur-Archetyps. Dabei sind die Übergänge fließend, denn der Grad der Vermischung der Archetypen miteinander und der Schwierigkeit, die noch fast formlosen Gestalten voneinander zu unterscheiden, nimmt in dem Maße zu, in dem wir tiefer in das kollektive Unbewusste eindringen, je älter das Symbol und je unentwickelter das Bewusstsein der Persönlichkeit ist, in deren Psyche es auftritt.

Ende Teil 1


Fledermaus


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