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Am Anfang der Legenden, als Glaube und Märchen noch als Einheit
verbunden waren, stand die weibliche Gestalt im Mittelpunkt von
Anbetung und Verehrung. Doch schon zu Beginn der reformierten frühmittelalterlichen
Religionen wurde sie als zweitrangig behandelt und in manchen Fällen
sogar dämonisiert.
Wo auch immer sich die frühen Menschen niederließen und
die Priester und Priesterinnen in ihren geheiligten Anlagen ihren
Dienst an den Göttern zum Wohl der Leute in ihrer Gemeinschaft
verrichteten, wurde dem Weiblichen eine dominierende Rolle zugeordnet.
Das Weibliche stand immer im Zentrum der frühen Rituale.
Wenn wir uns die Legenden rund um die Figur von König Artus
ansehen, erkennen wir nur allzu deutlich, wie die spätere Gesellschaft
die einzelnen Figuren veränderte. Sie wurden, ausgehend von
ihren frühesten Darstellungen, in ihre heutige nicht wiederzuerkennende
Form verwandelt.
Wählen wir zu Beginn eine naheliegende Figur, nämlich
Morgan le Fay. Hier haben wir ein erstklassiges Beispiel dafür,
wie ihr Wesen, ihr Charakter im Laufe der Zeit verändert wurde.
Etwas das bis zu einem gewissen Grad eigentlich mit Morgans eigener
Gabe des Gestaltwandelns nicht im Widerspruch steht.
Die Legende erzählt, dass Morgan, oder um ganz genau zu sein
Die Morgan, die Halbschwester von Artus ist, deren gemeinsame
Mutter Ygraine von Cornwall ist. Weiters wissen wir, dass Morgan
ihren Groll gegen Artus verbirgt, weil es dessen Vater Uther war,
der, durch Magie in die Gestalt von Ygraines Gatten Gorloise verwandelt,
mir ihr das Bett teilte, um Artus zu zeugen. Nach dem Tod von Gorloise
nimmt Uther Ygraine zu seiner Frau. Der Rest der Legende ist gut
bekannt. Artus wird von Merlin und Sir Ector großgezogen,
bis zu jenem Tag, an dem er das Schwert aus dem Stein zieht und
seine Regentschaft antritt.
Die Dinge sind jedoch nicht so einfach wie sie zu sein scheinen.
So hat auch Morgan eine tiefer gehende Geschichte als uns Glauben
gemacht wird, denn sie ist in der Tat eine für sich stehende
Göttin.
Wir können die Morgan bis zu einer irischen Gottheit namens
Die Morrigan zurückverfolgen. Sie wird als mächtig
und auch mildtätig dargestellt. Außerdem hat sie die
Gabe der Gestaltwandlung, was unter den weiblichen Figuren weit
verbreitet ist. Tatsächlich ist es diese Gabe, welche die Verbindung
zwischen der Morrigan und vielen weiblichen Gottheiten auf der ganzen
Welt schafft.
Da Morgan le Fay wörtlich Morgan von den Feen heißt,
wird ihre Gabe der Gestaltwandlung als besonderes Geschenk des Feenvolks
angesehen. Indem sie einen Zauber ausspricht, sieht der Betrachter
nur das, was die Feen wollen. Mit anderen Worten können die
Feen ihre wahre Gestalt verbergen, indem sie ihre Kunst nutzen,
um die gewünschte Illusion zu erschaffen. (Hast du dich nie
darüber gewundert, wie jemand dazu kommt, als „zauberhaftes
Modell“ bezeichnet zu werden? Es ist derselbe Trick mit dem
selben Ergebnis: Du siehst nur das, was du sehen sollst!)
Die Morrigan ist eine subtilere Persönlichkeit, obwohl
sie im täglichen Leben der Bronze- und Eisenzeitgesellschaft,
der sie ursprünglich angehörte, eine sehr wirkliche, lebensnahe
Rolle zu erfüllen hatte.
Sie war es, welche die Körper und/oder Seelen der toten Krieger
nach der Schlacht auflas und sie für das Reich der Ewigkeit
fertig machte. Und sie bereitete die Seelen der Tapferen auf die
Wiedergeburt vor, damit diese fortbestehen konnten und nicht in
einem Zustand des Nichts, einer Art von Übergangsstadium herumwandern
mussten. Interessant ist, dass die Morrigan sehr oft als Gruppe
arbeitet. Viele dachten, dass es neun Morrigan gibt, die in Dreieinigkeiten
oder Dreiergruppen arbeiten, um so ihre Ziele zu erreichen.
Doch es war trotzdem die Morrigan. Die Menschen des Altertum
glaubten an die Morrigan in derselben Weise wie ein Christ an die
heilige Dreifaltigkeit des einen Gottes glaubt, der als Dreiheit
funktioniert.
Wenn wir unsere Morrigan als Dreiheit betrachten, die die Seelen
der toten Krieger vom Schlachtfeld trägt und auch mit der Macht
ausgestattet ist, ihre Gestalt zu verändern, können wir
hier unsere erste Parallele ziehen. Dann können wir geradewegs
eine Linie zu den europäischen Walküren ziehen.
Auch sie waren die Hüterinnen der toten Krieger und sie waren
Gestaltwandlerinnen. Viele wissen nicht, dass sich die Walküren
in Schwäne verwandeln konnten. Wenn das Mondlicht schien badeten
sie so lange in den geweihten Teichen, solange sie kein Mensch sah
und sie dann wieder ihre ursprüngliche Form annehmen mussten.
Eine ähnliche Dreiheit von Göttinnen mit genau denselben
Aufgaben existiert auch im indischen Volksglauben. Das sollte aber
nicht allzu überraschend sein, da sich der keltische Einfluss
viele Jahrhunderte vor der christlichen Ära über ganz
Europa hinweg bis nach Indien ausgebreitet hat.
Können wir noch andere weibliche Dreiheiten finden? Oh ja!!
Sehen wir uns einmal Shakespeares großartiges Stück Macbeth
an. Es beginnt auf einer Wiese im schottischen Heideland.
Dort finden wir drei Hexen, oder um genau zu sein, die schottische
Version der Wyrd-Schwestern. Wenn wir sie beobachten, sehen wir,
dass eine von ihnen ein junges Mädchen, die andere in den mittleren
Jahren und die dritte ein altes Weib ist. Diese drei sollen die
drei Altersstadien einer Frau, von der Zeit vor der Geschlechtsreife,
über die Mutterschaft bis hin zum hohen Alter, symbolisieren.
Diese Lebensabschnitte wurden von den alten Völkern gefeiert
und über Jahrhunderte hinweg dazu benutzt, die weisen Frauen
(später: Hexen) zu zeigen.
Die Wyrd-Schwestern sind niemand anderer als die Nornen der germanischen
Mythologie, die das Schicksal und Leben jedes Menschen in der Minute
seiner Geburt voraussagten. Wir können sogar noch weiter gehen
und sie „Fates“ der griechischen und römischen
Kultur nennen, welche den Faden des Lebens jeder lebenden Person
gesponnen haben und ihn abschnitten, wenn das Schicksal es so bestimmte.
Es ist sehr einfach zu sehen, wie Gestalten wie etwa die Morrigan
dämonisiert wurden, als die frühe Kirche stärker
wurde. Es wäre undenkbar für die Kirche gewesen, dass
es mehr als eine Dreiheit geben könnte und noch dazu eine,
die aus Frauen besteht. Niemals!!
Wir können Morgan auch mit der Göttin Modron,
die später Matrona genannt wurde, vergleichen. Hier haben wir
lediglich eine Variation desselben Themas. Aber es ist zu spät
dazu. An Morgan wird man immer als die gottlose Halbschwester von
Artus denken, die der Welt Mordred, Artus uneheliches Kind, brachte,
was letzten Endes die Zerstörung der Tafelrunde zur Folge hatte.
In den Legenden um Artus wimmelt es nur so von alten weiblichen
Gottheiten, die lediglich neue Rollen in diesen Geschichten angenommen
haben.
Wir dürfen außerdem Nimue nicht vergessen, die
abhängig von der Version der Geschichte, die man liest, auch
Vivian oder Vivienne genannt wird. Sie wird als die Geliebte von
Merlin dargestellt, die ihn überlistet, um von ihm die Geheimnisse
der Magie zu erlangen, bevor sie ihn in einen magischen Turm sperrt.
In anderen Versionen sperrt sie Merlin in einen Baum oder eine Höhle.
Wir können Nimue bis zur irischen Göttin „Niamh“
zurückverfolgen, die der alten walisischen Göttin „Rhiannon“
entspricht. Nach der Legende war sie es, die magisch singende Vögel
hatte, deren Lieder auch die härtesten Herzen in Verzückung
versetzen konnten. Sie ist auch die Rhiannon der Pferde. Ihre magischen
weißen Pferde galten als die schönsten der Welt und keiner
konnte sich mit ihnen messen. In dieser Form können wir sie
mit Epona, der keltischen Pferdegöttin vergleichen.
Und natürlich sollten wir auch nicht Elain, die Herrin
der Burg von Corbenic vergessen. Ihr Name ist eine Form von „Helen“,
der in vielen frühen Legenden auftaucht. Abhängig von
den vielen Versionen der Legenden, ist sie einmal die Tochter König
Pelles, die Lancelot durch eine List dazu bringt, mit ihr zu schlafen,
weil er denkt, er würde mit Guenivere das Bett teilen. (Hmm,
kommt uns das nicht bekannt vor?) Das Ergebnis ist die Geburt von
Galahad und die Entstehung der „Gral-Dynastie“.
Ein anderes Mal ist Elaine auch die Tochter von Bernard von Estolat,
die sich in Lancelot verliebt und an ihrem Kummer stirbt, nicht
mit ihrer wahren Liebe vereint sein zu können. Das ist ihre
bekannteste Erscheinungsform, die uns auch ihr Bild als „Die
Lady von Shalott“ liefert. Diese setzt sich in einen Kahn
und treibt den Fluss hinunter nach Camelot. Langsam stirbt sie,
während die Strömung sie weiterträgt. Am Ende ihrer
Reise wird sie ehrenvoll in Artus Hauptstadt beigesetzt.
Hier ist nun ein anderer Hinweis verborgen: der Körper im Kahn,
die letzte Reise am Wasser. All das sind alte Symbole, und wir können
Elaines Reise als die Prozession einer Priesterin auf den geweihten
Flüssen oder Teichen identifizieren. Nachdem sie eine junge
Maid ist, tritt sie ihre Reise an, um ihr neues Leben als Priesterin/Wächterin
über die heiligen Quellen oder Brunnen anzunehmen. Aber stirbt
sie während der Reise? Ja natürlich, denn es ist der Tod
ihres früheren Lebens, nachdem sie zurückgelassen wird,
um ihr neues Leben zu beginnen.
Aus alldem kannst du erkennen, dass du alle möglichen Gestalten,
die schon lange in Vergessenheit geraten sind, wieder entdecken
kannst, wenn du nur danach suchst. Und mit etwas Geduld kannst du
dir das ursprüngliche Thema mit seinen Figuren und seiner Geschichte
die von Politik und Religion verwischt wurde wieder zurückerobern.
Lies einfach die Legenden und du wirst sehen, was ich meine.
Das WurzelWerk bedankt sich herzlich bei
Dr.
Rotherham für diesen Artikel!
Aus dem Englischen übersetzt von Keela.
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