|
Erzählen und Zuhören – das
Pflegen einer alten Tradition
Der Beruf des Märchenerzählers erlebt in unserem Jahrhundert
eine Renaissance, so wird in Niederösterreich sogar im Rahmen
des Projektes „Natur im Garten“ ein Märchenerzählerteam
für die Schulen gesponsert (Merlin
und Morgane).
Diese Aktion, initiiert von Hr. Landesrat Sobotka, läuft
heuer bereits das 4. Jahr und wurde nun auch von Kindergärten
auf Volksschulen ausgeweitet.
Originalzitat von Merlin aus einem Post im Forum an mich, als ich
ihm die Frage stellte, warum in seinen Augen das Erzählen
von Märchen wichtig sei:
„Märchen sind Nahrung
für die Seele. Warum selber erzählen?
Und womöglich auch selbst erfinden? Weil erstens der Kontakt
zwischen dem Erzähler und Kind intensiver wird. Weil viele "alte" Märchen
den erhobenen Zeigefinger dabei haben und weil Märchen
erfinden die eigene Kreativität anregt.“
Aber auch die Kinder selbst sind begnadete „Gschichtldrucker – Märchenerzähler“,
wenn man sie nur lässt.
Erzählen und Zuhören fördern, heißt:
- Die Sprach-, Sprech- und Lesekompetenz und den Hörhorizont
erweitern.
- Den Aufbau von nachhaltigem Wissen in allen Lebensbereichen unterstützen.
- Soziales Verhalten und kommunikative Kompetenz fördern.
- Konzentrationsfähigkeit, Fantasie und Kreativität anregen.
- Werte vermitteln und zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen.
- Gewalt vorbeugen, Unsicherheiten und Ängste verarbeiten.
- Zur Verständigung zwischen den Generationen und den Kulturen
beitragen.
Wer erzählt, gibt etwas von sich preis; wer zuhört, erfährt
etwas über andere, über die Welt, aber auch über
sich. Geschichten aus aller Welt öffnen Wege zu eigenen und
fremden Kulturen und fördern Verständnis, interkulturelle
Akzeptanz und Toleranz. Ein Zuhören, das sich am Verstehen
und der Verständigung orientiert, trägt dazu bei, dass
Kommunikation gelingt.
Besonders schön finde ich die Tradition des Sprechstabes,
die ich von meiner Freundin Jessica gelernt habe. Angeblich stammt
sie aus dem indianischen Kulturkreis, Beweise habe ich dafür
noch nicht bekommen. Der Sprechstab ist ein einfacher Stab, der
dem, der ihn in der Hand hält Redezeit gibt, das heißt,
man darf nur sprechen, wenn man den Stab in der Hand hat. Natürlich
kann man statt des Stabes auch einen Stein nehmen, der Fantasie
sind auch hier keine Grenzen gesetzt.
Zuhören
Zuhören bedeutet, aus einem inneren Schweigen heraus etwas
auf sich wirken zu lassen.
Es ist besonders wichtig, dass das Erzählen lebendig gestaltet
wird, wie durch verschiedene Tonhöhen und Tonlagen für
die einzelnen Charaktere. Ich habe auch die Erfahrung gemacht,
dass der Einsatz von Handpuppen von der eigenen Person ablenkt
und die Kinder sich damit noch mehr in das Märchen hinein
leben können.
Kindern fällt es oft sehr schwer sich bei Fantasiereisen oder
einfach Zuhören zu konzentrieren. Es hilft ihnen, wenn
man ihnen einen Fixpunkt in der Mitte anbietet.
Beruflich, aber auch privat gestalte ich den Mittelpunkt sehr
gerne auf das Thema bezogen und mit den Kindern gemeinsam. Jeder
hat seine eigene Vorstellung, wie denn dieser Mittelpunkt ideal
aussehen muss oder was besonders wichtig ist.
Hier einige Tipps von mir:
- Besonders gut eignet sich ein Sitzkreis, es ist aber auch
bequemes Lümmeln am Platz in Ordnung.
- Versucht für die Mitte ein einzelnes, zentrales Objekt zu
finden, dass zum Thema passt oder eine besonders angenehmes
Gefühl
vermittelt; bei dem Zaubermärchen “Sternenbäume“ könnte
das eine Schale mit Äpfeln oder Bilder von Apfelbäumen
sein.
- Unruhigen Kindern hilft es auch, wenn man ihnen etwas zum Spielen
in die Hand gibt – ein Lieblingsstofftier, einen Stein… Besonders
ideal ist es, wenn der Gegenstand in direktem Bezug zur
Mitte steht!
Märchenerfinder
Bei diesem Spiel geht es darum, dass die Kinder eigene Märchen
mündlich neu erfinden, es muss nichts aufgeschrieben werden,
kann aber mit dem CD-Player aufgenommen werden. Am Anfang könnte
man noch herausarbeiten, wie Märchen meistens beginnen
und enden.
Ganz geschickt finde ich den Einsatz von Bildkärtchen, auf
denen einzelne Märchenmotive (Erbsen, Schuhe, Kissen,
Spiegel,...)
aufgezeichnet sind. Diese Kärtchen werden gemischt und
verdeckt in die Mitte des Tisches aufgelegt. Es geht nun der
Sprechstab
reihum, jeder der den Stab in der Hand hat, darf ein Kärtchen
umdrehen und zum Bild etwas erzählen. Wenn das Kind fertig
ist, gibt es den Stab weiter und das nächste Kind oder
ein Familienmitglied (Oma, Opa, Papa, Mama,...) dreht ein
Kärtchen
um und spinnt die Geschichte weiter.
Bei Kindern, die bereits Erfahrung im Erzählen von Märchen
oder Geschichten haben, kann man auch etwas freier vorgehen und
nichts vorgeben! Da können oft wunderbare Märchen
und Geschichten entstehen.
Selbsterfundene Märchen werden auch im RegenBogen Platz finden – seid
gespannt!
Literaturangaben für die Märchenkapitel:
Andersen, Hans Christian, Märchen, Weinheim
Bamberger, Richard (Hrsg.), Jugendschriftenkunde, Jugend und Volk,
Wien, 1979
Bettelheim, Bruno, Kinder brauchen Märchen, dtv 1980, München
Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.), PISA 2000, Basiskompetenzen
von Schülerinnen und Schülern im internationalen
Vergleich, Opladen 2001
Dietrich, Peter, Der Zusammenhang zwischen Entwicklung und Lernen
nach Piaget, in http://chappa.piranho.de/piaget2.html , Universität
Bielefeld 1992
Eibl, Gabriele, Kokott, Simonetta, Kopiervorlagen – Märchenwerkstatt,
Oldenbourg Schulbuchverlag GmbH, München, 1999,
Grimal, Pierre (Hrsg.), Mythen der Völker 3, Fischer Taschenbuch
Verlag, 1967
Grimm, Brüder, Kinder- und Hausmärchen, Lizenzausgabe
Gondrom Verlag, Bayreuth, 1976
Hetmann, Frederik, Indianermärchen aus Mexiko, Fischer Taschenbuch
Verlag, 1981
Institut für Jugendliteratur und Leseforschung (Hrsg.), Einführung
in die Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart, Jugend & Volk,
Wien, 1992
Lüthi, Max, Märchen, J.B. Metzler Verlag
Martin, Ellen, Kinder- und Jugendliteratur in der Schule – Überlegungen
aus „literaturpädagogischer“ Perspektive,
in www.lesepaedagogik.de/pdf/kjl-im-unterricht.pdf, ausgedruckt
am 25.6.2004 um 22.30 Uhr
Martin, Ellen, Kreatives Schreiben im Deutschunterricht, in www.lesepaedagogik.de/pdf/kreatives-schreiben.pdf,
ausgedruckt am 4.7.2004 um 22.57 Uhr |