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Märchen bilden eine Brücke zu ihren ureigenen Ängsten,
Stärken und Schwächen; sie sind für die Entwicklung
der Kinder sehr wichtig, weil sie Probleme und Gefahren nicht nur
ansprechen, sondern den Kindern auch Lösungsmöglichkeiten
aufzeigen, auf die sie selbst nicht gekommen wären. Sie helfen
Kindern ihre eigenen unbewussten Ängste zu erkennen und mit
ihnen umzugehen, sie vermitteln Hoffnung und Zuversicht.
Selbst auf höheren Denkentwicklungsstufen greifen wir immer
wieder auf alte, vertraute Denk- und Verhaltensmuster zurück;
die Überschreitung der Wirklichkeit ist deshalb dem Menschen
nicht von außen aufgezwungen, sondern ist immanent in seinem
Wesen vorhanden.
Was bedeuten Märchen für Kinder?
"Kinder leben in einer Bilderwelt.
In den Märchen finden
sie Vorbilder, denen sie nacheifern können.
Der Weg führt
sie vom Ursprung durch den Konflikt zum glücklichen
Ende. Deshalb sind Märchen, besonders die
Volksmärchen mit
ihrem guten Ende, große Helfer für
die Kinder, die sich oft unverstanden und mit
ihren Ängsten allein gelassen fühlen.
Märchen geben dem Kind eine Möglichkeit,
die inneren Konflikte, die es in den verschiedenen
Phasen seiner seelischen
und geistigen Entwicklung - zum Teil unbewusst
- erlebt, intensiv zu erfassen und in der Phantasie
auszuleben und zu lösen." (Bruno
Bettelheim)
Eine ganz zentrale Aufgabe der Kinderbegleitung (Ich
mag das Wort Erziehung nicht so gerne, weil es für mich impliziert, dass
das Kind wo hin gezogen wird.) ist es, das Kind bei der Sinnfindung
in seinem Leben zu unterstützen und zu begleiten. Ein Kind
muss dazu erstmals lernen sich und seine Umwelt zu begreifen und
zu akzeptieren. Dabei können ihm Bilderbücher, aber auch
Märchen als Hilfe dienen. In den ersten Kindheitsjahren ist
das Kind einer Unmenge an unbekannten und unverständlichen
Sinneswahrnehmungen ausgesetzt. Es ist in diesem Altersabschnitt
aber noch nicht in der Lage, diese vielfältigen Wahrnehmungen
rational zu erklären und in Interaktion zu einander setzen
zu können. Chaos herrscht in der Innen- und Außenwelt
des Kindes. Da es noch keine rationalen Erklärungen zur Verfügung
hat, ist Phantasie eine gute Möglichkeit zum
Ordnen dieses Chaos.
Märchen sind dem Kind dabei eine wichtige Hilfe. Diese phantastischen
Geschichten haben mit ihren eigenen Erklärungsversuchen große Ähnlichkeit.
Sie sind einfach gestrickt und von geradliniger,
durchschaubarer Ordnung.
Wie sieht aber nun eigentlich die unmittelbare Erlebniswelt des
Kindes aus?
Kinder denken "anders“ als Erwachsene, davon aber mehr
im Abschnitt „Das magische Denken der Kinder“. Kinder
polarisieren auch sehr stark, etwas ist „voll cool“ oder „total ätzend“,
ein Mittelmaß fehlt ihnen meistens. Es fehlen ihnen noch
der Erfahrungsschatz und die Vergleichswerte für das neu Wahrgenommene.
Diese Art der Polarisierung ist ebenfalls ein Kennzeichen von Märchen.
Kinder müssen ständig mit Spannungsgefühlen fertig
werden, das gelingt ihnen besonders gut, wenn sie diese Spannungsgefühle
in phantastische Bilder übersetzen. Genau hier ist der Bezugspunkt
zum Märchen gegeben.
Märchen und Kinder sprechen die gleiche Sprache, wobei ich
nach wie vor überzeugt bin, dass auch Erwachsene die gleiche
Sprache sprechen können, wenn sie noch Bezug zu ihren inneren
Bildern haben, eine Hilfe ist dabei sicherlich in den Arbeit mit
Archetypen gegeben. Den Märchen ist es auch möglich,
Kindern Lösungsansätze für ihre Probleme zu bieten,
sie geben ihnen aber auch moralischen Halt. Märchen bilden
eine Brücke zu ihren ureigenen Ängsten, Stärken
und Schwächen; sie sind für die Entwicklung der Kinder
sehr wichtig, weil sie Probleme und Gefahren nicht nur ansprechen,
sondern den Kindern auch Lösungsmöglichkeiten aufzeigen,
auf die sie selbst nicht gekommen wären. Sie helfen Kindern
ihre eigenen unbewussten Ängste zu erkennen und mit ihnen
umzugehen, sie vermitteln Hoffnung und Zuversicht.
Das magische Denken
der Kinder
Kindliches Denken ist, wie bereits kurz erwähnt, anders als
wir es bei Erwachsenen kennen. Man sollte sich aber nicht auf das
Erforschen von Denkdefiziten beschränken, sondern die Eigenart
des Denkens betrachten und hinterfragen.
Sie nehmen ihre eigenen Bedürfnisse (z.B. Ernährung,
Aufmerksamkeit, Zuwendung) in einem überzogenen Ausmaß wahr.
Im gleichen Moment, in dem ein Bedürfnis wahrgenommen wird,
bestimmt es das Denken des Kindes völlig, das Kind ist regelrecht „besessen“ davon.
Kinder denken animistisch, d.h. sie unterscheiden nicht zwischen
belebten und unbelebten Dingen. Das dürfte ein kollektives
Urbild sein, denn alle mir bekannten Urvölker waren und sind
ebenfalls animistisch: Ein Kind nimmt sich und seine Umwelt als
Einheit wahr, d.h. es kann keine klare Trennung zwischen sich und
seiner Umwelt erkennen. So erleben die Kinder den Tisch als „böse“,
wenn sie sich daran stoßen, die Ursache liegt eben gerade
in der angesprochenen Anthropomorphisierung der Gegenstände.
Auch die magischen Vorstellungen sind ein typisches Merkmal für
kindliches Denken. Kinder sind noch nicht in der Lage, dass sie
Naturphänomene auf naturwissenschaftliche Art erklären
können, so schreiben sie die Phänomene höheren Kräften
zu, auch in der Erwachsenenwelt findet man im Aberglauben dieses
kindliche, magische Denken.
Wie kann man Ursachen und Dauer dieser Denkform erklären?
Piaget, dessen Forschungsergebnisse in neueren Untersuchungen
bestätigt
wurden, sieht die Entwicklung des Denkens beim Kind als einen stetigen
Prozess der Entwicklung von Intelligenz. Erst im Alter von 13 – 15
Jahren wird das formale, abstrakte Denken erreicht, vorher müssen
verschiedene Stadien durchlaufen werden.
Nach Piaget entsteht Intelligenz aus der prozesshaften Auseinandersetzung
zwischen Ich und Umwelt: Einerseits muss sich der einzelne an seine
Umwelt anpassen (Akkommodation), andererseits versucht er auch
die Umwelt seinen Bedürfnissen anzupassen (Assimilation).
Betrachten wir die für uns in der Grundschule relevante Phase
der Denkentwicklung etwas näher:
Präoperationale Phase: In dieser Phase, die etwa vom zweiten
bis zum achten Lebensjahr dauert, lernt das Kind seine soziale
und räumliche Umgebung, die Sprache und seine Mitmenschen
kennen, dabei muss es auch seinen eigenen Standpunkt relativieren.
Erst am Ende dieser Phase ist das Kind in der Lage, logische Denkschemata
auszubilden. Vom Beginn der Phase an muss das Kind aber mit seinen
eigenen, noch etwas beschränkten Denkkategorien die komplexe
Realität durchdringen. Es entwickelt erste Vorstellungen von
Raum, Zeit und Kausalität. In dieser Phase treten nun Formen
auf, die von Entwicklungspsychologen mit Begriffen wie Animismus,
Artifizialismus, Magie und Partizipation umschrieben werden. Animismus
und Magie wurden ja schon erklärt, daher gehe ich noch kurz
auf die anderen Begriffe ein. Unter artifizialistischen Vorstellungen
versteht man, dass alle Dinge (auch Mond und Sonne) von Menschen
gemacht wurden. Partizipation steht für das Denken, das zwischen
zwei voneinander unabhängigen Phänomenen enge Beziehungen
zu erkennen glaubt.
Nach Ansicht Piagets bleibt das Kind in dieser Phase in eine
individuelle Wahrheit eingebunden, dieser Egozentrismus verbaue
zwar den Weg
zur Objektivierung des Denkens, biete der Phantasie aber fast grenzenlose
Freiräume. In diesen Freiräumen herrsche das bildhafte,
konkrete Denken vor.
Selbst auf höheren Denkentwicklungsstufen greifen wir immer
wieder auf alte, vertraute Denk- und Verhaltensmuster zurück;
die Überschreitung der Wirklichkeit ist deshalb dem Menschen
nicht von außen aufgezwungen, sondern ist immanent in seinem
Wesen vorhanden.
Die Auswahl von Märchen
unter dem Aspekt des kindlichen Entwicklungsstandes
Auch wenn das Volksmärchen ursprünglich nicht für
Kinder gedacht war, so finden sie doch immer mehr Einzug in die
Kinderzimmer. Wenn ich die Märchensammlungen in unserem Haushalt
anschaue, so sind viele eigentlich unbrauchbar für meine Kinder,
besonders die irischen Elfenmärchen sind doch noch eine zu
schwere Kost.
Richard Bamberger () geht von drei Stufen der Entwicklung
aus, die der frühen Kindheit (1. Stufe), die der reifen Kindheit
(2. Stufe) und die der Vorpubertät (3.Stufe).
1. Stufe (etwa bis zum 7. Lebensjahr):
Hier empfiehlt sich das Lesen von Situationsmärchen ohne allzu viel Inhalt,
aber auch Kettenmärchen („Rübenziehen“) und Tiermärchen.
Die absoluten Favoriten meines jüngeren Sohnes Philip sind „Das
hässliche Entlein“ und „Die 3 kleinen Schweinchen“.
2. Stufe ( 7. – 9. Lebensjahr):
Längere Tiermärchen und schon etwas anspruchsvollere, aber noch einfache
Märchen mit dem Aspekt der Gefahr und Bewährung. Märchen wie „Rapunzel“ oder „Hans
und die Bohnenranke“ stellen auch schon größere Anforderungen
an die kindliche Phantasie und Auffassungsvermögen.
3. Stufe (zwischen 9. und 11. Lebensjahr):
Hier kann man mit den Kindern schon Märchen besprechen, die eine tiefere
Symbolik haben, die nach ihrem Sinn gedeutet werden können. Im Vordergrund
stehen hier Bewährungs- und Mutproben.
Aber man darf nie vergessen, dass die Märchen besonders nach
dem Entwicklungsstand der Kinder ausgewählt werden müssen,
denn die Stufen sind nur eine Hilfestellung, kein Muss.
Es gibt, neben den Originalausgaben, auch schon sehr schöne
bebilderte Bücher, die sich noch besser eignen, weil sie auch
das Auge ansprechen.
Brauchen Kinder Märchen?
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Brauchen Kinder Märchen? |
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Nein |
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Ja |
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Keine Ahnung |
2 (5.9%)
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Ja, aber nur zu Therapiezwecken |
0
(0%)
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Ja, aber nur selbst erzählt |
2
(5.9%)
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Stimmen insgesamt: 34 |
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