|
Der Artikel basiert auf meiner Arbeit und ist ein
kurzer Abriss der Thematik „
Märchen lesen, erzählen und schreiben – ein Projekt
auf der Grundstufe 1“.
Noch vor einigen Jahren waren Märchen aufgrund ihres "zweifelhaften
pädagogischen Inhalts" in der Arbeit mit Kindern verpönt – darauf
gingen ja auch die Gebrüder Grimm in ihrer Vorrede im
Buch „Kinder-
und Hausmärchen“ ein.
„… Wir suchen die Reinheit in der Wahrheit einer geraden, nichts
Unrechtes im Rückhalt bergenden Erzählung. Dabei haben wir jeden für
das Kinderalter nicht passenden Ausdruck in dieser neuen Auflage sorgfältig
gelöscht. Sollte man dennoch einzuwenden haben, dass Eltern eins und das
andere in Verlegenheit setzte und ihnen anstößig vorkomme, so dass
sie das Buch Kindern nicht geradezu in die Hände geben wollten, so mag für
einzelne Fälle die Sorge begründet sein, und sie können dann leicht
eine Auswahl treffen - im ganzen, das heißt für einen gesunden Zustand,
ist sie gewiss unnötig. Nichts besser kann uns verteidigen als die Natur
selber, welche diese Blumen und Blätter in solcher Farbe und Gestalt hat
wachsen lassen; wem sie nicht zuträglich sind nach besonderen Bedürfnissen,
der kann nicht fordern, dass sie deshalb anders gefärbt und geschnitten
werden sollen. Oder auch, Regen und Tau fällt als eine Wohltat für
alles herab, was auf der Erde steht; wer seine Pflanzen nicht hineinzustellen
getraut, weil sie zu empfindlich sind und Schaden nehmen könnten, sondern
sie lieber in der Stube mit abgeschrecktem Wasser begießt, wird doch nicht
verlangen, dass Regen und Tau darum ausbleiben sollen. Gedeihlich aber kann alles
werden, was natürlich ist, und danach sollen wir trachten. Übrigens
wissen wir kein gesundes und kräftiges Buch, welches das Volk erbaut hat,
wenn wir die Bibel obenanstellen, wo solche Bedenklichkeiten nicht in ungleich
größerem Maß einträten; der rechte Gebrauch aber findet
nichts Böses heraus, sondern, wie ein schönes Wort sagt, ein Zeugnis
unseres Herzens. Kinder deuten ohne Furcht in die Sterne, während
andere, nach dem Volksglauben, die Engel damit beleidigen.“
Quelle: Vorwort der Gebrüder Grimm, KHM, Kassel, am 3ten Julius
1819
Im Zeitalter von Superhelden wie Yu-Gi-Oh, Pokemon, Dragonball & Co.
haben sich die Bedenken, dass Märchen zu brutal und grausam
seien, gelegt. Heute weiß man, dass Kinder Märchen brauchen,
dass Märchen pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden können.
Ich persönlich mag keine dieser genannten Serienhelden und
versuche auch meine Kinder davon fern zu halten, das gelingt nicht
immer, aber das begeisterte Anschauen des „Sonntagsmärchen“ im
KIKA bestärkt mich, dass die Faszination von Märchen
auch schon meine Kinder ergriffen hat.
Ich möchte mit diesem Artikel Wege aufzeigen, die einen zeitgerechten
Umgang mit Märchen aufzeigen; Wege, die der Kreativität
förderlich sind.
Das Erfinden und Schreiben von Märchen ist ein sehr kreativer
Akt, darum lege ich auf diesen Punkt und Teilbereich besonders
viel Wert, denn ich finde, dass die Aktivierung der künstlerischen
Seite in jedem einzelnen von uns ein sehr wesentlicher Bereich
in der Persönlichkeitsentwicklung ist.
Der Begriff Märchen
Das Wort "Märchen" leitet sich aus dem Wort "Mär" oder "Märe" ab.
Bis ins 19. Jahrhundert verwendete man den Begriff "Märchen" in
der Bedeutung von "Nachricht", "Kunde", "kleine
Erzählung", aber auch im Sinne von "Gerücht".
Laut Definition der Literaturwissenschaft versteht man unter einem
Volksmärchen eine kürzere volksläufig-unterhaltsame
Prosaerzählung von phantastisch-wundersamen Begebenheiten
ohne zeitliche und räumliche Festlegung
Volksmärchen
Der Begriff ,,Volksmärchen" wurde von Jacob Ludwig Karl
Grimm (1785-1963) und Wilhelm Karl Grimm (1786-1859) geprägt.
Er sagt aus, dass die Märchen aus dem Volksmund stammen und
mit einer möglichst geringen Nachbearbeitung schriftlich festgehalten
wurden. Die Gebrüder Grimm sammelten im deutschen Sprachraum
Märchen, die teilweise nur mehr sehr wenigen Menschen bekannt
waren und veröffentlichten sie im Buch „Kinder- und
Hausmärchen“. Zu den bekanntesten Märchen der Sammlung
gehören ,,Frau Holle", ,,Rumpelstilzchen", ,,Brüderchen
und Schwesterchen", ,,Dornröschen" und ,,Rotkäppchen".
Im 19. Jahrhundert lebte auch der bekannte Märchensammler
Ludwig Bechstein, in seinen gesammelten Werken findet man
eine Unmenge an wunderbaren und sonderbaren Figuren. Für Bechstein
stand der pädagogische Aspekt des Kindermärchens im Vordergrund.
Zur gleichen Zeit wuchs aber auch das Interesse an Märchen
aus fremdländischen Kulturen. Am bekanntesten sind wohl die
Märchen aus „1001 Nacht“, so hat auch noch im
21. Jahrhundert Walt Disney das Potential von „Aladin
und der Wunderlampe“ als Kassenmagnet erkannt.
Kunstmärchen
Im Gegensatz zum Volksmärchen ist beim Kunstmärchen der
Dichter bekannt, es ist daher auch kein einheitlicher Stil erkennbar,
da jeder einzelne Dichter seine subjektive Art der Weltanschauung
und Idee mit einbringt. Besonders in der Romantik erfreute sich
das Kunstmärchen großer Beliebtheit. Ludwig Tieck
(1773-1853), Novalis (Friedrich von Hardenberg, 1772-1801)
und Clemens Brentano
(1778-1842) verdanken wir märchenhafte Erzählungen wie „Gockel,
Hinkel und Gackeleia“ (Brentano), „Der Runenberg“ (Tieck,
1797) und das „Märchen von Hyazinth und Rosenblüt“ (Novalis).
Auch die Märchen von Wilhelm Hauff (1802-1827) stehen
im Zeichen der Romantik, er verarbeitet in seinen Märchen
morgenländische
und deutsche Stoffe. Sein wohl am bekanntesten Märchen ist
die „Geschichte vom Kalif Storch“.
Der dänische Märchenerzähler Hans Christian Andersen überschreitet
in der Art seiner Märchen den Rahmen des bisherigen und erschuf
somit einen neuen Märchentypus innerhalb des Kunstmärchens.
Seine Märchen lassen den Bezug zur volkstümlichen Erzählung
noch klar erkennen, aber im Mittelpunkt steht immer ein genau fixierter
Ort. Aber auch das Wissen um das Leben und seine Gesetze kommt
in seinen Märchen viel genauer zum Ausdruck. Viele seiner
Märchen sind den Kindern auch durch Verfilmungen bekannt,
wie etwa „Die Prinzessin auf der Erbse“, „Des
Kaisers neue Kleider“. Der Geburtstag von Hans Christian
Andersen wird seit Jahren weltweit als „Kinderbuchtag“ gefeiert,
in diesem Jahr (2004) war der ganze April Lesemonat und selbst
das Internet wurde miteinbezogen.
Aber auch in unserer Zeit gibt es noch Märchenerzähler,
so ist mit Folke Tegetthoff ein Steirer einer der bekanntesten
Erzähler. Folke Tegetthoff schreibt nicht nur Erstlese-,
Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbücher, er macht auch Lesungen.
Aber auch hier im Wurzelwerk tummeln sich ganz tolle Märchenerzähler
und Erzählerinnen, von denen ihr noch Märchen zu lesen
bekommen werdet.
Kinderkunstmärchen sind in den letzten Jahrzehnten auch vermehrt
von Autoren wie Janosch, Astrid Lindgren, Vera Ferra-Mikura,
Friedl Hofbauer und Michael Ende geschrieben worden. Besonders
durch Michael
Ende begann auch der Siegeszug durch andere Medien, wie Kino
und Fernsehen. Vermutlich haben mehr Kinder „Momo“ oder
die „Unendliche Geschichte“ gesehen oder gehört
als gelesen.
Janosch ist besonders durch sein Buch „Janosch erzählt
Grimm`s Märchen“ bekannt geworden, besonders die
Kleineren sind begeistert von seinen „verdrehten“ Märchen.
Plötzlich sind die Gänse nicht mehr „dumm“,
sondern „schlau“ und sperren den Fuchs ein, ein richtiges
Antimärchen eben.
Ursprung des Volksmärchens
Es
gibt die verschiedensten Ursprungstheorien über die Entstehung
bzw. Herkunft der Volksmärchen. So vertraten die Gebrüder
Grimm die These, dass die Götter- und Heldenmythen der
Vergangenheit in den Märchen weiterleben. Das mythologische
Denken der Romantik war sicherlich auch maßgebend daran beteiligt.
„
Die seltsame Landschaft, durch die der Märchenheld auf seiner „Reise“,
auf seiner Wanderung kommt, stellte einst für die Menschen,
die davon hörten, eine Art „jenseitige“ Wirklichkeit
dar: Man hat schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die Gegenden,
durch die nach den russischen „Totenklagen“ der Verstorbene
zu ziehen hat, völlig mit den Schilderungen der Märchenreiche übereinstimmen.
Er muss etwa einen riesigen Strom überwinden, einen Glasberg
ersteigen und so weiter“
(Sergius Golowin,1973, S.192)
Aber man findet nicht nur in russischen, sondern in fast allen
Volksmärchen ähnliche Situationen wieder.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte man auch immer mehr
die Vielfalt der orientalischen, speziell die der indischen Märchen.
So entstand eine weitere Theorie, die die These vertrat, dass die
Wiege der Märchen in Indien liegt.
Eine dritte Theorie sah den Ursprung der Märchen in der Seele
des Menschen selbst liegen. Fast idente Urbilder und Urideen findet
man in fast allen Mythen, Sagen und Märchen wieder. Carl Gustav
JUNG übernahm aus einer antiken Überlieferung den Begriff
des „Archetypus“, damit sind im kollektiven Unterbewussten
angesiedelte Urbilder gemeint. Besonders die grundlegendsten Erfahrungen
wie Geburt, Ehe, Mutterschaft, Trennung und Tod haben in der Seele
des Menschen eine archetypische Verankerung, man findet, wie bereits
oben erwähnt, überall auf der Welt ähnliche Bilder
und Märchen dazu.
„
Ein anderer, wohlbekannter Ausdruck der Archetypen sind der Mythos
und das Märchen. Auch hier handelt es sich um spezifisch
geprägte
Formen, welche durch lange Zeiträume übermittelt wurden. … Alle
mythisierten Vorgänge, wie Sommer und Winter, Mondwechsel,
Regenzeiten und so weiter, sind nichts weniger als Allegorien
eben dieser objektiven Erfahrungen, sondern vielmehr symbolische
Ausdrücke
für das innere und unbewusste Drama der Seele, welches auf
dem Weg der Projektion, das heißt gespiegelt in den Naturereignissen,
dem menschlichen Bewusstsein fassbar wird.“ (C. G. Jung,
10.Auflage 2003, S. 9/10)
Eindeutig kann auch die Märchenforschung bis heute den Ursprung
der deutschen Märchen nicht angeben, trotzdem ein kleiner
Exkurs über die Geschichte des Märchens.
Geschichte des
Märchens
Über die Existenz von Märchen in vorgeschichtlicher
Zeit sind nur Vermutungen möglich. Diese Frage gehört
aber zur Theorie des Märchens und nicht zu seiner Geschichte.
In der Literatur des Altertums hingegen, können jedoch schon
Spuren des Märchens gefunden werden. Ich möchte hier
einen kleinen und unvollständigen Exkurs in die Geschichte
des Märchens machen.
Altertum
Aus dem alten Ägypten wurden Erzählungen gefunden, die
sogar märchenähnlichen Ablauf haben. Die auf Papyrus
aufgezeichneten Geschichten sind aber keine eigentlichen Volksmärchen,
sondern schriftliche Aufzeichnungen für die Schicht der Gebildeten
bestimmt.
Noch spärlicher sind dem Märchen nahe Texte im alten
Babylon, wie das Gilgamesch-Epos (um 2000 v. Chr.), zu finden.
Die Art des Märchens im alten Israel kann man in den Geschichten
von Moses, Joseph oder David spüren.
Im alten Griechenland und Rom findet man in der Literatur Hinweise
auf Kinder- und Ammenmärchen und Altweibergeschichten. In
griechischen Sagen und Erzählungen existieren Elemente, die
nicht nur den Motiven, sondern auch dem Aufbau unseres Märchens
zu gleichen scheinen, hier sehe ich auch eine Querverbindung zur
Göttertheorie, aber auch zu den Archetypen.
Mittelalter
Man findet auch in der aus dem Mittelalter überlieferten Literatur
teilweise märchenhafte Elemente, die man als Hinweis für
die Existenz von Volksmärchen auffassen könnte. Märchenmotive
aus der Edda können ihren Ursprung aber auch in Mythen oder
Sagen stammen.
Aus dem Orient erreichten uns orientalische Erzählungen, wie
das indische Pancatantra, diese verbreiteten sich über Byzanz
und Spanien unter anderem im Zuge der Kreuzzüge. Weitaus stärker
als durch indische und orientalische Erzählungen wurde die
europäische Literatur durch keltische Geschichten beeinflusst.
Neuzeit
Aus dem 16.Jahrhundert ist weitaus mehr überliefert als aus
Altertum und Mittelalter. Die verschiedenen Aschenbrödelvarianten
in Deutschland, Frankreich und Portugal weisen auf die sichtliche
Existenz und weite Verbreitung von Volksmärchen hin.
Im 17.Jahrhundert
trug vor allem die italienische Literatur mit dem ,,Pentamerone" unter
dem Titel ,,Das Märchen aller
Märchen oder Unterhaltung der Kinder" von G. Basile
zum Bestand des Volksmärchens bei. Es ist anzunehmen, dass
Basile die Geschichten durch mündliche Überlieferung
kennen lernte und sie später, durchsetzt von typisch barocken
Wortvariationen, Allegorien und Schnörkel, weitererzählte
und niederschrieb.
Als Beweis für die Existenz von Märchen in Deutschland
gilt auch die Erzählung des Bärenhäuters in den
,,Simplicianischen Schriften" von Grimmelshausen.
Großer Beliebtheit erfreuten sich auch die so genannten Feenmärchen,
die aus einer phantastischen Kombination von orientalischen Erzählungen
und eigener Erfahrungen stammten, in Irland und Island ist diese
Art der Märchen heute noch lebendig.
Das entscheidende Ereignis
in der Geschichte des deutschen Volksmärchens
war zweifelsohne die Herausgabe der gesammelten ,,Kinder- und Hausmärchen" der
Brüder Grimm. Die Veröffentlichung einer derartigen
Sammlung hatte zwei wichtige Folgen, so wurde das lange Zeit verachtete
Volksmärchen nun gesellschaftsfähig gemacht, andererseits
kam es nun in ganz Europa zu Aufzeichnungen und Veröffentlichungen
nach Vorbild der Brüder
Grimm. Damit wurden zwar einerseits viele, schon in Vergessenheit
und somit dem Untergang geweihten Märchen gerettet, andererseits
trat das Buch anstelle der mündlichen Erzählung von Generation
zu Generation.
Das Märchen wurde in der Zeit ab 1870 bis ins 20. Jahrhundert
hinauf wenig geschätzt, weil man der Meinung war, dass das
Märchen von der Realität ablenke.
Ein schwarzes Kapitel in der Geschichte des Märchens ist der
Nationalsozialismus mit seiner pseudoromantischen Einstellung;
so wurden viele Märchen zur Propaganda genützt.
Erst ab 1950 nahm sich die Wissenschaft der Märchenforschung
unter volkskundlichen und pädagogischen Aspekten an, so flossen
die neuesten Erkenntnisse der Tiefenpsychologie, Völkerkunde
und Soziologie ein.
In den 60er Jahren entstanden dann Umkehr- und Antimärchen,
als eine Art Protestbewegung; besonders ist hier aber F.K. Waechter
hervorzuheben, der durch die Dokumentation von Grimm-Märchen
das Gegenteil bewies.
Verena Kast und Eugen Drewermann sind jüngste Beispiele
dafür,
dass das Märchen auch heute noch für die Tiefenpsychologie
interessant ist. Mir liegen besonders die Bücher von Verena
Kast am Herzen, denn sie sind nicht nur für Psychologieversierte
sondern auch für Laien sehr gut lesbar.
Kennzeichen und stilistische
Merkmale des Volksmärchens
Die Hauptfigur oder die Hauptfiguren
des Märchens sind stets
so dargestellt, dass sie zur Identifikation anregen. Die Aufgaben
und Eigenschaften sind klar und einfach definiert, ausführliche
Gedanken oder Emotionen kommen fast nie zur Sprache; es steht fast
immer eine einzelne Emotion oder Eigenschaft im Vordergrund. Das
stilistische Merkmal der Polarisation ist besonders kennzeichnend
für die Personencharakteristik im Märchen (wie Fleiß – Faulheit
bei „Frau Holle“).
Beim Märchen gehen auch die zwei Welten der Realität
und der Magie ineinander über, das Diesseitige ist nahtlos
mit dem Jenseitigen verbunden (wie durch den Brunnen in „Frau
Holle“). Da der Märchenheld keinerlei Probleme beim Überschreiten
der Grenzen hat, spricht man auch von der Eindimensionalität
im Märchen.
Die erzählerische Grundkonstellation ist fast immer durch
einen Konflikt gegeben, der meist im Erfahrungsbereich Geburt,
Ehe, Mutterschaft, Trennung und Tod seinen Ausgang nimmt. Im Märchen
wird aber eine einfache Moral realisiert, die einem sehr naiven
Sinn für Gerechtigkeit entspringt; so kann auch in der Märchenwelt
nur geschehen, was dieser Ordnung und Moral entspricht.
Die Märchenhelden, meist Menschen gewöhnlicher Art, leben
in einer gewöhnlichen irdischen Umwelt von Mitmenschen, Tieren
und Pflanzen. Aber dies Gewöhnliche, Irdische wird fast immer
gepaart und durchkreuzt mit einem Wunderbaren, der Wirklichkeit
Widersprechenden. Und zwar handelt es sich dabei entweder um eine
phantastische Steigerung des Wirklichen oder um die Einfügung
eines vollkommen Unwirklichen, Übersinnlichen. So stehen den
Helden zum Teil redende und Menschengestalt annehmende Tiere zur
Seite (wie in „Der Gestiefelte Kater“), er trifft auf
Tier- oder Pflanzengestalt annehmende verwunschene Menschen und
kommt in Konflikte mit Hexen, Zauberern, Feen, Zwergen, Riesen,
Drachen u. ä., wobei diese ihm aber auch hilfreich zur Seite
stehen können.
Selbst die Pflanzenwelt nimmt an einer solchen Erhöhung ins Übernatürliche
teil. Apfelbäume tragen ihre Früchte wie sonst, aber
es sind Äpfel aus Silber oder Gold, Äpfel, die gesund
machen oder ewiges Leben, ewige Jugend verleihen. Hier wachsen
Früchte, deren Genuss Kinder erweckt oder Hörner wachsen
und verschwinden lässt, Blätter, die Tote ins Leben rufen.
Hier wachsen Bäume buchstäblich in den Himmel oder sie
lassen, geschüttelt, kostbare Kleider herabfallen. Auch Steine
finden sich wohl mit wunderbaren Kräften und Eigenschaften
ausgestattet.
Vor allem aber sind die Märchen voll der seltsamsten Gegenstände,
denen wunderbare Fähigkeiten eignen. Da gibt es Tischlein-deck-dich
und Knüppel-aus-dem-Sack, ewig gefüllte Beutel und nie
versiegende Töpfe und Krüge, Mäntel und Hüte,
die unsichtbar machen und andere Zauber- und Wunderdinge in endloser
Fülle.
In der Erzählweise wird die ganze Welt eingefangen: alles
in ihr ist an seinem Platz.
Das Volksmärchen ist auf einfache, naive Weise eine erzählerische,
in sich geschlossene Bewältigung der Welt. Die Sprache mutet
oft sehr formelhaft an, so beginnt fast jedes Märchen mit „Es
war einmal…“ und endet fast immer mit „Und wenn
sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“
In den meisten Märchen finden wir auch die Zahlensymbolik
unserer Vorfahren wieder, wie die Zahlen „3“ oder „7“.
Es gilt gewöhnlich, dreimal Gefahren zu bestehen, drei Nächte
hindurch die Alpqual zu erdulden, drei Wunschdinge nacheinander
heimzuholen, drei Aufgaben zu lösen - immer mit fortschreitender
Steigerung des Umfangs, der Schwierigkeiten und damit der Spannung.
Inhalte
des Volksmärchens
Ursprünglich waren die Volksmärchen für erwachsene
Zuhörer gedacht, in ihnen wurden die bereits erwähnten
zentralen Themen des Lebens aufgegriffen und verarbeitet. Aber
auch Fragen nach dem Woher, Warum und nach dem Sinn des Lebens,
soziale Probleme, Sehnsüchte und Ängste wurden verschlüsselt
dargestellt. So kommen im Märchen, aber auch in Sagen Liebessymbole
(Apfel, Gürtel, Rosen), Machtsymbole (Krone, Zepter, Zauberstab),
Angstsymbole (Wald, Höhle, Wolf) und Initiationssymbole (Gestaltveränderung
durch Zauber, Schlaferweckung) vor. Sie alle sprechen Urbilder
in uns an.
Folgende Themen stehen in fast allen Kulturen im Vordergrund:
- Liebe: Liebe besiegt den Tod, sie überwindet alle
Grenzen und hat die Macht zu verändern.
- Selbständigkeit: Initiationen und Ablösung vom
Elternhaus werden hier unterschiedlichst aufgearbeitet.
- Tod: Die Grenzsituation des Sterbens wird meist
gestaltlich dargestellt, teilweise ist er auch eine bildhafte
Darstellung der
Wandlung.
- Gott – Götter: Es werden nicht nur alltägliche
Erfahrungen und Erlebnisse in den verschiedensten Kulturen aufgegriffen
und aufgearbeitet, es personifizieren sich auch die Gottheiten
recht vielfältig.
- Heldenmythos: Der ganz gewöhnliche Mensch wächst an seinen
Aufgaben über sich hinaus, er vollbringt wahre Wunder zum
Wohle der Allgemeinheit.
Folgende Charaktere finden sich im Volksmärchen wieder:
- Der junge Held/Mann: Er ist meist von unschuldigen, naiven
Wesen. In seiner Unerfahrenheit macht er meist Fehler und bekommt
von mächtigen, oft übernatürlichen Wesen Hilfe.
- Das junge Mädchen/Prinzessin/Tochter: Sie ist meist ein gutes,
bezauberndes Wesen, das Hilfe benötigt, weil es verzaubert
wurde oder der Erlösung bedarf. Am Ende des Märchens
wird sie meist vom Held gerettet und ist ihm in Liebe verbunden.
- Der alte Mann: Meistens ist er der gütige Vater oder König,
nur ganz selten verkörpert dieser Typus den Widersacher.
- Die alte Frau: Sie verkörpert fast immer beide Seiten; einerseits
ist sie die liebevolle Mutter und Beschützerin, andererseits
ist sie die Böse, die Widersacherin. Die Figur der Alten kommt
fast immer zweimal im Märchen vor.
Nicht die Begegnungen mit Hexen, Zauberern, Prinzessinnen und
ihren Helden sind wirklich, sondern die menschlichen Erfahrungen,
die dahinter stecken. Diese Erkenntnis kommt wiederum aus der Tiefenpsychologie,
es sind die Archetypen, die in uns weben und leben!
|