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Rappelboldo besaß nämlich einen Stein... die Zwerge,
seine Freunde hatten ihn einst für ihn aus dem Inneren des
Berges geholt. Nur, wenn er ihn beim Schlafen unter der Zunge hielt,
konnte er lebhafte und angenehme Träume träumen. Außerdem
war er dann unbesiegbar. Dieser Stein war ihm im Schlaf nun aus
dem Maul gefallen, was Wunder auch bei so einem riesigen Maul! Otto
hatte von diesem Stein gehört und wusste um seine Macht. In
einem so kleinen Land bleiben Geheimnisse nicht lange geheim. Er
sah seine Chance gekommen. Rasch nahm er den Stein an sich und sperrte
den schlafenden Drachen in seiner Höhle ein, mit Tür und
Tor, mit Schloss und Riegel, krachbumm!
Da lag er nun eingesperrt in seiner Höhle, der arme Boldo
und mochte rappeln, so sehr er wollte. Es nützte ihm nichts,
ohne den Stein reichte seine Kraft nicht aus, nicht zum Entkommen
und nicht zum Träume ins Leben träumen. Das übernahm
jetzt Otto. Er nannte sich von da an Graf Otto von Rappottos - Stein
und baute sich eine mächtige und große Burg.
Er baute? Nun, ganz so war es nicht. Er ließ die Menschen
seines Landes für sich bauen. Die hatten jetzt keine Zeit mehr
für ihre Gärten, für ihre Lieder, und ihre Kinder
mussten arbeiten statt zu spielen. Und Otto träumte mit Hilfe
des Drachensteines einen neuen Namen für die Menschen. Sie
hießen jetzt Untertanen. Nicht nur einen neuen Namen bekamen
sie, sondern ein ganz neues Leben. Das sah aber anders aus als damals,
als es den Drachen noch gab. Nun gab es auch hier Arme und Reiche,
viel Arbeit und wenig Brot, noch weniger Frohsinn und Glück.
Auch war die Mär vom Drachenstein in andere Länder gedrungen.
Manche Ritter wollten unserem Otto den Stein wegnehmen und fielen
mit Kriegern und Waffengewalt in sein Land ein. Wie froh mussten
die Bürger seines Landes nun sein, dass er eine solch mächtige
Burg gebaut hatte und sie beschützte, na eben!
Die Zeit verging. Nach und nach vergaßen die Menschen den
Drachen und seine Traumwelt, und schließlich meinten sie auch
in diesem Land, die Welt sei eben so, sei immer schon so gewesen,
werde immer so sein. Die letzte Drachenwelt war vom Erdboden verschwunden.
Sogar die Zwerge mussten jetzt für Otto arbeiten. Sie mussten
das Erz aus dem Boden holen und daraus stählerne Waffen schmieden,
die Otto unbesiegbar machen sollten. Das war er dann auch. Niemals
wurde diese Burg eingenommen, von niemandem. Trotzdem war Otto nicht
ganz so glücklich, wie er es hätte sein können. Auch
seine Frau und sein kleines Töchterchen, Anna mit Namen, waren
seltsam unfroh. Warum nur? Woran lag es, dass die Welt ihnen allen
so seltsam grau und farblos erschien? Da mochten die köstlichsten
Speisen auf den Tisch kommen, die besten Musikanten zum Tanz aufspielen.
Sogar dem Hofnarren mit seinen derben Späßen gelang es
nicht, seinen Herrn wirklich zu erheitern.
Eines Tages war es soweit. Anna wollte nicht mehr essen, sie lachte
nicht ein einziges Mal mehr und wurde immer blasser. Die besten
Ärzte wurden gerufen, aus allen Ecken von Ottos Reich. Da standen
sie nun um Annas Bett, strichen ihre Bärte, gaben reichlich
"hm,hm" und "so, so, ja, ja" von sich und andere
weise Ratschläge. Einer meinte, Anna sei zu viel am offenen
Fenster gestanden und habe zu viel von der gefährlichen Waldluft
geatmet, mit ihren giftigen Ausdünstungen. Ein Anderer behauptete
mit wichtiger Miene, das könne nur vom gefährlichen Baden
kommen. Man müsse Anna vor jedem Tropfen Wassers bewahren,
dann würde sie wieder gesund. Ein Dritter warnte eindringlich
vor frischem Gemüse und Salat. Jeder von ihnen verschrieb Anna
andere Topfen, Pülverchen und Tinkturen, nannte die Diagnose
der Anderen einen ausgemachten Unsinn, und fast wären sie an
Annas Krankenbett in eine handfeste Rauferei geraten, wenn nicht
Graf Otto sie allesamt kurzerhand hinausgeworfen hätte. Keine
der verschriebenen Medizinen half.
Im Gegenteil, bald war Anna so müde und schwach, dass es schien,
als müsste sie sterben. Da ließ Graf Otto Boten ins Land
senden, die verkündeten: "Wer meiner Tochter helfen kann
und sei er noch so arm und gering, der bekommt mein halbes Reich
und meine Tochter zur Frau." Niemand aber wusste zu helfen,
zumal Graf Otto ein gestrenger Herr war und man seinen Zorn fürchtete,
wenn man versagte.
Da gab es einen Ziegenhirten, Fido mit Namen, der hütete die
Ziegenherde des Grafen auf der Wiese unter der Burg. Eines Tages
kam er dazu, als einer der Zwerge sich beim Aufheben eines Steines
den langen Bart eingeklemmt hatte und nicht vorwärts noch rückwärts
konnte. Er zog und zerrte, aber es half nichts, der Stolz eines
anständigen Zwerges, der Bart, rückte nicht einen Zentimeter
von der Stelle. Beherzt hob Fido den schweren Stein ein wenig an,
und der Zwerg war wieder frei. Voller Dankbarkeit verriet er dem
armen Hirten das Geheimnis, wie Anna zu helfen sei: der Drachenstein.
Nur er konnte in diesem schwierigen Fall helfen. Man musste ihn
dem Drachen wieder unter die Zunge legen, und dieser musste Anna
gesund träumen. Welch ein schwieriges Unternehmen! Und der
Drache? War er denn nicht nur eine Märchengestalt, eine Sage
aus längst verwehten Tagen? Niemand glaubte noch an ihn, auch
nicht Fido. Die Alten erzählten abends am Feuer von ihm, aber
die Jungen lächelten über diese kindischen Geschichten.
Trotzdem, der Zwerg hatte es gesagt, und Zwerge lügen nicht,
das wusste Fido. Bange machte er sich auf den Weg in die Burg. "Was
willst du denn hier, du armseliger Wicht! Scher dich hinunter ins
Dorf, wo du hingehörst!" herrschte der Torwächter
den Jungen an. Der aber erwiderte beherzt: "Ich weiß
das Heilmittel für die Tochter unseres Herrn, also lass mich
ein!" Spott und Hohn begleiteten Fido durch alle Höfe,
auf allen Stockwerken begegneten ihm höhnische Gesichter. Der
Ziegenhirte, der zerlumpte, verachtete Bengel, ausgerechnet er wollte
wissen, was alle Ärzte nicht wussten: das Heilmittel für
Annas Krankheit, da kicherten doch die Hühner! Man hatte Anna
im Garten der Burg ein Bett gerichtet, sie verlangte nach Sonnenschein
und frischer Luft, nach Vogelgesang und dem offenen Himmel. Eingedenk
der Warnungen der Ärzte hatte Graf Otto größte Bedenken
gegen diesen Wunsch seiner Tochter geäußert, aber, da
sie doch ohnehin bald sterben musste, gewährte er ihr diese
seltsame Bitte, gegen alle Vernunft.
Da lag sie nun, blass, schmal und still, die Augen auf die ziehenden
Wolken gerichtet, die Seele schon mehr im lichten Blau des Himmels
als auf der Erde. Als Fido das zarte Mädchen erblickte, machte
sein Herz einen Luftsprung aus plötzlicher Liebe und gleich
danach einen lauten Plumps.....aus genauso plötzlichem Mitleid
mit dem armen Geschöpf. Alle Umstehenden sahen einander erschrocken
an, weil sie nicht wussten, was da einen derart lauten Plumps gemacht
hatte. Sogar Boldo in seiner vergessenen Höhle hob verschlafen
kurz einmal eines seiner schweren Augenlider, um gleich darauf wieder
in tiefen, traumlosen Schlaf zu fallen.
Graf Otto sah streng und etwas spöttisch auf den kleinen Ziegenhirten
und wollte den frechen Bengel schon von seinen Bütteln aus
dem Schloss werfen lassen. Fido aber ließ sich nicht so leicht
einschüchtern. Schließlich hatte er doch mit einem leibhaftigen
Zwerg gesprochen! Wer konnte das schon von sich behaupten, und sei
er auch ein Graf! Und außerdem, wer, außer ihm wusste
das Heilmittel für Annas Schwermut, wer bitte sehr? Na eben!
Fido fasste sich also ein Herz. Er riss sich von den groben Händen
der Büttel los und rief mit kräftiger Stimme: "Aber,
ich weiß doch das Heilmittel!" "Was, frecher Bengel!?
Was wagst du da zu behaupten? Na warte, dir wird die Frechheit schon
vergehen, wenn du ausgepeitscht wirst!" sagte drohend der Oberste
der Wachen. Graf Otto aber rief die Wachen zurück und wollte
doch hören, was der Junge zu sagen wusste. Fido stellte sich
auf die Zehenspitzen und flüsterte dem Grafen ins Ohr: "Der
Drachenstein, Herr, ihr müsst ihn wieder unter Boldos Zunge
legen, damit Eure Tochter gesund wird."
Graf Otto wurde abwechselnd rot und blass. Wie konnte der Junge
von dem Drachenstein wissen? Uns was würde geschehen, wenn
er den Stein nicht mehr hätte? All sein Reichtum, seine Macht,
all seine Ländereien, alles, was er sich mit Hilfe des gestohlenen
Steines zusammengeträumt hatte, sollte er darauf denn nun verzichten?
Zornig wollte er Fido ins Verlies werfen lassen, doch dann besann
er sich. So schlecht war er doch nicht, dass er seinem Töchterchen
nicht hätte helfen wollen. Spät nachts, als alles in der
Burg schon ruhig war, schlich er sich hinab in die verborgene Drachenhöhle,
wo Boldo noch immer tief schlief. Er fürchtete sich sehr, als
er vorsichtig, leise, leise versuchte, den Stein wieder an seinen
Platz unter der Zunge des Drachen zu legen. Boldo schnarchte nämlich
gewaltig, und sein mächtiger Atem drohte Graf Otto immer wieder
umzublasen. Wenn er nur nicht erwachte, dann wäre es aus mit
Ottos Leben! Schwitzend vor Angst und Anstrengung hob Otto Boldos
Oberkiefer ein wenig an und wollte den Stein an seinen angestammten
Platz legen. Doch ein Schweißtropfen fiel dem Drachen auf
die Nase, und das reizte ihn zum Niesen. Und, ja, ein solches Drachenniesen
ist nicht von schlechten Eltern, das kann sich jedermann wohl denken.
Otto wurde quer durch die Höhle geschleudert, dass ihm Hören
und Sehen verging, und, was noch schlimmer war, Boldo biss dabei
auf den Traumstein, dass er in tausende und abertausende Splitter
zersprang! Diese Splitter wurden von dem gewaltigen Luftstrom aus
der Höhle geblasen und in alle Welt verteilt. Nur ein winziges
Körnchen davon blieb im Maul des Drachens, und das genügte
nicht, um die Welt für alle Menschen ins Leben zu träumen,
wohl aber gerade noch, um Anna gesund zu träumen, was er auch
schleunigst und tadellos tat. Dann aber hatte er genug vom Schlafen,
was Wunder nach so langer Zeit! Er stieg ans Tageslicht, breitete
seine Flügel aus (es machte ihm einige Schwierigkeiten, er
war doch etwas aus der Übung geraten in den letzten Jahren)
und flog ins Reich der Drachen zurück, von wo er einst, vor
so langer Zeit gekommen war. Er hatte Sehnsucht nach seinesgleichen,
und die Welt der Menschen war nicht mehr nach seinem Geschmack,
mit all den Streitereien um Besitz und Macht.
Fido heiratete seine Anna. Nicht gleich, erst musste er ja einmal
erwachsen werden, aber dann lebten sie lange und glücklich
zusammen und bekamen viele gesunde Kinder. Sie teilten das Land
unter den Bewohnern auf, dass jeder genug zum Leben hatte und zum
Fröhlichsein und Feiern auch und zum Spielen und Geschichtenerzählen,
zum Singen und Tanzen, für die wichtigen Dinge des Lebens eben.
Graf Otto setzte sich zur Ruhe und wiegte seine Enkelkinder auf
dem Schoß, und manchmal erzählte er ihnen die Geschichte
vom Drachen und vom zersplitterten Drachenstein. Dann liefen die
Kinder in den Wald und an den Fluss, um nach Splittern zu suchen.
Manche von ihnen sollen auch den Einen oder Anderen gefunden haben
und sich ein ganz besonders buntes Leben geträumt haben.
Wer weiß, vielleicht findet ihr auch diesen oder jenen Splitter
davon! Dann legt ihn doch abends unter euren Kopfpolster, und wartet,
was geschieht. Schöne, bunte Drachenträume wünsche
ich euch!
Das WurzelWerk bedankt sich recht herzlich bei
Margarete Lassi aka Morgane
für diesen Artikel!
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