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Ich war schon immer gerne an der Donau. Meine Radausflüge
führen mich überwiegend an diesem Fluss entlang. Es mag
natürlich auch daher kommen, dass es diesen ruhigen Radweg
gibt, der direkt aus der Stadt heraus führt und immer am Ufer
entlang bis nach Kelheim geht. Aber es ist nicht der einzige Grund.
Seitdem ich in mein anderes Leben eintreten kann, weiß ich,
warum ich eine so enge Beziehung zur Donau habe. Ich bin aufgewachsen
an diesem Strom, es ist der Fluss unserer Vorfahren. Sie sind die
Donau entlang gezogen, als sie vor fast dreitausend Jahren dieses
Land besiedelten und sie haben mit Vorliebe ihre Dörfer entlang
der Donau und ihren Nebenflüssen angelegt. Es war ein heiliger
Strom, eine Göttin! Ist sie nicht immer noch heilig, auch wenn
die Menschen sie in ein enges Bett gezwungen und Abwässer eingeleitet
haben?
Für mich ist es jedenfalls keine Frage: sie ist heute immer
noch der heilige Fluss! Andere Leute mögen in die Kirche gehen
am Sonntag. Ich fahre zur Donau. Ich kann gar nicht anders. Es ist
fast schon ein Zwang.
Auch heute fahre ich wieder hinaus. Nur weg von der Stadt mit diesen
vielen Menschen, die mich nichts angehen. Hinweg von den stinkenden
Autos, hinweg aus der Enge! Hier draußen kann ich wieder freier
atmen. Links sind die saftigen Wiesen und dahinter die weißen
Kalkfelsen. Rechts fließt die Donau ruhig dahin. Aber sie
ist anders, als ich sie in meinen Traumbildern sehe. Von alten Leuten
weiß ich, dass sie sogar vor vierzig Jahren noch ganz anders
war. Da gab es noch viele Kiesbänke, teilweise locker bewachsen
mit Weidengestrüpp, teilweise ganz ohne Bewuchs. Sogar gebadet
haben damals die Menschen noch an den vielen Badestränden.
Das Wasser war noch sauber, jeden Kiesel konnte man auf dem Grund
erkennen! Es ist unglaublich, was man in diesen wenigen Jahrzehnten
mit diesem schönen Fluss gemacht hat. Es ist nicht nur das
Abwasser, das die Schönheit hinweggenommen hat. Es ist auch
die Begradigung des Flusslaufes. In einer geraden Linie läuft
der Fluss dahin, die Ufer sind mit großen Steinen befestigt.
Es gibt keine sumpfigen Ausweitungen mehr. Die Bauern haben jetzt
Wiesen und Felder an diesen Stellen, um noch mehr Milch und Butter
zu erzeugen, dessen Verkauf der Staat dann subventionieren muss,
da schon zu viel davon erzeugt wird.
In meinen Träumen ist die Doana eine riesige Flusslandschaft.
An manchen Stellen reicht das Wasser bis an die Felswände,
an anderen Stellen sind Kiesschüttungen. Große Flächen
sind sumpfig und mit Schilf und Binsen bewachsen. Wie hat sich dieses
Bild gewandelt! - Trotzdem - diese mächtige Donau fasziniert
mich auch heute noch. Es ist noch meine Doana, meine Göttin!
Sie ist nicht nur Wasser im materiellen Sinn und sonst nichts, sie
ist der Geist des Wassers, der sich hier manifestiert. Freilich,
man hat ihr viel angetan, sie ist eine geschändete Göttin!
Aber sie ist noch eine Göttin, trotz allem!
Manchmal denke ich mir, ich sollte einmal einen anderen Weg fahren.
In den Wald vielleicht oder an einen Baggersee zum Baden. Aber dann
fahre ich doch wieder zur Donau. Immer wieder muss ich dort hin.
"Ich muss wieder einmal zur Doana zu unserer Stelle hinunter
gehen!", sage ich zu Erik. "Bevor ich das Kind gebäre,
muss ich noch einmal hin!"
"Das finde ich nicht gerade eine gute Idee", meint Erik.
"Es sind zwar noch vier Wochen bis zur Geburt, aber du kannst
doch nicht mehr reiten. Und zu Fuß ist es doch ein langer
Weg und beschwerlicher Weg."
"Nein, das kann ich leicht noch gehen! So weit ist es gar nicht.
Wir können uns doch Zeit lassen und Rast machen unterwegs.
Wenn ich diesen Weg nicht mehr gehen kann, dann kann ich überhaupt
nichts mehr tun! Ich bin doch keine kranke Frau, nur weil ich schwanger
bin!"
"Aber reiten kannst du nicht mehr, das wirst du doch zugeben!"
"Reiten werde ich nicht mehr!" gebe ich zu. "Aber
warum sollten wir nicht einen Spaziergang machen?"
"Trotzdem finde ich es nicht unbedingt gut. Die Geburt könnte
eher kommen, solche Ausnahmen gibt es doch!"
"Nein, das wird nicht sein! Das Kind kommt in vier Wochen,
wir haben es doch genau ausgerechnet. Ziemlich genau sogar in vier
Wochen, denn jetzt ist bald Vollmond und ich werde das Kind an Vollmond
gebären! Die meisten Geburten sind an Vollmond!"
"Ich würde ja auch ganz gerne wieder einmal an die Doana
gehen. Unser heiliger Platz ist schon etwas Besonderes! Aber den
Weg zu Fuß zu machen in deinem Zustand, ist doch nicht einfach.
Wenn wir den einfachen Weg gehen, am Bach entlang, dann sind wir
bald am Wasser. Das ist dann allerdings nicht "unsere"
Stelle. Wir könnten dann den weiten Weg am Fluss entlang gehen,
aber das ist zu weit für dich. Die andere Möglichkeit
ist der Abkürzungsweg durch den Wald. Das ist am Anfang sehr
angenehm und die Kühle des Waldes macht das Wandern leicht.
Aber dann kommt der steile Abstieg zum Fluss hinunter. Der Weg insgesamt
ist kaum länger als eine Stunde, wenn man flott marschieren
kann, aber ich habe meine Bedenken, ob du den steilen Abstieg noch
schaffst!"
"Jetzt höre mal!" sage ich entrüstet. "Du
hältst mich anscheinend wirklich für eine kranke Frau!
Ich bin noch genauso beweglich wie vorher! Und eine Stunde Weg ist
doch lächerlich! Wenn ich das nicht mehr gehen könnte,
dann würde ich mir ja selber leid tun!"
"Nun gib mal nicht so an mit deiner Beweglichkeit! Ich gebe
zwar zu, dass es dir gut geht und du deine täglichen Arbeiten
ohne Schwierigkeiten machen kannst, aber so beweglich wie früher
bist du nicht mehr! Warum willst du das nicht zugeben? Es ist doch
normal, so kurz vor der Entbindung. Du solltest nicht übertreiben
und so tun, als wärest du gar nicht schwanger! Der Weg hinunter
zum Fluss ist beschwerlich und steil! Auch solltest du daran denken,
dass du nicht mehr so schnell laufen wirst und wir deshalb vielleicht
sogar zwei Stunden brauchen werden."
"Eineinhalb Stunden!", sage ich trotzig. "Aber wenn
schon, was macht es? Und was ist schon an diesem Abstieg so schlimm?
Wir müssen doch nicht hinunter rennen! Wenn man langsam geht,
ist es gar nicht so schwierig! Außerdem ist das steile Stück
nicht lang, es sind doch kaum mehr als zweihundert Schritte!"
"Das ist zum Lachen! Vierhundert Schritte sind es auf jeden
Fall! Aber Schritte sind es überhaupt nicht, wenn man es einmal
genau betrachtet. Eine Kletterpartie ist es und da kann kein Mensch
von normalen Schritten sprechen!"
"Jetzt übertreibst du auf die andere Seite! Zugegeben,
es ist ein beschwerlicher Weg, aber keine Kletterpartie! Ich kann
das machen, daran ist kein Zweifel. Ich habe einfach das Gefühl,
dass ich vor der Entbindung noch einmal hin muss und das kann nur
heute sein! Heute muss es sein, kann kommen, was da will! Und du
musst natürlich mitkommen, du wirst mich doch nicht alleine
gehen lassen!"
"Natürlich lasse ich dich nicht alleine gehen! Bisher
waren wir immer zusammen dort, warum sollte ich dich ausgerechnet
jetzt alleine gehen lassen?"
"Ich habe auch nicht vor, dass ich alleine gehe. Ich freue
mich, dass du jetzt einverstanden bist!" Ich gebe ihm schnell
einen Kuss.
"Ich habe noch gar nicht gesagt, dass wir heute gehen!",
erwidert Erik. Aber ich merke, dass sein Widerstand nicht mehr ganz
ernst ist.
"Es kommt mir fast so vor, als wäre ich stur und eigensinnig!",
sage ich und Erik nickt beifällig zu meiner Bemerkung. "Aber
das bin ich doch sonst nicht, oder? Aber in diesem Fall ist es etwas
anderes. Eine innere Stimme sagt mir, dass ich heute gehen muss.
Es ist ein ganz starkes Gefühl und ich möchte am liebsten
sofort los laufen! Ich glaube fast, dass es die Göttin ist,
die mich zum Fluss schickt, weil es so wichtig ist!"
Erik seufzt. "Ich sehe schon, dass du nicht abzubringen bist!
Ich freue mich ja sogar darauf, denn wir waren schon lange nicht
mehr dort und es wird sicher wieder sehr schön sein. Auch ein
Bad im Fluss reizt mich sehr. Der Sommer ist fast zu Ende, es wird
nicht mehr lange möglich sein, dass man noch baden kann. Aber
die Vernunftgründe sind einfach dagegen!"
"Man kann die Vernunft auch einmal weniger wichtig nehmen!
Ich bin heute morgen schon aufgewacht mit dem Bild von unserem Platz
vor Augen. Diese ganz besondere Stimmung dort unten war so gegenwärtig,
dass ich gleich wusste, dass wir heute dort hingehen müssen.
Du weißt doch, dass gerade an unserer Stelle immer dieses
starke Gefühl ist, das man eigentlich nicht beschreiben kann.
Es ist doch unser heiliger Ort und ich muss mir noch Kraft holen
für die letzte Zeit der Schwangerschaft und für die Geburt."
"Es ist ein heiliger Ort auch für mich!", sagt Erik.
"Ich frage mich manchmal, ist der Platz deshalb heilig, weil
wir uns dort getroffen haben und uns schon so oft dort geliebt haben,
ist er also von uns selbst geheiligt worden? Oder ist es schon immer
ein heiliger Ort und wir haben das Glück gehabt, ihn zu finden?"
"Es ist sicher beides. Du weißt ja, dass wir an heilige
Orte glauben, besonders an Flüssen, Seen, Quellen, auf Bergen
oder bei alten Bäumen sind diese besonderen Stellen. An diesen
Orten sind wir den Göttern und den vier Geistelementen nahe.
Dort unten an der Doana ist es das Wasser, dem wir uns besonders
nahe fühlen. Aber ich spüre auch die Nähe der Mutter
Erde und die Nähe der Winde und auch das Licht ist dort stärker
als irgend sonst wo. Bist du nicht immer ganz angefüllt und
ist nicht dein Herz ganz weit und offen, wenn wir dort waren?"
"Ja, das ist richtig. Selbst wenn wir nur ruhig dort gesessen
sind und auf das Wasser geschaut haben, ist dieses Gefühl da
und ich gehe mit frohem Mut nach Hause. Aber lass uns jetzt essen,
damit wir bald losgehen können. Wir müssen etwas mehr
Zeit einplanen als sonst."
Ich beeile mich mit dem Mittagsmahl und dann machen wir uns auf
den Weg. Wir nehmen ein wenig zum Essen mit, falls es tatsächlich
spät werden sollte. Dem Vater sagen wir, dass er nicht mit
dem Abendessen auf uns warten soll, denn wir wollen bis zum Finsterwerden
ausbleiben. Wir wollen uns nicht unter Zeitdruck stellen und diesen
schönen Tag so lange wie möglich genießen!
Der Vater meint zwar auch, dass ich nicht mehr so weit gehen sollte,
aber ich zerstreue seine Sorgen und beteuere ihm, wie gut es mir
noch immer geht!
"Warum nimmst du denn deinen Umhang mit?", fragt Erik
erstaunt. "Es ist zwar Ende des Sommers, aber immer noch drückend
heiß!"
"Es ist gewaltig heiß, das stimmt!", gebe ich zu.
"Aber ich möchte wirklich lange bleiben und am Abend könnte
es kühl werden!"
Erik schüttelt den Kopf, aber er nimmt mir meinen Umhang ab
und er trägt auch das Paket mit dem Essen. Der Weg durch den
Wald ist wunderschön. Die Luft ist so frisch und kühl,
man merkt die Hitze des Nachmittags kaum. Allerdings habe ich ein
wenig Bauchschmerzen. Ich habe wohl in zu großer Eile gegessen
und nicht gut genug gekaut. Ich hätte mich nicht so hetzen
sollen, dann hätte ich jetzt diese krampfartigen Schmerzen
nicht!
Der Schmerz vergeht wieder und wir marschieren munter drauf los.
Plötzlich ist er wieder da und ich glaube, es ist sogar schlimmer
als vorher. Nach kurzer Zeit ist es aber wieder besser und ich nehme
mir vor, nie mehr das Essen so hinunter zu schlingen.
Schließlich sind wir bei dem steilen Abstieg. Die Doana liegt
unten vor uns, wir sehen das große Band bis weit zur großen
Schleife, in der Beugenheim liegt. Auf der anderen Seite sehen wir
die weißen Felsen am Fluss entlang. Sie leuchten blendend
in der Sonne und das reflektierende Licht glitzert auf der Wasserfläche.
Wir setzen uns eine Weile hin und genießen den herrlichen
Ausblick. Da ist dieser Schmerz schon wieder! Hoffentlich geht es
bald vorüber! Es ist so ein schöner Tag, diese dummen
Bauchschmerzen sollen mir doch nicht die Freude an meinem Ausflug
verderben!
Ich warte, bis die Schmerzen nachlassen und dann machen wir uns
an den Abstieg. Ich merke jetzt, dass es doch sehr beschwerlich
ist und bei jedem Schritt nach unten spüre ich, wie mein Kind
schwer wird und nach unten drückt. Während des Abstiegs
kommen schon wieder diese lästigen Schmerzen! Endlich sind
wir unten. Erleichtert gehe ich die letzten Schritte über die
kleine Wiese zum Fluss und dann haben wir unseren Platz erreicht.
Ich bin ins Schwitzen gekommen und außer Atem. Ich suche mir
eine weiche Stelle und lasse mich auf die Erde fallen.
"Ich habe schon bemerkt, dass es zu viel geworden ist für
dich", sagt Erik. "Hoffentlich kommen wir wieder gut nach
Hause!"
"Nein, nein, keine Sorge!", antworte ich. - Ich werde
doch nicht zugeben, dass es tatsächlich ein wenig viel geworden
ist!
"Es ist mir nur die Luft ein wenig weggeblieben. Das Kind braucht
so viel Platz, da geht es mit dem Atmen nicht mehr so leicht. Aber
das wird gleich wieder besser sein. Leider habe ich heute das Essen
so hastig hinunter geschlungen, dass ich jetzt ein wenig Bauchweh
habe. Immer wieder kommt es und ich glaube, es wird fast schlimmer
als besser. Der ganze Bauch krampft sich zusammen."
Erik schaut mich forschend an. "Er krampft sich zusammen?",
fragt er. "Zeig mal, wo der Schmerz ist."
"Hier!" sage ich. Ich nehme seine Hand und lege sie auf
meinen Bauch.
"Ich merke nichts von einem Krampf", sagt Erik.
"Nein, es ist nicht die ganze Zeit. Jetzt gerade spüre
ich nichts. Warte ein wenig, es wird sicher wieder kommen."
Wir brauchen nicht lange zu warten, der Schmerz ist bald wieder
da! Er ist bedeutend stärker als vorher und mein ganzer runder
Bauch wird hart.
"Ja, furchtbar!", ruft Erik aus. Er schaut mich ganz entsetzt
an. "Es wird doch nicht etwa....?"
Er spricht den Satz nicht zu Ende, aber ich weiß sofort, was
er meint! Ganz heiß läuft es durch meinen Körper.
Auf einmal weiß ich es, es sind die Wehen! Wie konnte ich
nur so dumm sein, es nicht gleich zu bemerken! Natürlich sind
es die Wehen, das krampfhafte Kommen und Gehen ist doch typisch
dafür! Ach, bin ich dumm und unerfahren!
"Ja, du hast recht, es sind die Wehen!", sage ich verschämt
zu Erik. "Wie ist es nur möglich, dass ich es nicht gleich
erkannt habe?"
"Es ist vier Wochen zu früh!", meint Erik. "Deshalb
hast du wahrscheinlich nicht daran gedacht!"
Ach, Erik ist immer so lieb und er weiß sogar für meine
Dummheit eine Entschuldigung. Was ist aber jetzt zu tun? Ich weiß
nicht einmal, soll ich mich freuen, dass es schon so weit ist oder
soll ich Angst haben vor dem, was jetzt in den nächsten Stunden
auf mich zukommt? Nein, fürchten werde ich mich nicht, dazu
ist kein Grund! Aber immerhin sitze ich hier an der Doana, weit
entfernt von zu Hause und von irgend einer Hilfe. Nur Erik ist da.
Wie gut, dass wenigstens Erik da ist! Er ist immer so besonnen und
ruhig, er wird mir helfen und wissen, was zu tun ist!
Aber da sagt er: "Was sollen wir denn jetzt tun?" Ich
sehe, er ist genau so unsicher wie ich. Ja, was sollen wir jetzt
tun?
"Kannst du noch wieder zurück gehen?", fragt er.
Nein, der Gedanke, den beschwerlichen Weg zurück zu gehen,
gefällt mir gar nicht! Es kann zwar lange dauern bis zur Geburt,
aber manchmal geht es auch sehr schnell. Mitten im Wald, ohne Wasser,
würde ich das Kind nicht gerne zur Welt bringen. Dann schon
lieber hier. Es ist ohnehin unser heiliger Ort, warum soll ich nicht
hier mein Kind gebären? Ist es mir nicht vorbestimmt, dass
es hier geboren werden soll? War mein Wunsch, heute noch einmal
hierher zu kommen, deshalb so stark?
Die Göttin hat mich heute hierher geführt, ich werde mich
dieser Führung nicht widersetzen!
"Ich möchte hier bleiben!", sage ich zu Erik.
"Du wirst doch nicht das Kind hier zur Welt bringen wollen?",
fragt er erstaunt. "Weit und breit ist niemand, der uns helfen
könnte! Ich könnte zwar zu deinem Dorf hinüber schwimmen,
um jemand herbei zu holen, aber auch das wird ziemlich lange dauern.
Es ist fast so weit wie nach Graswolfing."
"Nein, nein, bleibe bei mir! Du darfst mich jetzt nicht alleine
lassen!"
"Ich lasse dich nicht alleine! Aber so ganz ohne Hilfe das
Kind auf die Welt zu bringen, das ist keine verlockende Aussicht!"
"Du bist meine Hilfe, ist das nichts?", frage ich. - Ich
sehe, dass er sich ein wenig geschmeichelt fühlt. Ich muss
ihm noch ein bisschen zureden, dann wird er es sich schon zutrauen!
"Ich habe mich immer auf dich verlassen, ich vertraue auch
jetzt auf dich! Du wirst schon alles richtig machen! Außerdem
ist nicht viel zu machen, wenn alles normal abläuft. Ich habe
ein gutes Gefühl, es wird alles richtig sein! Bodo hat eine
Vision von dem Kind gehabt und auch Burga hat von einem Sohn erzählt.
Was kann dann schon schief gehen?"
Erik schweigt eine Weile. Er muss sich erst mit dieser Situation
vertraut machen und ich lasse ihm Zeit, alles durchzudenken.
Auf einmal sagt er:
"Einfach herumsitzen und warten sollten wir nicht. Wenn wir
hier bleiben, müssen wir uns für die Geburt vorbereiten.
Aber lass uns noch einmal vorher überlegen, ob es nicht doch
besser wäre, trotz aller Mühsal doch noch nach Hause zu
gehen und dort das Kind zu bekommen."
"Nein, die Göttin hat es mir deutlich gesagt, dass ich
hier das Kind bekommen soll. Lass uns keine Gedanken mehr an eine
andere Möglichkeit verschwenden. Ich vertraue der Göttin,
ich vertraue der Doana und ich vertraue auch dir, Erik!"
Er seufzt. Ich kann es verstehen, dass ihm die Sache nicht ganz
geheuer ist. Vielleicht hat er sogar Angst? Ich kann mir zwar nicht
vorstellen, dass Erik vor irgendetwas Angst hat, aber vor so einer
ungewohnten Situation vielleicht doch! - Ich nehme seine Hand und
sage:
"Schau, Erik! So oft waren schon hier an unserer Stelle und
immer war es so schön! Ich kann mich gar nie daran erinnern,
dass einmal eine Missstimmung oder auch nur schlechte Gedanken aufgekommen
sind. Warum soll es heute auf einmal nicht so sein? Ausgerechnet
heute, da es doch ein ganz besonderer Tag ist für uns! Denk
doch nur, wie wunderbar es ist, an dieser heiligen Stelle ein Kind
zu gebären! Ich bin ganz ruhig innerlich und habe überhaupt
keine Angst. Die Burga hat mir immer erzählt, dass die meisten
Schwierigkeiten daher kommen, dass die Frauen Angst haben. Wer könnte
es besser wissen als die Burga? Wir sind beide stark, du und ich,
wir werden es zusammen schaffen! Lass uns noch eine Weile ruhig
hier sitzen und Kraft sammeln und dann wird alles ganz von selbst
gehen!"
"Also gut!", sagt Erik. "Lass uns ganz nahe beim
Wasser sitzen, komm!"
Er nimmt mich bei der Hand und wir setzen uns neben den großen
Stein, auf dem wir bei unseren Treffen vor einem Jahr immer gesessen
sind, wenn wir auf den anderen gewartet haben. Erik lehnt sich an
den Stein und ich setze mich zwischen seine Beine und lehne mich
an ihn. Er legt seine Arme um mich und hat seine Hände auf
meinem Bauch, damit er die Bewegungen des Kindes und meine Wehen
spüren kann.
Bald merke ich, wie er ruhig wird. Die Doana hat ihm geholfen, ich
spüre es ganz deutlich. Auch ich bin ganz ruhig und ich weiß,
dass alles gut gehen wird.
Die Wehen werden stärker und kommen öfter. Ich habe das
Gefühl, dass es bei mir nicht sehr lange dauern wird.
"Am Abend wird das Kind da sein", sage ich zu Erik. "Zum
Glück ist es noch warm genug. Wir werden hier schlafen können.
Lass uns ein Lager bereiten, damit ich mich hinlegen kann."
"Ja, das werden wir machen. Und dann musst du mir jetzt sagen,
was ich machen muss, denn ich habe keinerlei Erfahrung in diesen
Dingen. Aber ich bin jetzt ganz ruhig und ich habe keine Angst.
Am Anfang war mir schon nicht sehr wohl, als du davon gesprochen
hast, dass du hier bleiben willst. Aber jetzt ist es gut. Ich freue
mich sogar, wir werden zusammen unser Kind auf die Welt bringen,
ganz alleine, nur wir beide! Ist das nicht sogar besonders schön?"
"Natürlich ist es besonders schön! Wir sollten der
Göttin danken, dass sie uns zur rechten Zeit hierher geführt
hat!"
"Also, ich mache mich an die Arbeit!", sagt Erik. "Wo
willst du dein Bett bereitet haben?"
Ich freue mich, dass Erik jetzt ganz überzeugt ist und sachlich
und tatkräftig handelt. Er gibt mir jetzt die nötige Kraft
und Unterstützung, die ich brauchen werde.
Wir suchen einen geeigneten Platz im Schatten, denn die Sonne ist
noch sehr heiß. Ich will nicht zu weit vom Wasser sein, damit
ich noch das Gluckern und Gurgeln der Doana hören kann. Erik
findet den richtigen Platz, er kennt mich und weiß, was ich
brauche! Ich bin so froh, dass mein Kind am Fluss geboren wird!
Alle meine Vorfahren, viele Generationen schon, sind an der Doana
geboren. Auch mein Kind wird in dieser Tradition stehen und ein
Glied in dieser langen Kette sein! Auch es wird ein Kind der Göttin
Doana sein! Vielleicht musste ich deshalb heute zum Fluss kommen,
um diese Tradition weiterzuführen und wie alle unsere Vorfahren
in der Nähe des Flusses mein Kind gebären!
Wir sammeln Arme voll Gras und bereiten unser Bett. Das meiste macht
zwar Erik, denn mir ist nicht mehr so sehr nach Arbeit zumute. Zuerst
hat er Schilfblätter vom Ufer geholt, damit es eine gute Unterlage
gibt, dann eine dicke Schicht Gras. Er findet eine Menge trockenes
Gras weiter weg vom Ufer und legt dieses ganz oben auf, damit ich
es trocken und gemütlich habe.
Ich lege mich darauf und bin sehr zufrieden. "Es ist schöner
als daheim, denn hier habe ich den Himmel über mir und die
Doana singt mir ein leises Liedchen. Und den Wolken kann ich zusehen
durch mein lichtes grünes Blätterdach hindurch. Komm her,
leg dich zu mir, es ist ein schönes Bett!"
Das Bett ist groß genug für uns beide. Wenn nicht zwischendurch
die Wehenschmerzen wären, dann könnte man es richtig genießen,
zusammen hier zu liegen und die Nacht zu erwarten.
Auf einmal bekomme ich richtig Lust, ins Wasser zu gehen und mir
den Schweiß und den Staub abzuwaschen. Ich möchte sauber
und gereinigt das Kind gebären. Wir gehen in das klare Wasser
hinein. Herumschwimmen kann ich freilich nicht mehr, aber ich tauche
ganz unter und plätschere im flachen Wasser herum. Lange bleibe
ich nicht, die Wehen beunruhigen mich und ich möchte lieber
wieder ruhig liegen in meinem schönen Bett. Das Bad hat aber
sehr gut getan, es hat mich erfrischt und gereinigt.
Die Sonne trocknet mich schnell wieder. Immer wieder kommen die
Wehen, aber es ist noch recht gut zum Aushalten. Wenn das alles
ist, denke ich, dann sollten die Frauen nicht immer so viel von
den großen Schmerzen bei der Geburt erzählen.
Aber dann werden die Schmerzen doch stärker. Die Wehenabstände
werden immer kürzer, es krampft sich alles zusammen in mir.
Jetzt ist es nicht mehr sehr angenehm.
Erik hat Hunger bekommen. Wie gut, dass wir eine Kleinigkeit mitgenommen
haben. Ich selbst habe keinen Appetit, aber Erik ist froh um einen
Bissen. Er isst aber nicht alles auf, er meint, ich könnte
später doch noch Hunger bekommen.
"Warum kommt das Kind vier Wochen zu früh?", fragt
Erik. "Hast du dich übernommen auf dem Weg hierher?"
"Das kann möglicherweise ein Auslöser gewesen sein.
Aber mir fällt jetzt etwas anderes ein. Ich habe doch damals
von der Burga den Trank gegen eine Schwangeschäft bekommen.
Er hat gerade bis kurz nach der Heirat gereicht, aber das war ja
auch in Ordnung, es hätte nicht länger reichen müssen.
Ich hab mich dann gewundert, dass ich noch einmal die Periode bekommen
habe. Ich erinnere mich, dass sie recht schwach war, ich glaube
nur ein oder zwei Tage lang. Ich habe mir damals gedacht, es könnte
damit zusammenhängen, dass ich diesen Trank nicht mehr nehme.
Aber es ist natürlich möglich, dass dies gar keine richtige
Regel mehr war und das erklärt natürlich auch, dass die
Geburt vier Wochen früher ist."
"Da hättest du eine erfahrene Frau fragen sollen!"
"Ja, das hätte ich vielleicht tun sollen! Aber ich habe
mir nicht so viel dabei gedacht, um ehrlich zu sein. So wichtig
ist das alles jetzt auch nicht mehr. Das Kind wird heute geboren
und ich merke, dass es schon schnell voran geht."
Ich habe kaum ausgesprochen, da kommt eine besonders starke Wehe
über mich. Mitten im Schmerz spüre ich, dass das Fruchtwasser
ausläuft, die Fruchtblase ist also geplatzt! Soviel weiß
ich, dass es von da an nicht mehr sehr lange dauern wird.
"Ich muss dir nun sagen, was du zu tun hast, denn es kann jetzt
vielleicht sehr schnell gehen. Bei der Entbindung selber wirst du
mir wahrscheinlich nicht direkt helfen können. Aber es ist
gut, dass du da bist. Halte mir die Hand, damit ich mich festhalten
kann, wenn es sehr schmerzhaft ist. Die Schmerzen werden jetzt schon
stärker, es wird sicher noch mehr werden. Nach der Geburt müssen
dann die Zeremonien gemacht werden, das ist für mich sehr wichtig.
Das Kind würde kein glückliches Leben haben, wenn wir
das nicht machen würden. Kannst du mir versprechen, dass du
alles so machst, wie ich es dir sage!"
"Natürlich verspreche ich es dir. Ich werde versuchen,
alles richtig zu machen."
"Es ist nicht schwierig, jeder kann es tun. Meistens machen
es bei uns die Alten, in der Regel die Großeltern. Aber es
kann auch jeder andere machen, nur die Mutter selbst darf es nicht.
Also pass auf, ich erkläre es dir."
Ich muss mich unterbrechen, denn die nächste Wehe ist wieder
sehr stark.
"Wenn das Kind herausgekommen ist, legst du es auf meinen Bauch
und wartest eine kleine Weile. Die Nabelschnur wird noch pulsieren.
Wenn das aufhört, musst du sie durchschneiden, aber vorher
muss sie mit einem Faden abgebunden werden, damit das Kind nicht
verblutet. Zieh' mal schon einen Faden aus meinem Kleid, damit alles
bereit ist."
Wieder kommen die Schmerzen und ich warte ab, bis sie nachlassen.
Ich muss mich beeilen, ihm alles zu erklären. Ich hätte
es schon eher tun sollen!
"Also, machen wir weiter mit der Theorie. Wenn du die Nabelschnur
durchtrennt hast, nimmst du das Kind an den Beinen hoch, so dass
der Kopf nach unten weist. Du zeigst ihm die Mutter Erde, denn das
ist seine wahre Mutter, aus dieser kommt es in Wirklichkeit. Ich
bin ja nur die leibliche Mutter, die richtige Mutter ist die Erde,
aus der wir alle kommen. Deshalb musst du dem Neugeborenen zuerst
seine Mutter zeigen, die Mutter Erde. Das Kind wird jetzt weinen,
denn es ist traurig, dass es die Mutter verlassen hat, diese andere
Welt und die Göttin Morrigan. Sie ist die Mutter des Lebens
und des Todes. Die Kinder weinen, weil sie die andere Welt nur ungern
verlassen und weil jede Trennung schmerzlich ist. Sie müssen
weinen, denn wenn sie es nicht tun, dann haben sie nicht erfahren,
dass sie geboren sind, sie sind dann immer noch in der anderen Welt.
Sie können dann nicht leben und wir müssen sie begraben
und wieder an die Mutter Erde zurückgeben. Aber unser Kind
wird leben und laut schreien und traurig sein, weil es geboren ist.
Dann musst du ihm die vier Elemente zeigen, damit es sieht, dass
es hier auch sehr schön ist in unserer Welt und dass es nicht
mehr traurig sein muss."
Ich unterbreche wieder und Erik hält meine Hand. Ich lächle
ihm dankbar zu und bin froh, dass er da ist und mir hilft.
"Du zeigst ihm nun die vier Elemente, die vier Wesenheiten,
die vier Hauptgottheiten: Erde, Wasser, Luft und Licht. Die Mutter
Erde hast du ihm schon gezeigt. Du legst das Kind noch kurz auf
die Erde hin, damit es die Erde spürt. Wenn es sehr kalt ist,
kann man ein Tuch darunter legen. Ich spreche dann die Segensworte
und du wirst sie mit mir sprechen. Es muss nicht lange dauern, es
ist nur notwendig, dass die Mutter Erde das Kind spüren kann,
so wie auch ich es spüren werde, wenn du es mir auf den Bauch
legen wirst. - Dann kommt das Wasser als Nächstes. Wie schön,
dass wir das Wasser direkt bei uns haben! Wenn es bei uns im Dorf
Winter ist, holen wir das Flusswasser in einer Schüssel ins
Haus und erwärmen es. Zum Glück ist es noch warm genug,
ich glaube, der Kleine wird das kalte Wasser aushalten. Du wirst
das Kind abwaschen und ich werde wieder das Gebet dazu sprechen.
Wichtig ist, dass du die Handlung machst, die Gebete kann auch ich
sprechen, oder noch besser, wir sprechen sie zusammen. Dann zeigst
du dem Kind die Luft und die vier Winde. Du hältst es hoch,
damit es den Wind spürt und zeigst ihm Osten, Süden, Westen,
Norden. Du solltest eine Verbeugung machen für das Kind, denn
du handelst an seiner Statt. Du zeigst dem Wind, dass du Ehrfurcht
hast vor ihm, denn es ist ein mächtiger Gott! Er kann heulen
und stürmen, er kann Bäume entwurzeln und großen
Schaden anrichten und sogar töten, wenn er will! Du musst also
Ehrfurcht den Winden entgegenbringen! Auch das muss nicht lange
dauern, damit das Kind nicht friert. Es ist nur zum Bekannt machen.
Auch dabei sprechen wir wieder den Segensspruch."
Ich muss wieder die Wehen abwarten, bevor ich weitersprechen kann.
Erik hält meine Hand und sieht mich besorgt an.
"Es ist schon gut", sage ich beruhigend. "Die Wehen
werden stärker, aber das ist normal. Gleich wird es wieder
besser sein." Ich weiß zwar, dass es nur noch schlimmer
werden wird, aber irgendwann wird es vorbei sein und mein Kind wird
in meinem Arm liegen! Die Wehen ebben ab und ich kann Erik weiter
die Anweisungen geben für das vierte Element.
"Das vierte Element ist das Licht. Wenn das Kind bei Tage geboren
wird und die Sonne noch scheint, dann zeigst du es der Sonne. Wenn
es Nacht ist, zeigst du es dem Mond. Es gibt Mond- oder Sonnenkinder.
Wenn Neumond ist, dann sind nur die Sterne da. Diese Kinder haben
nicht so einen guten Start ins Leben. Aber jetzt ist ja gleich Vollmond,
es wird gut sein für unseren Sohn. Es macht nichts, wenn eine
Wolke vor dem Mond oder der Sonne ist, das Licht ist trotzdem da.
Dann sprechen wir wieder das Gebet zusammen."
Wieder muss ich abwarten, bis die Wehen nachlassen.
"Ich glaube, es ist alles nicht so schwierig, wirst du das
so machen können, wie ich es erklärt habe?"
"Wenn das alles ist, werde ich es sicher richtig machen!",
meint Erik zuversichtlich.
Teil
II
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