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Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa    Teil III

Frank, ein neuer GastAutor im SchamanenBlick hat uns seinen Blick auf eine der schamanischen Techniken im Norden Europas zur Verfügung gestellt. Vielen lieben Dank dafür!

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Moderner Seidr

Nach Hans Stucken ist Seidr »die Ausübung okkulter Praktiken vor dem Hintergrund nordisch-germanischer Mythologie«. Laut Christian Kordas sei diese Definition inzwischen von den meisten ihm bekannten Seidr-Praktikern übernommen worden. Nun, ich hoffe doch, nicht. Mir persönlich erscheint diese Fesselung an eine genauestens definierte Mythologie zu altbacken. Zu starr und unflexibel.
Was mich mehr interessiert, sind Phänomene wie lebendige, beseelte Wahrnehmung, Region und Klima, typische regionale Vegetation und Tierwelt, und dergleichen Phänomene. Mythologie ist oft eng mit solchen Gegebenheiten verknüpft, das betrifft natürlich auch die nordisch-germanischen Formen. Mythologie ist so gesehen immer ein sekundäres Phänomen. Oft genug ist sie bildhafter Natur - also ein »Bild der Natur«.
Sie kleidet das, was um uns herum wahrnehmbar ist, in Metaphern, Bilder und Zusammenhänge, von denen viele vermutlich in tiefen, tranceartigen Versenkungszuständen entdeckt wurden - und auch heute noch aufgespürt werden können.

Die für mich geltende Definition - und auch das nur, wenn ich wirklich darauf festgenagelt werde - ist daher: »Seidh ist die Ausübung zauberischer und mithin schamanischer Praktiken vor dem Hintergrund nordisch-germanischer Regionalität«. Dazu zählen vor allem eben die uns umgebende Natur, das herrschende Klima und der Lauf der Jahreszeiten, aber auch die vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen wirtschaftlichen und vor allem sozialen Strukturen. Mythologie spielt im Rahmen dessen eine Rolle, ebenso wie die wenigen »historischen Fakten« über das traditionelle Seidr. Keinem von beiden steht jedoch ein alleingültiger »Definitionsanspruch« zu.


»Keep it close to Nature!«

Das ist eine Empfehlung von Annette Host vom Scandinavian Center for shamanic Studies. Wir müssen die Historie, unsere Ahnen und deren Seidr respektieren und ehren. Dazu gehört auch, in unserer Zeit Neues zu entdecken, das Seidr weiter zu entwickeln oder auch neu entstehen zu lassen.
Dieser Weg beginnt im eigenen Herzen, in der eigenen Seele, schlussendlich im eigenen Geist und im Verbund mit den eigenen Geistern. Wir müssen selbst auf die exstatische Trancereise in die Welten des Wyrd oder die »nichtalltägliche Wirklichkeit« gehen. Wir müssen selbst zu den hiesigen Geistern gehen, uns mit ihnen verbünden und von ihnen lernen. Möglicherweise begegnen Dir da draußen, in der Wildnis, Wesen wie Wotan, Freya oder Thor, oder die Runengeister. Das ist sogar sehr wahrscheinlich, wenn Du diesen Pfaden nachspürst. Doch ist es meiner Ansicht nach ein Unterschied, gemessen an Ausdrücken wie Lebenskraft und authentischer In-spiration, ob Dir das mit der Nase ausschließlich in alte Texte versenkt widerfährt - oder auf der eigenen Geistreise ins Unbekannte, begleitet von Deiner Trommel oder Rassel, in Kontakt mit Deinen Geistern, geführt von Deinem Seidh-Stab durch die Wildnis, die Stürme oder den Sonnenschein und das Vogelgezwitscher da draußen.

Der kleinste gemeinsame Nenner des Seidh im Speziellen, wie des Schamanischen im Allgemeinen ist:

Willentliches Eintreten in veränderte Bewusstseinszustände, um mit normalerweise verborgenen Wirklichkeiten in Berührung zu kommen und sie auszuwerten, um Wissen, Kraft, Hilfe und Wirksamkeit zu erhalten.

Manchem Leser wird auffallen, dass dieser Satz nahezu identisch mit Harners pragmatischer Definition eines »Schamanen« ist. Das ist natürlich Absicht. Die Techniken des Schamanismus im Allgemeinen sind potente Methoden, ein eigenes, starkes Seidh zu entwickeln, wenn es Dir gelingt, sie im Hier und Jetzt zu verankern.
Wie oben angedeutet war das einer der ganz zentralen Gedanken des Kernschamanismus nach Michael Harner. Dort geht es um eine schamanische Basis, ein Skelett, das in der eigenen Praxis mit Fleisch und Blut zu tatsächlichem Leben erweckt werden kann.

Schamanisches Training ist auch hervorragendes Seidh-Training. Es spricht zudem nichts dagegen, weitere »Kernmethoden« aufzuspüren und bei Gefallen in die eigene Seidh-Praxis zu integrieren. Eine Menge urschamanisches Wissen ist in den Ansätzen traditioneller westlicher Magie zu finden, ebenso in unseren Märchen oder im hiesigen Brauchtum. Hilfreich mag es sein, die verschiedenen Haupttechniken des traditionellen Seidr zu untersuchen und mit all dem Gesagten in Bezug zu setzen.
Was hat Utiseta (»Draußensitzen«) mit Meditation zu tun? Gibt es eine Verbindung zwischen »Galdr« und verschiedenen Gesangstechniken oder schamanischen Kraftliedern? Ist »Spa« (vielleicht »spähen«?) tatsächlich eine ganz eigene Disziplin - oder ganz normaler Bestandteil dessen, was wir heute »schamanisches Reisen um Wissen zu erlangen« nennen?

Ein neues und individuelles Seidh ist eine gute Möglichkeit, einen eigenen, kraftvollen Schamanenweg entdecken und tatsächlich gehen zu können. Dieser Weg ist stark genug, Verbindungen zur jahrtausendealten mystisch-spirituellen Strömung unserer Ahnen herzustellen. Und trotzdem den Erfordernissen des Hier und Jetzt und dessen, was noch kommen mag, Rechnung zu tragen.

München (2016)
mailto: frank.roepti@meine Internetseite*.net (
*Internet: www.seidh.net) - sämtliche Fotos: (c) J. Hügelschäffer, Zeichnung: F. Röpti


Frank Röpti


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