Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa    Teil II

Frank, ein neuer GastAutor im SchamanenBlick hat uns seinen Blick auf eine der schamanischen Techniken im Norden Europas zur Verfügung gestellt. Vielen lieben Dank dafür!

Was Seidr wirklich gewesen sein mochte, sein tatsächlicher Stellenwert in den prächristlichen Gesellschaften West-, Mittel- und vor allem Nordeuropas - es ist meiner Ansicht nach unmöglich, darüber vollständig Sinnerfassendes aus den spärlichen Überlieferungen zu rekonstruieren. Eine ganze Reihe der Texte wurden erst lang nach Beginn der Christianisierungen niedergeschrieben. So die Sagas nach Snorri Sturluson. Selbst von den Berichten, die angeblich aus der Zeit davor stammen: Wir wissen nicht, welche Veränderungen daran im Lauf der Zeit vorgenommen wurden. Wir wissen aber, dass der christlich geprägten Obrigkeit spirituell selbstbestimmte Methoden, die es wagen, sich dem Allherrschaftsanspruch der Kirche zu entziehen, schon immer ein Dorn im Auge gewesen sind. Rufmord ist auch heute noch eine Technik, die im öffentlichen Diskurs verwendet wird. Politik und Medien greifen immer noch gern auf solche Methoden zurück. Auch in kleineren Sozialstrukturen tauchen immer wieder derartige »Kampfmethoden« auf. Der noch relativ neue Begriff des »Mobbings« geht oft mit rufangreifenden Aktionen und gut getarnter übler Nachrede einher - im Kleinen wie im Großen. Rufmord, Debunking und dergleichen Unsäglichkeiten: Genau genommen sind SIE es, die »ergi« sind. Dreckig, unwürdig, die Art von »argen«, rücksichtslosen Menschen. Könnte es sein, dass auch die uns überlieferte Berichterstattung über das Seidr selbst selbst »ergi« ist? Es wäre nicht das erste oder letzte Mal, dass der eigene Schatten als Argument gegen das, was da niederdiskutiert werden soll, gewendet wird.13245905_1039282359451339_969179637_n

Kurzum sind die Sagas und sonstigen Berichte allenfalls als Hinweis auf eine geheimnisvolle und schamanisch anmutende spirituelle Praxis unserer Vorfahren tauglich. Sie geben uns ganz wenige Hinweise, dass eine Art nord- und mitteleuropäischer Schamanismus in den Vorzeiten existiert haben muss. Ein Phänomen, welches sich wahrscheinlich über Jahrtausende entwickelt hat und dessen letzte Ausläufer gerade noch fragmentarisch dokumentiert werden konnten. Der Ansatz rein intellektuell-gelehrter Vertreter, aus diesen Fragmenten allgemeingültige und unumstößliche Aussagen abzuleiten, was Seidr nun sei und was nicht - ist schlichtweg unrealistisch und manchmal sogar selbstüberheblich. Die tatsächlichen Praktiker kommen mir da zu selten zu Wort. Jedoch haben nur sie Kontakt zu den Geistern. Traditionell schamanische Aufgabe ist es, die Geister zu befragen, wenn Themen im Unklaren und Dunklen liegen. Nur in der schamanischen Praxis, in meinem Fall im Stil dessen, was ich »Seidh« nenne, finden sich einigermaßen verlässliche Angaben und Wege, sich an mögliche Wahrheiten heranzutasten.


Aus alt mach neu

Ich persönlich neige dazu, den alten Berichten und dem Bild, was sie vom Seidr zeichnen, mit Respekt und Faszination zu begegnen. Dass Seidr erfolgreich zerschlagen wurde und dem lange Zeit währenden Vergessen anheimgefallen ist, ist kein Grund, sich dieser alten Kunst nicht von Neuem zu nähern. Das ist einer der erklärten Grundgedanken des Coreschamanismus nach Michael Harner! Die von ihm erarbeiteten Methoden bieten sich an, die jeweils regionalen, damit eigenen und euchthonen Wurzeln des Schamanischen aufzuspüren - und neu zu beleben. Aus Respekt vor dem alten Seidr bezeichne ich das in meinem Verständnis im Laufe vieler Jahre der Praxis Herangewachsene als »Seidh«. Wenn ich also vom Seidh mit »dh« spreche, dann meine ich damit die Art »neuen« Seidr, die ich praktiziere.

Wenn wir den Ausdruck genauer unter die Lupe nehmen, dann finden wir eine erstaunliche Anzahl von Möglichkeiten, die mit dem Wort verbunden sind. Dieses spezielle Phänomen gleicht dem des Ausdrucks »Schamanismus« ganz erstaunlich. Auch dieser Begriff kennt eine Anzahl Vermutungen bezüglich seiner Bedeutungen. Einige davon zeigen mehr als offensichtliche Berührungspunkte zur Seidr-Wendung.

Eine (vor allem nach Jan Fries) verbreitete Annahme ist die Bedeutung des »Siedens«. Demnach hat Seidr etwas mit Hitze zu tun, mit dem Zusammenspiel von Feuer und Wasser, der prozesshaften Alchemie des Siedekessels. Das Zittern und innere Brodeln einer siedenden Flüssigkeit lässt sich als Metapher auf den vor Erregung bebenden, schwankenden und zitternden Körper eines ekstatischen Seidhpraktikers übertragen. Fries untersucht das Phänomen in seinem Buch »Seidhways«. Auf der Basis seiner Annahme entwickelt er eine schlüssige und funktionierende Trancetechnik, die er als »Sieden« bezeichnet. Im Übrigen schreibt er unmissverständlich dazu, dass er sich diese Freiheit - Seidr mit dem »Sieden« zu verknüpfen - zunächst mal willkürlich und nicht etwa auf Basis historischer Authentizität nimmt. So oder so sind das schon mal bedeutende, wenn nicht gar schwerwiegende Ideen. Assoziationen zum Feuer, zur Hitze, zur Ekstase und zum außer sich sein. All diese Phänomene finden wir im Schamanen-Ausdruck wieder. Hier tauchen Ableitungen wie »mit Hitze und Feuer arbeiten«, »toben, tobendes Umherschlagen« oder »außer sich sein« auf.

Eine andere Idee, nämlich die des »Bandes«, bringt Seidr mit Ausdrücken wie knüpfen und binden in Verbindung. Das bezieht sich dann mehr auf Inhalte und Zwecke der Seidhpraxis. In der nordisch-germanischen Mythologie ist das »Wyrd« ein wichtiger Bestandteil. Die drei Nornen Urd (Ursprung, Vergangenes), Verdandi (Werden, Gegenwart) und Skulda (Schuld, Zukünftiges) sind es, die das Schicksalsgewebe knüpfen und weben. Seidhtechniken greifen nach dieser Vorstellung in das Geflecht ein. Sie geben die Möglichkeit, selbst an den Schicksalsfäden zu knüpfen und zu weben.

Wortwurzeln wie »sei« (Singen), »soida« (Klang) und »soittaa« (auf einem Instrument spielen) legen einen weiteren Aspekt nahe, der im Zusammenhang mit Seidr Stehen könnte. Gesang, Musik und Instrumente sind dem Anschein nach nicht nur im vorchristlichen Europa eng mit Zauberei verbunden. Das selbe Phänomen ist auch im Schamanismus Zentralasiens oder zum Beispiel Südamerikas charakteristisch. Instrumente wie Trommel oder Rassel, oder seltenere Formen wie Maultrommeln und Flöten spielen dort ebenso große Rollen wie spezielle Gesangstechniken. Icaros (Kraftlieder) gehören untrennbar in den schamanischen Kontext südamerikanischer Methoden wie verschiedene Obertonstile in die Regionen Sibiriens oder der Mongolei.

Es gibt eine weitere Idee, die zumindest klanglich nahe am Seidr-Ausdruck haftet. Das indoeuropäische »gheis« bedeutet »zittern«, »erregt«, »aufgeweckt« und ist nach Jan Fries die Wurzel unseres Ausdrucks für »Geist«. All das deutet auf das »Geistige« im Allgemeinen als Quelle des Lebens oder der »Lebenskraft« an sich hin. Damit kann sowohl der Geist des Seidhkundigen als auch die Geister, mit denen er arbeitet gemeint sein. Eine interessante Idee, nicht wahr? Sind Seidhleute vielleicht am Ende einfach »Geist-Leute«?13187704_1039282346118007_1472962837_n

Wie dem auch sei, keine dieser auf den ersten Blick unterschiedlichen Ideen erhebt Anspruch auf absolute Wahrheit. Im Gegenteil, wirklich atmosphärisch und lebendig wird Seidr erst, wenn solche Einzelaspekte zu einem Ganzen verbunden werden. In der Tat funktionieren komplexe Sprachen nach genau dieser Art. Worte haben mehr mit dem verhäkelten Geflecht einer Vielzahl von Einflüssen zu tun, denn mit genauestens definierten Bedeutungen. Manchem Stubengelehrten mag das hinderlich erscheinen. Dem lebendigen Praktiker kann diese Vielfalt jedoch nur von Vorteil sein.


Ende Teil II


Frank Röpti


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