Betreuung gesucht für WurzelWerk's
Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa    Teil I

Frank, ein neuer GastAutor im SchamanenBlick hat uns seinen Blick auf eine der schamanischen Techniken im Norden Europas zur Verfügung gestellt. Vielen lieben Dank dafür!
13242067_1039282336118008_1492012894_o

Kaum war die Nacht da, frischte der Wind auf. Wütend heulte er um die Ecken, riss am Dachfirst und lies die massiven Holzwände knarren. Hrut stand nachdenklich an einem der Fenster und spähte in die Nacht hinaus. Eine bedrückte Stimmung legte sich wie ein gigantisches Ungetüm auf das Haus.

Hinter dem Sturm war noch etwas Anderes. Töne. Geräusche. An- und abschwellende Rufe, die sich zu verschlungenen Melodien knäulten. Betörender Gesang erklang aus allen Richtungen, drängte mit dem Wind und der Finsternis durch die Ritzen der schweren Holzbalken. Fraß sich in die Ohren von Hruts Leuten. Niemand konnte sagen, welche Wesen solche Klänge hervorbringen mochten. Faszinierend fanden es die Einen, bösartig und bedrohlich die Anderen. Hrut kannte diese Lieder. Entsetzt fuhr er herum. »Niemand verlässt das Haus! Schließt die Tür - und schlaft heute Nacht nicht! Schlaft nicht ein! Haltet Euch wach bis zum Morgengrauen - dann ist der Bann gebrochen. Die Dunkelheit hat sich mit Sturm und Feind gegen uns verschworen! Schlaft nicht ein!«

Stunde um Stunde pulsierte der Gesang. Durch die Finsternis schleichend zermarterte er den Widerstand der Menschen, die sich zusammenkauerten. Ein Augenpaar nach dem anderen schloss sich und tiefer, traumloser Schlaf überspülte seine Besitzer. Schließlich lag auch Hrut, der am längsten durchgehalten hatte, selbstvergessen in der Dunkelheit.

Nur Kari lauschte immer noch fasziniert den Gesängen. Sie schienen ihn zu anzusprechen, zu bitten, zu beschwören und locken. Bald hielt er es nicht mehr aus. Er stürzte zur Tür und lief, trotz der Warnung seines Vaters, hinaus in die Schwärze. Da sah er die sich wiegenden Schatten, unförmig und groß. Jenseits des Hauses hatten sie sich nahe der Wälder verschanzt. Von drei Seiten traf ihn der Blick glühender Augen. Sprühende Funken tanzten vor seinem Gesicht, als er im Kreuzungspunkt des Seidr-Fluchs zu Boden stürzte.

Als er tot war, zog sich der Gesang zurück, aufgesogen von den Schatten der Finsternis. Grimas Leute hinterließen keine Spuren, als sie mit dem Wind in die Dunkelheit davon schlichen.

Diese Geschichte - als Auszug nacherzählt aus der Laxdaela-Saga - ist eines von wenigen Fragmenten, welche uns als Aufzeichnungen aus den nebelhaften Vorzeiten des nordischen Europas erhalten sind. Hin und wieder findet sich dort der geheimnisvolle Ausdruck »Seidr«. Verzweifelt wird versucht, aus dem wenigen Überlieferten allgemeingültige Angaben abzuleiten, was Seidr genau gewesen sein mochte. Die Thesen bewegen sich zwischen verschiedenen Hauptannahmen. Während manche glauben, dass es sich beim Seidr um eine nordisch-germanische Form des Schamanismus gehandelt habe, lehnen andere diese Annahme grundsätzlich ab. Wieder andere nehmen an, Seidr sei eine spezielle, extatisch-schamanisch geprägte Form der spirituellen Praxis unserer Vorfahren.

Laut Kurt Oertel besteht zumindest unter Sprachwissenschaftlern Einigkeit bezüglich der tatsächlichen Bedeutung des Ausdrucks. Demnach sei »Seidr« der Oberbegriff für jedwede Form von Magie und Zauberei im nordischen Europa gewesen. Oertel wiederum zieht in seiner Begriffsuntersuchung deutliche Grenzen zwischen dem »Völventum« als eine Art isolierter Wahrsagekunst (Spa-Kunst) und Seidr, als dem Oberbegriff für Zauberei aller Art. Dabei ist es nur natürlich anzunehmen: Wahrsagerei oder »Divination« war immer schon ein natürlicher Teil der Magie in allen ihren Spielformen.

Schaut man sich die wenigen Berichte näher an, fallen unweigerlich Parallelen zu Schamanismen anderer Kulturen auf. Odin - der Götterkönig nordischer Mythologie - war ein Meister des Seidr. Unterrichtet wurde er darin von Freya. Zu seinen Fähigkeiten gehörte es, tierische Gestalt anzunehmen und augenblicklich in ferne Länder reisen zu können, um Informationen zu sammeln. Er konnte Wind und Wetter beschwören und selbst die Geister der Toten, um sie nach ihrem Wissen zu befragen. Zahlreiche Tierische »Geisthelfer« sind untrennbar mit ihm verbunden: Die Raben Hugin und Munin, die Wölfe Frik und Freki oder das achtbeinige Pferd Sleipnier gehören zu den prominentesten Vertretern. Er war ein Meister der Runenkunst. Sein Weg zu dieser Meisterschaft ist unzweifelhaft schamanischer Art. Neun Tage und Nächte hing er am windigen Weltenbaum. Sich »selbst geweiht« erwirbt er am Ende der Tortur das Wissen und die Kräfte der Runen. Dann beschreibt er, wie er sich durch Anwendung seiner neuen Technik regelrecht selbst zusammensetzt, mit Kraft und Leben füllt. Sein Runenlied geht konform mit den Initiationszyklen im beispielsweise zentralasiatischen Schamanentum. Dort wird der Schamanenanwärter gründlich von den Geistern zerstückelt - und anschließend wieder zusammengesetzt, um fortan als Schamane wirken zu können.


Erzählungen

Nach den alten Geschichten und Sagas kann schnell der Eindruck aufkommen, dass Seidr eine verruchte Kunst gewesen sein mochte. Die negativen Darstellungen, Anwendungen von Schadenszaubern und dergleichen, überwiegen deutlich. Trotzdem tauchen auch positive Elemente auf, solche, die von den Menschen als hilf- und segensreich empfunden wurden. Heilungen etwa, typischerweise auch Weissagungen, für die Seidhleute verantwortlich waren. Dass Seidr trotz allem stark negativ belegt gewesen sei, das wird uns von den damaligen Autoren immer wieder vor Augen geführt. »Ergi« etwa - arg oder dreckig - sei die Kunst von den Menschen empfunden worden. Vor allem auch dann, wenn sie von Männern praktiziert wurde. Odin wurde im Streit mit Loki von diesem direkt in solcher Manier angesprochen. Dass er als Weib verkleidet Seidr-Zauber betrieben habe. Das eben dünge Loki »von des Argen Art«.


Ende Teil I


Frank Röpti


«Shaman´s View»:   Articles in English
Mein Murmelgleichnis zum Thema Seelenverlust – oder warum es wichtig ist, seine Murmeln beisammen zu haben     Beate Helene Reither, 19.03.2017
Die schamanische Praxis ist notwendige spirituelle Selbstermächtigung     Tunritha, 21.01.2017
Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa - Teil III     Frank Röpti, 26.06.2016
Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa - Teil II     Frank Röpti, 11.06.2016
Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa - Teil I     Frank Röpti, 28.05.2016
Moderner europäischer Schamanismus - Teil II     Anette Tunritha, 07.05.2016
Moderner europäischer Schamanismus - Teil I     Anette Tunritha, 16.04.2016
Hausverstand und spirituelle Aneignung     BrindleRoot, 06.02.2016
Der Krieger! Welcher Krieger?     Richard Chao, 14.11.2015
Schamanismus im Alten Ägypten     Sat-Ma´at, 02.05.2015
Wie fange ich an …     Anette Tunritha, 04.04.2015
Dienst an der Schöpfung – ein Märchen     Morgenstern*, 28.02.2015
Für Ailo Gaup - Gedanken über das Leben und Sterben aus schamanischer Sicht     Hildegard Fuhrberg, 29.11.2014
Nagas – Die Fruchtbarkeit des Wassers und der Erde     Ngak'chang Rangdrol Dorje, 09.08.2014
Der Walpurgisbockl oder Die Wana in der Oberpfalz     Richard Cao, 24.05.2014
Vom großen "Danach" - Teil II     Väinäsisu, 15.03.2014
Vom großen "Danach" - Teil I     Väinäsisu, 15.02.2014
Aller Anfang ist manchmal schwer - Teil II     Väinäsisu, 04.01.2014
Aller Anfang ist manchmal schwer - Teil I     Väinäsisu, 21.12.2013
Frontschamanismus     Richard Chao, 17.08.2013
Du kommst hier ned rein     Richard Chao, 08.06.2013
Schamanismus in der Postmoderne - Teil III     Road Man, 17.11.2012
Schamanismus in der Postmoderne - Teil II     Road Man, 13.10.2012
Schamanismus in der Postmoderne - Teil I     Road Man, 11.08.2012
Going native Seidr – ursprünglicher seiðmaðr werden - Teil III     Runic John, 10.03.2012
Going native Seidr – ursprünglicher seiðmaðr werden - Teil II     Runic John, 24.12.2011
Going native Seidr – ursprünglicher seiðmaðr werden - Teil I     Runic John, 20.08.2011
Schicksalsfäden durchtrennen und Planetenkräfte befrieden     Enrico Kosmus, 20.11.2010
Schamanenkraft     Enrico Kosmus, 02.10.2010
Schamanische Seelentherapie     Enrico Kosmus, 24.07.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil VI     Martin Marheinecke, 22.05.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil V     Martin Marheinecke, 01.05.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil IV     Martin Marheinecke, 10.04.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil III     Martin Marheinecke, 03.04.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil II     Martin Marheinecke, 20.03.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil I     Martin Marheinecke, 16.01.2010
Grundsätzliches zum schamanischen Reisen     Lucia, 10.10.2009
Meine Arbeit mit einem traditionellen Kam - Teil III     Dagkeci, 04.07.2009
Meine Arbeit mit einem traditionellen Kam - Teil II     Dagkeci, 13.06.2009
Meine Arbeit mit einem traditionellen Kam - Teil I     Dagkeci, 07.06.2009
Meines? Deines? oder Wer hat´s erfunden?     Lucia, 22.03.2009
Walking the Red Road: Respekt, Demut, Ehre - Teil II     Sondra Red Eagle, 03.01.2009
Walking the Red Road: Respekt, Demut, Ehre - Teil I     Sondra Red Eagle, 27.12.2008
Hilfe von den Ahnen     Lucia, 23.08.2008
Einige Gedanken zum Schamanismus in Europa - Teil II     Florian Gredig, 17.05.2008
Einige Gedanken zum Schamanismus in Europa - Teil I     Florian Gredig, 10.05.2008
Nachrichten aus Anderswelt - Teil II     Lucia, 05.01.2008
Nachrichten aus Anderswelt - Teil I     Lucia, 29.12.2007
Verbündete     Lucia, 25.08.2007
Initiationsrituale - Teil II     Venayra, 05.05.2007
Initiationsrituale - Teil I     Venayra, 28.04.2007
Ahnen und Ahnenverehrung     Varuna, 10.03.2007
Extraktion     Lucia, 06.01.2007
Die weißen Wurzeln der "Peace Gatherings"     Blue Otter, 02.09.2006
Die Heilige Schwitzhütte - Teil II     Jerry Buie, 11.03.2006
Die Heilige Schwitzhütte - Teil I     Jerry Buie, 04.03.2006
Der Mensch als Einheit von Himmel und Erde     LadyPurple, 24.09.2005
Schamanismus - eine ganz persönliche Geschichte     Sonja Benatzky, 16.10.2004
Die Kraft der magischen Ablehnung     Shadow Viper, 15.05.2004
Interview «Schamanismus»     Shadow Viper, 13.09.2003
Stadtschamane     Silberwolf, 05.04.2003
Heiden für den Frieden - Teil II     Shadow Viper, 22.03.2003
Was ist ein Itako?     Miki Fujii, 10.08.2002
Zeremonien erfordern Respekt     Verf. unbek., 22.06.2002
Etiketten     Shadow Viper, 18.05.2002
Über Spirits und Visionen     Werner, 11.05.2002
Traditionell oder eklektisch - meine zwei Cents in den Topf     Shadow Viper, 05.05.2002
Heiden für den Frieden - Teil I     Shadow Viper, 10.09.2001




               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017