Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa    Teil I

Frank, ein neuer GastAutor im SchamanenBlick hat uns seinen Blick auf eine der schamanischen Techniken im Norden Europas zur Verfügung gestellt. Vielen lieben Dank dafür!
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Kaum war die Nacht da, frischte der Wind auf. Wütend heulte er um die Ecken, riss am Dachfirst und lies die massiven Holzwände knarren. Hrut stand nachdenklich an einem der Fenster und spähte in die Nacht hinaus. Eine bedrückte Stimmung legte sich wie ein gigantisches Ungetüm auf das Haus.

Hinter dem Sturm war noch etwas Anderes. Töne. Geräusche. An- und abschwellende Rufe, die sich zu verschlungenen Melodien knäulten. Betörender Gesang erklang aus allen Richtungen, drängte mit dem Wind und der Finsternis durch die Ritzen der schweren Holzbalken. Fraß sich in die Ohren von Hruts Leuten. Niemand konnte sagen, welche Wesen solche Klänge hervorbringen mochten. Faszinierend fanden es die Einen, bösartig und bedrohlich die Anderen. Hrut kannte diese Lieder. Entsetzt fuhr er herum. »Niemand verlässt das Haus! Schließt die Tür - und schlaft heute Nacht nicht! Schlaft nicht ein! Haltet Euch wach bis zum Morgengrauen - dann ist der Bann gebrochen. Die Dunkelheit hat sich mit Sturm und Feind gegen uns verschworen! Schlaft nicht ein!«

Stunde um Stunde pulsierte der Gesang. Durch die Finsternis schleichend zermarterte er den Widerstand der Menschen, die sich zusammenkauerten. Ein Augenpaar nach dem anderen schloss sich und tiefer, traumloser Schlaf überspülte seine Besitzer. Schließlich lag auch Hrut, der am längsten durchgehalten hatte, selbstvergessen in der Dunkelheit.

Nur Kari lauschte immer noch fasziniert den Gesängen. Sie schienen ihn zu anzusprechen, zu bitten, zu beschwören und locken. Bald hielt er es nicht mehr aus. Er stürzte zur Tür und lief, trotz der Warnung seines Vaters, hinaus in die Schwärze. Da sah er die sich wiegenden Schatten, unförmig und groß. Jenseits des Hauses hatten sie sich nahe der Wälder verschanzt. Von drei Seiten traf ihn der Blick glühender Augen. Sprühende Funken tanzten vor seinem Gesicht, als er im Kreuzungspunkt des Seidr-Fluchs zu Boden stürzte.

Als er tot war, zog sich der Gesang zurück, aufgesogen von den Schatten der Finsternis. Grimas Leute hinterließen keine Spuren, als sie mit dem Wind in die Dunkelheit davon schlichen.

Diese Geschichte - als Auszug nacherzählt aus der Laxdaela-Saga - ist eines von wenigen Fragmenten, welche uns als Aufzeichnungen aus den nebelhaften Vorzeiten des nordischen Europas erhalten sind. Hin und wieder findet sich dort der geheimnisvolle Ausdruck »Seidr«. Verzweifelt wird versucht, aus dem wenigen Überlieferten allgemeingültige Angaben abzuleiten, was Seidr genau gewesen sein mochte. Die Thesen bewegen sich zwischen verschiedenen Hauptannahmen. Während manche glauben, dass es sich beim Seidr um eine nordisch-germanische Form des Schamanismus gehandelt habe, lehnen andere diese Annahme grundsätzlich ab. Wieder andere nehmen an, Seidr sei eine spezielle, extatisch-schamanisch geprägte Form der spirituellen Praxis unserer Vorfahren.

Laut Kurt Oertel besteht zumindest unter Sprachwissenschaftlern Einigkeit bezüglich der tatsächlichen Bedeutung des Ausdrucks. Demnach sei »Seidr« der Oberbegriff für jedwede Form von Magie und Zauberei im nordischen Europa gewesen. Oertel wiederum zieht in seiner Begriffsuntersuchung deutliche Grenzen zwischen dem »Völventum« als eine Art isolierter Wahrsagekunst (Spa-Kunst) und Seidr, als dem Oberbegriff für Zauberei aller Art. Dabei ist es nur natürlich anzunehmen: Wahrsagerei oder »Divination« war immer schon ein natürlicher Teil der Magie in allen ihren Spielformen.

Schaut man sich die wenigen Berichte näher an, fallen unweigerlich Parallelen zu Schamanismen anderer Kulturen auf. Odin - der Götterkönig nordischer Mythologie - war ein Meister des Seidr. Unterrichtet wurde er darin von Freya. Zu seinen Fähigkeiten gehörte es, tierische Gestalt anzunehmen und augenblicklich in ferne Länder reisen zu können, um Informationen zu sammeln. Er konnte Wind und Wetter beschwören und selbst die Geister der Toten, um sie nach ihrem Wissen zu befragen. Zahlreiche Tierische »Geisthelfer« sind untrennbar mit ihm verbunden: Die Raben Hugin und Munin, die Wölfe Frik und Freki oder das achtbeinige Pferd Sleipnier gehören zu den prominentesten Vertretern. Er war ein Meister der Runenkunst. Sein Weg zu dieser Meisterschaft ist unzweifelhaft schamanischer Art. Neun Tage und Nächte hing er am windigen Weltenbaum. Sich »selbst geweiht« erwirbt er am Ende der Tortur das Wissen und die Kräfte der Runen. Dann beschreibt er, wie er sich durch Anwendung seiner neuen Technik regelrecht selbst zusammensetzt, mit Kraft und Leben füllt. Sein Runenlied geht konform mit den Initiationszyklen im beispielsweise zentralasiatischen Schamanentum. Dort wird der Schamanenanwärter gründlich von den Geistern zerstückelt - und anschließend wieder zusammengesetzt, um fortan als Schamane wirken zu können.


Erzählungen

Nach den alten Geschichten und Sagas kann schnell der Eindruck aufkommen, dass Seidr eine verruchte Kunst gewesen sein mochte. Die negativen Darstellungen, Anwendungen von Schadenszaubern und dergleichen, überwiegen deutlich. Trotzdem tauchen auch positive Elemente auf, solche, die von den Menschen als hilf- und segensreich empfunden wurden. Heilungen etwa, typischerweise auch Weissagungen, für die Seidhleute verantwortlich waren. Dass Seidr trotz allem stark negativ belegt gewesen sei, das wird uns von den damaligen Autoren immer wieder vor Augen geführt. »Ergi« etwa - arg oder dreckig - sei die Kunst von den Menschen empfunden worden. Vor allem auch dann, wenn sie von Männern praktiziert wurde. Odin wurde im Streit mit Loki von diesem direkt in solcher Manier angesprochen. Dass er als Weib verkleidet Seidr-Zauber betrieben habe. Das eben dünge Loki »von des Argen Art«.


Ende Teil I


Frank Röpti


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