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Moderner europäischer Schamanismus   Teil II

Im Allgemeinen wird der Schamanismus als die älteste, genauer nachweisliche Form religiösen Denkens beim Menschen bezeichnet (Eliade/Gorbatcheva) denn dieser ist seit der frankokantabrischen Höhlenkunst des Aurignacien, im Jungpaläolithikum relativ sicher nachweisbar, also vor etwa 30.000 Jahren (Eliade: Geschichte der religiösen Ideen). 

Die noch vorhandenen traditionellen Schamanen haben z.B. Kenntnisse zur Geschichte ihrer Völker, zu ihren Mythen, Liedern und Sagen. Sie kennen geheime und magische Zeichen mit denen sich bestimmte Kräfte wecken oder lenken lassen. Sie kennen Orte der Kraft und die Wächter dieser Orte. Sie haben Kontakt mit den Geistern des Landes, der Natur und den Ahnen. Sie kennen die heimische Tier- und Pflanzenwelt, ihre Besonderheiten, Gefahren und Heilkräfte. Sie beherrschen Techniken der Divination und sind zumindest rudimentäre Psychologen und Heilkundige.

In erster Linie sind sie natürlich Geisterexperten“ aber häufig sind sie auch die Hüter über das „Traditionelle Wissen“ ihres Landes und ihrer Völker.  Auch in vielen Sagen und Mythen Europas, so z.B. in der germanischen Edda oder auch in der Geschichte um Talliesin aus dem Insel-keltischen, wird deutlich, welch große Rolle die Suche nach Wissen, Weisheit und Erleuchtung, auch für unsere europäischen Vorfahren gespielt hat.

Auf uns heutige, westliche/europäische Schamanen und schamanisch Praktizierende übertragen, bedeutet das vor allem jede Menge Arbeit ;-).

Auch ein europäischer Schamane/schamanisch Praktizierender ist vor allem “Geister und Anderswelt-Experte” und steht mit seinen und den Geistern seines Landes, seiner Umgebung, der Natur und der Welt an sich in engem Kontakt, genau wie mit Göttern, Ahnen, Krafttieren, Schutzgeistern etc. .

Heute, wie vor 10 000 Jahren ist der schamanisch Praktizierende ein “Zaunreiter” zwischen den Welten, der bei allem was er tut immer auch die Anderswelt und die Geister im Blick hat. Wenn ich also von “Pflanzenkunde” oder von “Heiligen Orten” spreche dann meine ich immer auch die andersweltlichen Aspekte. Als schamanisch Praktizierender lese ich nicht nur etwas über eine Pflanze, einen Ort oder einen Mythos… Ich erlebe Pflanze, Ort und Mythos oder welches Thema auch immer, mit allen Sinnen und werde ein Teil davon. Ich werde zum Mythos selber, erfahre ihn am eigenen Leib, am eigenen Geist. Ich lerne nicht nur etwas ÜBER Bäume ich werde selbst ein Baum, ein Teil des Waldes.


Auf folgenden Gebieten sollte ein europäischer Schamane sich Kenntnisse auf allen Ebenen  erwerben:

- Mythen, Sagen, Legenden, Lieder (z.B. klassische Volksmärchen, Gedichte, (Volks-)Lieder, die Edda, die vier Zweige des Mabinogi, lokale Feen-, Elfen- und Geistergeschichten etc.)

- Philosophie

– Geschichte Europas und auch die Geschichte der Gegend in der wir leben/arbeiten.

– Traditionelle Schriftzeichen in Europa (z.B. Runen oder auch die sog. Vinca-Zeichen)

– Magische Zeichen wie Pentagramme, Alchimistische Zeichen , Astrologische Zeichen, Runen etc.

– Magische Systeme, Weltbilder und Volksmagie

- Heilige Orte und Kraftorte… Wo liegen sie? Was macht sie aus? Welche Kräfte wirken dort und wer hütet diese Orte? Wie

– Kenntnisse der heimischen Traditionen (Jahreskreise, Sitten, Gebräuche)

– Kenntnisse der verschiedensten europäischen Mysterien und Traditionen eventuell auch Spezialisierungen auf bestimmte Mythenkreise, Traditionen, Pantheone o.ä.

– Kenntnis der Geister des Ortes an dem wir leben.

– Die Geister des Landes – der Flüsse und Bächer, der Berge und Hügel etc. Aber auch der Geister meiner Strasse, in meinem Haus usw..

- Ahnenarbeit und Kenntnis zu über die Ahnen… Ihre Geschichte, wie haben sie gelebt? Woran haben sie geglaubt etc.

- Heimische Tier und Pflanzenwelt aber auch gute Kenntnis der direkten, möglicherweise auch städtischen Umgebung. Was passiert wann? Wo geht die Sonne auf? Welche Sterne stehen am Himmel? Wetter- und Bauernregeln. Aber auch: Welche Tiere leben in dem Baum vor meinem Fenster? Wann kommt die Müllabfuhr  und wann ist der Verkehr besonders heftig  etc.

- Orakelmethoden wie Tarot, Runen, Astrologie etc.

- Kräuterkunde

- Baumkunde

– Erste Hilfe Kurs

– Grundsätzliche Kenntnisse zu Körper und Gesundheit

– Evt. einige psychologische Grundkenntnisse

– Selbsterkenntnis und sogenannte Schattenarbeit - Bereits über dem Eingang zum berühmten Tempel von Delphi soll gestanden haben: „Erkenne dich selbst“ (gnôthi seautón, γνῶθι σεαυτόν)

Grundsätzlich kann eine gute, solide Allgemeinbildung auch modernen Schamanen nur nutzen, wenn sie nicht gar Voraussetzung ist.

Wie tiefgreifend wir die einzelnen Themen und Wissensgebiete bearbeiten oder auch ob oder wie sehr wir uns regional oder kulturell spezialisieren, ist natürlich jedem selbst überlassen und stark abhängig von persönlichen Vorlieben, Interessensgebieten, Fähigkeiten und den eigenen Geisterkontakten. Auch ist diese Aufzählung sicher nicht erschöpfend, sondern stellt vor allem eine Anregung dar.

Allein an dieser Auflistung kann man schon klar erkennen – dies ist keine Ausbildung die wir in ein paar Wochen, Monaten oder sogar Jahren absolvieren… Sondern ein ganzer Lebensweg des Lernens und der Hingabe.

Natürlich können wir nicht auf jedem einzelnen Gebiet Experten werden, aber wir sollten uns bemühen zumindest Grundkenntnisse zu erwerben und immer weiter zu lernen.

Jeder Schamane oder schamanisch Praktizierende wird mit der Zeit seine eigene, spezielle Kraft entdecken und auf einigen Gebieten besser oder kraftvoller sein als auf anderen. Auch die Geister, die Spirits des schamanischen Praktikers, leiten uns dabei.

Manche Kenntnis bringen wir auch schon mit, aus vorangegangenen Ausbildungen und von unserem bisherigen Lebensweg, manches müssen wir uns neu erarbeiten. Welche Lücken wir vielleicht haben oder wo unser Wissen schon sehr ausgeprägt ist, ist heute sehr individuell. Daher kann eine „Ausbildung in europäischem Schamanismus“ immer nur sehr individuell sein.

Eine schamanische Ausbildung oder ein schamanischer Weg erfordert aber natürlich nicht nur die bloße Kenntnis z.B. einer Pflanze, ihr Vorkommen und ihrer Wirkweise sondern auch die schamanische Auseinandersetzung mit ihr… Wir bereisen die Pflanze, begegnen ihrem „andersweltlichen“ Aspekt, dem Pflanzengeist, und lernen sie so auf ganz neue und besondere Art kennen, wir lassen uns direkt vom Pflanzengeist unterweisen und gewinnen so möglicherweise auch eine neue Verbündete und neues Wissen.

Dies gilt nicht nur für die Kräuter- und Pflanzenkunde, sondern für jeden der oben angeführten Teilbereiche. Auch die Schriftzeichen oder die Götter vergangener Zeiten und Kulturen, können wir in der Anderswelt besuchen und direkt von ihnen lernen. Als schamanisch Praktizierende sind wir nicht alleine angewiesen auf die historischen und archäologischen Quellen, auch wenn wir sie trotzdem, zumindest zum Teil, kennen sollten.

Je nach persönlichen Vorlieben und Fähigkeiten können die einzelnen Teilbereiche entweder in kompakten Seminaren, Kursen oder Ausbildungen oder in Eigenregie und als Autodidakt erlernt und/oder vertieft werden auch kann es stark variieren welchen Bereichen wir mehr und welchen weniger Aufmerksamkeit zuwenden. Welche Mythen sprechen zu mir? Welche Götter, welche Geister, welche Ahnen?

Ein Teil der Herausforderung ist es auch die eigene, individuelle, spirituelle Familie und die individuelle Kraft und vielleicht auch Aufgabe zu finden.

Nicht umsonst dauert die Ausbildung traditioneller Schamanen in den noch vorhandenen, schamanischen Kulturen häufig Jahrzehnte und auch von z.B. den europäischen Druiden, von denen uns insgesamt zwar nicht viel überliefert ist, wissen wir das ihre Ausbildung ca. 20-30 Jahre gedauert hat.Aber keine Angst, vieles das nötig ist, bringen wir ja bereits mit, von dem Weg der schon hinter uns liegt.

Und so schließe ich mit den ermunternden Worten von Balzac:

Großes Talent existiert nicht, wo großer Wille fehlt.“


Anette Tunritha


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