Hausverstand und spirituelle Aneignung

BrindleRoot hat uns diesen Artikel zur Verfügung gestellt und Anufa die Erlaubnis zur Übersetzung gegeben. Ein Thema, das gerade uns hier im Westen, durchaus beschäftigen sollte ...

Habt ihr die auch schon getroffen? Diese Leute, die konstatieren „Ich habe eine indianisch-schamanische Ausbildung“ und das noch mit einer erschütternden Portion an professionellem Stolz. Ach ja, die haben natürlich auch eine Ausbildung als Druide, Wicca und im Tao! Eigentlich ist das ja alles dasselbe.
Bist du einer von denen? Wenn du einer davon bist, dann bist du es, der mich dazu bringt mich einzuringeln, dass es schon weh tut! Warum? Na, weil nicht alles dasselbe ist!

Wir haben alle schon von kultureller Aneignung gehört. Ist es kulturelle Aneignung wenn man Räucherwerk benutzt? Nein. Ist es kulturelle Appropriation XY (einfach irgendeine Zugehörigkeit außer „Ureinwohner“ einfügen) zu sein und sich wie in einem alten Western anzuziehen, „how“ zu sagen und in einem Teepee zu leben, weil Häuser unnatürlich sind? Ja! Abgesehen davon, dass das rassistisch auch noch ist. Aber es gibt noch einen anderen, genauso übergriffigen Punkt, über den niemand zu sprechen scheint: spirituelle Appropriation. Hast du dir schon einmal Gedanken gemacht, werter sprititueller Aneigner, dass dein Verhalten die Stämme verletzen könnte? „Wie“ fragst Du? Weil das, was du erlernt hast höchstwahrscheinlich ein unordentlicher Mainstream-Mischmasch von „nativem amerikanischen Schamanismus“ ist. Es wurden Tonnen an unterschiedlichen Stammespraktiken hergenommen, durchgemischt und als eine Praxis verkauft. Das kann dann, über die Zeit, die originalen Praktiken zersetzen, denn die Stämme mühen sich ohnehin ab, ihre Identitäten im Angesicht der gängigen Gesellschaft zu erhalten. Dieser Kampf ist weitreichend und schon ein lang bestehendes Problem. Spirituelle Aneignung macht es nur noch härter für die ursprüngliche Spiritualität.

Warum bringt mich das so aus der Fassung? Weil ich das mittlerweile überall beobachte! Viele Dinge nehmen spirituelle Aneigner nicht einmal wahr.

  • Nicht alles Stämme haben denselben Glauben! Nicht alle Stämme verehren die Weiße Büffelfrau oder machen dieselben Tänze oder haben auch nur dieselbe Art der Geistreisepraxis! Tatsächlich können sich die Dinge von Region zu Region, sogar innerhalb einer Region von Stamm zu Stamm drastisch unterscheiden.
  • Die Tribal nations sind kein einziger großer Stamm! Sie wurden gebildet, weil sich kleinere Stämme in einer Region, in Ansehen des Einflusses der Einwanderer (die nicht alle Weisse waren!), zusammengeschlossen haben. Nur weil diese Stämme in eine große Gruppe zusammengewürfelt wurden, heisst das nicht, dass die auch gut miteinander auskommen. Viele Stämme waren schlimm verfeindet, die keine andere Wahl hatten als um des Überlebens Willen zusammen zu arbeiten. Viele dieser Verbindungen und Grenzen bestehen auch heute noch. Meinst du, dass das in Ordung ist, sprituelle Praktiken eines Stammes mit denen eines anderen zusammenzumischen, ohne Rücksicht darauf wie unterschiedlich die Stämme sind oder ob die untereinander überhaupt klar kommen?
  • Nur weil deine Ur-ur-ur-ur-uroma Ureinwohner war, heisst das nicht automatisch, dass du irgendwelche Erbrechte auf ihre Spiritualität hättest. Wenn du nicht weisst, welchem Stamm du angehörst oder nicht einmal, welcher Region – wie willst du dann wissen, welche spirituellen Praktiken zu deiner Herkunft passen? Wenn du keine Verbindung hast, seien es Geschichten deines Stammes von einem Verwandten oder tatsächliche Erfahrung mit einem Stamm, dann solltest du deine Herkunftskarte nicht ausspielen. Erinnere dich daran, dass viele Stämme immer noch um ihr Recht kämpfen, Stammeserbe oder Stammesgrenzen zu erhalten.
  • Wenn du im Schamanismus unterrichtet werden willst, dann mach das über einen Stamm. Wenn du meinst einen guten Schamanen zu kennen, mit dem du lernen kannst, dann frage den, zu welchen Stamm er kennt und von wem er sein Training erhalten hat. Wenn der durch keinen Stamm unterrichtet wurde, sondern von einem Einzelschamanen unterrichtet wurde, dann frage nach den Stammesverbindungen dieser Person. Wenn du keine klare Geschichte ihres Training kriegen kannst und innerhalb der letzten drei „Generationen“ keine Verbindungen auffindbar sind, dann ist es vielleicht nur wieder ein weiterer Mainstream-Schamane. In diesem Fall ist es wahrscheinlich für dich und auch für denjenigen passender sich „Native American Styled Shaman“ zu nennen. Denn, ganz ehrlich, ohne Stammesverbindungen bist du kein Native American Shaman.
  • Involviere dich nicht, wenn du nur herumspielen willst. Wenn du wissen willst ob das etwas für dich ist, dann geh einfach zu einem offenen Treffen. Wenn die Trommelkreise und Geschichten dich wirklich berühren und es sich richtig für dich anfühlt, dann sage das jemandem und frage nach ob es für dich einen Weg gibt, mit dem Stamm in Kontakt zu kommen. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sie mit dir arbeiten, bis sie dich wirklich kennen. Wenn du nicht ganz sicher bist, ob es sich richtig anfühlt, dann bist du noch nicht sicher. Mische dich aber nicht ein, wenn du das nur „cool“ findest oder es dich fasziniert. Das sind keine guten Gründe um sich spirituell damit zu befassen. Das ist kein Fimmel! Es ist eine Art zu leben und seinen Lebensweg zu gehen, jeden Tag und alle Tage. Ein Teil, der durch das ganze Leben schwingt. Das ist nichts was man macht, damit die Dinge interessanter werden oder der Glauben runder. Es ist der Glauben!

    Ein Ältester der Apachen sagte einmal in einem Buch, das ich gelesen habe, „Die Leute wollen immer eine Vision von der „White Painted Woman“ haben. Sie verstehen nicht, dass wenn sie Sie sehen, dass sie dann die Verpflichtung haben, Ihr für den Rest ihres Lebens zu dienen.“ White Painted Woman ist nicht dasselbe wie White Buffalo Woman! Der Mythos des Südwestens ist unterschiedlich vom Mythos der Great Plains. Aber höre nicht einfach nur mir zu sondern geh undfrage bei den dortigen Stämmen nach!
  • Nur weil du ekklektisch bist, heisst das nicht, dass du deshalb die Geschichte und das Erbe der Götter oder die Praktiken missachten kannst. Das ist das Produkt der Bedürfnisse und der Lebensweise bestimmter Menschen. Du musst das und die Hintergründe der Praktiken und Mythen studieren. Das ist wichtig! Mach nicht einfach irgendwelche Annahmen darüber, was du dir unter einer Gottheit vorstellst. Sie sind das direkte Produkt ihres Volkes. Verwende bitte deinen Hausverstand.

BrindleRoot


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