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Der Krieger! Welcher Krieger?

Etwas, das mir seit Jahren immer wieder in der heidnischen und der scha-magischen Szene begegnet ist der Hinweis auf einen „Weg des Kriegers“ und eine Selbst-Identifikation mit einem Krieger (Manchmal auch einem Krieger „des Lichts“).

Ich kenne diese Kriegeridentifikation aus meiner eigenen Biographie als eher fragwürdiges Konzept in den Jahren nach der Pubertät und als junger Mann; überhaupt eher als ein die einprogrammierte Gewaltbereitschaft kanalisierendes und romantisierendes Ventil.
Der Zusammenhang mit Schamanismus, Magie und Heidentum hat sich mir nicht erschlossen, darum habe ich mal ein bisschen nachgeforscht.


Was ist denn ein Krieger?

Wikipedia macht keinen wesentlichen Unterschied zwischen den Begriffen Soldat und Krieger: „„Krieger“ ist einerseits eine veraltete Bezeichnung für Soldaten und Söldner, andererseits eine Bezeichnung für Kämpfer in Stammesgesellschaften, die sich zu einzelnen Kriegszügen sammeln und meistens keinen Sold, sondern einen Beuteanteil erhalten“.

Ansonsten lässt sich, was die Definition des „westlichen“ klassischen Kriegers angeht, hier wenig finden was über eine militärische hinausgeht. Hier ist der Krieger ein Waffenträger mit einer mehr oder weniger individuellen Ausbildung, die sich meist über wenig mehr als den Umgang mit seinen persönlichen Waffen erstreckt. Oder ein fragwürdig trainierter, sich selbst ausrüstender Milizionär im Gegensatz zum durch (z.B.)staatliche Instanzen ausgebildeten Soldaten. Gut genug für die Verteidigung des eigenen Hofs, aber absolut ungeeignet für komplexe Taktiken und Widerstehen unter Druck.

Eine zunehmende Idealisierung des „Kriegers“ ist im Westen relativ neu und wird manchmal auch mit der Differenzierung einer Berufsarmee zur Wehrpflicht in Verbindung gebracht. Hier wird, in meinen Augen über-romantisierend, der moderne Krieger gekennzeichnet durch eine starke Wertegebundenheit und eine Distanz zu der Gesellschaft und deren Normen, aus der er eigentlich stammt. Die Werte und Ideale, die in diesem teilweise auch von bekannten Militärhistorikern wie John Keegan angeschnittenen Kriegerbild zum Tragen kommen sehen im (modernen) Krieger also das Mitglied einer Elite, die über den hiesigen Werten stehen.Aragon_infantry_XIV_century


In den östlichen Kulturkreisen ist die Lage nur bedingt anders, insbesondere die japanische Kriegerideologie des Bushido hat sich hier hervorgetan, in dem sie ein umfangreiches Wertekonzept (Den Bushido) nicht nur im (zunächst feudalen) Militär sondern später auch in einer ganzen Kultur verankert hat (Sprichwörtlich sind beispielsweise Bushido-Elemente in der japanischen Unternehmens-Kultur).


Und der Krieger im Schamanismus?

Hier spielt der Begriff im Wesentlich nur bei einem Autor eine Rolle und das ist Carlos Castaneda und sein „Weg des Kriegers“. Castanedas Buch „Die Lehren des Don Juan“ befasst sich mit einem Pfad des Kriegers, der nichts mit dem physischen Kämpfer (also dem ursprünglichen Krieger) zu tun hat sondern mit einer Lebenseinstellung und der Auseinandersetzung mit sich selbst und mit dem spirituellen und andersweltlichen Umfeld. Über die Authentizität von Castanedas Büchern und Berichten sowie die Konsistenz dieses Kriegerpfades ist schon viel geschrieben und gestritten worden, darum will ich an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen.


Und der Krieger in der Magie?

Hier gibt es keine verbindlichen Quellen und auch keinen ideellen, bekannteren „Kriegerweg“. In der Chaosmagie wird die „Kampfmagie“ häufiger thematisiert, wobei hier nicht nur mit esoterischen und “astralen” Mitteln gearbeitet wird, sondern Feinde auch mit psychischen und gesellschaftlichen Mitteln angegriffen werden, per Drohung, Denunziation, Mobbing. 694px-Bronsplåt_pressbleck_öland_vendeltidKeine schöne Sache, aber zumindest wird kein Idealbild eines „chaosmagischen Kriegers“ entworfen und letztlich ist es auch nur ein Aspekt in derChaosmagie (Wenn ich auch den Eindruck habe, dass destruktive Magie hier öfter thematisiert wird und nicht so pseudo-verfemt ist wie in anderen Bereichen).


Und der Krieger im Heidentum?

Hier kommt die Krieger-Idealisierung vor allem in den verschiedenen Asatrukreisen nicht selten vor. Auch hier wird in den meisten Fällen ein eigentlich moderner Krieger-Typus  als Vorbild gewählt, wobei die gebildeteren wenigstens von einem Ideal sprechen und sich nicht als solche bezeichnen. Hier findet man auch durchaus selbstkritische Beleuchtungen des Themas und beispielsweise die Ansicht, dass die nicht seltene Fixierung auf Odin als Kriegergott daher kommen mag, dass die Verfasser der Sagas vor allem selbst aus Krieger-Kreisen stammten. Ob dem so ist, weiß ich nicht. Korrekt scheint mir jedenfalls der Verweis auf sogenannte “Männerbünde”, die gern mit Kriegerbünden gleichgesetzt wurden. Mit dem Übergang vom Kindes- ins Jugendalter mag es eine Aufnahme in mehr oder weniger organisierte Männergemeinschaften gegeben haben, die außerhalb der Norm lebten. Männerbünde gab und gibt es in verschiedenen Kulturen, manchmal werden sie idealisiert, manchmal nicht. Im Fall mancher Asatru-Beleuchtung ist dies (natürlich) der Fall. So mag man in den Angehörigen dieser Männerbünde eine verschworene, in der Natur lebende, kämpferische und Ideale pflegende Gruppe sehen oder aber zunächst besitzlose junge Männer, die sich abseits der Siedlungen zusammenrotten und die ein Ventil für Aggression, fehlende Sexualität und Perspektivlosigkeit suchen. Vielleicht liegt die Wahrheit auch dazwischen.


Und ich?

Im schamagischen Sinne und in diesem Weltbild sowie in meinem dieses Weltbild umfassenden Ideal kann ich mit dem Kriegerbegriff nicht viel anfangen. Als Schamane oder Zauberer umfasst mein Spektrum weit mehr als das eines Kriegers. Ich kann Krieger sein, wenn es bei diesen Arbeiten erforderlich ist, indem ich meine in dem Bereich erworbenen destruktiven Fähigkeiten möglichst effektiv einsetze. Mit anderen Worten, ich kann unangenehmen Entitäten bitterböse in den Hintern treten und das mitunter sehr nachhaltig. Wenn das aber das Einzige wäre, was ich in dem Bereich kann, wären meine schamanischen Fähigkeiten äußerst begrenzt und unflexibel. Ich grenze mich auch nicht vom Wertesystem meiner „Gruppe“ ab, ist es doch auch meine „Gruppe“ die ich in meinem Spezialgebiet vertrete.

309px-Beserker,_Lewis_Chessmen,_British_Museum

In meinen Augen ist das moderne „Kriegerbild“, das im esoterisch geprägten, modernen Heidentum so gerne veranschaulicht wird nichts, das mit dem klassischen Krieger zu tun hat. Es ist ein Ideal, das ein verfälschendes Zerrbild des klassischen Kriegers darstellt. Die Verfälschungen sind mitunter grotesk und inhuman. Hier wird ein „Krieger“ als Leben behütendes, gutes und ehrenvolles Individuum dargestellt, während der klassische Krieger höchstens dadurch das Leben seiner Sippe behütet, in dem er Feinde (oder auch die nicht kämpfenden Angehörigen der feindlichen Gruppe) tötet. Nun finde ich ein Ideal ja nichts Schlechtes. Und wenn sich ein junger Heide als Ideal auswählt, die „seinen zu schützen“, ist das sicher gut, wenn er aber heutzutage dazu schreibt „mit all seiner Kraft und all seinen Waffen“, dann frag ich mich, ob ich lachen oder weinen soll. Und Männer/Kriegerbünde? Das bringe ICH eher mit marodierenden und außer Kontrolle geratenen Gewaltgruppen wie der IS in Verbindung, nicht mit ehrenhaften Schwurgemeinschaften.

Ich sehe jedenfalls keinerlei Bezugspunkte zwischen „Krieger“ und dem Mechatroniker/HartzIV-Empfänger/Germanistik-Studenten.

Was hat nun dieses Krieger-Zerrbild bzw. seine virale Verbreitung so gefördert? Zum einen natürlich der (böse pauschalisiert) männliche Hang zur Idealisierung von Kampfhandlungen sowie die (böse pauschalisiert) weibliche Idealisierung dieses männlichen Hangs. Aber auch die moderne Pop-Kultur tut ihr übliches (So verdankt beispielsweise das nordisch-germanische Heidentum sicher einen gewissen Teil ihrer aktuellen Zuläuferschaft der TV-Serie Vikings). Oder besser tat ihr übriges, denn die Idealisierung ist ja keine neue Erscheinung sondern zieht sich durch die gesamte modernere (und teilweise auch klassische) Geschichte.

Abschließend möchte ich eine Lanze für den gerade auch in diesen Kreisen verfemten Berufsstand des Soldaten brechen, und zwar ohne große Diskussionen über Sinn und Unsinn von Soldaten, Krieg, Wehrpflicht usw. anzustoßen. Ein Soldat ist kein bösartiger Söldner, der Leute ermordet und Frauen vergewaltigt während der „Krieger“ der gute Kämpfer ist, der die ominösen „Seinen“ verteidigt. Dass derartige Kriegsverbrechen in der Regel immer, und teilweise auch instrumentalisiert, vorkommen sei unbestritten. Zu glauben, dass es diese „Schmutzigkeit des Krieges“ bei klassischen Kriegern nicht gegeben habe, ist nicht nur naiv sondern mit Verlaub dumm und zeigt ein massives Bildungsdefizit vor allem in manchen Kreisen der Heidenszene.

Was bleibt vom Krieger: Ein (fragwürdiges?) Konzept, sich in einer Gesellschaft als besonders maskulin zu profilieren, die romantisierte Männlichkeit bestenfalls noch als Dekoration bei virtuellen Balzritualen benötigt?


Einige Quellen:
-Sun Tsu, die Kunst des Krieges-Albert A. Stahel, Konflikte und Kriege. Simulationstechnik und Spieltheorie
-Steven Pinker, Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit-Carl von Clausewitz, Vom Kriege
-John Keegan, Die Kultur des Krieges
-Kris Kershaw, Odin
-Alex Jahnke bei Holger Kliemannel (Hrsg.), Heidnisches Jahrbuch 2006


Richard Chao


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