Der Walpurgisbockl oder Die Wana in der Oberpfalz

An Walpurgis, für euch Neuheiden auch Beltane, passieren gelegentlich seltsame Dinge. Dieses Jahr hatten wir eine Ritualhöhle vorbereitet und waren kurz davor, ein Feuer anzuzünden, ..
.

... als im lichten Wald vor der Höhle in aller Ruhe ein riesiger braun getigerter Kater (Im oberpfälzer Dialekt gelegentlich auch „Bockl“, „Kodl“ oder „Benz“ genannt) vorbei marschiert. Ungetarnt, gelassen, als wäre er hier zu Hause und müsste sich auch vor nichts ducken. Er schaut sich die Gegend an, geht gezielt seinen Weg, wirft nur einen kurzen Blick in unsere Richtung und geht dann weiter.

Ausschnitt aus dem Werk 'Bastet' copyright Lucia (www.geistertrommel.de)
Bild: Ausschnitt aus dem Werk "Bastet"
© Lucia (www.geistertrommel.de)

Sicher war das nur ein großer Kater, der offensichtlich öfter mal vom nächsten Dorf (nicht gerade nebenan) einen Waldspaziergang macht und die Gegend kennt, aber wenn man ein bisschen mit den hiesigen Sagen und dem alten Aberglauben vertraut ist, könnte es auch ein Wana gewesen sein.

Während heutzutage fast jeder von Elfen, Feen, Trollen und möglicherweise sogar von Hoimännern, Holzhetzern und Moosweiblein gehört hat, sind die Wana fast unbekannt. Sie werden zwar an einigen wenigen Stellen im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens erwähnt, am meisten wurde aber dank des bekannten Sagenforschers F.X. Schönwerth in der Oberpfalz überliefert, wo sie dem Aberglauben nach auch nicht so selten waren.
Die Oberpfalz ist ein relativ dünn besiedelter Regierungsbezirk Bayerns, ein eher als karg beschriebenes Gebiet was sich auch schon immer in der liebevollen Bezeichnung „Stoapfalz“ (Steinpfalz) geäußert hat. Bekannt ist die Stadt Regensburg. Oberpfälzer werden von anderen Bayern, besonders Franken, gern als „Moosbüffel“ bezeichnet, was mancher Meinung nach durchaus eine treffende Charakteristik ist.

Die Sagenwelt, der „Pantheon“ und das „Bestiarium“ sind dem in Niederbayern nicht unähnlich, auch hier wimmelt es von Naturwesen und mystischen Kreaturen und nicht alles wurde vom Christentum adaptiert oder verteufelt. So auch die Wana.


Die Wana sind Katzen-Gestaltwandler

Bild: Baumkodel von Sandra Ott

Im Gegensatz zu vielen anderen sagenhaften Gestaltwandlern ist diese Schicksal jedoch kein Fluch oder eine Plage sondern eine Gabe für die Wana, die dem Menschen gerne nahe sind und ihm gewogen. Es gibt einige interessante Entstehungsgeschichten wie die vom ominösen „Höllenbuben“ der für den Teufel auf Zeit in der Hölle arbeitete. Als Zahltag war nahm der Höllenbube die angebotenen Schätze nicht, sondern begnügte sich mit drei Geldstücken von drei Geldhaufen. Dies schien den Teufel zu beeindrucken und er meinte: „Behalten kann ich dich jetzt freylich nicht: du bist mir zu ehrlich: aber doch sollst du zum Wana oder Kater werden“. So wurde also aus einem fleißigen Höllenbewohner ein Kater, dem die Fähigkeit zugestanden wurde, zu gewissen Zeiten als Mensch zu leben. Der Wana ehelichte eine Menschenfrau, aus der Verbindung entsprangen drei Söhne, die auch Wana waren. Hier macht die Geschichte eine eigenartige Wende, denn die Frau verließ den Wana und ging mit ihren drei Schwiegertöchtern (also den menschlichen Frauen der zweiten Wana-Generation) in die Hölle wo sie zünftigen Ehebruch mit dem Teufel treibt (Die Schwiegertöchter vermutlich auch) und zur Hexenkönigin wird, von der sich letzten Endes auch alle menschlichen Hexen ableiten.

Vom Wana heißt es weiter:

„Der alte Wana mit seinen Söhnen blieb aber auf der Erde: sie sind große starke Kater und haben zu gewissen Zeiten, besonders in den Raunächten, ihr Fest; da tanzen sie auf den Böden verrufener Häuser und die Hexen, welche aus neunjährigen Kätzinnen werden und daher nicht auf den Blocksberg dürfen, sondern zum Wana müssen, kommen und dienen ihm.“

Der Wana scheint aber ein relativ gemäßigter Dienstherr zu sein, denn außer ausschweifenden Tanzfesten in alten Scheunen und auf Dachböden verlangt er den katzenstämmigen Hexen nichts ab.
Die Unterscheidung zwischen den eigentlichen Wana und den Hexen, die von neunjährigen Katzen abstammen, wird in den Sagen nicht ganz klar obwohl Schönwerth dazu schreibt:

„In dieser Sage sind also genau unterschieden die Hexen als Schülerinnen der ersten Wanafrau und menschliche Weiber von jenen, welche aus dem Katzengeschlechte, vielmehr dem der Wanamänner, hervorgehen. Die beyden Wanagatten versammelten jedes seine eigene Sippe um sich, nachdem sie sich getrennt hatten.“

Überhaupt scheint eine Abgrenzung der Wana zu den Hexen und den Katzen der Hexen wichtig zu sein. Jedenfalls neigt ein Wana auch dazu, sich in Menschen zu verlieben. Rückverwandlungsmomente in absurden Situationen sind obligatorisch.Betont wird mehrfach der heidnische Charakter von Wana. Obwohl sie die menschliche Lebensweise weitgehend zu adaptieren scheinen und sich anpassen, bleiben sie Heiden.

Beim Begriff Wana naheliegend ist auch eine Verbindung zu den Wanen der germanischen Mythologie. Dazu spekuliert Schönwerth auch

„Das Wort Wàna oder Wànar, wo r stumm ist, wäre hochdeutsch Wäner, und stände nahe am Nordischen vaenr = schön, liebreich, mit welchem auch schon der Name der Vanengötter selbst in Verbindung gebracht worden ist.“

Und spielt auf eine Verbindung zu Freya an, der u.a. die Katze heilig ist und die sich von ihrem Geschlecht (Den Wanen) losgesagt hat um zu den Anderen (Den Asen) zu gehen. Müßig über diese Verbindungen zu spekulieren.
Was bleibt sind viele recht einfach gestrickte Geschichten über die Wana, die sich einfachen Vergnügungen hingeben (Meistens der Musik und dem Tanz, wo der Kater eine dominante Musikantenrolle übernimmt) oder Menschen heiraten ohne diese über ihre Natur zu informieren (Meistens Kätzinnen).


Bild: Geisterkatze von Richard
Chao und Sandra Pucher

Aussagen und Hinweise, die Wana gegenüber Menschen tätigen, sind meistens in Form einfacher Omen und Orakelsprüche deutbar. Auch scheinen die Wana es nicht zu mögen, wenn man sie bei ihren Vergnügungen oder auch in ihrer wahren Natur ertappt, die Geschichten machen fast den Eindruck, als sei es ihnen peinlich. Welche Katze lässt sich schon gerne in die Karten schauen? Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens bringt die Wana mit einem totemistischen Urgrund in Verbindung und zieht auch Querverweise zu z.B. indianischen Kulturen mit einem solchen Konzept.
Bleibt die Mythologie von Katzengestaltwandlern, deren Entstehung auf vorchristliche Vorstellungen zurückgehen mag (Die Hölle als Herkunftsort, der Teufel als ehemaliger Dienstherr), die aber menschennah, menschenfreundlich, nicht böswillig und Vergnügungen gegenüber sehr aufgeschlossen scheinen.

Gibt es die Wana noch? Natürlich, ich habe einen gesehen! Auch wenn ihm unser Walpurgis offensichtlich zu wenig ausschweifend und zu langweilig war. Vielleicht das nächste Mal ;)


Quellen:

-Franz Xaver von Schönwerth, Sitten und Sagen aus der Oberpfalz
-Hoffmann- Krayer, Eduard; Bächtold-Stäubli, Hanns: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens


Richard Cao


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