Frontschamanismus

Martialisch, gell? Nun hab ich nur eine geringe, vermutlich testosterongesteuerte, Neigung zu solchen Begriffsmodifikationen. Warum ich sie hier trotzdem verwende liegt an der zunehmenden Weichspülerei im Schamanentum, jedenfalls im deutschsprachigen Raum.

Manchmal hab ich so Phasen in denen ich zunehmend Kopfschmerzen bekomme, wenn ich von Schamanen und ihren Engels, Matrix, Mütter Erden, Demut, Chakras, Edelsteinen und so weiter höre.


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Richard Chao

Alles schön und gut mit Matrizen und Engeln und Mutter Erde hab ich auch gern, aber ich frag mich halt, wo liegt da die Praxis, wo finde ich in diesen Arbeitsweisen die Spezialität des Schamanen, wo sind die Geister, wo ist die Ekstase, wo sind die anderen Welten? Vielleicht sollte ich den Blick an der Stelle auf die Szene richten, bzw. die Szenen, denn eine einheitliche gibt es nicht. Was folgt ist wieder mal nur meine persönliche Meinung, wer sich auf den Schlips getreten fühlt, darf mir gerne eine Beschwerde schicken, dann kuscheln wir ´ne Runde und knuddeln mit unseren Krafttieren.

Ein Teil der „Szene“ und zwar in der Regel der vielleicht wirtschaftlich erfolgreichere, den nenne ich mal die Pseudoschamanen und dabei bin ich noch zurückhaltend. Die sind Schamanen, weil sie irgendwie mitbekommen haben, dass der Begriff Zugkraft und irgendwas mit Natürlichkeit oder Natur zu tun hat.
Den Schamanen aus dieser Szene zeichnet aus, dass er für Gewöhnlich eine Trommel hat, die schön bemalt ist. Er benutzt Worte und Pseudosätze wie „Heya Heya“ und natürlich hat er auch Federn (die nicht zwingend Mauserfedern sein müssen). In seiner Praxis benutzt er ein breites Spektrum aus der Wellness-Esoterik, bestenfalls also ein bisschen Handauflegen, sinnbefreites Trommeln (am besten muss es irgendwie „indianisch“ klingen, keine Ahnung was darunter genau zu verstehen ist) und wenn er sich wirklich anstrengt, kann er auch eine „schamanische Reise führen“. Also halt eine sogenannte Phantasiereise, worunter er eben etwas Schamanisches versteht. Oft erzählt er dann auch, dass es eine Reise in die Psyche des Betreffenden ist. Was ja prinzipiell in Ordnung und auch nützlich sein kann, nur ist es eben keine schamanische Reise. Aber egal! Meistens ist dieser Schamane auch gleichzeitig Druide, Familiensteller nach keine Ahnung welchem Konzept und noch so einiges mehr. Was den Schamanen dieser Spezies noch auszeichnet und was ihn zu den folgenden Sorten abgrenzt ist natürlich, dass er eigentlich keinen schamanischen Zugang hat, sondern nur bunt gemischt Attribute und Begriffe verwendet. In der Regel versteht er nicht einmal eines von mehreren schamanischen oder animistischen Weltbildern. Vermutlich hält er das ganze insgeheim auch für Quatsch, aber es ist geschäftsfördernd, von irgendeinem magischen Potential ganz zu schweigen.


Die nächste Art sind dann diejenigen mit Halbwissen

Das muss jetzt nicht zwingend schlecht sein und viele bezeichnen sich ja auch ganz offen nicht als Schamanen sondern als schamanisch praktizierend. Der Begriff Halbwissen bezieht sich darauf, dass grundsätzliche Elemente und Mechanismen verstanden und genutzt werden. Der Praktizierende ist schon schamanisch für sich, und idealerweise auch für andere gereist und hat vielleicht oder idealerweise schon mindestens einen Verbündeten, meistens eben das obligatorische Krafttier. Ob eine schamanische Initiation in dem Sinne vorliegt, dass der/die Betreffende wirklich von Geistern beauftragt, initiiert, „umgebaut“ wurde, ist meistens fragwürdig. Aber zum Glück behauptet das ja auch nicht jeder von sich.
Manchmal gibt es bei dieser Spezies ein durchaus starkes Potential magischer Kraft, das jedoch unausgegoren, meistens aber einfach untrainiert ist. Manchmal gibt es auch Spezialisierungen, d.h. manche Sachen kann der Betreffende erstaunlich effektiv, auch im Vergleich zu Adepten, die tiefer „drin“ stecken und auch berufen sind (aber aus diversen Gründen zu wenig Praxis oder Zugang haben, z.B. aufgrund Faulheit), so etwas nenne ich dann Magie-Dilettanten in dem Sinne, dass eben eine Sache durchaus effektiv bearbeitet/gehandelt werden kann (Z.B. eine Extraktion), dass aber die Erfahrung, Kraft (oder auch die Verbündeten) fehlen um ganzheitlich mit der Arbeit, ihren Folgen und etwaigen Worst-Case-Szenarien umzugehen. Prinzipiell halte ich so etwas für weit gefährlicher als wenn ein Klient an ein Mitglied erstgenannter Spezies gelangt (also jemanden der eigentlich gar nix macht und kann).

Kommen wir zu den eigentlichen Praktizierenden, nennen wir ihn mal, Anleihen bei den Hermetikern und Logenbrüdern machend, Adept. Den Begriff Schamane verwende ich hier absichtlich nicht, weil meiner Ansicht nach Schamane impliziert, dass der Betreffende in und für eine/r mehr oder weniger festen Gemeinschaft arbeitet. Früher war das die Sippe, der Stamm, der Clan. Diese Muster gibt es heute kaum mehr und möglicherweise muss sich da auch erst ein neues Konzept auf tun, was natürlich nicht uninteressant werden kann.

Der Adept hat in der Regel ein solides und in die Tiefe gehendes Verständnis von schamanischen Weltbildern und vor allem auch den Techniken, die er benötigt um in diesen Paradigmen zu arbeiten. Er hat Verbündete, also bitte mindestens das was z.B. bei der Foundation for Shamanic Studies als Krafttier und als Lehrer bezeichnet wird. Keine Verbündeten?
Nee sorry, dann hast du mit dem Kram nix zu tun, was natürlich nicht heißt, dass du kein guter Zauberer oder so etwas wärst. Er ist fähig, mit Trance zu arbeiten, und er ist fähig, Klienten und andere Welten anzureisen. Über diese Fähigkeiten verfügt er also, was ihm aber normalerweise abgeht ist eben obiger „Stamm“. Oft handelt es sich dabei auch – oder gerade deshalb - um ziemliche Egomanen. Unschön könnte man einige (natürlich nicht alle) dieser Gattung als Söldner, Huren oder Mischdienstleister bezeichnen. Ich meine das nicht wertend, je nach Klient gehöre ich auch zu den Huren!


Bild: Rainprayer,
Copyright Richard Chao


Frontarbeiter

Mangels besseren Begriffes nenne ich die letzte und seltenste Gattung den Frontarbeiter. Den martialischen Begriff Front verwende ich ganz bewusst, denn diese Personen sind mit ihrem Wesen und ihrer Persönlichkeit vielleicht schon nicht mehr „auf dem Zaun“, sondern schon partiell dahinter. Der Frontarbeiter lebt ein schamanisches Weltbild, ohne sich davon beherrschen zu lassen. Er hat Verbündete und arbeitet mit Geistern. Er kämpft mit Geistern, wenn es sein muss und er kann das in der Regel auch sehr gut. Müßig zu erwähnen, dass er dadurch auch recht fähig ist, sich mit anderen Praktizierenden auseinanderzusetzen bzw. mit Effekten, die von diesen ins magische Leben gerufen wurden. Man könnte dies vielleicht als Kampfmagie bezeichnen, aber manche Frontarbeiter verwenden dabei – sinnbildlich – nicht die Waffen der Kampfmagie, sondern arbeiten lieber selbst als in den anderen Welten aktive, lebendige Waffe. Das kann je nach Krafttier und Verbündeten extrem potente Formen annehmen und man hat auch schon von Leuten gehört, in denen dieser Waffeneffekt im Diesseits manifest wird. Der Frontarbeiter ist ein Trancespezialist. Er sollte sich in den anderen Welten hervorragend orientieren können – und zwar auch ohne Hilfe von Verbündeten. Vor allem aber sollte er keine Angst haben, diese Dinge zu tun bzw. fähig sein, diese Angst zu überwinden und der Berufung zu folgen, die ihn initiiert hat.

Natürlich gibt es noch andere Gattungen und Exoten im großen Pool des Schamanismus, z. B. Mischformen wie die Angehörigen anderer, klarer definierter Traditionen, die erfolgreich schamanische Techniken in ihrer Magie und Arbeit verwenden (und im Idealfall darauf verzichten, sich dann Schamane zu nennen *g*).

Nochmal kurz zu den Begriffen, die mir oben Kopfschmerzen bereitet haben. Ich hab nichts gegen Chakren und Edelsteine, aber bitte mach nichts Schamanisches daraus.


Richard Chao


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