Schamanismus in der Postmoderne   Teil II

Seit einiger Zeit boomt der Schamanismus (schon wieder?) in der Esoterikszene, und er taucht auch auf dem Markt der alternativen Heilmethoden immer öfters auf. In einschlägigen Zeitschriften stehen Anzeigen, in denen Reisen zu echten Schamanen in Peru, Nordamerika oder sonst wo hin angeboten werden, gekoppelt mit Versprechen von Heilung, Sinnfindung und Spiritualität.

Spuren in unserer Kultur

Zur Zeit der Christianisierung und Inquisition im Mittelalter und der frühen Neuzeit wurde das, was man weitestgehend als „mitteleuropäischen Schamanismus“ hätte bezeichnen können, vollkommen ausgerottet oder christlich umgedeutet. Dazu gehören die „Hagazussas“, die man heute als Hexen bezeichnen würde und die Seidrleute in den skandinavischen Ländern. Zwar streiten sich die Ethnologen heute noch, was eine „Hagazussa“ ist, aber die Bedeutung des Wortes an sich ist „ein Wesen, das auf/in der Hecke sitzt“. Schreibt man Hagazussa in Runenschrift, erschließen sich noch ganz andere Hintergründe:


Hagazussa

Die mittlere Rune z habe ich bewusst hervorgehoben. Diese Rune wird in der germanischen Mythologie mit dem Weltenbaum assoziiert. Und genau hier kann man einhaken, ich darf auf den Anfang des Artikels hinweisen, wo der Weltenbaum, der in vielen schamanischen Kulturen vorkommt, erwähnt wird. Betrachtet man die anderen Runen, insbesondere h und s (Vorsicht! Mit dem braunen Müll, den die Nazis mit dieser Rune veranstaltet haben, möchte ich hier gar nichts zu tun haben!), dann stellt man fest, daß man das Wort Hagazussa mit „Geschehen um den Weltenbaum“ umschreiben kann. Mein ausdrücklicher Dank geht hier an Christian Rätsch, von dem ich diese Überlegungen in einem Vortrag und einem Buch von ihm mitbekommen habe.[1] Die Hecke war früher der Bereich zwischen dem Dorf und der „wilden“ Welt draußen. In letzterer, den Wäldern, waren die Geister nach der alten Vorstellung. Jemand, der „auf der Hecke sitzt“, ist in der Lage, gleichzeitig in beide Welten, die der „zivilisierten“ Welt der Menschen und der „wilden“ Welt der Geister zu schauen und somit auch zwischen beiden zu vermitteln – eine klassische Aufgabe des „typischen“ Schamanen.

Betrachtet man die Quellen, in denen den Hexen der berühmt-berüchtigte Ritt auf dem Besenstiel, die Verwendung von Hexensalben zum Erreichen desselben und der Verkehr mit Dämonen zur Last gelegt wird, dann fällt auf, daß es, wenn man mal die christlich eingefärbte „Berichterstattung“ wegnimmt, recht große Ähnlichkeiten zur klassischen Schamanenreise gibt. In beiden Fällen fliegt die Seele in andere Welten, kontaktiert dort Geister und arbeitet auf die eine oder andere Weise mit ihnen (zu erwähnen sei noch der „Familiar“ einer Hexe, meist eine Katze, Kröte, Schlange oder ähnliches, und das „Krafttier“ der Schamanen).

Gehen wir weiter nach Norden, dann begegnet uns eine Zauberei, die in der Edda und anderen Quellen als „Seidr“ bezeichnet wird. Auch wenn Etymologen das abstreiten, wird „Seidr“ meistens mit „Sieden“ übersetzt. Nimmt man nun das tungusische Wort „shaman“, und von dort kommt die Bezeichnung „Schamane“ her, dann stellt man fest, daß auch das mit „verzückt sein, mit Hitze arbeiten“ übersetzt wird. Beides, Seidr und Shaman, beschreibt damit im Grunde dasselbe. Zwar hat Seidr immer auch den Beigeschmack von etwas Verruchtem, Bösen gehabt, was aber erstens auf christliche Einflüsse zurückzuführen ist und zweitens auch nicht vollständig von der Hand zu weisen ist – auch im indigenem Schamanismus wird handfest gehext. Typisches Beispiel: die südamerikanischen Stämme mit ihren Geisterpfeilen, die Schamanen, die sich nicht grün sind, aufeinander abschießen.

Betrachtet man die Gestalt des Odin, dann fallen auch hier sehr schamanische Züge auf. Er erfuhr seine Initiation durch die schon erwähnten 9 Nächte am Weltenbaum, die Göttin Freyja brachte ihm Seidr bei, und er ist ein unermüdlicher Wanderer und Sucher nach Weisheit und Wissen. Oft wird er einäugig und mit einem breitkrempigem Schlapphut auf dem Kopf beschrieben, meine persönliche Vermutung liegt darin, daß hier auf eine Einengung der „weltlichen“ Sicht zugunsten der Schau in der Geisterwelt verwiesen wird – viele sibirische Schamanen haben Fransen an ihrem Kopfschmuck, die die Augen verdecken und so die Trance durch Irritation und sensorischen Deprivation fördern. In einigen Geschichten liegt Odin auch wie tot da, während sein Geist in Form einer Schlange oder eines Adler „reist“. Auch seine Wölfe und Raben verweisen auf helfende Tiergeister. Odin wird außerdem „der große Zauberer“ genannt und taugt meines Erachtens durchaus als Vorbild für einen mitteleuropäischen Schamanismus.

In den keltischen Sagen und Märchen wird oft von Trollen, Elfen und Kobolden erzählt. Sie sind ein Äquivalent zu den Geistern der Natur, mit denen der Schamane allgemein umgeht, es sind nur andere Namen. Auch hier gab es Leute, die mit diesen Wesenheiten in Kontakt treten und sich mit ihnen austauschen konnten. In Island gibt es z.B. heute noch „Elfenbeauftragte“, deren Beruf absolut ernst genommen wird. Möchte jemand ein Haus bauen, dann kontaktiert er eine solche Person, die dann überprüft, ob auf dem fraglichen Baugebiet Leute vom „schönen Volk“ oder „kleinem Volk“ wohnen und verhandelt mit denen. Es steht für die Isländer fest, daß es Unglück bringt, ein Haus einfach auf ein „Elfengrundstück“ zu bauen, ohne sich vorher mit denen arrangiert zu haben.

Noch weiter im Norden trifft man das Volk der Sami an. Deren Schamanen, die Noaidi, arbeiteten sehr viel mit der Trommel, deren Haut mit typischen Zeichen der schamanischen Kosmologie bemalt war. Zum Beispiel sah der Noaidi die Zukunft aus der Trommel, indem er einen kleinen Gegenstand auf deren Zentrum legte und sie dann schlug. Je nachdem, wie der Gegenstand („Frosch“) sich durch die Vibrationen über die verschiedenen Zeichen bewegte, so fiel die Antwort auf die gestellte Frage aus. Das Divinieren mit der Trommel war übrigens nicht nur den Schamanen vorbehalten, sondern auch Volksbrauchtum. Aus meiner Sicht gibt es Ähnlichkeiten in der „germanischen“ (in Sinne der skandinavischen) und samischen Mythologie, und ich persönlich vermute, daß der Seidr und das Arbeiten der Noaidi in einigen Punkten recht ähnlich war. Auch hier hat leider die Missionierung ganze Arbeit geleistet – viele Trommeln wurden verbrannt, und wenn es dort noch Noaidi gibt, so sind die überwiegend in den Untergrund gegangen.

Wozu dieser Exkurs? Weil dadurch klar wird, daß es auch in unseren Breiten „Schamanismus“ gab, nur nannte man das anders. Und jetzt kehren wir zum Anfang des Artikels zurück. Mit Hilfe der von Michael Harner vermittelten Basistechniken kann man diese alten Quellen sehr schön erforschen und in die schamanische Arbeit integrieren. Das gilt auch für die grundsätzlichen Heiltechniken, die ja auch weiter oben angeführt wurden. Das Problem ist, daß dieser „Neoschamanismus“ bis heute nicht richtig ernst genommen wird. Entweder steckt man ihn in die Esoterikecke oder verweist auf anerkannte indigene Schamanen, die als authentisch gelten. Es wird hier eines vergessen: initiieren tun den Schamanen letzten Endes die Geister. Das gilt in den indigenen Kulturen, und das gilt auch für hiesige Leute mit einer schamanischen Begabung. Den Geistern ist es egal, ob der Beruf Schamane sozial anerkannt ist oder nicht. Ich hoffe, mit diesem Artikel ein wenig beigetragen zu haben, daß diese Zunft langsam mal ernst genommen wird.


[1] Gemeint sind hier ein Vortrag im Mai 2007 bei Natura Naturans und sein Buch „Der Heilige Hain“


Road Man


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