Going native Seidr – ursprünglicher seiðmaðr werden   Teil III

Runic John hat Anufa einen Artikel fürs WurzelWerk gespendet, der vor einiger Zeit im Magazin „Kindred Spirit“ veröffentlicht wurde. Er sieht sich selbst als englischen Schamanen und lässt uns an seinem Weltbild teilhaben. Vielen herzlichen Dank dafür, dass Anufa seine Gedanken übersetzen durfte!!

Wenn ihr mit Schamanismus vertraut seid, dann werdet ihr wissen, dass dieser Begriff vom Wort „Saman“ abstammt, das ein Wort aus dem Tunguskischen ist (die Tungusken sind ein Sibirisches Volk) und „kochen oder sieden“ bedeutet. Heute wurde es von Anthropologen geprägt und wird als Überbegriff verwendet um eine Person zu beschreiben, die in verändertem Bewusstseinszustand arbeitet und die Fähigkeit hat die physische Welt zu überschreiten und die verborgenen Welten des Geistes zu betreten. Möge das sowohl tatsächliche Reisen zur Geistwelt beinhalten als auch das Manipulieren von einzelnen Aspekten der Geistwelt in verändertem Bewusstseinszustand.

Seidr selbst ist also ein altes Wort, dessen genaue Bedeutung in den Nebeln der Zeit verloren gegangen ist. An dem einen oder anderen Punkt kann es durchaus auch „Magie“ oder „Zauberei“ geheißen haben, und es mag sicherlich von der alten in die neue Sprache öfters auch als „Hexerei“ übersetzt worden sein. Eine Benennung für diejenigen auf dem Weg des Schamanen, von denen die mit dem Finger nach ihnen zeigen und Beschlüsse fassen, dass die alten Götter jetzt die neuen Teufel wären. Zu einer anderen Zeit mag es aber auch „sieden oder kochen“ geheißen haben, genauso wie es das bei den tunguskischen Cousins tut. Was die Natur dieses Siedens oder Kochens gewesen ist, das können wir nur raten. Vielleicht ist es das Sieden der Kraft tief in unserem inneren Selbst sobald wir inspiriert sind. Vielleicht ist dieses Kochen eine Kraftpflanze, ein heiliges Kraut aus dem Norden oder eine Kräutermixtur um die Seele vom Fleisch zu befreien und ihr einen Ritt über den großen Baum zu ermöglichen. Vielleicht ist es das Zittern des Körpers, das oft auftaucht, wenn die Seele zwischen den Welten fliegt. Oder vielleicht ist es eine Mischung aus all dem oder aus keinem davon, andere Zeiten und andere Orte.

Indem wir Seidr praktizieren haben wir gelernt diese  physische, uns bekannte Welt zu verlassen und zu den inneren Welten des Geistes zu reisen. Wir lernen uns auf die verborgenen Schwingungen der Anderswelt einzustellen, zu sehen, zu fühlen und diese Gegenden zu erfahren. Gegenden, die immer zugegen sind aber normaler Weise vor unserem Blick verborgen sind. Zuerst werden wir vielleicht feststellen, dass unsere Augen und Glieder Zeit benötigen sich an diese neue Welt anzupassen. Unser Blick mag verschleiert sein und wir stolpern vielleicht oder fallen sogar – aber mit der Zeit lernen wir wieder zu sehen und zu gehen, genauso wie als Neugeborene. Mit der Zeit gewöhnen wir uns an diese neue Welt, diese Gegend der zahllosen Möglichkeiten. Nun sehen wir mit den Augen des Adlers und haben die Beine des Rehs. Wir riechen die Düfte des Waldes genauso wie ein Hund das kann und genauso wie der Glänzende lernen wir zu hören, wie die Wolle auf dem Rücken des Schafes wächst.


Der Weltenbaum

Wie in jeder schamanischen Tradition auf der ganzen Welt, Seidr hat einen eigenen Weg das Universum und alles in ihm zu verstehen. Ein Weg, der ganz speziell räsoniert und der sich tagtäglich in der Landschaft, im Wetter, in den Tieren und Menschen des Nordens zu Wirklichkeit geworden.

Im Zentrum aller Dinge steht der große Weltenbaum Yggdrasil, eine uralte Eibe, dessen Umfang größer ist als das Auge sehen kann und dessen Zweige bis ins Reich der Götter selbst wachsen. Tief in einem alten Eibenhain gewachsen, ist der Weltenbaum der Eingang zu allen anderen Welten, durch den jede(r)  Seidrman oder –frau gehen muss. Zwischen den Wurzeln und Zweigen dieses besonders alten Baumes ruht die ganze Schöpfung, in der es alles in allem neun Welten gibt.

Im Zentrum des großen Baumes ist die Welt, die wir als unsere eigene kennen, das materielle Gebiet von Midgard, das mittlere Gebiet. Von hier aus beginnt unsere Reise und hierher kommen wir auch immer wieder zurück, bis zu jenem Schicksalstag der irgendwann auf uns alle wartet. An diesem überqueren wir die Grenze ein letztes Mal, wen wir selber zu Ahnen werden. Midgard ist unsere alltägliche Welt, der Ort an dem sich alle Kräfte und Echos, aus der Geistwelt manifestieren und denen hier physischer Ausdruck verliehen wird.

Unter Midgard liegt das Gebiet der Zwerge, Swartalfheim, Heimat der Zwerge: eine dunkle Gegend innerhalb der Erde. Die Zwerge sind von kleiner Statur aber sowohl stark an Kraft als auch an kreativem Können, große Schmiede und Handwerker mit Metall, Kristall und all den kostbaren Erzen und Juwelen, die sich in der Erde finden. Die Götter haben von ihnen ihre größten Schätze erhalten und in ihr Gebiet reisen wir um unser magisches Selbst zu sehen und die unterirdischen magischen Künste zu lernen.

Unter der Heimat der Zwerge liegt Helheim, das Heim von Hella, das Gebiet der ahnen und die Heimat der Ahnengöttin Hella. Die ungesundeste Welt von allen, Helheim, ist der Ort, der unverdienter Weise die Basis für die christliche Hölle geworden ist. Aber weit entfernt davon eine Welt der Qual und des Schmerzes zu sein, ist Helheim ein Platz der Gelassenheit und großer Schönheit. Das ist der Ort an dem die meisten derer glücklich und in Freude wohnen, die diesen Erdkreis verlassen haben. Sie treffen ihre Familien wieder und leben in vieler Hinsicht so, wie sie es hier auf der Erde getan haben, vielleicht aber mit einem noch organischerem Gefühl! Helheim ist ein weites und unendliches Gebiet. Die meisten Leute treten ein und leben auf den äußersten Ebenen. Seidrleute gehen tiefer hinein, als die meisten anderen menschlichen Wesen es sich vorstellen können oder als sie es nötig hätten. Nach Helheim reisen wir um Rat von unseren Ahnen zu suchen und dorthin reisen wir auch, wenn wir die Seele heilen, denn genau dort ist es, wo die verlorenen Seelen sich am öftesten aufhalten.

Wenn wir uns weiter den Baum hoch bewegen, kommen wir nach Alfheim, das Heim der Lichtelben, der Ort auf dem Weltenbaum über Midgard liegt. Die Lichtelben sind Wesen aus Licht, die Cousins der Zwerge, die unter der Erde wohnen. Ihnen gehört das Gebiet, das wahrlich die Welt der Zwerge kontrastiert. Ein Gebiet des Lichts, der Schönheit, der großen Ebenen, Täler und Wälder und manchmal sogar der Plätze, die aus nichts als Licht gemacht sind. Die Lichtelben sind Lehrer und Heiler und viele von ihnen waren einmal große Lehrer auf der Erde, die als sie auf die andere Seite wechselten beschlossen haben, zu bleiben und ihre Angehörigen zu leiten. Vielleicht seid ihr mit ihnen vertraut, ohne es selbst zu wissen und heute sind sie oftmals als Engel, Aufgestiegene oder Lichtwesen bekannt.

Über Alfheim, auf den obersten Zweigen des Weltenbaums, liegt das Gebiet von Asgard, die Heimat der Asen. Hier halten sich die Asen und Vanen auf, die zwei großen Stämme aus denen sich die Götter und Göttinnen des Nordländer zusammensetzen. Beide haben ihr eigenes Land und eigene Halle (oder Hallen in einigen Fällen) wo sie sich aufhalten. Asgard ist ein heiliger Platz, ein Platz großer Macht, und genauso wie Helheim, an den Wurzeln des Baumes ein unendliches Gebiet. Von hier aus reisen die Götter selbst über den großen Baum, oft besuchen sie Midgard um ihre Leute zu führen und zu leiten. Und hier bekommen die Seidrleute auch die mächtigste Führung und tiefste Transformation.

Rund um Midgard liegen noch vier andere Welten, deren Kräfte und Mächte ständig Einfluss auf die materielle Ebene nehmen und so direkt alles Leben auf der Erde beeinflussen. Im Norden findet sich die eis- und schneebedeckte Gegend von Nifelheim, die Heimat von Nebel und Eis. Im Süden liegt Muspelheim, das Heim der Muspelli, eine Welt der wütenden Feuer und Flammen. Im Westen liegt die grüne und bewaldete Gegend von Vanaheim, die ursprüngliche Heimat der Vanen, Götter und Göttinnen des Waldes, der Erde und des Meeres. Im Osten liegt Jotunheim, die Heimat der Riesen.

Unserer physischen Welt, Midgard, zugrunde liegend ist ein Platz, bekannt als „inneres Midgard“, was eine Gegend ist, die sehr nahe an der materiellen Ebene liegt. Er ist eine Art innere Reflektion der zugrunde liegenden spirituellen Realität, die ebenfalls auf unserer Erde manifestiert wird. Das innere Midgard ist der Schwellenbereich zwischen den Welten. Es gehört sowohl zu dieser als auch zur Anderswelt und tatsächlich beginnen alle unsere Reisen hier.


Wie man es anstellt

Wie alle schamanischen Traditionen auf der ganzen Welt, ist Seidr ein Weg der Macht, des Wissens und der Heilung. Ob ihr nun eure Reise für euch selbst beginnt oder mit einem bestimmten Anliegen anderen dienlich zu sein, fraglos werdet ihr herausfinden, dass ihr unter Umständen angehalten seid anderen beizustehen. Als ich noch jünger war, verbrachte ich viel Zeit damit zu Festivals im ganzen Land zu reisen um meine Gemeinschaft zu finden. Nachdem ich sie gefunden hatte, bot ich meine Fähigkeiten im Heilen und Wahrsagen an um denen zu helfen, die das brauchten. Als ich älter wurde, fand ich heraus, dass ich immer weniger Zeit damit verbrachte Heilarbeit zu leisten und mehr Seidr und Galdr zu unterrichten, andere mit diesem alten Weg bekannt zu machen, ihr Gedächtnis aufzurühren, ihnen zu helfen sich zu erinnern und sie zu befähigen selber Seidrleute zu werden. Als Heilungsweg ist die Reise, die Seidr für uns Praktizierende mit sich bringt sowohl persönlich lebenserschütternd als auch lebensaufbauend. Es zerstört unsere Illusionen über uns selbst, wer wir wären, wer wir glauben zu sein und zeigen uns wer wir wirklich sind. Sie baut unsere Seele wieder auf und macht uns in diesem Prozess wieder ganz. In vielfacher Weise könnte man sagen, dass ich heile indem ich anderen beibringe zu heilen!

Der Weg des Seidr ist nicht immer der einfachste Weg. Es ist kein Weg des „Hinsetzens und für sich machen lassen“ noch ist es ein Weg, der auf der Servierplatte gereicht wird. Seidr ist ein Weg, der Kraft und Fokus erfordert, Hingabe und Absicht. Es ist ein Weg des Tuns, ein Weg der nicht nur gelesen werden kann. Es ist ein Weg, der erfahren werden muss, damit wir wissen können um zu verstehen. Für mich, einen Heiden, bis ins Mark meiner Knochen, ist Seidr, gemeinsam mit Galdr, mehr ein Lebensweg, ein Seinsweg, ein Weg des Tuns. Denn, als Seidrleute, sagen wir nicht, dass wir „glauben“. Wir waren selber dort und deshalb wissen wir!


Runic John


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