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Going native Seidr – ursprünglicher seiðmaðr werden   Teil II

Runic John hat Anufa einen Artikel fürs WurzelWerk gespendet, der vor einiger Zeit im Magazin „Kindred Spirit“ veröffentlicht wurde. Er sieht sich selbst als englischen Schamanen und lässt uns an seinem Weltbild teilhaben. Vielen herzlichen Dank dafür, dass Anufa seine Gedanken übersetzen durfte!!

Wyrd beschrieben

Bevor ich fortfahre, will ich mich vorstellen, mein Name ist John; heut´ zu Tage bin ich bei den meisten Leuten als Runic John bekannt. Ich lebe im Rossendale Tal, tief in den Hügeln von Nordengland. Als ich rund zwölf Jahre alt war, hatte ich einige Wyrd-Erlebnisse, durch die meine Ahnen mich riefen, dem Pfad meiner Vorfahren zu folgen. Sie sagten mir, in ihren eigenen Worten: „In you is the knowledge of your forefathers, which you came to make live twice.” In diesen jungen Jahren hatte ich keine Ahnung, was das heißen sollte und in meiner kindlichen Unschuld hatte ich keine Idee davon, wie sehr dieser Ruf und diese Worte Einfluss auf mein Leben nehmen würden. Denn in diesen Worten war mein Orlog (die erste Schicht, die Lebensweg und Bestimmung angibt) geschrieben und die Kräfte des Wyrd (Schicksal) haben mich seitdem dieser Bestimmung folgend geleitet.

Über die Jahre befinde ich mich auf einem spirituellen, magischen und schamanischen Weg, der seine Wurzeln in die Zeiten der frühesten, primitive Siedler Nordeuropas zurück verfolgt, zurück bis zur Besiedlung Englands durch die Angeln, Saxen und Juten und die spätere Invasion der Nordmänner und Skandinavischen Völker. Gemeinschaftlich sind diese Menschen heute als die “Germanen” bekannt und schließen Leute aus Deutschland, Island, Dänemark, Skandinavien und natürlich aus England mit ein. Ich persönlich kenne sie sowohl als die Ahnen, die mich als Kind gerufen haben als auch als die Nördlichen Stämme. Denn, bevor das Christentum kam, hatten die Nördlichen Stämme, gemeinsam mit ursprünglichen Stammesgesellschaften auf der ganzen Welt, eine ununterbrochene spirtuelle, magische und schamanische Tradition, die bis zu den frühesten Siedlern in Europa zurück zu verfolgen ist. Vielleicht sogar zurück bis zu den ersten menschlichen Wesen, die in unserer Tradition aus zwei Bäumen geschnitzt waren und Askr und Embla genannt warden; Esche und Ulme. Heute ist dieser spirituelle Pfad bekannt als “Nördliche Tradition” oder in England spezifischer als “Heidentum”-

Heidentum ist ein alter Weg, es ist ein Weg der Leute, die auf der Heide wohnten, auf den Mooren. Das ist der ursprüngliche heidnische Weg Nordeuropas, obwohl wir heute eher bevorzugt unsere eigenen ursprünglichen Worte für “Heiden” (Heathen) verwenden, um zu beschreiben wer und was wir sind, im  Unterschied zu “Heiden” (Pagans) die sich aus dem Lateinischen herleiten. Heidentum ist ein alter Weg. Es ist der Weg der Menschen, die hier auf diesem Land lebten und es ist der Weg der “wights” (Geister des Landes) und der Wesen, die auf und im Land umherstreifen.  Es ist ein Weg mit vielen Teilen und jede Person nähert sich ihm auf ihre eigene individuelle Art. Es gibt keine gottgegebenen Gesetze oder Regeln, keine heiligen Bücher die vorschreiben, dass Dinge auf die eine oder andere Weise zu erledigen wären und es gibt keine Priester, die Dir dabei helfen, Deine Sünden zu bereuen. De facto gibt es nicht einmal so etwas wie Sünden! Heidentum ist ein Pfad des Tuns und des Seins. Es ist ein persönlicher Weg der Beziehung zu Göttern und Göttinnen und den Geistern des Nordens, ganz allein Dein eigener Weg auf Deine eigene Art und Weise.

Aus magischer und schamanischer Sicht, gibt es zwei Hauptpraktiken im Heidentum. Die erste ist Galdr (ausgesprochen Galdor) durch das wir in vielen unterschiedlichen Arten mit den verborgenen Kräften arbeiten, die der Realität zu Grunde liegen und durch die Runen, magische Symbole weitergereicht von unseren Ahnen durch die Nebel der Zeit, verkörpert werden. Durch Runenlieder und Chants, Hochsitz und Anrufungen, durch Schnitzen und Senden von Runen lernen wir, die Struktur der Realität selbst zu verändern und umzukehren, sie nach unserem Willen zu biegen und nach unserer Absicht zu formen. Galdr ist wirklich machtvolle Magie. Magie, die obwohl sie für sich allein zu stehen im Stand ist erst durch die Praxis des Seidr (ausgesprochen “Seth”), dem schamanischen Weg des Heidentums, rund gemacht wird.


Der Weg des Seidr

Als ich erstmalig zum schamanischen Pfad kam, da war das nichts, worüber ich groß nachgedacht hatte, es gab keine großen persönlichen Entscheidungen, die ich bewusst getroffen hätte ein Seidrmann zu sein. Tatsächlich wusste ich nicht einmal, dass dieser Begriff existierte, nicht einmal dran zu denken, dass ich fünfzehn Jahre später genau das werden sollte. Wenn ich zurück blicke, dann sieht es so aus, als ob das alles für mich entschieden worden wäre. Mehr noch, nachdem ich einmal auf diesen Weg gerufen worden war, führte mich jede Sache die geschah immer tiefer ins Wissen und in ein Verständnis meiner eigenen Tradition. Es war als ob dieser Ruf meiner Ahnen eine Art Katalysator für Veränderungen in meinem Leben geworden ist, der eine deutliche Anzahl an Ereignissen innerhalb meines Wyrd angstoßen hat, die mich dahin geführt haben, wo ich heute bin, fast 30 Jahre später.

Zu dieser lang vergangenen Zeit gab es kein Internet, mit dem man recherchieren oder Wissen und Erfahrungen teilen konnte. Rund um dieses Thema gab es sehr wenige Bücher und im Norden von England gab es in den späten Siebzigern definitiv keine anderen Leute, die so verrücktes Zeug machten (und sofern sie das taten, dann hätten sie sicherlich nichts davon in die Öffentlichkeit posaunt!). Sogar, wenn ich mich selbst dabei ertappte, abzuschweifen und mit anderen Traditionen zu arbeiten oder sie zu studieren, dann bemerkte ich immer, dass das eine Kreisbewegung war, die mich wieder einmal auf meinen eigenen Weg zurückgebracht hatte.

Obwohl es weitreichende geschriebene Belege gibt, die Seidr entweder namentlich erwähnen oder sich auf Seidr in irgendeiner Form, wie Volkskunde, Volkspraxis, Märchen, Mythologie etc beziehen, ist viel des Wissens darüber, wie Seidr tatsächlich praktiziert worden ist, in den Tiefen der Zeit verloren gegangen. Deshalb ist der Weg des Seidrmannes alles zusammengefasst absolut kein einfacher. Der Notwendigkeit folgend war es ein Unternehmen, das an die Quellen zurückführte, des Lernens sowohl von der äußeren Welt der Menschen als auch von den übergebliebenen Geschichten und Märchen die Seidr erwähnen. Dann wurde dieses äußere Wissen durch Reisen in die Anderswelt und direktes Lernen von den Göttern, den Wesen des Landes und den Ahnen selbst erweitert. Viele Jahre verwendete ich, um einen anderen Begriff zu verwenden, „nördlicher Schamanismus“ um das zu beschreiben, was ich tat. Es war erst da, während ich in der Geistwelt war, als Woden (Gott der Weisheit, der Runen etc) mir sagte, dass ich Seidr praktizierte und ich ein Seidrmann wäre, wo ich selbst den Begriff erstmals hörte. Heute sind die Dinge völlig anders und ich persönlich fühle, dass sich das Rad ein weiteres Mal gedreht hat. Die alten Wege des Nordens fangen zweifellos an zurück zu kommen oder, um es genauer zu formulieren, dass die Menschen anfangen sich zu „erinnern“.


Fotos: © Runic John


Ende Teil II


Runic John


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