Going native Seidr – ursprünglicher seiðmaðr werden   Teil I

Runic John hat Anufa einen Artikel fürs WurzelWerk gespendet, der vor einiger Zeit im Magazin „Kindred Spirit“ veröffentlicht wurde. Er sieht sich selbst als englischen Schamanen und lässt uns an seinem Weltbild teilhaben. Vielen herzlichen Dank dafür, dass Anufa seine Gedanken übersetzen durfte!!

Über den Weg des Seidhr habe ich, als ich erstmalig den schamanischen Weg beschritten habe, eigentlich kaum nachgedacht. Es gab keine persönlichen Entscheidungen, die ich bewusst getroffen hätte, ein seiðmaðr (englischer/nordeuropäischer Schamane) zu werden. Tatsächlich wusste ich nicht einmal, dass dafür einen Begriff gab, nicht einmal daran zu denken, dass ich fünfzehn Jahre später, einer werden würde.  Wenn ich zurück blicke, dann schaut es so aus, als ob das alles für mich entschieden worden wäre. Ja mehr noch, nachdem ich einmal auf den Pfad gerufen worden war, brachte mich alles, was passierte zu breiterem Wissen und besserem Verständnis meiner eigenen Tradition. Es war als ob der Ruf meiner Ahnen einen Art Katalysator wurde, der mein Leben veränderte, in meinem Wyrd eine Menge an Ereignissen in Gang setzte, die mich an den Platz brachten, an dem ich heute, fast dreißig Jahre später, stehe.


Ursprünglich werden

Der englisch/nordeuropäische schamanische Weg, genannt Seidhr, ist auf den Britischen Inseln lebendig und gesund. Runic John gibt uns eine Einführung in diese mystische und kraftvolle Tradition.

Cold the wind that blows over the Northern moors, but colder still the wind that blows from the depths of Nifelheim. Of ice and snow and mist is born, dancing upon bare flesh like burning razors, searing cuts of frost deep to the bone.

Cold the wind that blows from the Northern moors, but colder still that winter’s day when wyrd’s web twisted round soul shards whole and orlog unknowingly laid down to rest before eyes unaware.


Lernen sich zu erinnern

Seidhr ist ein uralter Weg, ein windgepeitschter uralter Pfad im Moor, ein „bis ins Mark“ tiefgründiger Pfad. Ein Weg, der mit den Stimmen der Alten singt und ein Weg, der das Gewebe entwirrt. Ein Weg, der unsere Kraft nach Hause bringt und jedem einzelnen von uns erlaubt, die Spinne zu werden; zu lernen aufzutrennen und das Netz des Lebens für uns selber zu weben.
Seidhr zu praktizieren heißt zu sieden, die Hitze zu fühlen, die ins Fleisch und in die Knochen steigt. Das heißt, das Selbst, das wirkliche Selbst, von diesem Ort des Berührens und Fühlens zu befreien, die materielle Welt zu verlassen und den „Nicht-Raum“ zu betreten, den unsichtbaren Ort, die nicht betretbare Welt. Diese Grenze wird vom Feenstein oder dem Elfentor für all jene verschlossen, die nicht Seidhrvolk sind. Seidhr zu praktizieren heißt, den oft bereisten aber selten gesehenen Wald zu betreten. Die Rinde zu berühren, die raue Baumhaut, die Erde, der Mutter Fleisch, zu riechen, die anderen Selbste aus der unergründlichen Tiefe zu rufen und sich in den Zweigen und Blättern zu verstricken; Eber, Bär, Wolf, Pferd, Hirsch, Rabe. Neugefundenen Füße tief in weiche Erde zu pflanzen, ihr moschusgeschwängertes Parfüme einzuatmen, diesem ausgetretenen Pfad zu folgen, die Sonne zu fühlen, wie sie durch das Blätterdach bricht und strahlende Küsse willkommener Wärme für steinkalte Haut bringt.
Das große Rentier zu reiten, die Bäume Schritt für Schritt altern zu sehen und am Rande des uralten Baumkreises zu stehen und ob des Umfanges des großen Baumes, des alten Baumes, des Weltenbaumes, nach Luft zu schnappen. Seidhr zu praktizieren ist mit Rentiertrommeln zu  hüpfen und über in Märchen vergessene Pilze zurück zu springen, zu rot und weiß gesprenkelten Grund, wo Hufe knapp am Abrutschen, dich näher ans Tor zwischen den Welten tragen. Während ich stehe und in das Unten starre, das Ungesehene, den verlorenen Ort, den gefundenen Ort, in die Dunkelheit, wo das Kernholz des großen Baumes einst war, heißt es, einen Schritt jenseits dieser Welt des Standhaltens, des Fühlens und Berührens, des Bleibens und Fallens zu wagen. Sich in diese innere Dunkelheit zu bewegen, das Herz zu betreten, das Zentrum des Herzbluts dieses uralten Baumes, innen drinnen zu sein und am Rand zu stehen, am Rande von allem, am Rande der Welt, am Rande der Welten. Von hier reisen wir tief in die verborgene Nacht. Von hier reiten wir das Lied des Rentieres hoch hinauf in die Zweige und Blätter oder tief hinunter in die Wurzeln und die Erde. Das ist der Weg des Seidhr.


 
© Runic John

Den Weg nach Hause finden

Stellt euch vor, jemand bittet euch einen „schamanischen“ Weg zu benennen. Was wäre das erste, was euch in den Kopf springen würde? Der Weg der amerikanischen Ureinwohner? Sibieren? Inuit? Koreanische Schamanen? Vielleicht sogar keltisch? Was auch immer ihr antwortet, ich wette, dass es, zu einer recht hohen Wahrscheinlichkeit, nicht „der englische schamanische Weg“ sein wird. Das ist verständlich: exotische Kulturen und Völker sind unglaublich interessant. Als Einzelwesen fühlen wir uns zu ihnen hingezogen: sie scheinen irgendwie irgendetwas zu besitzen, das wir verloren haben; heller zu sein; interessanter zu sein; tief in der verborgenen, mystischen und verlockenden Vergangenheit verwurzelt zu sein.
Im kalten und wilden Norden von England, wo ich geboren, auch aufgewachsen bin und immer noch lebe, scheinen für viele Menschen die Termine der Feiertage das wichtigste in ihrem Leben zu sein: Flucht, ein Ausweg an fremde Ufer, Entspannung, Entlastung, Wiederaufladen der Batterien, dann das Zurückkommen, bereit der alltägliche Mühle des Lebens wieder zu begegnen. Während langer Zeit haben wir die Traditionen anderer Völker aus unbekannten Ländern und Kulturen von der ganzen Erde geteilt; einige wurden uns in einer tiefempfundenen Einstellung des Teilens geschenkt, andere wurden ohne Gedanken an ein Wenn und Aber oder woher oder von wem sie kamen, einfach mitgenommen. Als ich noch viel jünger war, verbrachte ich auch viel Zeit damit, die vielen faszinierenden Kulturen und inspirierenden Traditionen aus der ganzen Welt zu studieren. Dadurch schloss ich viele lebenslange Freundschaften und ich lernte sehr viel dadurch; das wichtigste war das kristallklare Bewusstsein, dass ich niemals etwas anderes sein würde und auch nicht könnte, als das was ich schon bin.


Ende Teil I


Runic John


«Shaman´s View»:   Articles in English
Schamanöser Beipackzettel 29.04.2017
Mein Murmelgleichnis zum Thema Seelenverlust – oder warum es wichtig ist, seine Murmeln beisammen zu haben 19.03.2017
Die schamanische Praxis ist notwendige spirituelle Selbstermächtigung 21.01.2017
Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa - Teil III 26.06.2016
Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa - Teil II 11.06.2016
Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa - Teil I 28.05.2016
Moderner europäischer Schamanismus - Teil II 07.05.2016
Moderner europäischer Schamanismus - Teil I 16.04.2016
Hausverstand und spirituelle Aneignung 06.02.2016
Der Krieger! Welcher Krieger? 14.11.2015
Schamanismus im Alten Ägypten 02.05.2015
Wie fange ich an … 04.04.2015
Dienst an der Schöpfung – ein Märchen 28.02.2015
Für Ailo Gaup - Gedanken über das Leben und Sterben aus schamanischer Sicht 29.11.2014
Nagas – Die Fruchtbarkeit des Wassers und der Erde 09.08.2014
Der Walpurgisbockl oder Die Wana in der Oberpfalz 24.05.2014
Vom großen "Danach" - Teil II 15.03.2014
Vom großen "Danach" - Teil I 15.02.2014
Aller Anfang ist manchmal schwer - Teil II 04.01.2014
Aller Anfang ist manchmal schwer - Teil I 21.12.2013
Frontschamanismus 17.08.2013
Du kommst hier ned rein 08.06.2013
Schamanismus in der Postmoderne - Teil III 17.11.2012
Schamanismus in der Postmoderne - Teil II 13.10.2012
Schamanismus in der Postmoderne - Teil I 11.08.2012
Going native Seidr – ursprünglicher seiðmaðr werden - Teil III 10.03.2012
Going native Seidr – ursprünglicher seiðmaðr werden - Teil II 24.12.2011
Going native Seidr – ursprünglicher seiðmaðr werden - Teil I 20.08.2011
Schicksalsfäden durchtrennen und Planetenkräfte befrieden 20.11.2010
Schamanenkraft 02.10.2010
Schamanische Seelentherapie 24.07.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil VI 22.05.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil V 01.05.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil IV 10.04.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil III 03.04.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil II 20.03.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil I 16.01.2010
Grundsätzliches zum schamanischen Reisen 10.10.2009
Meine Arbeit mit einem traditionellen Kam - Teil III 04.07.2009
Meine Arbeit mit einem traditionellen Kam - Teil II 13.06.2009
Meine Arbeit mit einem traditionellen Kam - Teil I 07.06.2009
Meines? Deines? oder Wer hat´s erfunden? 22.03.2009
Walking the Red Road: Respekt, Demut, Ehre - Teil II 03.01.2009
Walking the Red Road: Respekt, Demut, Ehre - Teil I 27.12.2008
Hilfe von den Ahnen 23.08.2008
Einige Gedanken zum Schamanismus in Europa - Teil II 17.05.2008
Einige Gedanken zum Schamanismus in Europa - Teil I 10.05.2008
Nachrichten aus Anderswelt - Teil II 05.01.2008
Nachrichten aus Anderswelt - Teil I 29.12.2007
Verbündete 25.08.2007
Initiationsrituale - Teil II 05.05.2007
Initiationsrituale - Teil I 28.04.2007
Ahnen und Ahnenverehrung 10.03.2007
Extraktion 06.01.2007
Die weißen Wurzeln der "Peace Gatherings" 02.09.2006
Die Heilige Schwitzhütte - Teil II 11.03.2006
Die Heilige Schwitzhütte - Teil I 04.03.2006
Der Mensch als Einheit von Himmel und Erde 24.09.2005
Schamanismus - eine ganz persönliche Geschichte 16.10.2004
Die Kraft der magischen Ablehnung 15.05.2004
Interview «Schamanismus» 13.09.2003
Stadtschamane 05.04.2003
Heiden für den Frieden - Teil II 22.03.2003
Was ist ein Itako? 10.08.2002
Zeremonien erfordern Respekt 22.06.2002
Etiketten 18.05.2002
Über Spirits und Visionen 11.05.2002
Traditionell oder eklektisch - meine zwei Cents in den Topf 05.05.2002
Heiden für den Frieden - Teil I 10.09.2001






               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017