Schamanenkraft

Seit Anbeginn der menschlichen Besiedlung unseres Planeten war eine der Hauptanliegen seiner Existenz, die Auseinandersetzung mit der Natur. Bevor Religionen mit ihrer Betonung auf spirituelle Befreiung ins Leben der Menschen traten, lebte er in einer Welt der Magie und magischer Praktiken.

Die Wurzeln dieser Praktiken liegen im Schamanismus und Animismus, deren Ursprünge bis ins Paläolithikum oder sogar bis in die Frühzeit der Menschheit zurückreichen. In ihr sind die Naturphänomene (Berge, Wolken, Blitz, Wasser u.a.) durch eine innewohnende Macht oder mit einer treibenden Kraft beseelt, die es zu befrieden und zu kontrollieren galt.
Innerhalb der menschlichen Gemeinschaften übernahm diese wichtige Aufgabe der Schamane. Ein Schamane ist ein Magier oder auch "Priester", der mittels seiner Energien imstande ist, die von Geistern bewohnte Umwelt zu manipulieren und seine Kräfte zum Wohle seiner Mitmenschen einzusetzen. Er kann auf diese Weise Krankheiten heilen, die Elemente beeinflussen, die Zukunft vorhersagen, eine Seelenbegleitung durchführen, ist Mittler zwischen den Sphären der Götter und Menschen. In seinen Visionen überschreitet der Schamane die Grenzen zwischen seinem inneren Wesen und der äusseren Umwelt - sie sind ganzheitlich und vorrational.


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Schamanisches Universum

Das schamanische Universum wird häufig in drei Bereiche geteilt. Der Himmel als Wohnort der Götter, die Erde als Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen sowie die Unterwelt mit den Erdgeistern, den Nagas und anderen Naturwesenheiten. Im Tantrayana gibt es zwar fünf bis sechs Bereiche, doch ist auch hier eine Dreiteilung zu bemerken. Die Menschen und Tiere bewohnen die Mittelwelt. Götter und Titanen sind in der oberen Welt zu Hause, und die Hungergeister – Pretas genannt – und die Höllenwesen wohnen in der Unterwelt.
Es werden dann noch verschiedene weitere Gliederungen vorgenommen. Da gibt es in der Unterwelt die 18 Höllen, von denen acht heiß sind und wiederum acht kalt. Dann gibt es noch die Eintagsleben-Höllen. Bei den Hungergeistern gibt es auch Unterteilungen. Einerseits findet man Yidag (Preta, Bhuta), die gemeinschaftlich leben und an äußeren, inneren und spezifischen Trübungen leiden. Andererseits gibt es dann noch die Tsen, Gyalpo, Shindre, Jungpo, Mamo, Sadag, Lha und Theurang, alles Wesen, die ein Leben in Schrecken und Halluzination verbringen. Das Tierreich gliedert sich in Tiere, die in der Tiefe leben und in Tiere, die verstreut an verschiedenen Orten leben. Im Reich der Tiere sind nicht nur die uns bekannten Tiere, auch Fabelwesen und schlangenartige Wassergeister, die Nagas, werden dazu gezählt. In der Oberwelt wohnen die Titanen, die ständig mit dem Kampf beschäftigt sind. Der Bereich der Götter wird in eine formhafte und formlose Ebene untergliedert. Die obere Welt ist der Sitz der Götter und wird meistens Himmel, Paradies oder Reines Land genannt. Die untere Welt ist der Sitz der Dämonen und wird daher oft auch als Dunkles Reich, Hölle o.ä. bezeichnet. Das Reich des Sichtbaren ist den Steinen, Pflanzen, Tieren und Menschen vorbehalten. In diesen Bereich können Wesen der oberen und unteren Welt eindringen, und das menschliche Leben durcheinander bringen.
Die Schamanen und Hexen können auf der Weltenachse (Lebensbaum, Geisterseil etc.) durch die drei Sphären reisen. Lamas und Chödpas berühren in ihrer Sadhana die verschiedenen Bereiche des Universums mit ihren Ritualgegenständen und nehmen auf diese Weise Kontakt mit den Wesen auf.

Rassel von Lucia


Vitalkraft & Bewusstheit

Ein Eckpfeiler in der schamanischen Weltbetrachtung ist das Wissen um die Lebenskraft. Diese Kraft wird je nach Kultur unterschiedlich benannt, doch deren Bedeutung und das Aussehen werden überall auf der Welt ziemlich übereinstimmend beschrieben. Die individualisierte Lebenskraft wird häufig als Seele, Bewusstsein, Rauch, Wind, Phantom, Geist oder Doppelkörper beschrieben. Die Seele gilt als das Lebensprinzip. Ohne diese Kraft kann kein Körper existieren, wobei sie hingegen sehr wohl ohne Materie auskommen kann. Sie bildet auch die Grundlage unseres Alltagsbewusstseins - unserer ersten Aufmerksamkeitsebene. Verlässt die Seele den Körper, so ist er bewusstlos oder stirbt. Schamanen erklären, dass ein Mensch krank ist, wenn er einen Teil seiner Seele verloren hat oder eine seiner Seelen. Wird dann jener Teil der Lebenskraft eines Menschen dem Körper nicht wieder zugeführt, so wird der Betreffende chronisch krank und muss gar sterben. Er kann aber auch noch über eine kürzere Zeitspanne rein mechanisch weiteragieren, jedoch fehlt ihm die Wachheit seiner früheren Handlungen. Aus gleichem Grund wird die Seele als das „Fühlen einer Person“ beschrieben. Denn, “Wenn das Fühlen bei einer Person verschwindet, ist sie tot.” Die Seele ist verantwortlich für Gesundheit, Wärme und Lebenskraft, eben für alles, was ein bewusstes Leben ermöglicht. Man kann die Seele daher auch als das individuelle, bewusste Sein (Bewusstsein) bezeichnen.
Die Seele ist ein Sammelbegriff von geistig-energetischer Lebendigkeit. Als Ruach oder Ruh – bei uns im Wort Rauch noch bekannt – wurde sie von den Völkern des Vorderen und Mittleren Orients beschrieben. Andere Bezeichnungen sind Wind (tib., lung) oder Lufthauch (griech., pneuma). In archaischen Kulturen wurde die Seele als „das was fühlt“ beschrieben.
Dem Aspekt Seele wurde in spirituellen Traditionen immer besondere Aufmerksamkeit gewidmet, da sie die zentrale Prägestation für geistig-energetische Eindrücke im Bewusstsein war/ist. Schamanen, Lamas, Priester etc. widmeten sich in ihren Tätigkeiten der Entfaltung und Befreiung der individuellen Seelenaspekte. Durch ihre professionelle Tätigkeit in der Gemeinschaft waren sie in der Lage, mit ihren Fähigkeiten auch anderen Menschen bei einem etwaigen Verlust der Seelenanteile zu helfen.
In den Kulturen wurden verschiedene Konzepte der Lebendigkeit entwickelt. Mit jeder Landkarte des inneren Raumes nahm man Bezug auf die Lebensumstände des Einzelnen und der Gemeinschaft. Dabei haben sich Systeme mit einer Anordnung in drei, vier, fünf und sieben Vitalbereiche entwickelt.
Die Geist-Seele ist für die Identität verantwortlich, die Vitalessenz steuert über die schweren Elemente – Erde und Wasser – die Aufbauprozesse, wobei die Dynamik von den leichten Elementen – Feuer und Luft – beigesteuert wird. Der materielle Körper ist eine Wohnung für den „Wahren Körper“. Weiters sind auch Seelenanteile in den sieben Hauptenergiezentren (Chakras). Ein Verlust von einem oder mehreren dieser Teile kann wieder zu speziellen, dem jeweiligen Chakra entsprechenden Symptomen führen.


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Seelenführung & rituelles Heilen

Schamanisches Beraten & Heilen ist eine Unterstützung des Menschen auf dem individuellen Lebensweg. Die Schamanen sind die ersten Seelenführer in den Gemeinschaften. Aufgrund ihres umfangreichen Wissens über Schöpfung, Natur, Identität und Wandlung des Geschaffenen werden sie in allen Lebenslagen von der Geburt bis zum Tod konsultiert. In verschiedenen Zeremonien werden Übergangsriten gestaltet, so dass das Individuum die einzelnen Lebensphasen bewusst erleben und abschließen können. Als Zeremonienmeister werden sie in den Gemeinschaften dann mit priesterlichen Funktionen betraut.
Schamanen führen die Seele durch die diesseitigen und jenseitigen Lebensbereiche. Doch nicht alle Schamanen verfügen über die gleichen Fähigkeiten. Je nach ihrer Begabung konnten sie Spezialisten für bestimmte rituelle Aufgaben sein. Nur wenige verfügen über ein umfassendes Wissen der Welten UND die Kraft, Wesen zu führen, zu befrieden, zu bannen, zu kontrollieren etc. Erst nachdem Schamanen einen Stufenweg in ihrer Ausbildung durchlaufen, sind sie in der Lage heilsam zu wirken.


Enrico Kosmus


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