Schamanische Seelentherapie

Als RubrikBetreuerin freue ich mich ganz besonders heute den ersten Artikel eines neuen GastAutors online stellen zu können. Enrico Kosmus beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit Schamanismus und es ist mir gelungen mit ihm einen weiteren Praktiker zum Mitwerkeln ins Boot zu holen.
Herzlichen Dank Enrico, für Deine Artikelspenden!

Rituelles Heilen und die Ganzheit des Wesens

Seele ist das, was fühlt, was lebendig sein lässt und dem Lebewesen ermöglicht, bewusst gestaltend am Leben teilzunehmen. Man kann dies als Zentrum vieler Erlebnis- und Handlungsverknüpfungen sehen. So zeigt sich einmal eine Geistseele, eine Körperseele, eine Vitalseele etc. Aus diesem Verständnis heraus lässt sich Seele nicht einfach mit einem Emotionszentrum allein gleichsetzen. Vielmehr ist Seele das lebendige Erlebnisfeld des Individuums.
Traumatische Erlebnisse im Leben führen zu einer Abspaltung von Erlebnisfähigkeiten. Verlust von geliebten Menschen, ein Unfall, eine Operation, Missbrauch oder Gewalteinwirkung können das bewusste Erleben einschränken und Ereignisse in einen Bereich des Unbewussten hinausblenden. Die Selbst-Identifikation wird auf bestimmte, meist vertraute Wahrnehmungs- und Handlungsmuster reduziert. Diese Selbst-Entfremdung führt im Menschen dann zu einem Verlust der persönlichen Kraft und in weiterer Folge auch zu gemüthaften Störungen wie Niedergeschlagenheit, Depressionen oder gar zu einer körperlichen Krankheitsanfälligkeit. In der Kompensation können Menschen dann oft auch in getriebenes Ausagieren ihrer Spannungen gehen.
In einer schamanischen wie auch in einer spirituellen Sicht wird die Fähigkeit entwickelt, die verlorenen Seelen (= Erlebnis)anteile zurückzuholen und einer Ganzheit des Selbst-Gewahrseins zuzuführen.

(c)LuciaVitalseele und Energiezentren

Das Zusammenwirken von einer Lokalisation im bzw. am Körper, ein funktional-feinstoffliches Erleben (z.B. Atem, körperliche Spannung bzw. Entspannung etc.) und bestimmten geistig-emotionalen Vorstellungen lassen ein Energiezentrum erleben. Diese Energiezentren im Menschen dienten in verschiedenen Kulturen als Fokus für bestimmte Erlebnisqualitäten.
In manchen Traditionen wurden die Energiezentren mehr mit dem körperlichen Erleben verknüpft, mehr in Verbindung mit der Bewegungsfähigkeit des Rumpfes und der Gliedmaßen gesehen. Andere Traditionen beschrieben die Zentren eher über geistig-emotionale Vorstellungen.
Bei den Gurung gibt es eine Dreiteilung der Seelenkörper. Diese Seelenaspekte werden auch als „Winde“ bezeichnet. Dana Bayu wird an den Füßen lokalisiert und ist auch die Verwurzelung mit der Erde. Shakti Bayu sitzt im Becken. Dieser Wind gibt dem Menschen die Kraft sich zu bewegen. Atman Bayu hat seinen Sitz im Brustbereich, speziell im Herzen, und wird als Sitz des Geistes betrachtet. Doch diese Einteilung kann wieder je nach Schamane unterschiedlich erfolgen.
Bei den Tamang kennt man sieben Seelenaspekte. Der wichtigste Aspekt befindet sich am Scheitel. Mit diesem Seelenaspekt wird Kontakt die spirituelle Verbindung zwischen Individuum und Umfeld gehalten. Ein weiterer wesentlicher Seelenaspekt ist im Herzen lokalisiert. Diese Seele ist für die geistige Wachheit, für das individuelle Bewusstsein, bedeutend. Links und rechts auf den Schultern sitzen ebenfalls Wesensaspekte. Diese Seelen sind für die körperliche Gesundheit wichtig. Verliert man einen dieser Seelenaspekte, wirkt sich dieser Verlust schwächer aus. Auch in jüngeren Jahren kann man einen Verlust dieser „Schulter-Seelen“ leichter ausgleichen. Die Anzeichen für einen Seelenverlust in dieser Region sind Frösteln, Furcht, Appetitverlust, ein Gefühl des Niedergedrückt werdens im Nacken und schwere Augenlider. Ein Verlust jener Seele am Rücken zeigt sich in Form von Steifheit, in Rückenproblemen, in schlechter Verdauung und man fühlt sich von hinten verfolgt. Auch dieser Seelenanteil hängt primär mit physiologischen Prozessen zusammen. Weiters wird in den Knien noch ein Seelenaspekt gesehen. Ein Seelenverlust hier zeigt sich in Schwächezuständen in den Beinen und in Schwindel.


Elementare Formkräfte

Elemente sind archetypische Formkräfte des Erlebens. Seelenaspekte werden daher auch in elementarer Qualität beschrieben. Die Wahrnehmung von Erde, Wasser, Feuer, Luft bzw. Wind und Raum dient als Grundmuster für die Beschreibung der Seelenfunktionen im elementaren Verständnis. So steht Erde für das Erleben von Stabilität und Festigkeit. Wasser beschreibt die Befeuchtung. Feuer charakterisiert das Temperaturempfinden. Wind in Form der bewegten Luft stellt die Bewegung dar. Und Raum ist das Erleben der Dimension, d.h. der wechselseitigen Bezugnahme der Bestandteile. Ein Verlust dieser seelischen Formkräfte zeigt sich in einem Defizit der elementaren Qualitäten.

elementeGEISTkräfte

Genauso wie es elementare Formkräfte und Vitalzentren gibt kann man das Selbst-Gewahrsein auch in geistig-emotionalen Zentren verlieren. Diese „Zentren der GEISTkräfte“ unterscheiden sich sowohl je nach Tradition wie auch innerhalb einer Tradition oft sehr stark. Der Grund dafür liegt wohl darin, dass diese Zentren von Schamanen, Yogis und Magiern in tiefen visionären Geisteszuständen erfahren wurden.
Mit ihrer visionären Schau erkannten sie die Untrennbarkeit von individuell körperlicher Lokalisation mit der äußeren Umgebung. So wurden manche Regionen des Körpers mit Wesenheiten und deren Plätzen auf der Erde in Verbindung gebracht. Das Ergebnis war eine intensive Verbindung von Individuum mit der Umgebung und eine Ausdehnung des Gewahrseins in transpersonale Bereiche.
Die Arbeit mit diesen Seelenaspekten wurde von den Schamanen, Yogis und Magiern kaum im Sinne einer klassischen Seelenrückholung betrieben, sondern wurde als Möglichkeit der spirituellen Entwicklung verstanden. Die Wesenheiten bzw. Plätze mussten daher nicht zurückgeholt, sondern die Wahrnehmung dieser Aspekte musste gereinigt werden.


Energetische Diagnostik

Bevor eine Seelenrückholung durchgeführt wird, nimmt der Schamane eine energetische Diagnose vor. Nach einer ersten Schilderung der Problemstellung durch den Klienten, kann ein einfaches Orakel (Mala oder Reis) die erste Ausrichtung des Schamanen vorgeben.
Ist das Problem schwieriger, dann wird oft eine Trance-Reise unternommen. In dieser Reise sieht der Schamane den Zustand der Seele und erkennt die Möglichkeiten der Rückholung. Die Seelenanteile erblickt der Schamane während der Reise meist als leuchtende Fäden oder Kugeln. An ihren Farben und ihrer Leuchtkraft erkennt der Schamane die Vitalität der Seele. Außerdem sieht er, ob die Seelenrückholung sich einfach oder schwierig gestaltet.


Seelenrückholung

Die Rückholung der Seele ist die zentrale Heilungsaufgabe des Schamanen. Dabei werden Seelenanteile (=Erlebnisgewahrsein) aus dem Bereich des Unbewussten wieder in die Bewusstheit des Klienten zurückgeführt. Da in der schamanischen wie der yogischen Sicht des Geist-Seele-Körper-Kontinuums „Seele“ nicht eine einzige fixe Größe ist, sondern ein Feld bzw. eine Verknüpfung aus mehreren Funktionen, kann der Schamane diese Aufgabe bewerkstelligen.
In einem Ritual zur Seelenrückholung verwendet der schamanische Heiler eine Trägersubstanz. Diese Substanz kann Wasser, Reiskörner, Blütenblätter o.ä. sein. Über ein Mantra, mit dem der Heiler seinen Geist ausrichtet, lädt er die verlorenen Seelenanteile ein, auf oder in dieser Trägersubstanz Platz zunehmen. Anschließend nimmt der Klient die Substanz in sich auf bzw. wird mit ihr in Berührung gebracht.
Das Ritual des Einladens wird so oft wiederholt, bis der Schamane die klare Empfindung hat, dass die verlorenen Seelenanteile zurückgekehrt sind. Man darf sich allerdings bei einer Seelenrückholung nicht immer das Wunder der Einmaligkeit erwarten. Genauso wie bei anderen Heilverfahren gibt es auch hier die Notwendigkeit einer Nachbetreuung bzw. Wiederholung des Rituals.


Extraktion & Austreibung

Manchmal kommt es vor, dass Seelenanteile nicht nur verloren sind, sondern von bestimmten Kräften festgehalten fühlen. Alte, überholte Lebens- und Verhaltensstrukturen können immer wieder durchlebt werden, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. Das selbe Leid wird immer wieder erfahren. In diesem Fall kann man auch von einer „Besetzung“ ausgehen. Diese „Besetzung“ ist eine Vermischung von Identitätsanteilen und eine Übernahme von dem Individuum fremden Seelenanteilen. Das Gewahrsein des eigenen Erlebens wird dabei mit anderen Personen verknüpft. Aufgrund dieser mangelnden Unterscheidungsfähigkeit wird dann von Abhängigkeit bzw. Besetzung oder gar von „magischer Behexung“ gesprochen.
Im schamanischen Kontext wird dabei von Besessenheit, Liebeszauber und/oder Verhexung gesprochen. Ein Ritual zur Austreibung fremder Einflüsse, zum Durchtrennen von Abhängigkeiten etc. kann auf einer energetisch-geistigen Ebene durchaus hilfreich sein. In einem weiteren Schritt ist allerdings ein Erkennen der eigenen Geistesstrukturen und deren Bildemechanismen notwendig.

(c)LuciaSeelenzentrum

In der Praxis der Seelenrückholung ist ein nachhaltiges Zurückbringen der Seele oft erst möglich, wenn der betreffende Mensch in sich eine Erlebnisbasis verspürt. Aus schamanischer wie auch aus yogischer Sicht wohnen in den verschiedenen Zentren der
seelischen GEISTkräfte Wesenheiten, die als Verbündete eingeladen werden können.
Diese Verbündeten können dem Menschen helfen, seine verstrickten Seelenanteile zu befreien und eine tragfähige Seelenbasis zu erleben. Durch ein Ritual der Seelenzentrierung kann ein Mensch sein Gewahrsein im HierundJetzt stärken.
Die Zentrierung des Gewahrseins im gegenwärtigen Erleben führt zu einer nachhaltigen Stärkung der individuellen Handlungsfähigkeit.

Wenn auch Sie interessante Erlebnisse und Erfahrungen zur Seelentherapie haben, würde ich mich freuen, wenn Sie einen Kommentar hinterlassen. Weiters können Sie mit mir über meine Homepage (www.enricokosmus.at oder www.lhundrub.at) oder per eMail praxis(at)enricokosmus.at in Kontakt treten. Interessantes zu weiteren Aspekten der Seelentherapie finden Sie auch auf rangdrol’s blog.


Enrico Kosmus


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