Meine Arbeit mit einem traditionellen Kam   Teil III

Ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht über das Kennenlernen und Eintreten in die tatarische Tradition und die Arbeit mit einem traditionellen Kam.

Der Wert unserer Handlungen

In der Gruppe geht es darum, seine Fähigkeiten zu erweitern, und was noch wichtiger ist, seine Vision zu leben, sein Selbst zu leben. Als ich in die Gruppe kam, wußte ich das noch nicht. Ich kann mich erinnern, daß ich in der ersten Nachbesprechung sagte „Ich will ich selbst werden!“ und der Kam antwortete „Ja, das kannst du, das ist allerdings mit Stolpersteinen versehen“. Damals meinte ich „das ist mir egal, Stolpersteine sind mir egal und Dornen auch. Aber ich will meinen Weg finden“. Auf diesem Weg bin ich heute. Nur, daß der Weg bisher ganz anders ist, als ich erwartet hatte. Er ist einfach und unbeschwert. Er fühlt sich richtig an und läßt mir Raum und Zeit für mich. Auf meinem Weg hat viel Freude Platz. Ich bin selten krank und lache gerne. Ich habe Vertrauen gefunden, und damit eine Stärke, die ich vorher nicht kannte. Heute gehe ich meinen Wag gemeinsam mit dem Kam und lerne mehr und mehr das schamanische Weltbild kennen. Darin bin ich „zuhause“. Vielen Mechanismen unserer westlichen Welt stehe ich heute fragend gegenüber, manche davon habe ich vor einiger Zeit noch vehement vertreten. Mein Handlungsspielraum wird immer größer, ich erlebe immer deutlicher den Wert des Tuns.

Wir haben heute im Westen unsere Phantasie kultiviert und unser Handeln beschränkt. Dabei haben viele das Gefühl, sie könnten nichts an ihren Umständen ändern. Diese Ohnmacht hat ihre Wurzeln in der Untätigkeit unserer Zeit. Ich mache heute viele Dinge selbst, die für meine Ahnen ganz selbstverständlich waren. Kochen zum Beispiel. Die Qualität der Nahrung ist für den energetischen Zustand eines Menschen entscheidend. Ich versuche mich in vielen kleinen Haushaltskünsten, also Regale bauen, Stricken, Nähen. Mein Ritualmesser habe ich selbst mit Schleifpapier von Kratzern befreit und geschliffen – vor einiger Zeit habe ich noch nicht mal gewußt, daß man Stahl mit einem Schleifpapier bearbeiten kann. Während des stundenlangen Schleifens habe ich von dem Messer sehr viel über die Jagd und das Essen erfahren. Mir wurde klar, daß ich Leben nehme, jeden Tag, um selbst leben zu können. Das hat meine Wertschätzung und mein Verständnis verändert. Die Bedeutung dabei liegt im Tun. Man kann das erzählen, man kann einem anderen seine Erfahrungen mitteilen. Man kann es nachlesen und verstehen. Ich kann es „behirnen“, was es bedeutet, aber ich kann es erst wirklich innerlich begreifen, wenn ich es getan habe.

Das, was ich bisher auf meinem Weg getan habe, stellt viele bisherige Dinge in Frage und festigt andere Glaubensmuster, die ich in mir trage. Ich ging zum Zweck meiner Visionssuche auf einen Berg. Dort sang ich und meditierte, fastete und war in der Natur „allein“. Als ich unten im Wald losging, begann ich mit den Waldgeistern zu sprechen. Ich erzählte ihnen, weshalb ich gekommen sei und daß ich sie darum bäte, sich mir in einer Form zu zeigen, die ich verstehen kann. Da ging ein plötzliches Vogelgezwitscher durch den Wald und nach einigen Minuten endete es so abrupt, wie es begonnen hatte. Daraus schloß ich noch nichts. Am Abend hatte ich meinen Platz gefunden, meine Sachen ausgebreitet und begann zu arbeiten. Nach einer neuerlichen Unterhaltung mit den Geistern, die ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sehen konnte, begannen an dieser Stelle die Grillen wild zu zirpen, und ebenso plötzlich verstummten sie wieder. Da war ich mir sicher, daß sie meine Fragen weiter trugen und den Geistern erzählten.
Am Himmel tauchten Wolkengeister auf, ganz viele, und zeigten mir ihr Gesicht. Die Wolken änderten oft ihr Aussehen und bekamen ein spitzes Kinn, eine Stupsnase oder große dunkle Augen. So sah ich eine Vielzahl von Gesichtern am Himmel und fragte mich schon, wieso Wolken wohl so menschliche Gesichter hätten, als mir klar wurde, daß ich sie ja darum gebeten hatte, sich mir zu zeigen, in einer Form die ich verstehen konnte. Na und Augen , Mund und Nase konnte ich wahrnehmen und verstehen. Auch manche Steingeister zeigten mir ihr Gesicht, das Lustigste aber erlebte ich am folgenden Tag. Eine dichte Nebeldecke fiel langsam in die Senke in der ich saß und sang. Sie kam näher und näher und ich hatte den Eindruck, die Sonne würde an diesem Tag nicht wieder sichtbar werden. Das verstimmte mich, denn ohne Sonne war es ziemlich kalt am Berg. Außerdem schien der Nebel sich ganz genau auf mich zu senken. Ich unterbrach meinen Gesang und schrie in den Nebel hinein „Ist das alles??“. Dabei kam ich mir recht mächtig vor und zudem sehr stark. Da tauchten plopp plopp aus dem Nebel zwei Gestalten auf, zwei Erdgeister. Sie waren so nah und kamen so plötzlich, daß ich fürchterlich erschrak. Mir wurde mulmig, ich hatte unwahrscheinliche Angst und mein Herz raste. Das war allerdings schon alles gewesen, sie wollten mich nur ein wenig erschrecken und ich mußte herzhaft über meinen Hochmut lachen.
Dennoch haben sie mich da oben nicht nur leben lassen, nein, sie haben mich besucht. Ich kam vom Berg herunter und fühlte mich sehr mächtig und hatte „der Natur getrotzt“. Außerdem ist der Glaube an Geister seit diesem Erlebnis für mich kein blinder Glaube mehr. Ich habe sie so real erlebt, daß ich das nur als Erfahrungswert verbuchen kann.

Ich verstehe heute, was Yogis und Magier meinen, wenn sie sagen, daß Realität eine Fiktion ist.
Die tatarische Tradition ist eine lebensnahe. Nicht ohne Grund hat Dschingis Khan seine Krieger schnellstmöglich  aus den Städten geholt, als er sah, daß diese verweichlichten und sich von ihrer Natur entfernten. Das Leben in einer solchen Gruppe und die Zusammenarbeit mit dem traditionellen Kam sind eine große Bereicherung für mein westliches Leben, in dem mir schon öfter der Sinn abhanden gekommen ist. Freude, Ruhe und das Gefühl, seine innersten Impulse teilen zu können sind die Eckpfeiler, anhand derer ich gerade eine spannende Person kennenlerne: mich.


Dagkeci


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