Einige Gedanken zum Schamanismus in Europa   Teil II

Florian Gredig ist Ethnologe und lebt in Zürich. Seine Studie zum Schamanismus in Europa, Finding New Cosmologies: Shamans in Contemporary Europe, wird ab Herbst/Winter 2008 im Handel erhältlich sein. Wir können euch heute schon einen Vorgeschmack liefern!

Schamanismus im heutigen Europa darf also nicht in einer simplen A versus B Gegenüberstellung mit aussereuropäischen Formen von Schamanismus verglichen werden und kann je nach praktizierender Person unterschiedlich aussehen. Es wäre jedoch übertrieben zu behaupten, dass hierzulande jeder und jede Praktizierende ganz unabhängig schamanisiert. Gründe dafür sind zum einen gewisse allgemein bevorzugte Orientierungspunkte,1 zum anderen die Tatsache, dass – wie in vielen aussereuropäischen Schamanismen auch – einige schamanisch Tätige besonders erfolgreich waren und andere mit ihren Techniken und ihrem spezifischen Ansatz beeinflusst haben.


Europäischer Schamanismus: Einige Strömungen

 Versucht man die europäischen Schamanismen als Gesamtheit zu fassen, fällt auf, dass sich trotz der individuellen Unterschiede – mit aller gebotenen Vorsicht – drei Grundströmungen herauskristallisieren lassen. In Reinkultur kommen VertreterInnen dieser Grundströmungen dabei nicht vor; sie sind keine wirklich existierenden Menschen. In der Regel vereinen schamanisch Tätige in Europa aber Aspekte aller drei Grundströmungen in sich, wobei das Mischverhältnis sehr unterschiedlich sein kann. Es handelt sich also um eine ähnliche Repräsentationsbeziehung wie beim „Durchschnittsmenschen“: Obwohl der Durchschnittsmensch – beispielsweise der durchschnittliche Autofahrer – aus dem Verhalten und den Ansichten vieler Menschen / Autofahrer ermittelt werden kann, ist es unwahrscheinlich, jemals wirklich jemanden zu treffen, der alle so ermittelten Kriterien erfüllt. Genauso unwahrscheinlich ist es, einen der unten aufgelisteten stereotypischen Vertreter der drei Grundströmungen zeitgenössischer europäischer Schamanismen zu treffen. Diese Grundströmungen sind:

Praktizierende, die sich an aussereuropäischen Schamanismen orientieren. Sie beziehen ihre Inspiration, kosmologische Vorstellungen, Ritual- Heil- und Trancetechniken direkt oder über einen Vermittler2 von aussereuropäischen Schamanen. Dabei können sie sich an einen spezifischen Schamanismus halten oder aber mehrere Schamanismen als Quellen kombinieren. Häufig kommt es so zu einem kulturellen Austausch mit Schamanen aus traditionellen Gesellschaften. Wie jeder kulturelle Austausch kann eine solche Zusammenarbeit äusserst fruchtbare Ergebnisse erzielen, beispielsweise Wissenstransfer in beide Richtungen oder langjährige Freundschaft. Gleichzeitig birgt sie die Gefahr von Missverständnissen und unfairer oder respektloser Behandlung. Diese ist vor allem dann akut, wenn Europäer, auf der Suche nach neuen spirituellen Konzepten und schamanischen Techniken, bei einem Zusammentreffen mit aussereuropäischen SchamanInnen nur das hören, was sie hören wollen3. Wenn uns darum z.B. ein Schamane aus Tuva4 erzählt, er sei in Trance auf einen hohen Berg geflogen, sollten wir ihn beim Wort nehmen und nicht sofort in Begriffe wie „Oberwelt“ übersetzen. Obwohl solche Vergleiche für unser Verständnis nützlich sind, besteht bei unvorsichtiger Anwendung die Gefahr, das Essenzielle an einem spezifischen Schamanismus zu übergehen.

Praktizierende, die sich an vorchristlicher europäischer Spiritualität orientieren. Sie schauen zurück auf die frühe europäische Geschichte, namentlich auf die Germanen, frühen skandinavischen Siedler und die Volksgruppen, die umgangssprachlich als „die Kelten“ bezeichnet werden. Die Quellen dieser zeitgenössischen Schamanismen finden sich in überlieferten Texten und historischen Manuskripten (z.B. in der Edda oder in Eiriks Saga Rauda), wobei die Interpretation dieser Texte durch verschiedene Autoren keineswegs unumstritten ist (siehe Wallis 2003). Die Rückbesinnung auf vorchristliche europäische Spiritualität, welche auch schamanische Elemente enthält, hat bei vielen Praktizierenden zu individuellen Kosmologien, einer starken Verbundenheit mit der europäischen Flora und Fauna sowie einem grossen Interesse an Inhalt und Bedeutung keltischer und nordischer / germanischer Spiritualität geführt. Doch auch hier besteht die Gefahr der Vereinfachung: Wenn einzelne Praktizierende beispielsweise ihren zeitgenössischen keltischen Schamanismus kurzerhand mit den spirituellen Praktiken der Kelten gleichsetzen, ihn also als „keltischen Schamanismus“ im wortwörtlichen Sinne ausgeben, führt dies zu einer Missinterpretation. Die überlieferten Quellen sind zu dünn gesät und zu unspezifisch (siehe dazu Lindquist 1997, Simek 2005 sowie Wallis 2003), als dass man die heutzutage üblichen schamanischen Praktiken in Europa ohne Abstriche auf vorchristliche Formen europäischer Spiritualität zurückführen könnte.

Die Pragmatiker. Sie orientieren sich nicht an spezifischen aussereuropäischen oder europäischen vorchristlichen Formen von Spiritualität, sondern bemühen sich um eine schamanische Praxis, die speziell auf die Bedürfnisse zeitgenössischer Europäer zugeschnitten ist. Selbstreflektion zu den persönlichen Motiven, schamanischen Praktiken und Kosmologien ist ein wichtiger Teil dieser Praxis. Das zentrale Kriterium ist aber die Wirksamkeit der einzelnen Techniken und Rituale und weniger die Frage nach der Herkunft. Der grosse Vorteil dieses Ansatzes ist das explizite Bewusstsein, eine eigenständige Form von Schamanismus auszuüben. Es wird der bewusste Versuch gemacht, Missinterpretationen anderer Schamanismen und Spiritualitäten, woher sie auch stammen mögen, zu vermeiden. Trotzdem muss auch der Pragmatiker / die Pragmatikerin auf der Hut sein: Viele der Techniken, die er / sie verwendet, stammen ursprünglich von aussereuropäischen oder historischen Schamanismen. Populäre Lehrer, beispielsweise Harner und die Mitglieder seiner „Foundation for Shamanic Studies“, präsentieren zwar einen „westlichen“Schamanismus der explizit nicht in einer spezifischen aussereuropäischen Tradition steht, doch auch sie verwenden für ihre Rituale und Techniken notgedrungen traditionelle Schamanismen als Quellen5.

Gerät dies in Vergessenheit, sind Konzepte eines angeblich zeitlosen, ahistorischen und einheitlichen „Universalschamanismus“ schnell zur Hand. Damit wird nicht nur die Bandbreite der Praktiken geschmälert, die als Schamanismus bezeichnet werden „dürfen“ (Kanonisierung des Schamanismus), sondern auch der Blick von traditionellen Schamanismen mit all ihren Details und Besonderheiten abgelenkt. Auch die sozialen und ökonomischen Probleme, mit denen sich viele traditionelle schamanische Gesellschaften heutzutage konfrontiert sehen, werden so unter den Teppich gekehrt.


Europäischer Schamanismus: Wohin geht die Reise?

Wie auch die traditionellen aussereuropäischen Schamanismen haben die verschiedenen Schamanismen in Europa ihre jeweils eigene Geschichte. Wie komplex solche Geschichten sein können, kann für den Nordischen Schamanismus in Lindquist 1997, für die in der englischen Tradition6 verwurzelten zeitgenössischen Schamanismen in Hutton 1999 nachgelesen werden, um nur zwei Beispiele zu nennen. Trotz dieser Geschichtlichkeit und der hier präsentierten Betrachtung zeitgenössischer europäischer Schamanismen als „Strömungen“ darf nicht vergessen werden, dass Schamanismus in Europa, genauso wie Schamanismus ausserhalb Europas, von einzelnen Menschen praktiziert wird und an keinen religiösen Kanon gebunden ist. Die Dinge, die der Schamane / die Schamanin in Trance erlebt und wahrnimmt, prägen „seinen“ / „ihren“ Schamanismus und machen diesen damit zu einer einzigartigen Spiritualität. In den kommenden Jahren sollten wir Europäer, ob wir nun Einsteiger in die Praxis, etablierte schamanisch Tätige oder interessierte Aussenstehende sind, noch mehr darauf achten, Schamanismus nicht als monolithische Religion, sondern als als etwas Individuelles und an den einzelnen Praktizierenden Gebundenes zu begreifen. Mit allen positiven Erfahrungen, und manchmal auch Erklärungsnotständen, die sich dadurch für uns ergeben.


Erwähnte Literatur
Harner, Michael. 1990 [1980]. The Way of the Shaman: A Guide to Power and Healing. San Francisco: Harper.
Hutton, Ronald. 1999. The Triumph of the Moon: A History of Modern Pagan Witchcraft. Oxford: Oxford University Press.
Lindquist, Galina. 1997. Shamanic Performances on the Urban Scene: Neo-Shamanism in Contemporary Sweden. Stockholm: Gotab.
Lovejoy, Arthur O. / Boas, George. 1997 [1935]. Primitivism and Related Ideas in Antiquity. Baltimore, Maryland: The John Hopkins Press.
Simek, Rudolf. 2005. Der Glaube der Germanen. Limburg-Kevelaer: Lahn-Verlag.
Von Stuckrad, Kocku. 2003. Schamanismus und Esoterik: Kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Betrachtungen. Leuven: Peeters.
Wallis, Robert J. 2003. Shamans / Neo-Shamans: Ecstasy, alternative archaeologies and contemporary Pagans. London: Routledge.


1 Populär sind beispielsweise in Deutschland die spirituellen Praktiken der Plains-Stämme (besonders der Lakota),
in Skandinavien die Religion der Wikinger.
2 Etwa über eine europäische Lehrperson oder aus Büchern.
3 Anders ausgedrückt: Wenn Europäer ihnen unbekannte schamanische Konzepte sofort in eine bereits bekannte Form bringen. Nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht.“
4 Republik in Südsibirien.
5 Bei Harner sind dies vor allem Süd- und Nordamerikanische sowie Zentralasiatische Schamanismen (Harner 1990).
6 Wicca und anderen Strömungen der Pagan- Bewegung

Florian Gredig


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