Einige Gedanken zum Schamanismus in Europa   Teil I

Florian Gredig ist Ethnologe und lebt in Zürich. Seine Studie zum Schamanismus in Europa, Finding New Cosmologies: Shamans in Contemporary Europe, wird ab Herbst/Winter 2008 im Handel erhältlich sein. Wir können euch heute schon einen Vorgeschmack liefern!

Schamanen und Schamaninnen in Europa

In diesem Artikel soll es um Schamanismus, oder besser Schamanismen, gehen, die nicht von spirituellen HeilerInnen weit entfernter Regionen wie Sibirien oder Südamerika praktiziert werden, sondern von Menschen hierzulande. Die Einladung für den Artikel habe ich von Lucia (siehe die Artikel „Nachrichten aus Anderswelt Teil I und II“, „Verbündete“ und „Extraktion“) erhalten. Ich komme ihr sehr gerne nach und bin froh zu sehen, dass Berührungsängste zwischen schamanisch Tätigen und Forschern auf beiden „Seiten“ allmählich nachlassen 1.

Immer häufiger findet man sowohl schamanisch Tätige als auch WissenschaftlerInnen, die ihre Energie nicht mehr in fragwürdigen Machtkämpfen zwischen unterschiedlichen Weltanschauungen verpuffen, sondern sich auf die eigentliche Praxis, den Nutzen und die soziale Bedeutung des Schamanismus konzentrieren. Ich persönlich nähere mich den Schamanismen in Europa als nicht-Praktizierender, von einer bewusst gewählten Aussenperspektive. Im Austausch mit vielen Praktizierenden erstaunt mich dabei immer wieder die Flexibilität des Schamanismus: Kaum ein Mensch oder eine Lebenssituation, auf die er sich nicht in der einen oder anderen Form anwenden liesse. Unter den schamanisch Tätigen, die ich im Rahmen von Forschungsreisen in verschiedenen Ländern Europas traf, fanden sich Bauern, Sozialarbeiterinnen, Psychologen, Ethnologinnen, Seemänner, Büroangestellte, ehemalige Berufssoldaten, IT-Spezialistinnen, Craniosacral-Therapeutinnen, Bauarbeiter und viele andere Berufsgruppen. Diese flexiblen, mitten im Leben stehenden Schamanismen bilden einen scharfen Kontrast zu den vergeistigten und stark romantisierten Darstellungen des „Schamanismus“, 2 welche sich in vielen Büchern – von WissenschaftlerInnen, schamanisierenden SchriftstellerInnen und PopulärwissenschaftlerInnen veröffentlicht – und auch auf vielen Websites finden.
Abgesehen von praktischen Elementen, zum Beispiel den verschiedenen Techniken zur Einleitung eines Trancezustandes, bleibt der Schamanismus ein unnahbares, ungreifbares Phänomen. Wie könnte es auch anders sein, spielt sich doch ein wichtiger Teil der schamanischen Praxis in der Wahrnehmung des Schamanen/der Schamanin selbst ab; nur teilweise nachvollziehbar für die übrigen Teilnehmer einer Heilséance oder Zeremonie. Hinzu kommt, dass sich der Schamanismus in Europa in vielen verschiedenen „Strömungen“ präsentiert. Da schamanische Praktiken in Europa mindestens seit dem Mittelalter nicht mehr als Traditionen vorhanden sind 3, stellt sich für jeden Praktizierenden/für jede Praktizierende in Europa die Frage, woran er/sie sich eigentlich orientieren soll.

Dieses Problem stellt sich für junge Schamanen und Schamaninnen in traditionellen Gesellschaften 4 ausserhalb Europas in der Regel nicht. Sie erlernen von ihren Lehrern einen Schamanismus, dessen Symbolik, Kosmologie, Ritualtechnik etc. bereits als ein mehr oder minder einheitliches und von der lokalen Bevölkerung anerkanntes System funktioniert.
Anders in Europa: Aufgrund der fehlenden schamanischen Tradition begeben sich seit den 1960ern interessierte Europäer auf der Suche nach schamanischem Wissen an die verschiedensten Orte. Fündig wurden und werden die Suchenden am oberen Amazonas, in Mexiko, in Sibirien und der Mongolei, aber auch in Büchern wie der Edda oder in den ab etwa den 1980ern vermehrt Verbreitung findenden schamanischen Handbüchern (Der Prototyp: Michael Harners The Way of the Shaman) und Schamanismus-Seminaren. Eigentlich kann es nicht erstaunen, dass bei so vielen und so unterschiedlichen Quellen die Inhalte des europäischen Schamanismus von Person zu Person stark variieren. Ebenfalls wenig erstaunlich (von Anhängern der romantischen Vorstellung eines einzig wahren, monolithischen „Schamanismus“ jedoch nicht gern gehört) ist die Tatsache, dass sich in schamanischen Praktiken immer auch gewisse Grundwerte einer Gesellschaft widerspiegeln und darum traditionelle Schamanismen verändert werden, sobald sie von Europäern praktiziert werden. Kein Mensch ist kulturell neutral.
Dies ist für einige schamanisch Tätige in Europa ein heikles Thema, denn in unserem Verständnis von Spiritualität ist die Veränderung von spirituellen oder religiösen Inhalten tabu. Dass solche Anpassungen seit den 1960ern trotzdem immer wieder stattgefunden haben ist eigentlich ein offenes Geheimnis. Überzeugen kann man sich, indem man ein Buch zu einem spezifischen aussereuropäischen Schamanismus zur Hand nimmt, oder sich einen ethnografischen (Dokumentar-)film zu Gemüte führt: Viele Rituale und Kosmologien werden beschrieben, die wir so in Europa gar nicht oder nur stark verändert vorfinden. Was bedeutet dies nun für die Schamanismen im heutigen Europa? Sind die neuen, europäischen Schamanismen vor diesem Hintergrund überhaupt akzeptabel? Hat man gar was „falsch gemacht“? Wer dies denkt, neigt meist dazu, die Welt in Schubladen oder Kästen aufzuteilen. Zwei seiner/ihrer Lieblingsschubladen könnten folgendermassen beschriftet sein: 1. Erhabener, archaischer Schamanismus der Naturvölker, 2. Verdorbene, technisierte westliche Zivilisation ohne Spiritualität 5. Unterschiede zwischen zeitgenössischen europäischen Schamanismen und traditionellen aussereuropäischen Schamanismen wird nur jemand beklagen, der davon ausgeht, dass schamanisch Tätige in Europa die Schamanismen ihrer „Vorbilder“ zu kopieren hätten. Die Praxis zeigt aber, dass der Schamanismus in Europa seit nunmehr über 40 Jahren seinen eigenen Weg gegangen ist.


1 Lange Zeit standen sich VertreterInnen der etablierten Wissenschaft, namentlich der Religionswissenschaften, der Ethnologie und manchmal auch der Theologie einerseits und die schamanisch Tätigen in Europa andererseits fast feindselig gegenüber, nachzulesen in diversen Büchern und Artikeln aus beiden „Lagern“.
2 Eine interessante Darstellung der Beziehung der Europäer zum „Schamanen“ seit der Zeit der Aufklärung findet sich in von Stuckrad 2003.
3 Ob es jemals solche Praktiken gab und wenn ja, wie diese ausgesehen haben mögen, ist Dauerthema in vielen schamanischen Chatrooms und in Debatten zwischen schamanisch Tätigen, HistorikerInnen und ArchäologInnen. Eine faire Beurteilung des heutigen Forschungsstandes findet sich im Buch des englischen Archäologen, Historikers und schamanisch Tätigen Robert Wallis (Wallis 2003).
4 Durch die weltweite Verbreitung von Massenkommunikationsmitteln sind auch diese „traditionellen Gesellschaften“ zunehmend kulturellen Einflüssen von aussen unterworfen.
5 Diese Art von Schubladendenken ist übrigens nicht etwa eine Eigenheit zeitgenössischer Europäer. Schon die alten Griechen kritisierten die Auswüchse ihrer Zivilisation und beneideten Völker, die ihrer Meinung nach noch „im Einklang mit der Natur“ lebten. Siehe dazu Lovejoy / Boas 1997.

Ende Teil I


Florian Gredig


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