Initiationsrituale   Teil II
Warum im Schamanismus Initiationsrituale praktiziert werden – und wozu sie dienen.

Nachgeahmte Rituale und lebendige Traditionen
Gerade in unseren Breitengraden werden gerne Rituale (aus welchen Quellen auch immer) nachgeahmt und als wirksam empfunden. Nicht selten trifft man selbsternannte Hexen, die ein Buch neben sich liegen haben und, oft mithilfe darin aufgezählter "unverzichtbarer" Gegenstände, kleinlaut die "Göttin der Unterwelt" anrufen... Bei sowas denke ich mir unwillkürlich: "Eigentlich gut, dass es nicht funktioniert – denn wenn so eine Göttin tatsächlich erschiene, würde es das kleinlaute Hexchen höchstwahrscheinlich umhauen.

Warum funktioniert das nicht? Mal abgesehen davon, daß unser "Beispielshexchen" selten eine nennenswerte Ahnung hat von der jeweilig gerufenen Gottheit (deren kultureller Kontext ja allzuoft ignoriert bzw. überhaupt nicht als relevant wahrgenommen wird): Wo haben wir denn gelernt, eine wirkliche (eine wirk-mächtige!) Verbindung herzustellen mit den Kräften der Natur?
Wie und welche eigenen Methoden sind denn entwickelt, die Naturkräfte zu spüren, womöglich mit deren Geistern Kontakt aufzunehmen? Nicht nur, daß Initiationserfahrungen meist fehlen: Die allermeisten von uns haben doch nichtmal einen eigenen Garten, wo sie ein wenig Verantwortung und Kontakt zu Pflanzen, Mond, Wetter und Wachstum erlernen können. Wer hat sich überhaupt mal öfter alleine in die Natur begeben? Sich getraut, eigene Formen zu finden, Kontakt mit Naturgeistern herzustellen? Wer wagt wenigstens das Vertrauen, diesbezügliche eigene "Einbildungen" als wahrhaftig anzuerkennen?
Die Rituale, die wir in Büchern finden, mögen wirksame Rituale sein: bestenfalls aber von Menschen entwickelt, denen diese Fähigkeiten (Kontakt zur Natur herstellen zu können) vertraut sind oder waren.

Lebendige Traditionen (wie z.B. die indianischen, die ich lernte), hingegen bringen Folgendes hervor:
- Schwitzhütten, die dazu dienen, sich regelmäßig zu reinigen, für eigene Grenzerweiterung und ebenfalls zur Heilung verwendet werden.
- Medizinzeremonien, die dem Menschen dienen, mittels bestimmter halluzinogener Pflanzen (die zudem wohldosiert verabreicht werden), Verbindung zu spirituellen Kräften herzustellen: Es kommt zu Visionen und außergewöhnliche Erfahrungen. Zudem werden die eigenen Heilungskräfte aktiviert, das eigene Herz öffnet sich, das "wahre Selbst" kommt zum Vorschein.
- Visionssuchen, die als Initiationsrituale den Menschen dazu zu bringen, eigene innere Kraft zu entwickeln, Vertrauen zu finden, Kontakt herzustellen zur eigenen inneren wie der großen äußeren Natur (nicht wundern, wenn die sich plötzlich verwandt oder gleich anfühlen!): Hier schlummern die Möglichkeiten, kraftvoll das Leben zu meistern, ja: den persönlichen "inneren Auftrag" in diesem Leben zu erkennen.
- sowie z.B. der sog. "Sonnentanz", der dazu dient, die "Trennung von der Nabelschnur" (stellvertretend: für tiefverwurzelte Gewohnheiten und Bindungen) selbsttätig auszuführen, dabei sehr schmerzvolle Zustände auszuhalten. Man gibt viel von sich, um sich bereit zu machen für den eigenen Weg. Das Leben ist fortan in eigener Hand – die vordem so selbstverständlich gefühlte Abhängigkeit von äußerlichen Bedingungen endet im Schmerz dieser Erfahrung. Wie kein anderes ist der Sonnentanz ein Ritual, das zur inneren Reife führt.

Alle diese Rituale lassen jedoch Platz für den eigenen individuellen Weg, die eigenen Methoden (inklusive der praktischen Gelegenheit, solche zu entwickeln). Und selbstredend erfährt man die anwesende Gemeinschaft (von Helfern und Mit-Probanden) rundherum als eine, die den eigenen, ganz persönlich erfahrenen Weg damit unterstützt!
Wichtig ist, daß dass alle diese Traditionen bzw. Rituale mit einer eigenen und persönlichen Absicht verbunden werden müssen: Verlauf und Ergebnis sind von dieser Vorarbeit abhängig.

Damit diese traditionellen Rituale erhalten bleiben, sind Menschen wichtig, die ich "Traditionsreiter" nenne: Jene Kundigen, die darauf achten, dass man sich genau an die vorgegebenen Regeln hält, damit das Wissen über die einzelnen Traditionen erhalten bleibt (nicht zuletzt: damit sie überhaupt weitergegeben werden können).
Ziel ist jedoch immer ein persönlicher Weg, der über das bloße Befolgen von Regelwerken hinausreicht. Nur so führt dieser Weg hin zum eigenen Herzen – und läßt sich mit dessen ungeahnter Ur-Energie auch die der "großen Natur" erfahren und vice versa (unabhängig davon, mit welchen Kräften, Geistern oder Gottheiten die Welt jeweils individuell gesehen, empfunden, verstanden und erlebt wird).
Doch gerade auch in derzeit gelebten Naturreligionen und ihren Traditionen gibt es keine Lehren darüber, was man in sich selbst finden wird. Wie sollen die Rituale aussehen? Es sind lediglich Werkzeuge, die einem helfen, dies alles in sich zu finden: Sie lassen den Raum offen für den persönlichen Weg, das ureigene Werden und Gestalten.

Mit dem Nachahmen vorgefertigter Ritualrezepte sind die Erfahrungs-Pfade lebendiger Traditionen nicht zu vergleichen: weder in ihrem Verlauf, noch in ihrer Wirkung.


Die Essenz
Natürlich gilt es, kulturspezifische Eigenheiten jeweils behutsam ins Erfahrbarkeits- und Möglichkeits-Feld tatsächlich und aktuell vorhandener Umgebungs-Voraussetzungen zu übersetzen oder zu übertragen: Eine in den Tropen entwickelte Tradition, für die Sonnenhitze und Wassermangel tagtägliche Selbstverständlichkeiten darstellen, bringt formell andere Ritualdetails hervor als eine, die sich über wechselnde Jahreszeiten definiert, von denen Winterkälte oder zumindest naßkaltes Übergangsgrau die längsten sind. Von den Unterschieden in Fauna und Flora (samt deren spezifischen "Spirits") ganz zu schweigen. Im Kern aber ist Schamanismus eine uralte Praxis, ersonnen, tradiert und (immer wieder weiter-) entwickelt: von Menschen für Menschen, im Einklang mit der natürlichen Welt, in der – und aus der – sie leben. Älter als unsere sogenannte "Zivilisation" (an deren Grenzen und Überformungen wir doch gerade so leiden – nicht nur, aber auch)!
Darum rede ich von "lebendigen Traditionen". Vielfältige Entwicklungen in der europäischen Geschichte sorgten hierzulande für Abbrüche, Entfremdungen, Vergessenheit. Anderswo in der Welt wurden und werden noch lebendige Reste bewahrt bis heute: Die Kulturen mögen sich unterscheiden, aber die Herzen der Menschen tun es nicht. Heilung ist ein Anliegen, wir alle bedürfen ihrer.

Laßt uns aus dem überlieferten Wissen, den praktischen Erfahrungen jener schöpfen, deren Kulturen von der Industrie- und Kommerzgesellschaft überrannt wurden – oder gerade zermantscht werden. Ich lernte nicht aus der Kultur eines einzelnen Stammes – längst schlossen sich unterschiedlichste Medizinkundige letztüberlebender Tradtionsvielfalt zusammen, um in diesen schwierigen Zeiten zu bewahren – und weiterzugeben, was noch möglich ist. Um kulturelle Eigenarten geht es sowieso nicht: sondern, wie gesagt, um Heilung. Erzählt mir nicht, ausgerechnet unsere Zeit und Welt hätte die nicht nötig.

Ich habe nur ein Samenkorn mitgebracht, einen Keim, eine Ur-Methode. In unsere materiell so stein- (oder schein-) reiche, seelisch aber so hungernde Welt. Für unsere verwilderten Herzens-Äcker. Für unsere konkreten Heil-Bedürfnisse. Für uns alle, in allen globalen Hemisphären, Kulturen, Nöten. Für unser aller Leben – und Überleben. Miteinander! Für dich und mich. Für alle, die wir lieben. Ich nenne es: die Essenz.

Venayra
(verbal assistiert von Eibensang)


Venayra gibt in Deutschland regelmäßige Schwitzhüttenzeremonien und hat dieses Jahr erstmals eine Visionssuche initiiert, die im Saarland stattfinden wird. Ihr Anliegen dabei ist es, die indianische Essenz der Visionssuche zu adaptieren und dementsprechende Elemente und Inhalte der germanischen Kultur und heimischen Natur miteinfließen zu lassen. Für 2008 besteht die Möglichkeit eine solche Visionssuche auch in Österreich stattfinden zu lassen.

Am MerryMeet Festival 2007 gab Venayra ebenfalls Schwitzhüttenzeremonien. Kontakt: venayra@gmx.de


Venayra


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