Ahnen und Ahnenverehrung
Sie sind ein wesentliches Element auch im Schamanismus. Varuna Holzapfel, Santeria-Priesterin, beschreibt hier ihre Sicht und ihren Angang an diese spezielle Arbeit.

Ahnenverehrung

Höre eher auf die Dinge
als auf die Lebenden.
Vernimm die Stimme des Feuers,
höre dem Wasser zu,
lausche dem Wind,
der in den Bäumen seufzt.
Das ist der Atem der Ahnen.

Die Toten sind nie von uns gegangen,
sie sind im Schatten, der heller wird,
sie sind im Schatten, der sich verdunkelt.
Die Toten sind nicht unter der Erde:
sie sind uns nah
im Rauschen der Bäume,
im Knarren des Holzes,
im Wasser, das strömt
und im Wasser, das ruht.
Sie sind im Verborgenen, sie sind in der Menge.
Die Toten sind nicht tot ...
(Biagro Diop, Senegal)


In vielen Büchern zum Thema Schamanismus liest man, dass als erstes der Kontakt zum Krafttier hergestellt werden sollte. Ich persönlich bin der Meinung, dass der erste bewusste Kontakt zur Welt der Geister über die eigenen Ahnen laufen sollte, da sie unser Bindeglied zwischen der Welt der Geister und der Welt der Menschen darstellen. Meistens hatten wir auch bereits zu ihren Lebzeiten Kontakt mit ihnen, so dass es uns wesentlich leichter fällt, jetzt wieder mit ihnen in Kontakt zu kommen, da uns ihre Energie viel vertrauter ist. Oft besteht auch von Seiten der Ahnen der Wunsch, über die „Häupter ihrer Lieben“ zu wachen oder zumindest ihr weiteres Vorankommen im Leben zu beobachten, denn nur weil jemand tot ist, hört er nicht plötzlich auf, sich um die Personen, die ihm nahe stehen, Gedanken zu machen.

In vielen Kulturen ist das Wissen um die Anwesenheit der Ahnen unter den Lebenden noch vorhanden und so lebt man dort ganz selbstverständlich mit den Ahnen, stellt ihnen hin und wieder etwas zu essen oder zu trinken hin und erzählt von ihnen, so dass auch die jüngsten Familienmitglieder schon mit der Erinnerung an diese Ahnen aufwachsen.
Manchmal äußern sich die Ahnen durch ein Medium und erteilen den Lebenden Ratschläge, können schlichtend bei Streits eingreifen oder äußern einfach nur einen Wunsch nach einem bestimmten Nahrungsmittel oder einer Handlung.

Doch es gibt auch einfachere Methoden, um mit den eigenen Ahnen in Kontakt zu kommen, als von ihnen besessen zu werden (wovon ich auch abraten möchte, wenn man nicht selber ein gut ausgebildetes Medium ist und mit einer Besessenheit umgehen kann). Der einfachste Weg ist ein Ahnenaltar. Um diesen zu errichten, benötigt man nur einen ruhigen Platz bei sich zu Hause, an dem man ein paar Minuten am Tag ungestört ist und mit seinen Ahnen Zwiesprache halten kann. Dort kann man einen kleinen Tisch hinstellen oder ein Tuch auf dem Boden ausbreiten, je nach persönlicher Vorliebe. Außerdem sollte man Gegenstände dort hinlegen, die die Ahnen symbolisieren, Dinge, die sie zu Lebzeiten besessen haben oder Dinge, von denen man weiß, dass sie ihnen gefallen würden. Natürlich kann man auch Fotos seiner Ahnen auf den Ahnenaltar stellen, sollte aber dann darauf achten, das keine lebenden Personen mit abgebildet sind, das könnte sonst leicht missverstanden werden. Zuletzt stellt man noch ein Glas oder eine kleine Schüssel mit sauberem Wasser auf den Altar, davor kann man eine Kerze platzieren. Auch sollten nach Möglichkeit immer frische Blumen auf dem Altar stehen.

Um nun mit Euren Ahnen zu kommunizieren, setzt euch am besten entspannt vor den Altar. Entzündet die Kerze und sucht euch für den Anfang erst mal eine bestimmte Person aus, nach Möglichkeit eine, zu der ihr zu Lebzeiten eine ganz besondere Beziehung hattet (Oma, Opa, Vater, Mutter oder auch Tante, Onkel, etc.). Sprecht ihren kompletten Namen aus und bittet sie um ihren Segen. Stellt Euch positive Situationen vor, die ihr gemeinsam erlebt hat, erinnert euch an die Person, bis ihr das Gefühl habt, sie sei anwesend. Wenn ihr das Gefühl habt, sie sei im Raum, dann erzählt ihr, wie es euch ergangen ist, was es bei euch an Neuigkeiten gibt. Erklärt auch, warum ihr einen Ahnenaltar errichtet habt, was ihr damit bezwecken wollt (den Kontakt zu den Ahnen herstellen und kräftigen) und fragt nach, ob der Ahn, mit dem ihr grade redet, bereit ist, euch bei eurer spirituellen Arbeit zu unterstützen und zu helfen. Stellt die Frage in den Raum hinein, entweder laut oder leise und horcht in euch auf eine Antwort. Wenn ihr so was zum ersten Mal macht, kann es sein, dass ihr ganz genau hinhören müsst, bevor ihr etwas hört, vielleicht passiert beim ersten Mal auch überhaupt nichts, dann verliert nicht den Mut und versucht es ein andermal noch mal. Es kann auch sein, dass der Ahn, den ihr da versucht anzusprechen, aus irgendeinem Grund „nicht erreichbar“ ist, dann versucht es mit einem anderen Ahn. Oder beendet eure erste Ahnenaltarsitzung mit einem kurzen Gebet/einer Bitte an die Ahnen, euch einen Traum zu schicken, in dem sie euch zeigen können, wer euer Ansprechpartner in Geisteranien ist und versucht es dann mit diesem Ahn an einem anderen Tag erneut.

Ihr könnt euren Ahnen alles erzählen und ihr könnt sie natürlich auch alles fragen, aber vergesst nicht, dass durch den Tod keiner allwissend wird und daher die Frage nach dem nächsten Freund oder den Lottozahlen am Samstag völlig sinnlos sind. Gewöhnt euch auch an, Informationen, die ihr von den Ahnen erhaltet, zu überprüfen und kritisch zu hinterfragen, denn nicht jeder Rat, den sie geben, ist für uns in unserer Situation einfach umzusetzen. Vieles, was für uns wichtig ist, hat für sie jede Bedeutung verloren und manchmal muss man ihnen auch genau erklären warum etwas für einen selber jetzt so bedeutend ist.

Wichtig ist natürlich auch, dass man gut geerdet bleibt und nicht wegen jeder Kleinigkeit seine Ahnen befragt, denn viele Fragen lassen sich auch durch Nachdenken lösen und wie gesagt, allwissend sind auch die Ahnen nicht.

Wenn man regelmäßig seinen Ahnenaltar aufsucht, um mit ihnen zu kommunizieren, sollte man auch dafür sorgen, dass man den Ahnen ab und an mal eine Gabe zukommen lässt, ein Stück Kuchen, einen Teller des Mittagessens (dann sollten die Ahnen immer die erste Portion bekommen), ein Gläschen Wein, Kaffe, eben alles, was sie auch schon zu Lebzeiten gerne zu sich genommen haben.

Zum Schluss noch eine Warnung an alle Frauen: Wenn ihr beginnt, mit den Ahnen zu kommunizieren, kann dieser erste Kontaktversuch sehr schnell als Einladung zur Inkarnation missverstanden werden. Wenn ihr also nicht vorhabt, zu dem Zeitpunkt schwanger zu werden, dann achtet ganz dringend auf anständige Verhütung!

Mögen eure Ahnen euch schützen.

Varuna
(Autorin und Santeria- Priesterin)


Varuna


«Shaman´s View»:   Articles in English
Schamanöser Beipackzettel 29.04.2017
Mein Murmelgleichnis zum Thema Seelenverlust – oder warum es wichtig ist, seine Murmeln beisammen zu haben 19.03.2017
Die schamanische Praxis ist notwendige spirituelle Selbstermächtigung 21.01.2017
Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa - Teil III 26.06.2016
Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa - Teil II 11.06.2016
Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa - Teil I 28.05.2016
Moderner europäischer Schamanismus - Teil II 07.05.2016
Moderner europäischer Schamanismus - Teil I 16.04.2016
Hausverstand und spirituelle Aneignung 06.02.2016
Der Krieger! Welcher Krieger? 14.11.2015
Schamanismus im Alten Ägypten 02.05.2015
Wie fange ich an … 04.04.2015
Dienst an der Schöpfung – ein Märchen 28.02.2015
Für Ailo Gaup - Gedanken über das Leben und Sterben aus schamanischer Sicht 29.11.2014
Nagas – Die Fruchtbarkeit des Wassers und der Erde 09.08.2014
Der Walpurgisbockl oder Die Wana in der Oberpfalz 24.05.2014
Vom großen "Danach" - Teil II 15.03.2014
Vom großen "Danach" - Teil I 15.02.2014
Aller Anfang ist manchmal schwer - Teil II 04.01.2014
Aller Anfang ist manchmal schwer - Teil I 21.12.2013
Frontschamanismus 17.08.2013
Du kommst hier ned rein 08.06.2013
Schamanismus in der Postmoderne - Teil III 17.11.2012
Schamanismus in der Postmoderne - Teil II 13.10.2012
Schamanismus in der Postmoderne - Teil I 11.08.2012
Going native Seidr – ursprünglicher seiðmaðr werden - Teil III 10.03.2012
Going native Seidr – ursprünglicher seiðmaðr werden - Teil II 24.12.2011
Going native Seidr – ursprünglicher seiðmaðr werden - Teil I 20.08.2011
Schicksalsfäden durchtrennen und Planetenkräfte befrieden 20.11.2010
Schamanenkraft 02.10.2010
Schamanische Seelentherapie 24.07.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil VI 22.05.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil V 01.05.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil IV 10.04.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil III 03.04.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil II 20.03.2010
Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil I 16.01.2010
Grundsätzliches zum schamanischen Reisen 10.10.2009
Meine Arbeit mit einem traditionellen Kam - Teil III 04.07.2009
Meine Arbeit mit einem traditionellen Kam - Teil II 13.06.2009
Meine Arbeit mit einem traditionellen Kam - Teil I 07.06.2009
Meines? Deines? oder Wer hat´s erfunden? 22.03.2009
Walking the Red Road: Respekt, Demut, Ehre - Teil II 03.01.2009
Walking the Red Road: Respekt, Demut, Ehre - Teil I 27.12.2008
Hilfe von den Ahnen 23.08.2008
Einige Gedanken zum Schamanismus in Europa - Teil II 17.05.2008
Einige Gedanken zum Schamanismus in Europa - Teil I 10.05.2008
Nachrichten aus Anderswelt - Teil II 05.01.2008
Nachrichten aus Anderswelt - Teil I 29.12.2007
Verbündete 25.08.2007
Initiationsrituale - Teil II 05.05.2007
Initiationsrituale - Teil I 28.04.2007
Ahnen und Ahnenverehrung 10.03.2007
Extraktion 06.01.2007
Die weißen Wurzeln der "Peace Gatherings" 02.09.2006
Die Heilige Schwitzhütte - Teil II 11.03.2006
Die Heilige Schwitzhütte - Teil I 04.03.2006
Der Mensch als Einheit von Himmel und Erde 24.09.2005
Schamanismus - eine ganz persönliche Geschichte 16.10.2004
Die Kraft der magischen Ablehnung 15.05.2004
Interview «Schamanismus» 13.09.2003
Stadtschamane 05.04.2003
Heiden für den Frieden - Teil II 22.03.2003
Was ist ein Itako? 10.08.2002
Zeremonien erfordern Respekt 22.06.2002
Etiketten 18.05.2002
Über Spirits und Visionen 11.05.2002
Traditionell oder eklektisch - meine zwei Cents in den Topf 05.05.2002
Heiden für den Frieden - Teil I 10.09.2001






               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017