Betreuung gesucht für WurzelWerk's
Extraktion
Im schamanischen Weltbild werden Krankheiten von "Eindringlingen", verursacht, die, sobald sie erkannt sind, entfernt - extrahiert - werden. Die Extraktion ist somit eine Art "Operation im spirituellen Bereich" und nun in die Praxis...

Beim Reinkommen ist das Erste was auffällt der würzige Geruch. Der Duft von Kräutern und Weihrauch hängt in der Luft und vermittelt ein angenehmes Gefühl. Der Raum ist in ein angenehmes Halbdunkel getaucht und am Boden sitzen zwei Frauen auf Schafffellen und unterhalten sich. Die Jüngere von beiden erzählt, während die Ältere öfter dazu nickt und manchmal, anscheinend geistig abwesend, in die Luft über den Kopf der anderen starrt.
Ist dort nicht ein Flimmern in der Luft? Lichtreflexe.
Die jüngere Frau hat ihre Erzählung beendet und die andere nimmt ihre Hände, drückt sie sanft und bedeutet ihr dann sich hinzulegen. Dann steht sie auf, nimmt das Gefäß, aus dem die ganze Zeit gleichmäßig würziger Rauch aufgestiegen ist, eine Rassel und beginnt mit Summen die am Boden Liegende zu umkreisen.

Immer wieder stößt sie dabei unartikulierte, raue Schreie aus. Und jedes Mal, wenn sie das macht, wird dabei die Rassel geschwungen in kreisenden, fast schon lockenden Bewegungen. Und jedes Mal, wenn sie das macht, dann scheint der Rauch, der aus dem Gefäß steigt, zu beginnen in sich zu drehen, Formen anzunehmen... Dann wird das Räuchergefäß auf die Seite gestellt.
Nach mehrmaligen Umkreisungen wird die Rassel über dem Körper am Boden gezogen. Vom Kopf zu den Füßen, von den Füßen zum Kopf. Manchmal verharrend an verschiedenen Körperstellen, scheint sich dann auch immer das Rasseln zu verändern. Die Frau am Boden hat die Augen geschlossen, scheint fast schon zu schlafen, so entspannt liegt sie da.
Nun werden links und rechts von ihr, unten bei den Füßen und am Kopfende kleine Tüten, gefüllt mit Tabak, hingelegt. Dabei steigern sich die Laute, die die ältere Frau von sich gibt - werden zu tiefen brummenden Tönen, dazwischen glockenhelle Klänge und spitze Schreie.
Sie verharrt am Fußende der Ruhenden, geht auf die Knie und beginnt auf einmal lockende Geräusche von sich zu geben, während sie die Rassel immer wieder über den Füßen vor ihr kreisen lässt und dann Richtung Tabaktüte zieht.

Plötzlich ein Beben der Beine, ein Zucken der Füße. Etwas kleines, schwarzes scheint sich eben noch von den Füßen weg in die Tüte bewegt zu haben, dann ist dieser Eindruck schon vorbei. Die Frau schließt mit einer Hand die Tüte, während sie weiter gurrt, als würde sie ein Tier oder ein Kind beruhigen wollen, steht dann auf und eilt zu einem im Hintergrund brennenden Feuer, in das sie mit einem triumphierenden schrillen Schrei ihren "Fang" wirft. Ähnliches läuft dann links und rechts bei den dort liegenden Tütchen ab, und jedes Mal landet die verschlossene Tüte im Feuer.
Danach wird die Rassel über den liegenden Körper geführt. Immer wieder kreisend vom Nabel weg Richtung Kopf gezogen. Die Lockrufe werden lauter und endlich setzt sie sich ans Kopfende. "Koooommmmmmmm, kooooooooommmm, kooommmmmmm" gurrt sie. "Koommmm rrraaauuuuuuuuus rauuuuuuus, kommmm raauuuuuus" wird gelockt.
Schatten gleiten über die Wände. Seltsame, unbekannte Formen. Zungenschnalzen, Schmatzgeräusche, ein Locken und Gurren, untermalt von dem immer schriller werdenden Tönen der Rassel. Ein Beben fährt durch den Körper der jungen Frau. Sie beginnt sich zu winden. Stöhnt schmerzerfüllt auf.
"Koooooooooommmmmmmm, hier, hier, hier, hier" das Locken wird intensiver. Beim flüchtigen Hinsehen scheint es, als ob am Oberkörper der Frau ein Gewimmel ist von handdicken schwarzen, schlangenähnlichen Leibern, die Richtung Kopf wandern.
Als ein schwarzer Schlangenkopf sich durch den Scheitel drängt, wölbt sich der Körper und ein Schmerzschrei ist zu hören. "Jajajajajaaaaaaaaaaaa hiiiiiier, hier, hier, hier, koooooooommmmmmmm raaaaaauuuuuuuuus, hier, hier, hier", die Stimme klingt kaum menschlich und scheint für die Schlange unwiderstehlich zu sein.
Während sie sich vor und zurück wiegt, schiebt die ältere Frau die Tabaktüte vorsichtig näher zur Schlange. Dann ein Zischen, ein Huschen und mit einem Ruck löst sich die Schlange ganz aus dem menschlichen Körper und verschwindet in der Tüte.

Der Körper, den sie verlässt, bäumt sich auf, ein Schrei hallt. Die Tüte wird blitzschnell gepackt und zum Feuer getragen. Dort wird sie zu den immer noch im offenen Feuer liegenden drei Gegenstücken geworfen und wie sie bei ihnen landet, gehen alle vier gleichzeitig in Flammen auf.
Die ältere Frau dreht sich mit Schweiß überströmten Gesicht zu der am Boden Liegenden um. Diese weint leise vor sich hin, hat sichtlich Schmerzen. Mit beruhigendem Brummen bläst die ältere Frau nun Rauch über den Körper. An manchen Stellen bildet er kleine Spiralen und scheint einzudringen. Sie setzt sich hin und legt ihre Hände auf den Solarplexus der Liegenden.
Eine Viertelstunde vergeht. Das Weinen wird leiser. Ein erleichterter Seufzer. " Mir geht’s wieder gut", sagt die Jüngere.

Ja, und wer sich jetzt beim Lesen eine Jurte vorgestellt hat, eine Hütte oder ähnliches, den muss ich enttäuschen. Das Ganze hat sich tatsächlich so abgespielt in einem ganz normalen Wohnzimmer mit einer Stehlampe als Lichtquelle und einem schön warmen Kachelofen.
In dieser Art kann sich Schamanismus, eine schamanische Behandlung, heute abspielen. Kann nicht nur, sondern tut’s auch!


Lucia


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