Schamanismus - eine ganz persönliche Geschichte
Für mich hat Schamanismus nichts mit Dschungel, halluzinogenen Drogen oder tagelang andauernden Heilzeremonien zu tun. Ich lebe in einem kleinen Dorf in Österreich und würde es sich bei mir in diesem Maße abspielen, käme morgen ein netter grüner Wagen der sich hier „Tante Minna“ nennt und brächte mich in die geschlossene Psychiatrie.

Schamanismus ist für mich eine Art und Weise, wie man in unserer zivilisierten (?) Welt trotz aller Ablenkungen von außen ein Leben lebt, das sich in der Form von anderen Lebensweisen unterscheidet, dass man Kontakt zu anderen Welten und anderen Wesen hat.
Gerade hier im niederösterreichischen Ybbstal, wo man mit Zwergen, Flussgöttinnen, Elfen und Zauberern, Baumgeistern und Berggeistern, sowie Wassermännern und vielen wunderbaren Tieren und Landschaften, Höhlen, Bergen und Wäldern konfrontiert ist, fällt es ziemlich schwer, daran zu glauben, dass es in anderer Leute Köpfen eine Welt geben soll, die ohne diese Naturwesen existiert. Es ist unübersehbar, dass hier Zwerge wohnen, jedes Sichelwerk, jeder eisenverarbeitende Betrieb trägt als Wappen die gekreuzten Hämmer über den Toren. Uralte Gärten zeigen am Gartenzaun ein Wappen mit Eicheln und einer Harfe - einem typisch druidischem Symbol. Man kann das Flüstern des Flusses nicht überhören, man kann nicht übersehen, dass es hier Tiere gibt, die wo anders nicht mehr zu finden sind. Eisvögel, Feuersalamander, Erdkröten und Laubfrösche, Graureiher und Kormorane, Wasserschlangen und Äskulapnattern, Äschen und so weiter. Niemand, der hier durch die Wälder streift kann diesem Gefühl entrinnen, dass alles belebt und beseelt ist.

Ich bin einer der Menschen, die Kontakt zu diesen Wesen haben. Und mein Lebensgefährte ist einer der Menschen, der sie spürt, bevor ich sie sehen kann. Wir sprechen mit den Zwergen, wir bringen ihnen kleine Opfer, sie besuchen uns oft zu Hause, versprühen ihre lustige Energie, geben uns Ratschläge und bitten uns um Hilfe. Die Berggeister sprechen mit uns, Bäume laden uns ein, zu verweilen, alte Häuser schicken uns ihre Ahnen, damit wir etwas aus der Vergangenheit erfahren, das für die Zukunft von Bedeutung sein könnte. Es ist Alltag für uns geworden, nicht nur die alltägliche Wirklichkeit wahrzunehmen, sondern auch alle anderen Bereiche des Seins. Manchmal haben wir so viel Besuch in den Nächten, dass wir bereits im Spaß beschlossen, Ordinationszeiten zu machen, in denen wir uns dann um die Anliegen der Seelen und Wesen kümmern, die uns brauchen oder die vielleicht wir brauchen.

Schamanismus ist für mich der natürliche Umgang mit der Natur. Der natürliche Umgang mit den unsichtbaren, aber dafür umso mehr spürbaren Wesen, die das Land bevölkern, und die für uns dazugehören, wie eine Welt in der Welt. Schamanismus ist ein Ritual. So wie Zähne putzen oder schlafen gehen. Zu gewissen Zeiten wiederholen sich gewisse Situationen, gewisse Gerüche oder Dinge, die man sieht oder spürt. Kennst Du das Gefühl, wenn Du ein Buch aufschlägst, und plötzlich erinnert dich der Geruch des frisch gedruckten Buches an ein Märchenbuch aus Kindertagen?

Mein Körper hat sich an gewisse Gerüche, Bewegungen, Rhythmen und Klänge gewöhnt.
Wenn ich schamanisch arbeite, dann räuchere ich immer mit Salbei und Baumharz. Das hat sich so ergeben, weil es bei uns genug Bäume und folglich genug Baumharz gibt, und ich oft kein Geld hatte für teure Räuchermischungen aus dem Geschäft. Salbei habe ich oft im Garten angebaut und die Blätter roh gegessen, weil ich irgendwo mal hörte, dass ein einziges Salbeiblatt den Körper von allen Umweltgiften reinigen soll. Und auch meine indianischen Freunde halten sehr viel von Salbei, sie sagen, dass Salbei heilig ist und erklärten mir, dass nur Schamanen die „Smudgesticks“ mit weißer Schnur umwickeln dürften, während die „Nicht- Schamanen“ mit roten Fäden binden müssten. Nach meiner Inuit-Initiation während der Bären-Zeremonie wurde mir erlaubt, dass ich weiße Fäden benutzen dürfte - ein Inuit-Schamane sagte wortwörtlich nach der Zeremonie: "Now you are a shaman!" Trotzdem traute ich mich nie, mich Schamanin zu nennen, weil es für mich hier immer unpassend erschien und es mir lächerlich vorkam. Ich meinte immer, Schamanen bräuchten eine 20-jährige Ausbildung oder zumindest eine lebensgefährliche Krankheit, um sich so nennen zu dürfen. Heute denke ich, dass es weit mehr als 20 jahre sind, die wir hier in Europa brauchen, um zu lernen - wir lernen ein ganzes Leben lang!!!


Was mach ich denn nun und vor allem wie
Ich verwende also zum Räuchern Salbei und Baumharz - ausnahmslos. Alleine der Geruch hilft mir schon, in die andere Welt zu gelangen. Wenn ich ein Bett sehe, dann denke ich an Schlaf. Rieche ich Baumharz oder Salbei, dann denke ich an schamanisches Arbeiten.

Ich verwende eine Schamanentrommel. Eine große flache Trommel, die ich bemalt habe mit meinen Krafttieren und Totemtieren, mein Handabdruck in der Mitte, und in der Handfläche das Medizinrad in Punkten dargestellt. An der Rückseite der Trommel habe ich kleine Glöckchen befestigt. Die Trommel hat einen sehr tiefen Klang, den ich brauche, um in die Geistwelt gelangen zu können. Die Glöckchen klingen hell, sie locken Naturgeister an, die sehr neugierig sein können.
Die Trommel ist ein Wesen. Sie ist zugleich Teil von mir - mit mir verbunden. Keiner außer mir darf sie verwenden. Nicht, weil ich es niemandem vergönnen würde darauf zu trommeln, sondern weil die Trommel ein Kraftgegenstand ist, der meine Energie trägt. Will ich auf ihr trommeln, dann spanne ich ihre Haut über Feuer. Der Rand ist bedeckt mit Ziegenfell. Als Griff habe ich weiches Hasenfell verwendet, das nicht in die Hände einschneidet, wenn ich länger trommle.
Höre ich die Trommel, dann beginnt die Reise. Am besten kann ich reisen, wenn ich für mich selber trommle.

Jeder Schamane hat seine eigenen Rituale, seine eigenen Vorlieben. Die Inuit-Schamanen in Alaska verwendeten hohle Knochenstücke, in die sie Kerben einritzten. Mit einem anderen Knochenstück wird über diese Kerben geratscht, sodass ein wunderbarer Klang entsteht. Sibirische Schamanen tanzen sich oft in Trance, nähen Metall an ihre Kleidung (sogar Löffel und Siebe müssen herhalten). Es scheppert und klirrt, und der Schamane singt und tanzt und vielleicht trommelt dazu noch jemand. Andere versenken sich in tiefste Meditation, brauchen vielleicht nur Naturgeräusche oder Musik…

Für meine schamanische Arbeit habe ich eine eigene Bewegung, die mir hilft, leichter in den Zustand der „nicht- alltäglichen Wirklichkeit“ zu versinken. Ich sitze im Schneidersitz am Boden, und schaukle mit dem ganzen Körper nach vor und zurück, während ich meine Trommel schlage und meine Augen mit einem Tuch verbinde, um es ganz dunkel zu haben.


Das ist mein ganz persönliches Ritual
Ich zünde Salbei und Baumharz an, reinige meinen Kopf, mein Herz, meine Hände mit dem Rauch, setze mich hin, verbinde meine Augen, nehme meine Trommel, trommle vier Schläge für jede Himmelsrichtung - und dann beginnt meine Reise. Am Ende der Reise trommle ich wieder für alle Himmelsrichtungen und ändere dann den Rhythmus, um leichter zurück zu finden.


Wofür mach ich das??
Was man bei so einer schamanischen Geistreise machen kann ist in einem einzigen Artikel nicht zu erklären. Aber ich will versuchen, einige Dinge anzusprechen.
Man kann Seelenteile zurückholen, die bei Unfällen, Traumen, schlimmen Erlebnissen, nach einem Schock oder auch bei Vergewaltigung oder Missbrauch verloren gehen. Man kann in vergangene Leben reisen. Man kann Fragen stellen und bekommt Antworten. Man kann Berggeister, Baumgeister, Windgeister, Feuergeister und viele andere Wesen besuchen, und ihnen Fragen stellen oder sie um Hilfe bitten, oder man kann sie fragen, ob sie etwas brauchen, das ihnen Mensch geben könnte (Opfer). Man kann Krankheiten besuchen und fragen, was sie brauchen, oder weshalb sie gekommen sind. Man kann Eindringlinge entfernen, die Aura reinigen, einfach die Seele baumeln lassen und die Geistwelt erkunden, man kann mit Delphinen unter Wasser tauchen und hoch in die Luft springen. Man kann wie ein Adler über bestimmte Situationen fliegen und alles aus einer anderen Perspektive betrachten, kann Menschen um Verzeihung bitten, zu denen man seit Jahren keinen Kontakt mehr hat. Man kann Ahnen besuchen, Häuser energetisch reinigen, Körper energetisch reinigen, mit Tieren sprechen, mit Pflanzen sprechen, und vieles, vieles mehr.

Wäre die Geistwelt ein natürlicher Bestandteil eines jeden Menschenlebens, dann gäbe es viele Sorgen und Probleme weniger auf dieser Welt. Wir würden nicht achtlos Bäume umschneiden und Tunnels bauen, würden bewusster leben, anders mit Krankheiten umgehen, könnten leichter verzeihen und mehr Liebe geben, wir könnten mit unseren Kindern besser umgehen und viele Dinge aus anderen Perspektiven betrachten. Wir hätten innerhalb der Familie weniger Probleme, hätten Kontakt zu den Ahnen, die uns helfen könnten in unserem Leben.

Ohne geistige Sicht sind wir zur Hälfte blind.


Das WurzelWerk dankt Sonja ganz herzlich für diese Artikelspende!


Sonja Benatzky


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