Interview «Schamanismus»
Dr. phil. Christian Rätsch, Ethnopharmakologe und Vorsitzender der "Arbeitsgemeinschaft Ethnomedizin", widmet sich seit Jahren der Erforschung des Schamanismus - auch von innen her.

Reportage: Die Wirklichkeit des Klartraums - GEO Magazin, das Interview führten Günther Mack und Wolfgang Michal


GEO: Wie erforscht man ein Phänomen wie den Schamanismus?
Christian Rätsch: Es mag ungewöhnlich klingen, aber man braucht eine Art Einweihungserlebnis, ein Ereignis, das einem drastisch zeigt: Was jetzt kommt, kannst du nicht mit deiner kläglichen wissenschaftlichen Methodik erfassen, das hat direkt etwas mit deinem Leben zu tun. Und wenn du dich mit Schamanismus beschäftigen willst, dann sei auf der Hut, denn das ist kein dummer Aberglaube, sondern etwas, das die Menschen seit der Steinzeit beschäftigt.

Und was hat das Einweihungserlebnis bewirkt?
Seither habe ich einen völlig anderen Zugang zu praktizierenden Schamanen, als wenn ich nur von Ethno- und Sozialtheorien ausgehen müsste. Für mich ist damals das Tor aufgegangen, um Schamanismus von innen her zu erleben.

Seither verstehen Sie, was Schamanen treiben?
Ja. Schamanismus ist zunächst ein westliches Konstrukt von Religionswissenschaftlern und Anthropologen, die Phänomene aus verschiedenartigen Kulturen unter diesem Begriff zusammenfassen. Aber entscheidend ist der Kontakt mit lebendigen Menschen. Mir nützt es nichts, in der Bibliothek Langweiler wie Mircea Eliade zu lesen, die nie im Leben einen Schamanen getroffen haben, aber dicke Wälzer wie "Schamanismus und archaische Ekstasetechnik" darüber zusammenschustern. Ich wollte selbst erfahren, was Menschen tatsächlich erleben, die Schamanen sind.

Schamanismus ist nur durch Kontakt zu Schamanen zu begreifen?
Eindeutig. Schamanismus aus der Bibliothek ist wie eine Weltreise auf der Landkarte. Das ist der fundamentale Unterschied zwischen theoretischem und praktischem Ansatz. Was gewöhnlich unter Schamanismus zusammengefasst wird, sind Bruchstücke aus Berichten von Konquistadoren, Missionaren und Reisenden über fremdartige Phänomene, die mit Abscheu und Überheblichkeit Zauberei genannt wurden. Mit lebendigen Menschen hatte das wenig zu tun.

Zu Beginn Ihrer "Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen" geben Sie eine Art Definition: "Der Schamane ist Jäger, Krieger, Heiler, Wahrsager und Entertainer und dazu noch Wissenschaftler und Philosoph". Klingt ganz nach Universalgenie. Gibt es etwas wie eine in der Forschung unumstrittene Kerndefinition?
Gibt es nicht.

Jeder meint etwas anderes?
Nicht ganz, aber die Begriffe haben sich im Laufe der Zeit verändert. Vor Carlos Castaneda, der den experimentellen Ansatz in die ethnologische Schamanenforschung brachte, galten Schamanen als Psychotiker, als Randerscheinungen ihrer Gesellschaft, die durch ihr Tun eine Möglichkeit hatten, mit ihrer schwierigen Psyche einigermassen klarzukommen. Der Begründer der Ethnopsychoanalyse, George Devereux, hat zum Beispiel Schamanen noch als Hysteriker und Schizophrene bezeichnet. Dann wurden sie Scharlatane genannt und Trickzauberer. Sie waren eigentlich immer diejenigen, über die sich Ethnologen amüsiert haben, wie auch über das Volk, das so blöd war, diesen Spinnern zu glauben. Dann fanden immer mehr Leute zur Ethnologie, die durch die Revolte der sechziger Jahre Kontakte mit psychedelischen Substanzen gehabt hatten und merkten: Es gibt noch etwas ganz anderes als unsere Welt.

Woher kommt der Schamanismus?
Das habe ich viele Schamanen gefragt. Sie selber sagen: "Das haben uns die Götter in der Urzeit gezeigt", oder: "Das haben uns die Pflanzen beigebracht." Vor allem die südamerikanischen sagen das.

Demnach hat die Entstehung des Schamanismus mit der Entstehung von Religion zu tun?
Das ist eine Frage, die Ethnologen in zwei Lager spaltet. Die einen glauben, Schamanismus sei selbst eine Religion. Die anderen bestreiten das heftig.

Und welche Position beziehen Sie?
Ganz klar, Schamanismus ist keine Religion - Schamanismus ist eine Technik. Religion beruht auf einem Glaubensbekenntnis. Schamanismus basiert auf Erfahrung.

Aber entsteht nicht auch diese Erfahrung wie jede religiöse Erfahrung erst, nachdem und weil Sie etwas glauben?
Umgekehrt. Der Glaube - wenn Sie auf das Wort Wert legen - kam hinterher, nachdem die Schamanen mich in ihre Welt mitgenommen hatten.

Und als "Technik" bezeichnen Sie die Methode, mit deren Hilfe ein Schamane in die andere Welt gelangt?
Das ist das Rüstzeug für die Reise in die andere Welt.

Klingt, als sei für Sie Schamanismus fast eine archaische Form von Wissenschaft?
Er ist der Beginn der Wissenschaft. Und Schamanen sind echte Wissenschaftler, denn die machen wirklich das, was das Wort bedeutet: Wissen schaffen.

Was meinen Sie, wenn Sie von "Wissen" sprechen? Von welcher Wirklichkeit sprechen Sie?
Das schamanische Wissen umfasst im wesentlichen zwei Bereiche: erstens das Wissen über Struktur, Aufbau, Eigenschaften der anderen Wirklichkeit, die man gewöhnlich nicht sieht - eben die visionäre Welt, und zweitens das Wissen über die sichtbare Welt, die jeder kennt. Dazu zählt empirisches Wissen über Nutzen und Schaden von Pflanzen, die für schamanische und heilerische Zwecke genutzt werden können. Und es umfasst das in Gesängen und Geschichten festgehaltene traditionelle Wissen - in vielen Kulturen sind Schamanen auch Barden: Mythologische Berichte sind ja nicht geschwätzige Geschichten, sondern ein Erklärungsmodell für unsere Welt, warum sie so ist, wie sie ist, und wie man in dieser Welt am besten lebt.

Wie darf man sich die visionäre Welt vorstellen?
Sie ist immateriell, sehr plastisch und sichtbar mit Hilfe eines Wahrnehmungsorgans, für das ich keinen Namen habe. In dieser Welt sind die normalen Naturgesetze aufgehoben. Da kann man Dinge tun, die hier nicht möglich sind. Man kann fliegen, sich verwandeln, die Gestalt ändern, andere Sprachen sprechen, das Geschlecht ändern. Viele Schamanen sagen, dass sie die visionäre Welt durch schamanische Bewusstseinszustände erreichen, die man bei uns als Klartraum bezeichnen würde. Aber der Traum erhält eine Wirklichkeitsnähe, die stärker und intensiver ist als jede alltägliche Wirklichkeitserfahrung.

Die Wirklichkeit im Klartraum ist ebenso real wie die Wirklichkeit, die wir an diesem Tisch erfahren?
Wer die visionäre Welt erlebt hat, der weiss, dass es eine wirklichere Wirklichkeit gibt als jene, die wir im Alltag erleben.

Kann die visionäre Wirklichkeit einen Menschen so überwältigen, dass er nicht mehr in seine Wohnküchen-Wirklichkeit zurückkehren mag?
Dann ist er krank. Das darf auf keinen Fall geschehen. Darauf achten die Schamanen sehr, dass die Erlebnisse in der visionären Welt eine Bereicherung für das Leben in der Alltagswelt sind und nicht zu dessen Ersatz werden. In indianischen Kulturen kann man das deutlich beobachten. Schamanen nehmen ihre Patienten mit in die visionäre Welt - meist mit Hilfe von Ayahuasca - und zeigen ihnen dort alles bis hin zum Ursprung des Universums. Aber dann bringen sie sie sicher wieder in diese Welt zurück, wo sie gemeinsam weiter den Alltag leben.

Was ist Ayahuasca?
Eine Droge aus Amazonien, eine Kombination von Betacarbolinen und DMT (Dimethyltryptamin). Das ist eine der genialsten Erfindungen der amazonischen Schamanen. Die Indianer sind ja Pharmakologen, keine Homöopathen. Schamanische Medizin ist keine sanfte Medizin. Sie ist ultraheftig.

Als Kern des Schamanismus gilt die Reise in die andere Wirklichkeit...
... das ist ganz offensichtlich der entscheidende Punkt. Und nichts ist für die Menschen im Westen faszinierender als diese Reise in die andere Wirklichkeit, weil wir dafür in unserer Kultur keine Konzepte haben.

Drogen und Psychopharmaka spielen bei der Reise eine entscheidende Rolle?
Alle Schmananen nutzen Techniken, um das herbeizuführen, was wir "veränderte Bewusstseinszustände" nennen würden, Pflanzenextrakte, oft auch Kombinationen aus pharmakologischen und nichtpharmakologischen Methoden.

Schamanen-Reise ohne Pharma-Starthilfe gibt es nicht?
Ich habe es nur einmal gesehen, bei koreanischen Schamaninnen. Aber generell greifen Schamanen zu Pflanzen, um den Übergang ins schamanische Bewusstsein zu erleichtern.

Was bedeutet das: in den schamanischen Bewusstseinszustand überwechseln?
Das ist ein Zustand, in dem der Körper in dieser Welt bleibt, während das, was wir gewöhnlich Geist, Bewusstsein oder Seele nennen, vorübergehend aus dem Körper austritt und in eine andere Welt hinüberwechselt. Die andere Welt wird von Schamanen meist als die wahre Wirklichkeit bezeichnet - oder als Welt der Vision. Entscheidend ist: aus dem Körper hier auszusteigen, in die andere Welt zu reisen, dort etwas in höchster Bewusstheit auszuführen, was Konsequenzen für Menschen in dieser Welt hat, zu heilen beispielsweise, und zurückzukehren. Dass das geht, ist eine weltweite Erfahrung, ausgenommen in den Einflusssphären der monotheistischen Religionen.

Sie sagen, Schamanismus funktioniere in den verschiedensten Religionen, bloss nicht bei den monotheistischen. Warum nicht?
Vermutlich, weil der Monotheismus die Welt in Gut und Böse aufspaltet und einen Kontakt zum Teufel, zum Bösen, als höchst unerwünscht ansieht.

Für Sie ist die andere Welt nicht des Teufels?
Nein. In der monotheistischen Welt gibt es Gott im Himmel, den Teufel in der Unterwelt und die Menschen dazwischen. Das gleicht der schamanischen Vorstellung von den drei Ebenen Himmel, Menschenwelt und Unterwelt. Der grosse Unterschied ist, dass es in der schamanischen Welt kein scharf getrenntes Gut und Böse gibt, sondern viele Wesen, Götter, Gottheiten, Geistwesen mit bestimmten Eigenschaften - so wie jedes Objekt, jedes Lebewesen bestimmte Eigenschaften hat. Einige dieser Eigenschaften sind für uns nützlich, einige schädlich. Diese natürliche, ineinander verwobene Ambivalenz wird im Monotheismus zum scharfen Gegensatz polarisiert.

Auch monotheistische Religionen wie die katholische kennen den Exorzismus, die schulmässige Teufelsaustreibung. Lässt sich das nicht mit dem Einsatz eines Schamanen vergleichen, der einen Krankheit erzeugenden Geist bekämpft?
Exorzismus ist eindeutig eine Reminiszenz an die schamanische Herkunft unserer Kultur. Auch Schamanen auf der ganzen Welt vertreiben Geister, die Besitz von einem Körper genommen haben und ihn schädigen. Im Unterschied zum Schamanen glaubt ein Priester jedoch, dass der Geist, den er austreibt, ein Teufel ist. Beim schamanischen Exorzismus wird zwar der Geist vertrieben, aber nicht, weil er der Böse ist, sondern weil es nicht richtig ist, in den Körper eines Menschen zu gehen.

Nur ein irregeleiteter Geist?
Genau. Ausserdem glaubt ja kein aufrechter Christ, dass er vom Teufel etwas lernen kann oder darf. Dämonen, die Krankheiten erzeugen, gelten in der schamanischen Tradition dagegen eher als weise Wesen. Sie haben zwar sehr unangenehme Eigenschaften, aber sie verfügen auch über grosses Wissen, an dem Menschen teilhaben können. Viele Dämonen sind mehr eine Art Trickster und amoralisch im Sinn von: weder gut noch böse.

Einige scheinen auch ziemlich dumm zu sein und sich leicht in die Irre führen zu lassen.
Es gibt auch sehr dumme Dämonen. Wäre das nicht so, würden die Schamanen überhaupt keine Macht haben. Ein Christ glaubt an einen allmächtigen Gott. Für den Schamanen existiert keine allmächtige Gottheit. Göttinnen und Götter sind von den Menschen genauso abhängig wie umgekehrt. In der schamanischen Kultur sind Gottheiten noch sehr menschlich.

Versuchen wir noch einen Vergleich zwischen Schamanismus und monotheistischer Religion. Das Mädchen Bernadette berichtete in Lourdes über viele Monate dauernde Gespräche mit der Madonna. Waren das Erfahrungen, die Sie mit der visionären Welt des Schamanen vergleichen würden?
In einer Kultur, in der es eine Mutter Maria gibt, bietet sich bei Visionen die Madonna als kognitives Modell an. Jungen, die katholisch erzogen wurden, sehen als Kinder eine leuchtende Männergestalt und sagen: Ich habe Jesus gesehen. Die jeweilige Kultur vermittelt die Maske für die Erscheinung.

Ein Junge aus Nepal würde sagen, er habe den weisen Alten gesehen? Das heisst, Visionen stehen den kulturell bedingten Projektionen offen?
Deswegen funktioniert der Schamanismus ja in unterschiedlichen Religionen. Im Hinduismus sind die Erscheinungen Hindugötter, im Buddhismus sind es buddhistische Götter. Die Erscheinungen werden erst sekundär von jedem einzelnen interpretiert, mit Namen versehen und mit einem Konzept verbunden.

Da könnten Sie mit Christen, die Maria oder Jesus sehen, doch ganz zufrieden sein?
Ich weiss nicht. Ich glaube, dass sie die Chance vertun, sich mit den Wesenheiten aus der visionären Welt zu verbinden, weil Christen zu Gestalten aus der anderen Welt reflexartig ein Verhältnis der Anbetung haben, und das lässt keinen Raum für schamanische Erlebnisse.

Muss ein Christ oder ein ungläubiger Mitteleuropäer erst wieder an Geister und Dämonen glauben, ehe er Zugang zum Schamanismus bekommt?
Er muss gar nichts glauben. Glauben verhindert alles. Ich weiss aus vielfacher Beobachtung und Erfahrung, dass es Pflanzen und Pilze gibt, die Menschen dazu bringen, Geister in der Natur wahrzunehmen. Daraus ziehen Menschen dann für sich weitreichende Konsequenzen. Viele, die katholisch oder evangelisch erzogen wurden, haben nach dem Genuss bestimmter Pilze ihre Religion einfach liegenlassen, weil sie gemerkt haben, dass es etwas Wichtigeres gibt. Viele haben eine tiefe Naturverbundenheit aus diesen Visionen entwickelt, haben sich selber und die Geister in Pflanzen und Bäumen und Steinen verstehen gelernt.

In manchen Berichten lesen wir, Schamanen seien selten heitere Menschen, sondern eher melancholisch. Woher die trübe Stimmung?
Das ist eine typisch europäische Projektion. Schamanen sind die witzigsten und zotigsten Menschen, die ich kenne. Und dafür gibt es einleuchtende Gründe. Die Schamanen sagen selber: "Wir müssen bei unseren Ritualen viel lachen, weil wir ständig mit Leid und Problemen und den Niederungen des Daseins zu tun haben." Viele westliche Menschen, die sich für Schamanismus interessieren, sind, wenn sie mit echten Schamanen zusammenkommen, nicht nur enttäuscht, sondern regelrecht entsetzt, dass da auch Witze unter der Gürtellinie gerissen werden. Und wenn sie bei den Ritualen sehen, dass ein Schamane ein paar Liter Schnaps säuft, dann sagen sie: "Das kann doch nicht echt sein."

Schamanismus und Esoterik - ein Missverständnis?
So ähnlich. Wenn zum Beispiel in der New-Age-Szene oder der Esoterik-Szene Veranstaltungen zum Schamanismus stattfinden, dann gibt es meistens vegetarisches Essen, weil man dort glaubt: Vegetarismus ist das Echte. Aber die echten Schamanen futtern Riesenberge an Steaks. Wirklichkeit ist, dass es keine Vegetarier unter den Schamanen gibt - ziemlich naheliegend angesichts der Wurzeln der schamanischen Kosmologie in der Sammler- und Jägerkultur.

Sie sind kein Freund von Schamanismus-Wochenenden in der Volkshochschule?
In der Eso-Szene wird viel gegaukelt. Phantasiereisen, die man aus der Psychotherapie kennt, werden mit Trommelrhythmus begleitet, und die Leute denken, das sei eine schamanische Erfahrung. Die wirklichen schamanischen Erfahrungen sind extrem, haben oft mit Angst zu tun, wenn es wirklich soweit ist, auf die Reise zu gehen. Wenn man plötzlich wirklich aus seinem Körper herausgerissen wird, dann kann das ein schockierendes Erlebnis sein. Die schamanische Reise geht nach aussen. Die esoterische geht nach innen. Das wird in vielen esoterischen Publikationen verwechselt. Die sagen: Der Schamane reist in seine Innenwelt, um dadurch intuitiv etwas über seinen Patienten zu erfahren. Da lacht sich jeder Schamane kaputt. Was hat seine Innenwelt mit seinem Patienten zu tun? Er muss in die Aussenwelt, wo immer sie auch ist.

Verachten Sie eigentlich Menschen, die Ihre Erfahrungen nicht gemacht haben?
Nein, ich kann mir nur nicht mehr vorstellen, wie man ohne Einblicke in die visionäre Welt leben soll.

Missionieren Sie für Ihre Erlebniswelt?
Nie. Nur dem, der mich fragt, wie er in die andere Welt reisen kann, dem würde ich sagen: So geht das.

Das kann gefährlich werden?
Ja, wenn man unterwegs mit bestimmten Konfrontationen nicht klarkommt, wenn man etwa von einem Ungeheuer verschlungen wird, ein Gespräch mit einer visionären Gestalt im Konflikt endet, die eigene Hölle erfahren wird.

Gibt es bleibende Verkrüppelungen nach einer missratenen Reise?
Wir haben wenig Probleme damit, weil die beiden Mittel, die bei uns genommen werden, sehr sanfte und wohlgesonnene Stoffe sind. Aber wenn jemand nach einem LSD-Trip auf der Rille hängenbleibt, dann ist es sehr wichtig, dass er sofort noch einen weiteren Trip unternimmt, mit jemandem, der sich in der visionären Welt auskennt.

Sprechen wir noch einmal über Ihre eigene Erfahrung, dieses Kernerlebnis der Reise in die "andere Wirklichkeit". Offensichtlich ist schwer mitteilbar, was das nun ist.
So ist es. Das ist nicht abstrakt zu vermitteln. Aber wenn man in diese andere Wirklichkeit einmal gereist ist, dann weiss man sofort, was damit gemeint ist.

Damit reden sich alle Mystiker heraus.
Sie reden sich nicht raus, sondern es ist einfach so. Man kann diese Dinge nicht verstehen, wenn man sie nicht erlebt hat.

Das ist das Kernproblem des Schamanismus wie der Kritik am Schamanismus. Wie können Sie da über Schamanismus wissenschaftlich arbeiten?
Auf jeden Fall geht es nicht, ohne daran teilzunehmen. Wenn ich die existentiellen Erfahrungen ausklammere, dann wird alles nur lächerlich.

Von Pflanzen und Pilzen ausgeschüttete Botenstoffe provozieren im Gehirn Erregungszustände, und das erregte Gehirn sucht aus seinem unerschöpflichen Archiv dazu passende Bilder - bekommen diese "Visionen" dadurch schon eine Bedeutung, ist das schon die wirklichere Schamanen-Wirklichkeit?
Ganz sicher für den, der diese Erfahrungen hatte. Ein Beispiel: Wenn wir uns über Orgasmus unterhalten, dann wissen wir, was gemeint ist. Jemand, der dieses Erlebnis nie hatte, versteht nicht, wovon wir reden. Genau so ist es mit den visionären Erlebnissen. Ein anderer Kenner hat keine Mühe zu verstehen, wenn ich ihm berichte, wie vor meinen Augen überall Farbspiele aufgehen, wie ich Feuerwerke explodieren sehe, wie ich durch kaleidoskopartige Tunnel sause, wie ich merke, dass sich mein Körperschema und meine Muskulatur verändern, dass auf meinem Arm ein Fell wächst, ich zum Spiegel laufe und mich dort ein Jaguar anguckt.

Eine letzte Frage - ist der Schamane eigentlich verwundbar?
Wäre es nicht so, dann würde es schon längst keine Krankheiten mehr geben. Deswegen will ja auch in traditionellen Kulturen niemand freiwillig Schamane werden. Das ist ein verdammt mieser Job. Ständig muss man sich für irgendwelche anderen Leute mit Monstern und niederträchtigen Geistern und Dämonen und fiesen Gottheiten herumschlagen - im wahrsten Sinne des Wortes. Ich würde nicht gerne Schamane werden, das ist wirklich keine begehrenswerte Aufgabe.

Quelle: GEO MAGAZIN , Nr.9/September 1999


Shadow Viper


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