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Leben ohne Ende – der Tod in heidnischer Sichtweise
Sollte ich eine Gabe haben, dann ist es die für Metaphern und Analogien. Es schaut so aus, als ob ich diesen Dreh raus hätte, schwer verständliche Konzepte oder schwierige Themen in einer Art und Weise darzustellen, die anderen hilft, damit eine Verbindung herzustellen. Wahrscheinlich muss ich nicht extra erwähnen, dass diese Fertigkeit für einen Elternteil ein Lebensretter ist. Es gab kaum eine Zeit zu der ich dankbarer war, als an dem Tag, an dem das Meerschweinchen meiner Tochter starb.
Yin und Yang
Yin und Yang waren die ersten Haustiere meiner Tochter. Sie waren so benannt, weil das eine vornehmlich schwarz mit einem weiße Fleck und das andere, ja, ihr habt es schon erraten … vornehmlich weiß mit einem schwarzen Fleck war. Ich werde den Morgen nie vergessen, an dem wir aufgewacht waren um uns fertig zu machen zur Schule zu gehen und das Morgengezwitscher in Richtung Yin und Yang fast sofort mit dem Schrei „Mama!“verstummt war.
Irgendwann in der Nacht war Yin gestorben. Ihr kleiner Körper war am Boden des Käfigs flach ausgebreitet, still und regungslos, steif und kalt. Meine Tochter, die den Tod vorher noch nie kennen gelernt hatte, fing zu weinen an. Ist es nicht interessant, dass wir instinktiv wissen, dass der Tod alles verändert und wir trauern, weil wir wissen, dass wir etwas verloren haben? Diese Gedanken gingen irgendwann, während der rasenden Realisation dass ich das zu erklären haben würde – und schnell auch noch - durch meinen Kopf. Mit Überzeugung, weil die Welt eines kleinen Mädchens auf den Kopf gestellt worden war und sie eine Antwort nötig hatte um nicht nur dieses Meerschweinchen-große Loch in ihrem Herzen zu stopfen, sondern um Löcher jeder Größe jetzt und für die Zukunft zu füllen.
„Mamma, was ist passiert?“ Das sind einige der am schlimmsten anzuhörenden Worte. Denn das sind Worte die aus Verlust, aus Frustration, aus Traurigkeit und Verwirrung geboren werden. Diese einfachen Worte beinhalten dieselbe Frage, die Erwachsene fragen, wenn sie einen geliebten Menschen verlieren und wir unser Gesicht zur Göttin erheben, genau wie meine kleine Tochter ihr tränennasses Gesicht zu mir erhob. Ich küsste und umarmte sie, was in dieser Stille, die nur in Momenten der vollkommenen Wahrheit existiert, eine Ewigkeit dauerte. Ich wischte meine eigenen Tränen ab, nahm die Hand meiner Tochter und ging mit ihr in die Küche.
Ich nahm ein Glas vom Schrank und füllte es mit Wasser. „Komm mit raus, meine Kleine … Ich will dir etwas zeigen.“ Wir gingen aus der Vordertüre, traten in einen wundervollen Oktobermorgen und blieben auf den Betonweg, der zu den vorderen Stufen führt, stehen. Was ich euch jetzt erzähle ist das, was ich ihr vor zwei Jahren gesagt habe.
Geist und Körper
Ich zeigte ihr das Glas. „Wir alle haben einen Körper, genau wie dieses Glas. Unsere Körper sind mit unserem Wesen gefüllt, genauso wie dieses Glas mit Wasser. Manchmal fühlen wir uns sehr voll und manchmal fühlen wir uns so etwas wie leer, aber das sind wir – Geist und Körper. Bei deinem Meerschwein war das genauso … Geist und Körper.
Manchmal aber werden wir krank oder wir brennen aus und unser Körper arbeitet nicht mehr richtig. Er geht kaputt und deshalb kann er dein Wesen nicht mehr halten.“ Das sagte ich und ließ das Glas auf den harten Beton fallen, wo es zersplitterte. Meine Tochter sprang zurück und schaute mich panisch an.
„Ja, wenn das passiert, dann fürchten sich alle rund um uns. Wir springen. Wir erwarten das nicht,“ erklärte ich ihr. „Niemand weiß wirklich, wann der Körper aufhört an diesem Geist fest zu halten. Das ist eine der Sachen, die das Leben besonders machen … Wenn wir wüssten, dass wir ihn noch lange nicht verlieren werden, würden wir uns wahrscheinlich überhaupt nicht darum kümmern bis der Tag an dem wir sterben sollten wirklich nah wäre.“
„Ich wusste nicht, dass Yin sterben würde“, sagte meine Tochter und brach wieder in Tränen aus. „Wirst Du sterben? Ich möchte nicht, dass Du stirbst!“ Ich hatte gewusst, dass das kommen würde. „Liebling, das Sterben ist nicht das Ende aller Dinge“, sagte ich besänftigend. „Nur weil unser Körper zerbricht heißt das nicht, dass unser Geist weg ist.“ Das fesselte ihre Aufmerksamkeit. Sie sah mich hoffnungsvoll an und ich deutete auf den Boden.
„Schau, das Glas ist zerbrochen und ich kann es nicht mehr zusammen setzen – aber wo ist das Wasser?“ frage ich sie. „Du kannst das Wasser nicht mehr sehen, weil es im Boden versickert ist und wieder ein Teil des „Alles“ geworden ist, aber es ist noch immer da. Es ist Teil des Bodens und der Steine. Etwas davon steigt gerade in die Luft weil die Sonne es langsam aufheizt. Es gibt keine Möglichkeit, wie wir das Wasser wieder zurück ins Glas bekommen könnten, aber das Wasser ist nicht weg.“
Ende Teil I
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