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Wir verfehlen dadurch die Begegnung
mit einer der rätselhaftesten Erscheinungen unserer Welt,
die ihr Geheimnis bis heute weitgehend bewart hat. Zur Veranschaulichung
und Entschlüsselung des Phänomens Farbe wurden Farbtheorien
und Farbordnungen erstellt.
“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum
sich begegnen” (Paul Cezanne)
Bei Goethe fangen wir an
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
untersuchte die “sinnlich-sittliche” Wirkung
der Farben auf den Menschen. Er stellte fest, dass die einzelnen
Farben besondere Gemütsstimmungen erzeugen. In seiner Farbskala
gibt es eine Minusseite und eine Plusseite. Die Grundfarben sind
Gelb, Blau, Purpur, Orange, Zinnober
Plusseite: Gelb, Rot
Minusseite,: Blau, Violeta und Rot.
Goethe weist in seinen Schriften behutsam auf eine Mystische Dimension
der Farbe hin.
Philipp Otto Runge (1777-1810) entwickelte eine “Farbkugel”.
Auf dem “Äquator” befinden sich die Farben in
ihrer größtmöglichen Brillanz. Diese verliert sich
nach Norden in alle Mischungen ins Weiße und nach Süden
ins Schwarze.
Johannes Itten (1888-1967) entwickelte den Farbenkreis. Im Zentrum
des Farbenkreises steht ein Dreieck mit den Primärfarben (Rot,
Gelb, Blau). Die Sekundärfarben ergeben sich aus der Mischung
von jeweils zwei Primärfarben. Aus der Mischung dreier Primärfarben
entstehen Tertiärfarben.
Was ist überhaupt Farbe?
Jeder Mensch mit gesunden Sehorganen
weiß es. Aber wer darüber
nachzudenken beginnt, gerät rasch ins Gleiten. Das Word “Farbe” geht
auf das althochdeutsche Word “farawa” zurück,
und das meinte ursprünglich ganz allgemein die Eigenschaften
und Aussehen eines Objekts oder Wesen. Erst viel später nahm
es die Bedeutung von pflanzlichen oder mineralischen Farbstoffen
bzw. Pigmenten an.
Farben können von den unterschiedlichen Gesichtspunkten
aus betrachtet werden:
Der Physiker erforscht die Energie der elektromagnetischen
Schwingungen oder das Wesen der Lichtteilchen, welche das Licht
hervorbringen
und die verschiedenen Möglichkeiten der Entstehung farbiger
Phänomene.
Der Chemiker studiert die molekulare Konstitution der Farbstoffe
oder Pigmente.
Der Physiologie untersucht die verschiedenen Wirkungen des Lichtes
und der Farben auf unieren Sehapparat Auge und Gehirn.
Der Psychologe interessiert sich für die Wirkung farbiger
Strahlung auf unsere Psyche und die Farbsymbolik.
Dies sind allerdings nur einige, ausgewählte Gesichtspunkte,
unter denen man Farbe betrachten kann. Wie aber unser Auge und
unser Gehirn mit Farbe umgehen, welche außerordentlich komplexe
physiologischen Prozesse schließlich
dazu führen, dass wir “Gelb” oder “Grün” sehen,
ist ein Sprung in eine andere Welt.
“ Die Farben sind der Ort,
wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen”
, erklärte Paul Cezanne. Mit dieser ahnungsvollen
Bemerkung traf er die verwirrende Realität genauer, als er
es damals selbst wusste. Wir verbinden mit jeder Farbe vielfältige
Erfahrungen. Sie werden durch den Kontext, in dem wir eine Farbe
wahrnehmen. Der
Kontext sagt uns, ob eine Farbe symbolisch oder real gemeint ist.
Der Kontext definiert auch die Farbwirkung:
1) Psychologische Wirkung
Die Farben haben eine tief greifende Wirkung auf die Seele, ob
man sich dessen bewusst ist oder nicht. Farben können automatisch
unbewusst Reaktionen und Assoziationen auslösen.
2) Symbolische Wirkung
Auch die symbolische Wirkung entsteht durch Erfahrungen. Nur sind
die Erfahrungen weniger persönlich, es sind meist jahrhundertealte Überlieferungen.
Auch die Zuordnung der Farben zu gewissen Eigenschaften und Zuständen
ist uralt. Die 4 Temperamente, die Hippokrates festlegte, wurden
von ihm mit Farben in Verbindung gebracht.
Sanguiniker – gelb
Choleriker – rot
Melancholiker – schwarz
Phlegmatiker – weiß
Die symbolischen Farbwirkungen entstehen aus der Verallgemeinerung,
der Abstraktion der psychologischen Farbwirkungen. Deshalb gehören
psychologische und symbolische Wirkung so eng zusammen.
3) Kulturelle Wirkung
Die unterschiedlichen Lebensweisen in verschiedenen Kulturen bedingen
unterschiedliche Farbwirkungen.
4) Politische Wirkung
Im politischen Bereich haben Farben eine besondere Symbolik. Die
Flaggen und Wappen signalisieren politische und religiöse
Machtverhältnisse.
5) Traditionelle Wirkung
Beim Verfahren der Farbgewinnung und der Färberei waren im
Laufe der Jahrhunderte nicht alle Farben beliebig verfügbar
und manche Farben waren extrem teuer und erforderten aufwendige
Verfahren der Färberei. Die Farbe der Kleidung war keine Frage
des Geschmacks, sondern des Geldes. Der Wunsch, sich mit Farben
zu umhüllen, sich ihrer magischen Kräfte und ihrer traditionellen
Signale oder sich auch nur ihrer Schönheit zu bedienen, dürfte
zu den ältesten Sehnsüchten der Menschheit gehören.
Farben sind immer doppeldeutig, ja ambivalent. Rot kann als Sinnbild
für Liebe stehen, aber auch Blut bedeutet.
Im heutigen Sprachgebrauch spielen Farben oft eine größere
Rolle, als man sich oftmals bewusst ist. Man wird gelb vor Neid,
grün vor Ärger, hat eine rosarote Brille auf oder betreibt
Schwarzweißmalerei.
Ende Teil I
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