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Es beginnt ja schon in der Kommunikation selbst, worüber
sollten wir diskutieren, wenn es nicht die sprichwörtliche
These und die Antithese gäbe, oder einfacher gesagt: die Meinungsverschiedenheit.
Der relativ unbekannte und sehr missverstandene Begriff „Polarität“ enthält
für mich allerdings den Hinweis, dass es nicht nur Schwarz
und Weiß gibt, sondern die beiden Farben einfach die äußersten
Endpunkte sind und es dazwischen unzählige Zwischentöne
gibt. Genauso, wie auch die meisten Menschen, eigentlich alle,
zwischen dem Nord- und dem Südpol leben.
Ein schönes Bild, nur trotzdem gibt es wohlgemerkt eine gewisse
Tendenz zur Masse hin, so als wären die Extremstandpunkte
wirklich in einer Art und Weise anziehend wie bei einem echten
Magneten. Ein anderes Wort dafür ist Gruppenzwang. Beeindruckende
Tests haben ergeben, dass Menschen allein durch den so abstrakten
Gruppenzwang oft allzu gerne die eigene Meinung über Bord
werfen und sich der Meinung der Mehrheit anschließen, nur
um „dazu zu gehören“, so absurd sie ihnen auch
scheinen mag. Der Mensch ist schließlich ein soziales Wesen.
  Nichtsdestotrotz und notgedrungen finden sich diese Extreme, ob
es jetzt im Fußball ist oder anderswo in unserer Welt, als
einander gegenübergestellt vor. So wie der keltische Torque,
der an seinen Enden Verdickungen hat, die einander direkt gegenüber
zu liegen scheinen, mit einem scheinbaren Vakuum, einer Unterbrechung
des Kreises, der Kluft zwischen den Gegensätzen quasi, dazwischen.
So auffällig die zwei Endknoten beim Torque sind, und das
macht den Erkennungswert eines Torque erst aus, so wenig machen
sie die hauptsächliche Masse des Schmuckstücks aus. Extreme
fallen aber auch in der restlichen realen Welt deutlicher auf als
der Rest, das ist klar.
Synthese?
Es kommt aber nun auch das sprichwörtliche Dritte ins Spiel,
nach These und Antithese: die Synthese. Ein Punkt, den man im Gespräch
zu erreichen sucht, ein einander Befruchten der Standpunkte, ein
gewisser Konsens und letztendlich – ein Miteinander, denn
der Mensch ist ja, wie gesagt, ein soziales Wesen.
Ein Mittel zum Zweck der Darlegung der beiden Standpunkte ist die
Technik der Polarisierung: Man versucht, den jeweiligen Standpunkt
noch zu übersteigern, damit er möglichst plakativ dargestellt
werden kann. Man übertreibt sozusagen die Unterschiede, um
die Diskussion anzuheizen. Das mag zwar die Unterschiede der jeweiligen Ansichten unterstreichen,
macht aber nur Sinn, wenn man einen Konsens anstrebt, im anderen
Fall kann sich dies als ziemlich destruktiv erweisen...
Denn es gibt in der Welt einen maßgeblichen Faktor, der
von grundlegender Natur ist: Macht. Macht kommt meines Erachtens
von „machen (können)“, bezeichnet also unter anderem
auch die Möglichkeit, den eigenen Standpunkt durchzusetzen,
ohne auf den Standpunkt des Gegenübers Rücksicht nehmen
zu brauchen. Macht ist sozusagen der Warp-Antrieb des Egoismus.
Und
Kompromisse geht man sowieso nicht gerne ein.
Egoismus ist auch so ein Grundprinzip: Wenn wir uns das Tierreich
anschauen, ob es eine Ameisenkolonie ist oder eine Schimpansensippe,
Loyalität gilt immer nur für die eigene Verwandtschaft.
Alle anderen sind potentielle Feinde. Und so war es sicher auch
in den menschlichen Urfamilien, den Sippen, nicht anders: Angehörigen
der eigenen Sippe wegen opferte der Mensch wohl immer schon bereitwillig
sein Leben, während er genauso bereitwillig Angehörige
anderer Sippen, Stämme oder Dorfgemeinschaften niedermetzelte. Dergleichen ist heute noch in archaischen Gesellschaften leicht
beobachtbar. Und noch vor hundert Jahren waren „Wilde“ für
uns nicht wirklich Menschen... es waren einfach „die Anderen“.
Und „mir san mir“.
Schwarz-Weiß-Denken
und Macht
Das wohl anschaulichste Beispiel für duales Lagerdenken,
das an der polaren (also vielfältigen) Wirklichkeit vorbeigeht,
ist heutzutage das amerikanische politische System. Kein Mensch
würde annehmen, dass außer den Republikanern und den
Demokraten eine dritte politische Partei jemals in absehbarer Zukunft
eine Chance hätte.
Denn es geht ja in erster Linie um Macht. Was an sich nichts Verwerfliches
ist, denn Macht ist unabdingbar nötig um die eigenen Ziele
durchzusetzen, auch wenn es selbstlose welche sind zum Beispiel.
Dieses also unabdingbare Streben nach Einfluss bedingt aber natürlich,
dass man nicht nur gerne auf die Favoriten setzt, sondern sich
ihnen am besten gleich selbst anschließt. Außerdem
vereinfacht dieses so geächtete und trotzdem in den Köpfen
der Menschen vornehmlich praktizierte Schwarz-Weiß-Denken
das Leben ungemein: Es ist relativ einfach, sich zwischen nur zwei
Möglichkeiten zu entscheiden, alles andere wird im Vergleich
dazu schnell ungemein kompliziert. Und schließlich gab es
ja auch bei uns in Europa bis zum Ende der politischen Steinzeit,
also der Mitte des letzten Jahrhunderts, die ausschließliche
Wahl zwischen: Rot oder Schwarz.
Wenn wir die europäische Farbgebung von den drei göttlichen
Farben her betrachten, fällt übrigens auf, es geht gar
nicht um Schwarz oder Weiß, die Farbe Weiß fehlt hier,
die Farbe der Unschuld sozusagen,... und damit will ich es aber
auch schon wieder, keine Sorge, mit der Philosophie der Farben
belassen. Die weiße Farbe der Unschuld und Selbstlosigkeit
wird in der Politik schnell übertüncht, ihre Vertreter
werden ganz einfach nicht alt, sie werden umgebracht, ob sie Gandhi
oder Martin Luther King hießen. Nelson Mandela war in dieser
Welt eine Ausnahme, die sicher viele Millionen, wie auch mich,
richtiggehend erstaunt hat.
Aber, Schwenk ins andere Eck des politischen Universums: Nachdem
die Endknoten der politischen Welt nicht mehr USA und Russland
hießen, seitdem etabliert sich eine andere Mannschaft für
das vorläufige Endspiel.
Was dem nachsinnenden Menschen auffällt, ist wohl, dass Politik
immer schon – und das auf erstaunliche Weise, mit Religion
verquickt war. Ob man es im zwanzigsten Jahrhundert ´der
christliche Westen gegen den atheistischen Osten´ nannte...
oder anders, wie in den üblichen religiösen Zwistigkeiten
davor und danach. Unzählige Kriege wurden bisher im Namen – oder
zumindest unter dem Deckmantel – der Religion geführt.
Noch vor wenigen Jahren mag ein Mensch aus dem Westen mit Recht
vom proklamiert atheistischen Regime in der Sowjetunion gesagt
haben „denen ist ja nichts heilig“ – so mag er
heute wohl ein Problem damit haben, dass der islamischen Welt so
ziemlich alles heilig ist. Wenn Religion auf die Welt verallgemeinert
wird, so ist das ja auch durchaus im Sinne des Paganismus, denn
im Grunde ist alles in der Welt heilig (was dem neutralen Leser
absurd erscheinen mag, denn wenn es nichts Unheiliges gibt, hat
sich das Ganze schon wieder relativiert...).
Die Einen und die Anderen
Der Islam kennt übrigens auch diese polar/duale Grundspaltung
wie die Christen: Hier wie dort gibt es eine unüberschaubare
Anzahl von abgespaltenen Grüppchen, allein in Österreich
gibt es vierzehn verschiedene anerkannte christliche Glaubensgemeinschaften,
in Amerika wahrscheinlich tausende, und trotzdem gibt es hier wie
dort vor allem die Sunniten und Schiiten, die Katholiken und Protestanten – die
hauptsächliche Zwei-Teilung scheint unvermeidlich.
Und so wie dieses duale System aufgebaut ist – das übrigens
idealerweise ein polares sein sollte – Europa hat es inzwischen
weitgehend kapiert, dass ein Mehr-als-zwei-Parteien-System sinnvoll
ist (wenn auch komplizierter und anstrengender), man nennt es Pluralismus,
ich würde sagen, wahre Demokratie – so wie dieses duale
System also aufgebaut ist, gehört natürlich dazu, dass
die jeweiligen Konfliktparteien einander bekriegen oder zumindest
versuchen, den jeweils anderen auszustechen.
Egal auf welcher Ebene der Dualität, es scheint ein Konflikt
vorprogrammiert: Bevor man einen Konsens sucht, wird erst mal nachgeschaut,
ob man
das überhaupt nötig hat und Kompromisse eingehen muss... „the
winner takes it all“ – der Grundsatz des amerikanischen
Wahlsystems ist eigentlich ein primitiv-archaischer: Die Krieger
der von mir besiegten Armee werden ganz einfach meine Krieger.
Wenn wir schon bei dieser martialischen Ausdrucksweise sind, passt
ein anderer, auch nicht gerade unamerikanischer, Ausdruck dazu: „Wer
nicht für uns ist, ist gegen uns.“ (Mache kennen diesen
Satz auch direkt aus dem Munde G.W. Bushs.) Damit ist alles gesagt:
Entweder, oder. Schwarz oder Weiß. Eine andere zwingend logische Auslegung dieser Aussage ist: „Wir
sind die Guten und sind daher automatisch im Recht.“ Und
die moslemische Welt nimmt dies genau so selbstverständlich
für sich in Anspruch wie natürlich auch die Amerikaner.
„Mir
san mir – und aus.“ Klar wird
es einmal eine Welt geben, wo sich die Engstirnigkeit im Denken der
Menschen
so weit aufgelöst hat, dass der Mensch jeden anderen Erdenbürger,
vielleicht sogar jedes Lebewesen in diesem Universum, als seine
Geschwister betrachten wird. Nur, das kann noch dauern. Bis dahin
kann ich nur weiter den Kopf schütteln, und ich hoffe, ich
werde nicht allzu schwindlig davon. Aber dann würde ich wenigstens
besser in diese Welt passen. Oft genug waren es gerade religiöse
Konflikte, die die menschliche Welt erschütterten. Was kein Wunder
ist, die eigene Religion ist maßgeblich daran beteiligt, wie sich
ein Mensch selbst definiert. Jedenfalls sollte die Zeit vorbei
sein, wo Götter einander bekriegen, auch wenn es ihnen von den
Menschen nur untergeschoben wird.
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