|
Vorweg bemerkt, es wird wohl nicht reichen, hier erst bei Adam
und Eva zu beginnen. Wenn man es genau betrachtet, dann
sind wir alle miteinander ein Zwischenprodukt – schließlich
ist die Evolution ja nie zu Ende – oder mit einem früheren
darwinistischen Modebegriff bezeichnet: Im Grunde kann man die
Vertreter unserer
Spezies auch nach wie vor als das missing link zwischen
Affe und Mensch betrachten, auch wenn wir uns diesen Menschen der
Zukunft
noch
nicht vorstellen
können.
Uns als Zwischenprodukt zwischen Affe und Mensch zu betrachten
ist ja schon mal eine Ansage, die viele von ihren Sitzen aufspringen
lässt und vor allem christlich und andere konservativ Angehauchte
werden vielleicht nicht gleich von Blasphemie sprechen, aber immerhin
ist der Mensch doch die Krone der Schöpfung. Zumindest für
diesen Planeten gilt das ja – für heute – aber betrachten
wir es ruhig kurz genauer:
Was definieren wir eigentlich als unser Menschsein – also das,
was uns vom Tier unterscheidet? Wohl zuerst, dass wir ein bei weitem
größeres
Abstraktionsvermögen haben als Tiere. Tiere können zwar
auch in die Zukunft planen – sie wissen schließlich genau,
wann sie für eine Handlung Bestrafung oder Belohnung zu erwarten
haben, zumindest Tiere wie Affen, Hunde oder Katzen – aber
mit der Komplexität des menschlichen Verstandes ist das nur
ansatzweise vergleichbar.
Was uns beim Verhalten der Tiere ja auffällt, ist, dass sie
im Gegensatz zu uns Menschen sehr impulsiv handeln – sozusagen,
meist ohne die Auswirkungen und Folgen ihrer Handlungen zu „bedenken“.
Auch wenn sie es irgendwie manches Mal zu tun scheinen, handeln
sie schließlich erst meist impulsiv. Und sie werden sich
auch selten fragen, was vor dem Urknall war oder Ähnliches...
Apropos Urknall
Diese Fähigkeit vernetzt zu denken ist es also, was wir selbst
den Primaten voraus haben. Ein Urknall der Evolution: Der Mensch
ist das erste Wesen auf diesem Planeten, das sich seiner selbst
bewusst ist, also ein Ich entwickelt hat. Ist das so,
dass nur wir Menschen das haben, ein Ego? Dieses unumstößliche
Bewusstsein des „Ich bin“. Nun, inwiefern Tiere
eine uns ähnliche
Art der Selbstreflektion haben, werden wir wohl noch lange nicht
feststellen können, aber es steht zumindest fest, dass unsere
Großhirnrinde sich gegenüber allen anderen Tieren explosionsartig
weiterentwickelt hat. Auch wenn Menschenaffen und Delfine die Fähigkeit
besitzen, sich im Spiegel zu erkennen, also ohne Zweifel eine Selbstwahrnehmung
besitzen.
 Einige
meinen, dass Seele nur ein Begriff für das Bewusstseinsfeld
ist, das wir mit unseren Gedanken und Empfindungen bilden. Das
würde allerdings auch bedeuten, dass es nach unserem Tod verpufft
– ähnlich dem Zeitraum, den unser Körper braucht,
um sich zu zersetzen – um zum All-Einen zurückzukehren. Es
würde aber auch bedeuten, dass wir eine Seele, wenn auch in anderem
Ausmaß,
den Vertretern zumindest der Tierwelt ebenfalls zugestehen müssen.
Aber
ein Phänomen erstaunt ja am Menschen: Einfach fast alle
sind religiös. Die Geschichte scheint zu beweisen, dass Menschen
nur dann nicht religiös sind, wenn sie sich ausschließlich
der Maxime des Genusses hingeben, Schlagworte wie „Konsumgesellschaft“ sind
keinem fremd.
Aber die Welt beweist auch, dass es zurzeit einen wahrhaft religösen
Boom gibt. Maßgebliche Gruppen berufen sich immer deutlicher
auf ihre Religion, allen voran die Vereinigten Staaten und der
islamische Raum. Aber auch der Buddhismus und neue heidnische Bewegungen
finden breiteren Raum. Der Mensch scheint Religion doch zu
brauchen, es scheint ein Urbedürfnis zu sein – zumindest
was die seelische Gesundheit betrifft – oder sollte ich „emotionale
Sicherheit“ schreiben?
Ist der erste Ursprung von Religion eine Art Sicherheitsbedürfnis
in diesem endlosen, dunklen und auch kalten Universum? Zumindest
heute kennen wir das so, aber auch Menschen früherer Zeiten
haben sich wohl zu allererst gedacht, wenn es diese Schöpfung
gibt, dann muss es wohl auch einen Schöpfer geben – alles
ist ja schließlich immer wieder zusammenfassbar, bis halt
nur noch eines übrig bleibt: das All-Eine. Und
wenn es da wen gibt, – inwiefern, da ist sich wohl auch der
Einzelne nicht ganz einig – ist dieses Wesen dann getrennt
und außerhalb
der Schöpfung, wie es die christliche Anschauung wäre,
oder ist dieses „Hyperwesen“ die Schöpfung
selbst? Oder beides? Jedenfalls gibt es wohl überall in jeder
Kultur einen Schöpfungsmythos. Die Frage, wie die Welt entstanden
ist, scheint dem Menschen keine Ruhe zu lassen.
Ist dieses All-Eine fassbar oder können wir es schon allein
deshalb nur abstrakt als Wort erfassen, weil es jenseits der dualen
Welt liegt? Die Welt scheint ja in Gegensätze gespalten: Hell
und dunkel, Gut und Böse, Sein oder Nicht-Sein... von jedem
Ding gibt es sein Gegenteil – selbst bei den kleinsten Teilchen
sind immer zwei verschränkt, jedes hat sein Gegen-Teil(chen),
und ihr Schicksal hängt zusammen, egal wo im Kosmos sie sich
gerade befinden. Vielleicht können wir die Welt überhaupt
nur durch Gegensätze wahrnehmen. Wie sonst sollte der Verstand
funktionieren, außer mit dieser Grundunterscheidung „ist
so und so“ versus „ist nicht so und so“. Aber dazu
später mehr.
Sind Tiere religiös?
Schimpansenmännchen machen bei etwas Beeindruckendem wie einem
Gewitter Imponiergebärden, als wollten sie damit das Gewitter,
oder zumindest den, der den Lärm macht, verscheuchen. An außergewöhnlichen
Orten wie einem Wasserfall machen sie zuerst auch diese Drohgebärden,
geraten aber dann in einen eigenartigen Zustand der Ruhe. Menschliche
Forscher interpretierten das als religöses Empfinden – mag
sein. Ist Angst vor dem Unfassbaren, Ehrfurcht oder stilles
Staunen ein
Beginn oder gar Grundprinzip von Religiosität?
Die Reaktionen unserer Vorfahren unterschieden sich vor
noch nicht allzu langer Zeit nicht wirklich sehr von den naheliegenden
Überlegungen eines Schimpansen: Wenn es donnert, dann muss es irgendwo
jemanden geben, der den Lärm macht... Und wenn dieses Wesen einen
solchen Lärm produzieren kann, dann muss es schon ziemlich viel
größer
sein als ich – sehr viel größer.
 Elefanten
wurden dabei beobachtet, dass sie sich merkwürdig
verhalten, wenn sie auf Knochen verstorbener Herdenmitglieder
treffen. Sie betasten mit ihrem Rüssel minutenlang die einzelnen
Knochen, vor allem die Schädel, so als würden sie die
verstorbenen Verwandten noch immer am Geruch erkennen. Manchesmal
tragen sie einzelne Knochen auch an eine andere Stelle wie z.B.
unter einen Busch oder tragen sie eine Weile mit sich herum.
Das kann man wohl bereits Ansätze eines Bestattungsverhaltens
nennen wenn man will, aber schon allein die fast liebevolle Behandlung
der Knochen lässt darauf schließen, dass sie zumindest
ihrer Ahnen gedenken. Und soviel ich weiß, gilt
der Ahnenkult als Ursprung von religiösen Systemen schlechthin.
Wofür wurden und werden
Ahnen eigentlich verehrt?
Klugheit und Erfahrung allein scheinen noch kein Kriterium zu
sein, zumindest nicht im Tierreich. Bei einer Horde einer indischen
Makakenart (die übrigens im Matriarchat leben) hat das
Wissen ihrer Führerin – die nicht die Anführerin ist,
wohlgemerkt – die
sie erfahren zu den entlegendsten Futterplätzen führt
und allen
so in der
Trockenzeit
immer wieder das
Leben
rettet, kaum Bedeutung und ändert nichts daran, dass sie
als Angehörige der niedrigsten Kaste erst als Letzte an
das Futter darf. (Ein erblicher sozialer Status ist also auch
keine Erfindung des Menschen.)
Auch wir Menschen tun uns heute schwer, Wissen und Weisheit Älterer
zu verehren, denn schließlich wissen wir hundert mal mehr
als unsere Großväter
und Großmütter und alle anderen davor erscheinen einem
sowieso schon fast wie Steinzeitmenschen. Da gibt es
einen springenden Punkt, der erst neuerdings zum Problem
geworden ist: Wo kann man noch von jemandem wirkliche Lebenserfahrung
lernen? Erfahrung, die uns in unserem heutigen Leben weiterhilft.
Frühere
Generationen kannten nicht einmal Computer, was sollen einem die
schon raten
können? „Wie
man das Leben meistert“ könnte einem wahrscheinlich
auch kaum einer mitteilen – werden heutzutage doch die wenigsten
von einem
erfüllten
Leben berichten. Und so können ihre Ratschläge für
uns nur hohl klingen – aber der Kontakt ist meistens sowieso
schon abgerissen und so erübrigen sich Gespräche mit
den Alten. Aber ich denke, unsere Eltern oder
Großeltern
werden nicht nur manches Mal salopp „die Alten“ genannt,
weil sie im Vergleich alt sind, sondern – sie werden schließlich
auch mal unsere Ahnen sein. Aber die Maxime der Weisheit
des Alters und das Schätzen ihrer Lebenserfahrung ist uns heute
abhanden gekommen, für Tiere trifft das allerdings noch zu.
Wenn man sich Naturvölker ansieht, dann verehren sie ihre
Ahnen wegen ihrer Weisheit und bitten sie um Rat, oder
sie werden gebeten, jemanden, oder was auch immer, zu beschützen.
Das bedeutet, dass den Ahnen große Macht zugeschrieben wird.
Klar, sie sind schon
drüben
und man würde meinen, dass sie von da aus auch einen besseren Überblick
haben und vielleicht mit sogar noch Mächtigeren – also
Göttern
(oder auch Geistern) – direkt verhandeln können,
oder gar selbst die Macht besitzen, die Dinge zu lenken. Naheliegend
kommt es uns heute wohl vor, dass weise Anführer der Sippe auch
nach ihrem Tod noch für ihre Erfahrung geschätzt
wurden und man in
kritischen Zeiten ihren jenseitigen Rat und auch ihren Schutz
suchte. Lange Zeit später wurden die ägyptischen Pharaonen
gleich vorweg als göttliche Inkarnation angesehen, um das Volk
zu beschützen und zu leiten.
Es scheint aber auch, als wären
neben Schutzgöttern die ersten Götter (wohl mitunter
auch in Form der Ahnen selbst) Schicksalsgötter gewesen,
denen der Einzelne oder auch die Gemeinschaft scheinbar hilflos
ausgeliefert war, ganz ähnlich den Naturgewalten – möglicherweise,
weil der Mensch diese eine Frage anscheinend nicht aushalten kann: „Warum?“
Um
diese Gretchenfrage wird´s im zweiten Teil des Zyklus
gehen.
|