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Die heutigen Möglichkeiten der Molekularbiologie lassen uns
den Stammbaum des Menschen unbegrenzt zurückverfolgen. Sykes
entdeckte erstaunliche Übereinstimmungen der DNA in den
Mitochondrien des Menschen. Da Mitochondrien nur über die
Mutter vererbt werden, stammen nach den Erkenntnissen von Sykes
die DNA-Sequenzen sämtlicher
menschlicher Mitochondrien, die heute auf der Welt existieren,
von der Mitochondrien-DNA einer
einzigen Frau ab.
Mitochondrien gibt es zu Hunderten in den meisten Zellen. Sie haben
die wichtige Aufgabe, komplexe chemische Verbindungen in ein einfaches,
energiereiches Molekül aufzubrechen – eine Art Zellbatterie
– das die Zellen zu vielen verschiedenen chemischen Reaktionen
nutzen. Höchstwahrscheinlich sind Mitochondrien Nachfahren
von Bakterien, die sich vor mehr als einer Milliarde Jahren in
anderen
einzelligen Organismen angesiedelt haben. Seither leben sie dort
als Trittbrettfahrer und versorgen als Gegenleistung für
einen behaglichen Lebensraum Pflanzen- und Tierzellen mit Energie.
Durch ihre eigenständige Abstammung besitzen sie eine eigene
DNA. Anders als das chromosomale Erbgut im Zellkern wird die mitochondriale
Erbinformation bei der Entstehung einer neuen Generation nicht durchmischt.
Ihre Veränderungen kommen einzig durch Mutationen zustande.
Die Mutationsrate der Mitochondrien sind extrem niedrig. Das macht
sie für die Rekonstruktion der menschlichen Entwicklungsgeschichte
so nützlich. Aber wie kam Bryan Sykes darauf? Er schreibt:
„Als ich an
diesem Abend auf dem Heimweg mit den Gedanken eigentlich ganz
woanders war, erlebte ich einen dieser kostbaren Augenblicke,
da aus unerfindlichen Gründen plötzlich ein Erinnerungsfragment
aus den Tiefen des Gedächtnis auftaucht und man innerhalb
von Sekundenbruchteilen gewahr wird, daß man die Lösung
für ein Problem gefunden hat: Mir schossen die Goldhamster
durch den Kopf.“
Sykes hatte als kleiner Junge im Kinderlexikon über Goldhamster
gelesen, dass alle zahmen Goldhamster der Welt von einem einzigen
Weibchen abstammten. Er schildert dann, wie er diese Information
erfolgreich überprüft und von Goldhamstern anhand ihrer
Ausscheidungen die DNA sequenziert und zu einer 100prozentigen Übereinstimmung
gelangt. Er schreibt:
„Alle Zuchtgoldhamster
der Welt stammten von einem einzigen Weibchen ab. Wichtiger
war
für uns jedoch der Nachweis, dass sich die Kontrollregion
seit den Tagen jener Hamster-Urmutter überhaupt nicht verändert
hatte. All die Abermillionen Urururenkel in aller Welt hatten
exakt die Kontrollregion-Sequenz ihrer Stammutter aus der syrischen
Wüste geerbt. Bei den Kopiervorgängen hatte sich
nicht ein einziges Fehlerchen eingeschlichen; ein faszinierender
Gedanke.“
Die
sieben Urmütter Europas
Diese Erbinformation in den Mitochondrien der Urmutter spaltete
sich im Laufe der Zeit durch Mutationen in 33 Urmütter auf,
sozusagen Töchter der einen Urmutter aus Afrika, die vor
etwa 200.000 Jahren gelebt hat. Für Europa hat Sykes sieben
Urmütter
bestimmt und auch gleich mit Namen und Lebenslauf ausgestattet.
Diese Frauen sollen die Urahninnen für ganze 99 Prozent der
Europäer
darstellen, wie ja anhand der Mitochondrien bewiesen werden kann.
Nachdem manche meinen, der Götterglaube des Menschen sei urspünglich
aus dem Ahnenkult hervorgegangen – könnte man daraus ableiten,
dass in Europa sieben ursprüngliche Göttinnen zu Hause
sind? Ich habe noch keine Vergleiche angestellt, aber es wäre
doch interessant, nachdem ja auch nachzuweisen ist, wann und wo
sie gelebt haben.
Sykes hat unsere Urahninnen jedenfalls mit relativ willkürlichen,
aber ihrer Herkunft entsprechenden Namen Tara, Helena, Katrine,
Ursula, Valda, Xenia und Jasmine genannt.
Zum Beispiel habe Ursula aus Griechenland vor 45.000 Jahren und
Jasmine aus Syrien vor 10.000 Jahren gelebt. Ursula lebte an der
griechischen Küste in einer Höhle und zusammen mit ihrer
Schar war die Nahrungssuche ihre Hauptbeschäftigung. Ihre
Schar breitete sich rasch über ganz Europa aus und verdrängte
immer mehr den Neandertaler. Elf Prozent der heutigen Europäer
sind direkte Nachfahren Ursulas. Man findet sie in ganz Europa,
in größeren Gruppen im Westen Großbritanniens
und in Skandinavien.
Du kannst durch eine Genanalyse auch deine Urmutter feststellen
lassen. Alles was es braucht sind 180,- Pfund und du bekommst
das
Set zur Entnahme deiner Gewebeprobe per Post zugeschickt. Nähere
Informationen dazu gibt es auf der Homepage von Oxford
Ancestors an die die (schmerzfrei) selbst entnommene
Gewebeprobe dann nur noch zu versenden ist. Schon gespannt...
?
AhnInnen
und GöttInnen
Urahnen sind nichts anderes als unsere Urur...großmütter und
-väter. Ob die Christen ihren Gott oft "Vater" nennen, nur weil
er ja einen 'leibhaftigen Sohn' gezeugt hat und die modernen duotheistischen
und polytheistischen Religionsansätze von der Großen Mutter sprechen
kann ja kein Zufall sein. Wir sehen uns alle wohl irgendwo als
Kinder der Götter. Was wäre daran verwunderlich, der Frau
Verehrung und einen göttlichen Status zuzubilligen, ohne die es
keinen einzigen
Menschen geben würde? Hätte sie nicht gelebt oder keine Kinder
bekommen, dann wäre die Menschheit, wie es einige Male schon fast
der Fall gewesen zu sein scheint, schon seit 200.000 Jahren ausgestorben.
Wenn, dann verdient wohl diese Frau die Bezeichnung "große Mutter"
wie keine andere und der alte Mythos von Eva oder all den anderen
Frauen und Männern, von denen nach den verschiedensten Mythen das
Menschengeschlecht abstammt – klingen irgendwie plötzlich so realistisch...
Also wer seine Ahnen ehrt kann sich ab jetzt dabei bewusst sein,
dass wir alle an einem gewissen Punkt in der Vergangenheit
tatsächlich ein und die selbe Urahnin anbeten. Wir haben eine
Große Mutter,
eine Urur... Urgroßmutter! Und wenn es stimmt, dass
Menschen durch ihre Nachfahren weiterleben, dann ist sie nicht
nur eine Mutter, die auf uns als ihre Kinder oder Kindeskinder
schaut, sondern wohl eine wahre und echte Göttin.
Auch wenn dieser Vergleich ein wenig zum Schmunzeln anregt oder für
manche gar Blasphemie darstellen mag, ich finde den Gedanken ganz
nett, auch wenn viele meinen mögen, Götter seien ja was völlig anderes
als Menschen. (Worauf hin ihnen die anderen gleich widersprechen...
) Ich denke, die Vorstellungen, was jetzt Götter wirklich sind, sind
so zahlreich wie es Menschen gibt. Und vielleicht habe ich dadurch
ein wenig zum Nachdenken angeregt.
Aber auch ihre Töchter haben
ja Beachtung verdient. (Oder halt "Mutationsvarianten", wie es
die eher trockenen Wissenschaflter ausdrücken würden.) Interessant
wäre, wenn breitere Ergebnisse zeigen würden wie sich im Einzelnen
die Nachkommen der sieben Töchter kreuz und quer über Europa
ausgebreitet haben.
Die bekannte Sichtweise dass wir alle miteinander
verwandt sind, bekommt natürlich auch völlig neue Bedeutung. Wir
sind
nicht nur miteinander verwandt als eine Primatenart oder Spezies,
sondern ganz realistisch und anthropologisch über einen relativ
kurzen Zeitraum hinweg betrachtet. Auch
haben Schätzungen zufolge vor ungefähr 600.000 Jahren
eine damalige gewaltige Vulkanexplosion nur etwa 10.000 Menschen
überlebt. Das führt leider auch dazu, dass die Menscheit
gesamt eine ziemlich verarmte Genvielfalt besitzt.
Skurrile Ergebnisse am Rande
Die genetische Forschung hat, wie es auf fast alles zutrifft, hier
auch ihre guten Seiten. Sie kann uns unsere Vergangenheit erhellen
und zu neuen Erkennnissen führen. So wurde lustigerweise laut einer
Arte-Dokumentation festgestellt, dass die Waliser keinen Tropfen
gälisches, also keltisches Blut in ihren Adern haben, sondern vielmehr
die Nachkommen von aus dem Osten eingewanderten Skandinaviern sind.
"Strange" vor allem für die Briten dürfte ja sein, dass
einer von 100 weißhäutigen Briten in Wirklichkeit
von einem Schwarzen aus Afrika oder einem Asiaten abstammt. Eine
Erklärung,
wie die "schwarzen" Gene aus Afrika und Asien ins "weiße"
Erbgut der Briten kamen, hat Bryan Sykes auch: durch den Soldaten-
und Sklaven-Import der alten Römer. "Dies nimmt der
Behauptung, es gebe biologische Gründe für eine Klassifizierung
von Menschen nach Hautfarben jegliche Basis. Wir alle sind genetisch
eine komplexe Mischung, und zugleich alle mit einander verwandt."
Leider war allerdings auch natürlich bald mal die "übliche vereinfachte
Sichtweise" zu
hören, dann wären ja immerhin 99 Prozent der Briten "eines Blutes".
Genetische Erkenntnisse werden wohl immer in irgendeiner Weise von
rechter Seite missbraucht werden, das darf uns nicht wundern.
Zu denen, die einen besonders starken afrikanischen Gen-Anteil
aufwiesen, gehörte dem Bericht zufolge ein Milch-Farmer aus
Somerset in Südengland, der seine "rein britische" Ahnenreihe
über Jahrhunderte zurückführen kann.
Auch das Rätsel um die angebliche Zarentochter wurde gelöst.
Aber noch spektakulärer ist der Blick, der sich mittels Analyse
des menschlichen Erbguts in die Menscheitsgeschichte eröffnet:
Der 5.500 Jahre alte "Ötzi" hat direkte Nachkommen,
die heute in England leben.
Und die Urväter?
Tja, die scheinen in der Form nicht so leicht feststellbar zu sein
– wie es halt immer schon war. Mutterschaft ist etwas leichter
nachzuweisen. Vielleicht spricht man deshalb nur vom "Begleiter
der Großen
Mutter", weil der Vater ja nicht so einwandfrei nachweisbar
ist (oder war) und deshalb eben eher anonym bleibt. Hat der Gehörnte
ein Gesicht? Eventuell waren da ja auch mehrere Männer
beteiligt an der Zeugung des heutigen Menschengeschlechts. Das
Y-Chromosom
macht bekanntlich den kleinen Unterschied zwischen den Geschlechtern
aus, aber da es durchaus wandelbarer ist als die mitochondriale
DNS gestaltet sich die Suche schwierig. Aber es ist nicht verwunderlich,
dass Sykes auf der Webseite bereits das nächste große
Projekt ankündigt: die Suche nach den Söhnen Adams.
Quellen:
Byran Sykes: «Die sieben Töchter Evas» Gustav
Lübbe Verlag
Steve Olson: «Herkunft und Geschichte des Menschen»
Was die Gene über unsere Vergangenheit verraten, Berlin Verlag
(2003)
Arte: Doku-Dreiteiler «Die Kelten», den mal Mc Claudia für
einen VideoAbend aus ihrem Archiv gekramt hatte.
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