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In unserer westlichen Kultur ist unser Denken vom Christentum geprägt.
Das Christentum wiederum basiert auf der dualistischen Weltanschauung
von Gut und Böse, es basiert auf Gott und seinem Widersacher,
dem Teufel. Die Weltsicht ist im Christentum linear. Alles hat einen
Anfang und ein Ende, soweit es die Materie betrifft. Vor der Materie
war Gott und nach der Materie wird wieder Gott sein, beziehungsweise
eine rein spirituelle Existenzform (Himmel). Diese wird dann ewig
andauern.
In meiner Philosophie der Polarität gibt es zwar auch Gegensätze,
jedoch gehören hier diese Pole zusammen. Sie bekämpfen
sich nicht, sondern sie bedingen sich. Sie können alleine gar
nicht existieren. So wie es keinen Tag gäbe ohne die Nacht,
oder wie man den Begriff des "oben" nicht definieren könnte,
ohne den Begriff des "unten" usw. Unglücklicher Weise
assoziieren wir mit dem Wort Gegensatz in erster Linie das
"Ent"-gegen-sein. Man sieht darin die Richtung des sich
Gegeneinander-Stellens und daraus folgernd des sich Bekämpfens.
In der Polarität das Gegensätzliche zu sehen, ist eine
nicht ganz korrekte Sichtweise, denn bei zwei Polen ist der Gegensatz
im Sinne von Entgegen nicht enthalten. Zwei Pole bedingen sich,
sie gehören zusammen. Ein Magnet wäre kein Magnet, wenn
es diese beiden Pole nicht gäbe. Diese Pole müssen auch
gleich stark sein, sonst könnte der Energiefluß und die
aus den Polen herkommende Spannung nicht fließen.
Die christliche Lehre schließt andere Sichtweisen aus. Jesus
sagt: "Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich" (Math.
12/30). Diese Einstellung, die nicht von der Gleichheit, dem Gleichgewicht
und dem Ausgleich ausgeht, sondern vom Entweder-Oder, hat mit Polarität
nichts zu tun. Diese Einstellung, die nichts anderes zulässt,
führt unweigerlich zur Überheblichkeit und kann auch sehr
aggressiv werden. Auch kann diese Einstellung bei anderen, selbst
wenn sie im Grunde offen und friedlich sind, auf die Dauer zu Ablehnung
und schließlich sogar zur Aggression führen. Wenn man
immer wieder gesagt bekommt, wie arm man doch sei, dass man nicht
zu den Auserwählten gehöre, dann ist das nicht gerade
ein sinnvoller Weg zum Frieden und zur Liebe, selbst wenn man seine
Lehre als die Lehre der Liebe bezeichnet.
Diese kurze Erklärung der Unterscheidung von Dualismus und
Polarität ist notwendig, um die nachfolgenden Gedanken über
das All-Eine zu verstehen. Das Prinzip von Yin und Yang aus der
Lehre des Taoismus (auch Daoismus), das auch in der Philosophie
der Polarität ein wesentlicher Grundgedanke ist, macht in schöner
Weise dies symbolhaft deutlich.
Nun gibt es im Taoismus den Begriff des All-Einen, das vor der Existenz
des polaren Yin und Yang existierte und das letztendlich die Unterschiede
der beiden polaren Erscheinungen wieder aufheben wird. So jedenfalls
verstehen wir diese fernöstliche Philosophie. Demnach also
wäre meine Philosophie der Polarität, die davon ausgeht,
dass alles unendlich einem Zyklus unterworfen ist, dass alles sterben
wird und wieder geboren wird, dass Materie und Spirit immer als
diese beiden polaren Erscheinungen existieren werden, dass männlich
und weiblich nicht aufgehoben werden, usw., mit dem Daoismus nicht
gleich oder doch nur so weit gleich, als es sich um eine Erscheinung
nur in der materiellen Seinsform handelt.
Ich erlaube mir jedoch, die Frage zu stellen, ob wir mit unserem
christlichen Denkschema des Dualismus diese fernöstliche Philosophie
vielleicht ganz falsch interpretieren. Ich frage mich, ob wir den
Begriff des All-Einen vielleicht gar nicht richtig verstehen können,
weil unsere Denkweise nicht erfassen kann, dass etwas Eins und gleichzeitig
Zwei sein kann. Mit anderen Worten: In dem All-Einem sind immer
noch die Pole des Zweiseins enthalten, jedoch in so ausgewogener
Weise, dass sie in absoluter Harmonie ein Ganzes, das All-Eine ergeben.
Die chinesische Lehre sagt aus, dass die Yin-Yang-Theorie eine
allgemeine, dialektische Logik ist, die Beziehungen, Muster und
Veränderungen erklärt. Yin und Yang als komplementäre
Gegensätze werden benutzt, um den immerwährenden Prozess
natürlicher Veränderung in einem untrennbaren Ganzen nach
folgenden Prinzipien zu erklären:
· Alle Dinge
haben einen Yin- und einen Yang-Aspekt.
· Jeder Yin- oder Yang-Aspekt kann wiederum in Yin und
Yang unterteilt werden.
· Yin und Yang schaffen einander.
· Yin und Yang kontrollieren sich gegenseitig.
· Yin und Yang verwandeln sich ineinander.
Ich möchte besonders auf den zweiten Punkt aufmerksam machen.
Demnach beinhaltet also jeder Yin und Yang Aspekt wieder einen weiteren
Yin- und Yang-Aspekt und so weiter. Wo sollte dieses Symstem aufhören?
Im Mikrokosmos und im Makrokosmos? Und warum sollte es irgendwo
aufhören? Ist nicht alles unendlich?
Die Schlussfolgerung aus diesem Gedanken kann nur sein: Dieses
Prinzip kann nicht nur auf die Materie beschränkt bleiben.
Es muss also auch so sein, dass Materie und Spirit zusammen und
als untrennbares Ganzes selbst dieses Yin und Yang Prinzip sind,
oder man müsste dann sagen: ist. Denn es ist das Ganze.
Diese beiden zusammen, Spirit und Materie, ergeben das All-Eine,
obwohl es zwei Seinsformen enthält. Wenn die Gleichheit so
ausgewogen vorhanden ist, dass es tatsächlich als Einheit besteht,
kann man dies als die absolute Verschmelzung zu einem Ganzen betrachten,
das jedoch trotz dieser Verschmelzung und in der Einheit immer noch
aus Materie und Spirit besteht. Zu vergleichen mit einem guten Ehepaar,
das so eng verschmolzen ist, dass sich beide als Einheit empfinden.
Trotzdem sind es immer noch ein Mann und eine Frau.
Ich folgere nun weiter: Das Übel in der Welt besteht nicht
in dem Vorhandensein von Gut und Böse und dem ewigen Kampf
um die Vorherrschaft, sondern es besteht darin, dass das Gleichgewicht
von Yin und Yang Aspekten gestört ist. Die Störung ist
aber nicht in der Natur begründet, sondern im Menschen. Der
Mensch ist der Störenfried, der aufgrund von Eigennutz, Machtgier
oder Dominanzstreben und übertriebenes egoistisches Besitzstreben
das Gleichgewicht ins Ungleichgewicht bringt.
Nun kommt eine überraschende Schlussfolgerung: Solange der
Mensch nicht erkennt, dass er selbst und sein Verhalten Yin und
Yang aus der Balance bringt, dass er es ist, der Trennung hervorruft
(die Trennung zwischen Mann und Frau, die Trennung zwischen Rassen,
die Trennung zwischen Alt und Jung, zwischen Christen und Mohammedanern
oder sonst welchen Religionen, zwischen Arm und Reich, Richtig und
Falsch und so fort....), wird er bei dem Wort Polarität nur
die Gegensätze sehen, die sich bekämpfen. Er wird Polarität
mit Dualismus verwechseln, weil er nicht die Möglichkeit erkennt,
dass zwei polare Gegensätze harmonisch zusammen ein Ganzes,
nämlich das All-Eine ergeben können.
Wenn die Menschen sich so weit entwickelt haben werden, dass sie
zu dieser Einsicht kommen, dann wird die Trennung, die der Mensch
irgend wann einmal vorgenommen hat, wieder behoben sein. Sie wird
sich nicht von selbst ergeben. Nein, der Mensch, der ursprünglich
der Verursacher war, muss nun auch wieder etwas dafür tun,
dass sich das Gleichgewicht wieder herstellt. Dann wird das All-Eine
wieder zugegen sein, so wie es früher zugegen war, bevor der
Mensch angefangen hat, durch Selbstsucht, Machtgier Dominanzstreben
und durch übertrieben egoistisches Besitzstreben das Gleichgewicht
ins Ungleichgewicht zu verkehren.
Um das zu erreichen, bedarf es nicht des Weltuntergangs. Es bedarf
nur der Reife, der Einsicht, des Erkennens, der Weisheit. Die Geschichte
vom Baum der Erkenntnis wird leider falsch ausgelegt oder sie ist
sogar von den Schreibern der Bibel absichtlich falsch dargestellt.
Es geht nämlich nicht um die Erkenntnis von Gut und Böse,
sondern durch die menschlichen Taten wird Gut und Böse erst
ins Leben gerufen, nämlich durch Selbstsucht, Machtgier und
Dominanzstreben und übertriebenes egoistisches Besitzstreben.
Wir sollten also lieber vom Baum der Weisheit essen, um die vom
Menschen geschaffenen unparadiesischen Zustände wieder ins
Paradies zu verwandeln.
Ich hoffe, dass ich verständlich machen konnte, dass das All-Eine
kein Gegensatz zur Philosophie der Polarität ist, sondern ihr
Ziel und ihre Vollendung. Allerdings darf man nicht das All-Eine
als eine homogene Verschmelzung oder der Beseitigung weder von Gegensätzen
noch von Polen betrachten und darf somit nicht die Auflösung
der Polarität erwarten, sondern muss die weitere Existenz der
beiden Pole innerhalb der Einheit anerkennen. Eine Verschmelzung
zur homogenen Masse ohne die Pole kann es nicht geben, denn die
Pole bedingen sich und aus der Existenz der Pole erwächst das
SEIN. Ohne Polarität gäbe es gar nichts mehr, denn es
ergäben sich keine Spannungen, keine Schwingungen zwischen
den Polen, was für die andauernde Erhaltung des Seins sorgen
würde. Ja, was das Sein selbst ist.
Es gibt natürlich andere Weltanschauungen, zum Beispiel den
Buddhismus, der davon ausgeht, dass letztendlich tatsächlich
ein Nichts entsteht, dass es weder Materie noch Spirit geben wird.
Wenn es so sein sollte, dass die Pole tatsächlich irgend wann
einmal verschwinden, dann kann es nichts mehr geben, dann ist nur
noch das Nirwana. Aber das Wort "ist" wäre in diesem
Falle unangebracht, denn ein Nichts-Sein ist ja tatsächlich
nichts. Diese Weltsicht ist Ansichtssache, so wie auch das Christentum
und schließlich jede andere Religion ebenfalls Ansichtssache
ist.
Wenn man jedoch das Yin und Yang Prinzip als überall existierend
erkannt hat, besteht kein Grund zur Annahme, dass dies irgendwann
einmal anders sein wird. Die Erkenntnis des immerwährenden
Spannungsaustausches von zwei Polen als Grundlage jeder Existenz
und die Einsicht, dass es ein Ganzes trotz der zwei Pole in harmonischer
Zusammenführung geben kann, ist die wahre Erkenntnis es All-Einen.
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