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Die Wissenschaft hat heute für viele Menschen die Religion
ersetzt. So wie man früher an die religiösen Lehren glaubte,
so glaubt man heute an die Wissenschaft. Viele Menschen tun also
so, als würde ein Gott oder Spirit einfach nicht existieren,
denn was man wissenschaftlich nicht erfassen kann, das gibt es nicht!
Aber da gibt es auch noch eine ganze Menge anderer Zeitgenossen.
Und zwar sogar in den Kreisen, die sich Heiden oder Hexen nennen.
Diese Menschen glauben, dass man auch spirituelle Dinge wissenschaftlich
beweisen oder zumindest erklären kann.
Ich will mal ein Beispiel anführen. Wenn eine junge Mutter
ihr neugeborenes Kind an die Brust legt, dann wird durch den Reiz
und das Saugen an den Brustwarzen ein Reflex im Gehirn ausgelöst,
der die Produktion bestimmter Chemikalien anregt. Diese bewirken
bei der Mutter ein großes Gefühl der Zuneigung zu dem
von ihr gestillten Kind. Aber sogar wenn eine Mutter ihr Kind nicht
stillt und mit der Flasche aufzieht, dann wird diese Chemikalie
ausgeschüttet. Und sogar der Vater, der sich intensiv mit dem
Kind beschäftigt, hat diese gleiche Reaktion und die im Gehirn
ausgeschüttete Substanz ist die gleiche wie bei der Mutter,
die ihr Kind stillt. Das alles macht Sinn, denn auf diese Weise
kann so ein Baby auch dann überleben und Liebe erhalten, wenn
die Mutter nicht stillen kann oder gar gestorben wäre. Erklärt
nun die Wissenschaft mit ihren Methoden, wie die Liebe funktioniert?
- Ja, in der Tat, sie erklärt wie sie "funktioniert",
wie der mechanische Ablauf ist. Aber weiß die Wissenschaft
deshalb auch, was Liebe ist?
Da ist also ein kleiner Haken bei dieser wissenschaftlichen Erkenntnis.
Eine Mutter mag ihr Kind stillen, jedoch aus verschiedenen Gründen,
die zum Beispiel psychologisch bedingt sein können, könnte
sie ihr Kind ablehnen. Sie versorgt es zwar, aber die Liebe stellt
sich nicht ein, trotz Reiz der Brustwarzen. Aber nun kommt die Wissenschaft
und nimmt eine andere Fakultät zu Hilfe, in diesem Falle die
Psychologie. Und schon haben wir wieder die so notwendigen wissenschaftlichen
Erklärungen. Zwar nicht mehr rein naturwissenschaftlich, was
einige Naturwissenschaftler zwar ein wenig verärgert, denn
sie glauben, die wirklich einzigen "richtigen" Wissenschaftler
zu sein. Aber immerhin wird auch eine Sozialwissenschaft - und sogar,
oh Wunder, eine Geisteswissenschaft - anerkannt.
Nun frage ich mich allerdings bei all diesen wissenschaftlichen
Erklärungen, ob wir heute wirklich mehr über die Liebe
wissen. Wenn ich mir die Menschen von heute und ihr Leben betrachte,
dann habe ich meine starken Zweifel daran. Und wie ist es heute
mit Spirit? Weiß man nun aufgrund all dieser vielen und interessanten
Erkenntnisse mehr über Spirit, also über all das, was
jenseits unserer materiellen Seinsform liegt?
Ich denke, dass solche Menschen, die alles - also einschließlich
Spirit - mit der Wissenschaft erklären wollen, einen entscheidenden
Denkfehler machen. Sie sehen alles nur aus der materiellen Sicht.
Aus dieser materiellen Sicht kann man mit der Wissenschaft tatsächlich
sehr viel erklären, jedoch immer nur innerhalb der materiellen
Seinswelt. Wenn ich also erklären kann, dass durch das Saugen
des Kindes im Gehirn der Mutter eine Chemikalie ausgeschüttet
wird, die Zuwendung zum gestillten Kind hervorruft, dann habe ich
eben nur diese Funktion erklärt. Ich habe erklärt, wie
dies technisch abläuft. Das ist alles.
Aber wenden wir uns mal einem anderen Beispiel zu, das bei den
meisten Heiden und Hexen eine große Rolle spielt, nämlich
der Magie. Auch hier versuchen Viele, wissenschaftlich zu erklären,
wie man wahrscheinlichkeitsverändernde Situationen mit unserem
Gehirn beeinflussen kann. Aber auch hier gilt dasselbe wie oben:
Es geht hierbei nicht um Spirit, sondern um Materie. Unser Gehirn
ist Materie und alles was wir damit beeinflussen, ist auf der materiellen
Seinsebene.
Ich habe oben die Geisteswissenschaften erwähnt. Auch dies
ist ein typisches Beispiel dafür, dass wir uns nicht im Bereich
von Spirit, sondern von Materie bewegen. In keiner Universität
der Welt wird Spirit gelehrt. Unser Lernen ist auf Wissen ausgerichtet,
genauer gesagt: auf das Vermitteln von Wissen. Wir lernen nicht
Weisheit in der Schule, nicht auf der Uni. Die Geisteswissenschaften
vermitteln nur das Wissen über die verschiedenen Religion,
jedoch nicht ein Wissen oder gar eine Erfahrung, die man göttlich
oder spirituell nennen könnte. Religionen sind menschengemachte
Konstrukte. Diese kann man erforschen, vergleichen, analysieren.
Man kann Rückschlüsse ziehen, sie für sich selbst
anwenden, sich einer bestimmten Religion zuwenden. Mehr nicht. Spirituelle
Erfahrungen und Einsichten sind kein Resultat einer Wissenschaft,
denn wie der Name schon ganz richtig sagt: Es geht um Wissen!
Wenn wir also unseren Körper und seine Funktionen, wenn wir
die Atome und Photonen, die Chemie und die Physik studieren und
anwenden, dann wissen wir immer noch nicht, was Spirit ist. Wir
wissen nicht, ob wir schon einmal auf der Welt waren, wir wissen
nicht, ob wir weiterhin in einer anderen Seinsform existieren werden,
ja wir wissen nicht einmal, wer wir sind. Wir wissen nicht, ob dieses
ICH, unser ganz persönliches Sein, schon immer war und immer
sein wird, oder ob auch unser ICH sterben wird, wenn unser materieller
Körper stirbt.
Es mag aus dieser Abhandlung gefolgert werden, dass ich die Wissenschaften
ablehne. Jedoch, weit gefehlt! In meiner Philosophie der Polarität
ist der Intellekt, also unsere Fähigkeit, Wissen zu erwerben
und somit die Wissenschaft erst möglich zu machen, eine wichtige
Seite des Menschseins. Mit dem Intellekt erfassen wir die materielle
Welt. Sie macht zum Teil unser Menschsein aus, denn mit dem Intellekt
unterscheiden wir uns von den Tieren. Ohne Intellekt würden
wir nicht als Menschen leben können. Wir hätten uns nicht
so erfolgreich über die ganze Erde ausgebreitet. Unser Intellekt
macht unser Leben angenehm. Jedoch Intellekt ist nur EINE Seite
unseres Menschseins! Die andere Seite des Menschseins ist Spirit.
Um Spirit zu erfassen, müssen wir unsere Seele pflegen und
ausprägen. Diese beiden Pole, der Intellekt und die Seele,
machen den ganzen und vollwertigen Menschen aus. Wer sich nur alleine
auf den Intellekt stützt, lebt in einer kleinen Welt, nämlich
nur in der halben, der materiellen Welt. Wer jedoch nur einzig und
alleine auf den Spirit Wert legt, nur seinen Intuitionen und Gefühlen
folgt, schwärmerisch und träumerisch durch die Welt schwebt
und sich nur darum bemüht, seine Seele perfekt auszubilden,
der lebt ebenso in einer kleinen Welt, nämlich ebenso wie der
nur intellektuell Orientierte, in einer halben Welt. Der Ausgleich
und die Harmonie zwischen diesen beiden vermeintlichen Gegensätzen
ist das wahre Menschsein und sollte unser erstrebenswertestes Ziel
sein.
Um diesen Ausgleich zu erzielen und der Seele ebenso viel Raum einzuräumen
wie dem Intellekt und dem Wissen, müssen wir der Seele und
ihrer Entwicklung die notwendige Zeit zur Verfügung stellen.
Die Seele entwickelt sich in der Ruhe. Das kann Meditation sein,
jedoch auch ein Spaziergang, eine ruhige Beschäftigung, die
nicht dem Wissen oder dem Geldverdienen dient, oder es kann eine
künstlerische Tätigkeit sein, ja sogar der Schlaf dient
der Seele.
Wenn wir uns mal das Leben der meisten Menschen ansehen, dann können
wir sofort erkennen, dass dieser Ausgleich aus rein zeitlichen Gründen
gar nicht stattfinden kann. Viele Menschen schlafen zu wenig, vielleicht
nur 6 Stunden oder gar noch weniger. Acht Stunden arbeiten sie in
der Regel, eine Stunde wird zur Fahrt zur Arbeit verwendet. In der
Freizeit wird kaum etwas von den oben genannten Dingen gemacht,
sondern man sitzt am Computer oder am Fernseher. Wenn es hoch kommt,
macht man einen kleinen Spaziergang oder geht ins Fitnesscenter
(was mehr nach Arbeit aussieht und nicht nach Erholung und Freizeit)
und das war's dann auch schon. Rechnen wir also mal zusammen, wie
das Verhältnis der ruhigen Zeit zur aktiven Zeit in den meisten
Fällen aussieht, dann kommen wir zu einem krassen Ungleichgewicht
zu Gunsten der aktiven Zeiten, nämlich mindestens 16 Stunden
aktives Tun zu nur 8 Stunden Ruhe.
Wir könnten - selbst bei einem ausgefüllten und anstrengenden
Berufsleben - durchaus zu einem Verhältnis von 12:12 Stunden
kommen. Nämlich 8 Stunden Schlaf, 1 Stunde Spazieren Gehen,
1 Stunde für die Mahlzeiten (in Ruhe genossen und mit Bedacht
und Dankbarkeit für die guten Speisen, das wäre auch spirituell!),
1-2 Stunden künstlerische Tätigkeiten, 1 Stunde Lesen
(nicht unbedingt ein Sachbuch) - schon haben wir den Ausgleich erreicht
und unser Leben würde tatsächlich anders werden. Falls
wir Kinder haben, werden wir natürlich einige Zeit mit den
Kindern verbringen, aber das könnte ebenfalls eine spirituelle
Zeit sein.
Heidentum ist für mich nicht nur ein Wort. Es hat nicht einmal
sehr viel mit Ritualen, Anrufungen, Gebeten zu tun. Das ganze Leben
kann ein Ritual und ein Gebet sein. Heidentum für mich ist
bewusstes Leben. Es ist ein alternatives Leben! Es ist ein neues
Sein. Es könnte eine neue Welt errichten, wenn die Mehrzahl
der Menschen dies tatsächlich einsehen und danach leben würden.
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