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Richard Wagner hat mit seiner Oper "Parsifal" ebenfalls
zur weiteren Verbreitung dieses Themas beigetragen. Das Grundthema
der Gralsgeschichte ist der Verlust des Heiligen Grals. Dies ist
nach der Legende der Kelch des Letzten Abendmahles, mit dem das
Blut Jesu am Kreuz aufgefangen wurde. Dieser Kelch soll eine enorme
Heilwirkung haben und der Verlust des Kelches sei dafür verantwortlich,
dass so viel Unheil in der Welt geschieht.
Nun wird natürlich jeder fragen, was dies mit dem männlichen
Gott zu tun hat. Diese Geschichte ist jedoch voll von Symbolen und
zeigt in eindringlicher Weise auf, was mit unserer Gesellschaft
geschehen ist, nämlich der Verlust des Weiblichen. Um dies
zu verstehen, müssen wir auf unsere keltischen Vorfahren zurückgreifen
und ihre Religion bzw. ihre Spiritualität erkennen und verstehen.
Ich erwähnte schon im vorigen Kapitel, dass die Kelten ein
sehr ausgewogenes Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen
Energien kannten und dies eine tief verwurzelte und selbstverständliche
Wahrheit war. Als Zeichen des Weiblichen galt der Kessel (oder die
Schale). Das Weibliche wurde als die aufnehmende Energie betrachtet,
aber gleichzeitig auch als ernährend, als Mutter Erde oder
als Göttin der Fruchtbarkeit und der Fülle. Der Kessel
ist also ein sehr sinnvolles und für jeden verständliches
Symbol. Er wird gefüllt und kann dann seine Gaben austeilen
und die Hungrigen nähren. Kessel waren heilige Gefäße,
sie wurden bei Begräbnissen gefüllt mit Essen, das dann
an alle ausgeteilt wurde. Ein solcher Kessel wurde in dem Grab des
Fürsten von Hochdorf gefunden. Ein besonders schönes Beispiel
eines heiligen Kessels ist der Kessel von Gundestrup. Kessel spielen
in der Mythologie der Kelten eine hervorragende Rolle und es gibt
unzählige Geschichten hiervon. Schalen wurden auch in die Gräber
gelegt. Es erstaunt mich immer wieder, wenn die Archäologen
immer noch behaupten, die Kelten hätten diese Schalen in die
Gräber gelegt, um im anderen Leben bei Gastmahlen das nötige
Geschirr zur Hand zu haben. Diese Auslegung ist absolut absurd und
zeigt eigentlich nur, wie wenig wir uns in andere Kulturen und Religionen
hineindenken können und wie wir alles nur von unserer Warte
aus betrachten und beurteilen. Wenn dies so gewesen wäre, dass
man die Schalen zur Bewirtung seiner Gäste im anderen Leben
benötigt hätte, dann wären auch Becher, Löffel,
Gabeln und Messer notwendig gewesen. Ebenso eventuell eine Pfanne,
um die Gerichte zu kochen. Diese Gegenstände werden jedoch
in den Gräbern nicht gefunden. Die Schale hatte ungefähr
die gleiche Bedeutung wie ein Kreuz, das wir als Christen unseren
Toten in die Hand legen. Das Kreuz ist das Symbol des christlichen
Gottes, die Schale ist das Symbol der Göttin.
Dieses Wissen ist notwendig, um nun die Gralsgeschichte zu verstehen.
In den Anfängen des Christentums war Heidentum und Christentum
noch ziemlich vermischt. Ungefähr mit dem achten Jahrhundert
setzten sich dann die reinen christlichen Vorstellungen durch. Karl
der Große hat zur Durchsetzung und Ausbreitung dieser Lehre
wesentlich beigetragen. Hier taucht nun die Geschichte vom verlorenen
Gral auf, also der Verlust des Weiblichen. Da die Göttin nun
im Christentum keine Bedeutung mehr hatte, machte man aus dem weiblichen
Kessel den Kelch mit dem Blut Christi. Ein solches Vorgehen ist
typisch. Mit diesem Bedeutungswandel ist es ebenso wie mit den vorher
heidnischen Festen, die nun plötzlich christliche Bedeutung
gewannen. Das Weiterverwenden von heidnischen Dingen unter christlichen
Vorzeichen ist ein sehr bewährtes Muster der Christianisierung.
Der Heilige Kelch der Göttin wird also kurzerhand zum Heiligen
Gral, dem Kelch des männlichen Gottes.
Es würde zu weit führen, die ganze Symbolik dieser Parsifalgeschichte
zu erklären und ich kann nur ganz kurz einige Hinweise geben.
Eine große Rolle spielen Amfortas, der Wächter des Grals
und Kundry, die mit ihren weiblichen Reizen ihn verführt. Amfortas
wird daraufhin verwundet und zwar ist seine Verwundung die Kastration,
an der er fortan leidet und nur noch den Tod ersehnt. Kundry, eine
Frau, die verflucht wurde, weil sie den Heiland auf dem Wege nach
Golgatha verlacht hatte, kann von ihrem Fluch nur erlöst werden,
wenn sie jemand findet, der ihren Reizen widersteht. Dies ist dann
Parsifal. So wird er zum Retter des Grals. Kundry ist ebenfalls
gerettet und erkennt nun, dass ihre Aufgabe das Dienen ist. Es wird
also klar erkennbar, wie in christlicher Sicht die Sexualität
gesehen wird. Amfortas wird mit Kastration bestraft und hat nun
keine Macht mehr, den Gralsdienst zu versehen. Die Rolle der Frau
ist das Dienen. Falls sie sexuelle Ambitionen hat, wird sie ebenfalls
bestraft und mit einem Fluch belegt. Besonders bedeutungsvoll jedoch
ist die typische Umkehrung von natürlichen menschlichen Gegebenheiten
und schlechthin von der Natur des Menschen. Die Gralsgeschichte
ist christlich geworden, mit christlichen Moralvorstellungen und
Werten. Nur der ursprüngliche Sinn, nämlich der Verlust
des Grals als der Verlust der weiblichen Energie, ist noch vorhanden.
Aber auch nur andeutungsweise, denn der Gral ist nicht mehr die
verlorene weibliche Energie, sondern der Kelch eines männlichen
Gottes. Dies ist eigentlich makaber, denn der Sinn der Suche wird
dadurch gänzlich irrational. Die Menschen sind auf einer Suche,
ohne zu wissen, was sie eigentlich zu suchen haben! Parsifal hat
den Gral gerettet, jedoch dies ist nicht der Kessel der Göttin,
es ist ein widersinniges und unnatürliches Symbol des christlichen
männlichen Gottes, der paradoxerweise die wirkliche weibliche
Natur und das Weibliche im Allgemeinen unterdrückt und verleugnet.
Die Gralsritter, die auf diesen Kelch weiterhin achten werden, werden
auch in Zukunft die Mächtigen dieser Erde sein, die Bankdirektoren
und die Manager der Weltkonzerne, die die Macht des modernen Grals,
des Materialismus, bewachen. Auch in diesem Wort "Materialismus"
ist eine ähnliche Sinnwandlung geschehen, denn es enthält
"Mater" (Mutter). Also auch hier ist das Weibliche verdreht
worden und hat eine männliche Bedeutung erhalten. Ich werde
dies später in einem anderen Kapitel noch einmal aufgreifen.
Leider sind wir, trotz schöner Geschichten und der Oper eines
großen Meisters, immer noch auf der Suche nach dem verlorenen
Gral. Wir werden ihn nicht finden, solange wir einen nur männlichen
Gott als das oberste Prinzip verehren und das Weibliche nicht mehr
erkennen oder in der wahren und natürlichen Weise nicht anerkennen
und verehren wollen. Aufgrund unserer Konditionierung und der Gehirnwäsche
sind wir leider kaum in der Lage, die wahren und sehr einfachen
Zusammenhänge zu erkennen und reden von Tugend, wenn wir die
Umkehrung der natürlichen Gegebenheiten meinen. Wir machen
alles kompliziert und mit unserem Intellekt so abstrakt und verwirrend,
dass wir die Sicht für das Einfache und Natürliche ganz
einfach verloren haben!
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