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Ohne
Anspruch auf Vollständigkeit, ich habe auch viele Orte besucht,
die hier kaum oder gar nicht vorkommen werden. Nicht, weil ich sie
nicht beeindruckend gefunden hätte, sondern weil ich sonst
wohl ein Buch schreiben müsste, um all die Eindrücke und
Empfindungen zu Papier zu bringen. Dennoch möchte ich kurz
damit beginnen, wie es mich überhaupt auf die Insel südlich
von Sizilien verschlagen hat.
Das
Vorspiel
Als vorausplanender und rationaler Mensch wusste ich
natürlich genau, wohin ich auf Reisen gehen wollte. Na ja,
ich wusste zumindest, dass es warm und am Meer sein sollte - mit
genug Kultur, um meine geistigen Gelüste für zehn Tage
zu befriedigen. Zum Glück kennt mich "meine" Reisekauffrau
schon sehr gut und hatte sofort drei Vorschläge parat...
Die ersten zwei hörte ich mir gelassen an, beim dritten wurde
ich hellhörig. Malta, ja, darüber hatte ich schon einmal
was gehört (Nein, nicht beim Song Contest!). Irgendwie
erinnerte ich mich daran, dass es dort doch irgendwelche Göttinnentempel
geben sollte, ganz falsch konnte ich also mit dieser Wahl nicht
liegen.
Ja, werden einige jetzt denken, die beste Art, eine Reise zu planen.
Und dieser Meinung bin ich tatsächlich. Immerhin mache ich
es schon seit Jahren so und es hat mich an Orte geführt, die
ich ganz tief ins Herz geschlossen habe. Und ich habe gelernt einfach
den Wegen zu vertrauen, die sich im Gehen eröffnen.
Die
Reise beginnt
So kam ich auch dementsprechend gut vorbereitet und
ein wenig übermüdet auf der Insel an. Ich hatte bis zum
Tag der Abreise gearbeitet und war direkt von meinem Job zum Flughafen
gejettet. Zumindest hatte ich mir zuvor noch einen netten Reiseführer
besorgt (in Buchform meine ich!). Und was macht frau/man, wenn frau/man
mit fast null Plan auf einem Flughafen ankommt? Ja, richtig, beim
Anblick des Wortes "Tourist Info" in einen Freudentaumel
ausbrechen und mit quietschenden Kofferrädern darauf zu rennen.
Die Frau grinste nur, als ich ihr mein Begehr nannte, Göttinnentempel
zu besuchen, und drückte mir eine Landkarte in die Hand, auf
der sie alle eingezeichnet waren. Einen bläute sie mir aber
besonders ein. Wenn ich das "Hypogeum" sehen wolle, müsse
ich mich rechtzeitig voranmelden. Unbedingt!
Irgendwie blieb mir die Vehemenz ihrer Aussage im Gedächtnis
und so stieg ich bereits am nächsten Morgen in einen jener
genialen gelben Busse nach Paola. Ob ich zu diesem Zeitpunkt schon
wusste, dass dies eines meiner schönsten Erlebnisse werden
würde, dessen bloße Erinnerung noch immer ein Lächeln
auf mein Gesicht und eine Gänsehaut auf meine Haut zaubert?
Nein, nicht bis zu jenem Moment, als ich der großen, dunkelhaarigen
Frau der Tourismusbehörde gegenüberstand, die freundlich
meine Reservierung für eine Woche später in ihr großes
Buch schrieb. Als ich schon gehen wollte, schaute sie mich einen
Moment lang lächelnd an und fragte: "Warum bist du hier?"
Ich schaute sie einen Moment lang ein wenig überrascht an,
dann grinste ich zurück: "Um Orte wie diesen zu sehen!"
Ein kurzes Nicken: "Ich glaube, ich habe etwas für dich!"
Ein Griff unter den Tresen, und ich hielt etwas in der Hand, das
wie eine Zeitung aussah. Es war eine Zeitung, allerdings
eine besondere "Goddessing Regenerated".
Josette und ich saßen dann noch eine gute halbe Stunde auf
dem Gehsteig vor dem Gebäude und unterhielten uns. Sie hieß
mich auf Malta willkommen und wir plauderten über die Wege
der Göttin. Ja, ChristInnen seien die meisten "Malti"
schon, aber viele hätten nicht vergessen, wer das Herz
des Landes sei. Es kämen Leute aus aller Welt, um diese besondere
Erfahrung zu machen... Sie zu treffen...
Bevor ich ging, sagte ich Josette noch, dass ich mit ihr als Führerin
das Hypogeum besichtigen wolle. Sie wehrte aber ab und erklärte,
sie habe keinen Einfluss auf die Einteilung der Dienste. Aber wir
würden ja sehen...
Wahrscheinlich überflüssig zu sagen, dass ich den Rest
des Tages mit einem Lächeln auf meinen Lippen herumlief. Ich
hatte mit einem Mal nicht das Gefühl fremd zu sein, sondern
viel mehr gerade den Weg nach Hause gefunden zu haben.
Die Erinnerungen an die Tage, die dann folgten, sind sehr lebendig
und farbig. Nicht in chronologischer Abfolge, aber als Blumen, so
wie die Stundenblumen in "Momo". Ich liebe Orte, an denen
es Zeit nicht zu geben scheint, an denen es nicht verwunderlich
wäre, wenn im nächsten Moment jemand in antiker Toga um
die Ecke biegen würde. Und solche Orte habe ich auf Malta viele
gefunden. Die ganze Insel erscheint mir jetzt golden, kein Wunder,
dass die Eroberer bei ihrem Anblick an Honig erinnert wurden und
sogar Städte mit diesem Namen bedacht haben. Ob nun in den
Tempeln oder in den engen Gassen mittelalterlicher Städte,
ich hatte das Gefühl, Geschichte nicht nur lernen, sondern
leben zu können.
Jenseits
der Zeit...
Von den Tempeln sind oft nur mehr Steine übrig, aus denen gerade
einmal die Grundrisse erkenntlich werden. Dazwischen ragen zerbrochene
Mauern auf, geschmückt mit vertrauten Zeichen und Symbolen:
Spiralen, konzentrische Kreise und Mondhörner. Da sind auch
die Statuen, oft übermenschlich groß und nur noch bis
zur Hüfte oder zum Hals erhalten. Fett sind sie, darum werden
sie auch ironisch liebevoll die "Fat Ladies" genannt.
Ich fühlte mich zurückversetzt in eine Zeit als fetter
Teenager, der in der Schule so manche Hänselei durchstehen
musste. Auch als im Geschichteunterricht die Urzeit durchgenommen
und ein Bild der Göttin von Willendorf gezeigt wurde. Damals
konnten mich Aussagen über meinen Körper noch wirklich
ärgern und verletzen, als meine KollegInnen aber meinten, diese
Figur würde aussehen wie ich, fühlte ich mich zum ersten
Mal sogar geschmeichelt. Welches Wunder, dass Menschen vor so langer
Zeit Frauen (oder Göttinnen) mit einem Körper wie dem
meinen so liebevoll dargestellt hatten. Genau eben dieses Gefühl
hatte ich auch, wenn ich vor diesen "Fat Ladies" stand,
plötzliche Stille dieses irritierende Gefühl des "Gehörens"
(Belonging).
Ich hatte den Eindruck, bei diesen Wanderungen durch die alten
Steine nicht nur ein Stück Weltgeschichte zu erleben, sondern
auch meiner eigenen, ganz persönlichen Geschichte. Als sei
es eine Rückkehr und ein Wiederentdecken. Mnajdra, Hagar Qim,
Tarxien Temples... unglaubliche Fülle, alle Gebäude kreisrund
angelegt mit einem Allerheiligsten, das einer von drei ineinanderfließenden
Ringen ist.
Dann auch noch Ggantija auf der Nachbarinsel Gozo, ein Ort, der
seinem Namen wohl gerecht wird. Noch heute sind die oft bis zu sechs
(!) Meter hohen Steine schlichtweg beeindruckend und illustrieren,
warum die Menschen sagten, nur eine Riesin könne so etwas erbaut
haben. Auch Odysseus soll hier vorbeigekommen sein und dabei Bekanntschaft
mit einer mächtigen Zauberin gemacht haben... Calypso. Frauen
über Frauen, so viele Orte nach ihnen benannt und ihnen geweiht
und selbst die nachfolgende Geschichte (Phoenizier, Römer,
Normannen, Araber, Ritter...) hat diesen seltsamen Zauber nicht
zerstört. Der Herzschlag ist spürbar, hörbar.
Dann der Abstieg in die Unterwelt. Mein vorletzter Tag muss es
gewesen sein, als ich fast eine Stunde zu früh bei dem unscheinbaren
Stadthaus in Paola ankam. Beim Neolithikfestival in Valetta hatte
ich eine wunderbare CD erstanden. Eine kanadische Künstlerin
hat es irgendwie geschafft, eine Nacht mit Freundinnen im Hypogeum
zu verbringen und dabei unglaublich schöne Musik aufgenommen.
Gemeinsam mit Josette hörte ich sie jetzt, bevor die anderen
TouristInnen sich zur Führung einfanden. Und natürlich
war es die Malteserin, die uns führte. Selbst die Dienstpläne
in neolithischen Tempelanlagen scheinen nicht in Stein gemeißelt
zu sein!
Bereits als ich hinter Josette die enge Treppe hinunterstieg, hatte
ich ein seltsames Gefühl, das auch jetzt wiederkehrt - wohl
auch, weil ich die wunderbaren Klänge von Jennifer Berezan
höre, eben jener oben erwähnten Musikerin. Es ist schwierig,
die Magie dieses Ortes in Worte zu fassen. Zu erklären, dass
ich mich dort so völlig geborgen fühlte. Es scheint mir
bestimmt zu sein, auf meinen Reisen immer wieder in den Schoß
der Erde zurückzukehren (siehe mein Artikel über Japan),
so auch diesmal. Grabstätte ist dieser Ort ebenso gewesen wie
Tempel, hinter den Kammern, die vom Altarraum weggehen, sind noch
die Kammern zu sehen, wo Körper neben Körper gelegen haben
muss. Ein schwarzer Strich an der felsigen Wand zeigt bis heute
an, wie hoch die Toten gestapelt gewesen sein müssen, die Schätzung
spricht von 7.000 Leichen.
Wenn ich jemandem erzählt habe, dass angenommen wird, dass
Menschen direkt neben diesen Kammern übernachtet haben, haben
diese Leute ein wenig angeekelt den Kopf geschüttelt. Ich fand
und finde es auf seltsame Weise wunderschön. Josette achtete
immer darauf, dass ich direkt neben ihr stand, wenn sie etwas erklärte.
Das gab uns auch die Zeit, noch ein bisschen länger zu reden,
wenn sich die anderen den Weg zum nächsten Raum suchten. Leise
unterhielten wir uns über die Bilder, die dieser besondere
Ort in uns wachrief. Vor allem, aber nicht nur im Allerheiligsten,
doch das ist etwas, das ich nicht teilen möchte. Ich denke
aber, dass viele dies verstehen werden, falls sie eines Tages Gelegenheit
bekommen, die Totenstadt zu besuchen und einen Moment der Stille
im Allerheiligsten verbringen.
Für mich gibt es seit diesem Moment einen großen Traum,
von dem ich nicht weiß, ob er je in Erfüllung gehen wird.
Ich möchte eine Nacht dort unten verbringen. Schlafend wie
die "Schlafende (Träumende) Göttin von Malta",
die dort gefunden wurde und heute wie ein inoffizielles Wahrzeichen
der Insel ist. Vielleicht eines Tages oder auch nie... Aber Zeit
hat in solchen Fällen wohl kaum Bedeutung, denn auf die eine
oder andere Weise werde ich ohnehin dorthin zurückkehren.
Returning to the Mother of us all...
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