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Die Craft
In der traditionellen Craft, wie ich sie sehe und praktiziere, spielen
unter anderem die Mysterien des Lebens und des Todes eine grundlegende
Rolle. In meinem System bilden Gott und Göttin zwei Pole und
gleichzeitig gemeinsam ein Ganzes (das All-Eine - ein monistischer
Ansatz) ganz so, wie
es im menschlichen Bereich (auf die Fortpflanzung bezogen) auch
ist. Die Menschheit besteht zu einem sehr hohen Prozentsatz aus
Männern
und Frauen. Der Anteil an Hermaphroditen dürfte wohl
auch heute noch ziemlich gering sein und sie dürften sich wohl
kaum eigenständig
und aus sich heraus
vermehren; ein Faktum, das sich kaum leugnen lässt
(zumindest noch nicht!!). Deshalb spielt natürlich auch Sexualität
in meiner Art Spiritualität zu sehen und zu leben eine nicht
unwesentliche Rolle. Ohne Sexualität gäbe es kein Leben
(zumindest noch nicht!!) und ohne Sexualität gäbe es
somit auch mich nicht. Die Welt wie wir sie kennen, könnte
ohne Sexualität
ebenso wenig existieren.
Aus der Beziehung der Götter zueinander
und aus ihrer Entwicklung aneinander, lässt sich der
Jahreslauf einer bestimmten Gegend ebenso ableiten, wie der Lebenslauf
des einzelnen
Menschen.
Wie vor sehr langer Zeit im Zwischenstromland, zelebriere
ich auch heute noch Hieros Gamos (Heilige Hochzeit, Großer
Ritus oder wie immer mensch dieses Ritual nennen will) - die tatsächliche
und/oder symbolische Vereinigung von Gott und Göttin im rituellen
Kontext.
In der Craft, wie in jedem anderen System auch, gibt es somit viele
Schichten, in denen Sexualität zu finden ist. Viele Symbole
sind dem Ursprung nach sexueller Natur. Diese Symbolik kann allerdings
nur sinnvoll eingesetzt werden, wenn dem Anwender auch die dazugehörigen
Erfahrungen zugänglich sind. Der „heilige Gral“ kann
viele Bedeutungen haben, wie einige von uns vielleicht erstmals im „Sakrileg“ von
Dan Brown erfahren haben...
Natürlich ist ein Großer Ritus nicht einfach eine alltägliche
sexuelle Begegnung, deren Örtlichkeit einfach vom Schlafzimmer
in den Tempel oder die freie Natur verlagert wurde, sondern etwas,
das Teilbereiche der indischen Kultur nachweislich schon seit langer
Zeit kennen und auch beschreiben, etwas das im Zwischenstromland
als öffentliches
Ritual zelebriert wurde - ein symbolischer Akt genauso, wie ein spirituelles
Ereignis oder eine magische Praxis.
„Jeder ist bei sexueller Vereinigung
erregt, aber sehr wenige können
diese Ekstase in einen spirituellen Pfad transformieren.“ Mahasiddha
Saraha.
Daran ist ersichtlich, dass es nicht nur um ein „Mysterienspiel“ geht,
sondern unter stimmigen Voraussetzungen Entwicklungen ausgelöst
werden können, die über die Auswirkungen der alltäglichen
Sexualität weit hinausgehen.
Ekstase, in dieser Darstellung nun als sexuelle Ekstase, ist Mittel
zur Transformation. Diese Ekstase wird auch von mir in den unterschiedlichsten
Ausprägungen als Weg angesehen und verwendet, um schlußendlich
mit dem All-Einen in Kontakt zu treten, mich kurzfristig in der Einheit
aufzulösen.
Dabei kann die Quelle dieser Ekstase mannigfaltig sein
und ich denke, dass die Craft, wie ich sie sehe und praktiziere ein
derartig
breiter Weg ist, dass mensch sich um einen Mangel an Techniken
zur Erreichung der einen oder anderen Form von Ekstase kaum Gedanken
machen muss - und jede Form der Ekstase führt ans selbe Ziel. Ekstase
als solche kann also imho weder gelernt noch gelehrt werden – sie
geschieht einfach, wenn die Voraussetzungen passen.
Was gelehrt oder erfahren werden kann und auch sollte, sind die
bereits angesprochenen unterschiedlichen
Möglichkeiten, die es für jeden von uns gibt, in diesen
Zustand zu gelangen. Je nach persönlichem Strickmuster, sind
manche Methoden für diesen einen bestimmten Menschen geeignet
und andere wiederum für einen anderen weniger oder für
manche überhaupt
nicht. Danach sollte sich dann auch die Auswahl des Systems richten,
in dem mensch zu arbeiten gedenkt. Dabei ist es immer sinnvoll
im Auge zu behalten und zu bedenken, dass jeder Coven seine eigenen
Wege zu dieser Ekstase beschreitet
und
die Rolle der Sexualität (als eines der Mittel,
diese Ekstase zu erreichen) in jedem Coven eine andere sein kann
und
garantiert auch sein wird.
Was brauch ich denn alles?
Körperfreundlichkeit, Offenheit, Vertrauen und persönliche
Integrität sind nur einige wenige, der Eigenschaften,
die von
Bedeutung sind, um einen sinnvollen Umgang mit sich selbst und
anderen Menschen in einem Gruppengefüge zu gewährleisten – umso
mehr, wenn derartig tiefe Quellen, wie die der sexuellen Energien
angezapft
werden.
So wie ich die Craft erfahren habe, wird deshalb großer
Wert auf persönliche Entwicklung gelegt und das ist auch der
Grund, warum viele Coven die unterste Altersgrenze mit der Volljährigkeit
ansetzen (vielfach sogar wesentlich höher).
Je mehr Lebenserfahrung jemand schon gesammelt hat, desto einfacher
wird es, in den gemachten
Erfahrungen die spirituelle Komponente zu entdecken, diese dann
herauszuarbeiten, zu betonen und quasi als Werkzeug zu entwickeln.
Erinnern wir uns an eine zufällige
und von außen betrachtet völlig unverbindliche Berührung
von jemanden, in den wir als Teenager unsterblich verliebt waren
und die dadurch ausgelösten Gefühlswallungen. Erinnern
wir uns an den ersten erlebten Orgasmus überhaupt oder später
an den ersten mit einem Partner gemeinsam erlebten Orgasmus. All
diese Erfahrungen, einmal
gemacht, haben einen
großen Wert für ekstatische Arbeit. Anhand dieser Erlebnisse
können wir erforschen, was energetisch in unserem Körper
passiert. Wir können lernen, wie Energie und im speziellen
Fall Sexualenergie geleitet wird und schlussendlich können
wir trainieren, das auch bewusst zu steuern und als Vehikel zu
nutzen.
Sexuelle Energie findet sich ja nicht nur in dem, was wir explizit
als „Sex“ bezeichnen. Sexualität entwickelt sich,
wie wir zumindest seit Freud wissen, in den unterschiedlichsten Phasen.
Vieles kann Sexualenergie zum Fließen bringen, angefangen beim
Schmecken und Tasten - geendet...
Die privaten sexuellen Vorlieben und Abneigungen sind dabei vom
Prinzip her ebenso unerheblich, wie die vom einzelnen „privat“ praktizierten
oder bewusst nicht praktizierten Arten des Sexuallebens. In unserer
Zeit und Weltgegend dürfte
es heute kaum mehr nötig sein, seinen sexuellen Vorlieben
ein religiöses Mäntelchen umhängen zu müssen,
um sie auch ohne Scham und unnötige Begrenzungen ausleben
zu können.
Um ein wenig in die Situationskomik abzuschweifen - die hie und
da kolportierten Massenorgien scheitern schon an der Größe
der meisten Coven (die prinzipiell unter 13, meist aber um die
sieben oder acht Mitglieder haben) und am meist eklatanten Männermangel.
Das mag sich zwar für den einen oder anderen Mann verführerisch
anhören, allerdings ist dabei zu beachten, dass ein trad. Coven
entweder von einer Priesterin oder im Idealfall
von einem Priesterpaar geleitet wird. Das erschwert es Männern
ungemein, sich nur um sexueller Abenteuer Willen als
Hahn im Korb
einzunisten. Für
Liebhaber von Orgien oder Sensationsgierige empfehlen sich wohl
deshalb Swingertreffs
wesentlich
eher als die
ohnehin
mehr als mühsame und langwierige Suche nach einem trad. Coven...
Tatsächlich sind derartige Aussagen umso humoristischer, je
mehr Erfahrungen mensch gesammelt hat.
Wie schon erwähnt, geht es bei Hieros Gamos nicht
um Sex per se, sondern um eine transformatorische Erfahrung. Dazu
gehören, wie im indischen Tantra, persönliche Erfahrungen,
erlernte Techniken und auch bestimmte Regeln, wie Sichtweisen und
Einstellungen, damit ein tatsächlich einschneidendes spirituelles
Erleben auch real (und nicht nur in der Wunschvorstellung!) stattfinden
kann.
In vielen Fällen wird diese Heilige Hochzeit in ausschließlich
symbolischer Form praktiziert, was aber den Effekt einer Erfahrung
nicht zwingend mindern muss. Natürlich setze
ich hier wieder voraus, dass die Ausführenden über entsprechende
Fähigkeiten
und Erfahrungen verfügen!
Bloß theoretischer Sex??
In einem meiner Artikel habe ich Sex bereits als Beispiel für
die Arbeitsweise und den Aufbau von Mysterientraditionen genommen.
Ich habe dabei die Prinzipien der Arbeit in einer derartigen Tradition
mit Sex im Generellen verglichen.
Sex innerhalb eines Liebesverhältnisses ist nun mal mit Selbstbefriedigung
oder käuflichem Sex nur in der Technik verwandt – vom
Outcome her aber wohl kaum verwechselbar. Prostituierter Sex (ob
nun aktiv oder passiv) wird einem sicher etwas über Sexualität
beibringen können. Ebenso lehrt mich Selbstbefriedigung essentielle
Dinge über meinen eigenen Körper. Das alles mag für
den einzelnen mehr oder weniger wichtig und sinnvoll sein, aber so
wichtig und sinnvoll es auch nur sein kann, es ist niemals gleichzusetzen
mit der Erfahrung von liebevollem und erfüllendem Sex in
einer partnerschaftlichen Beziehung.
Natürlich ist es das Recht jedes Menschen abzulehnen, diese
Erfahrung machen zu wollen - aber für mich macht es keinen Sinn
zu sagen "Mit gekauftem Sex kann ich all diese Erfahrungen auch
machen, dazu brauche ich keine Beziehung!", weil sich das
definitiv mit meinen Erfahrungen nicht im geringsten deckt.
Dieses Beispiel lässt sich auch auf den Großen Ritus
anwenden. Ich kann hier viel schreiben, nur werde ich erfahrungsgemäß
damit immer vor demselben Problem stehen. Wer die Erfahrungen eines
derartigen
Rituals nicht schon selber gemacht hat (und damit meine ich nicht,
mal daneben gestanden zu haben, sondern die Grundlegende Erfahrung
selbst gemacht zu haben!), der wird nicht oder bestenfall nur unvollständig
einordnen können,
wovon ich tatsächlich spreche.
Wer die Erfahrung der darin enthaltenen
spirituellen Komponenten noch nicht selber gemacht hat, der wird
in seiner Vorstellung immer wieder beim dem landen, was in seiner
Erfahrungswelt verankert ist und das dannals seinen Maßstab
ansehen. Bewusste körperliche Vereinigung um der Transzendenz
Willen erschließt sich meiner Erfahrung nach nur über
das Erleben und nicht über die wissenschaftlich theoretische
Betrachtung allein.
Wird dieser Weg bewusst gewählt, dann ist
er zwar weder ungefährlich noch einfach aber doch seit vielen
Generationen und in etlichen Kulturen erprobt. Damit ist er
durchaus gangbar. Er ist eine harte Herausforderung, weil viele Voraussetzungen
erfüllt
sein müssen, sowohl von einme selbst als auch vom Partner, um überhaupt
die Chance zu haben, zu einem sinnvollen Ergebnis zu gelangen. Wie
gesagt - es ist möglich, aber
eine einfache, schnell zu erlernende oder gar anspruchslose Technik
zu transzendenten Erfahrungen schaut meiner
Erfahrung
nach
eindeutig anders aus (sollte es sie überhaupt geben...).
Nähere Infos zu:
ZEGG,
Otto
Mühl,
Sexualität
in der röm. Antike und
Theorien über
Leben und Liebe in der Antike
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