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Mit seinem brünstigen Hirsch- oder Schafbockgeweihe und geteilten
Ziegenfüßen stellt er sowohl Selbstbehauptung als auch
die männliche Fruchtbarkeitsrolle dar, manchmal sogar die ungezügelte
männliche Lust, die Pantheisten weder als böse noch als
entwertend betrachten, vorausgesetzt, dass sie ehrlich zu ihrer
Absicht steht und 'Nein' als Antwort akzeptiert. Wie der hinduische
Gott Schiwa, ist er auch Herr des Tanzes und wird oft mit einer
Flöte dargestellt.
Er ist bestimmt das männliche Gegenstück zur Göttin
der Liebe, so dass Frauen eine ebenso liebende Gottheit zur Verehrung
haben wie Männer. Er ist auch für Männer ein Rollenmodell
in ihren Beziehungen zu Frauen: gleichzeitig wild und fantasievoll
wie der wilde Mann des amerikanischen Dichters Robert Bly, aber
auch sanft und verständisvoll in der Liebe und später
in der Erziehung der Kinder.
Doch ist der Gehörnte Gott keine künstliche Gedankenform,
die sich einige gegenwärtige Pantheisten ausgedacht haben.
Er ist eine eigene Energie an sich, die auch im Leben mancher Christen
erschienen ist. Der amerikanische Theologe Sam Keen schrieb 1970
To a Dancing God (An einen tanzenden Gott) , und der schönste
Ausdruck der Energie des Gehörnten Gottes, den ich gelesen
habe, kommt von einer katholischen Nonne:
Beten
von Schwester Marie-Pierre
(aus dem frz. übersetzt von F. Lamond)
Sag ihnen
was der Wind den Steinen sagt,
was das Meer den Bergen sagt,
Sag ihnen, dass eine unendliche Liebe
das Universum durchdringt.
Sag ihnen, dass Gott nicht ist, was sie glauben,
sondern dass er ein Wein ist, den man trinkt,
ein gemeinsames Mahl,
in welchem jeder gibt und empfängt.
Sag ihnen,
dass er der Flötenspieler im Mitternachtslicht ist;
Er nähert sich und läuft dann weg
und springt über die Quellen.
Erzähle ihnen über sein schuldloses Gesicht,
sein Licht, Schatten und Gelächter.
Sag ihnen,
dass er dein Raum und deine Nacht ist,
deine Wunde und deine Freude.
Aber sag ihnen auch,
dass er nicht ist wie du ihn beschreibst,
und dass du ihn wirklich gar nicht kennst.
Wie die Göttin ist der Gehörnte Gott in der Natur immanent,
besonders in wilden Tieren und Elementargeistern. Wenig an genauen
abstrakten Definitionen interessiert, sind Naturpantheisten sich
meistens unklar darüber, ob der Gehörnte Gott nur die
männliche Seite der Göttin ist und dieselbe universelle
Lebenskraft darstellt oder ob er eine eigene ergänzende Energie
zu der ihren in der Natur sowie im menschlichen kollektiven Unterbewussten
ist.
Diejenigen, die ihn als eigene Energie betrachten, sehen ihn als
den Identitätsinn einzelner Tieren- und Pflanzenarten sowie
einzelner Menschen, während die Göttin eher die gesamte
Lebenskraft darstellt sowie alle Erfahrungen, die wir mit allen
Lebewesen teilen: geboren zu werden, leben, wachsen, lieben, uns
vermehren, und schließlich sterben. Als Herr der Jagd ist
der Gehörnte Gott auch Gatte, Vater und Versorger, der "den
Schinken nach Hause bringt".
In den Wicca-Lehren sind sowohl die Göttin wie der Gehörnte
Gott zwei verschiedene Aspekte einer ursprünglichen Einheit:
die Alte Vorsehung, die von Anfang an war und auf alle Ewigkeit
sein wird, all-sehend, all-wissend, all-mitfühlend. Wir glauben
aber nicht, dass wir diese Ureinheit außerhalb mystischer
Erfahrungen, wie die ich im ersten Kapitel beschrieb, begreifen
können.
Die Feen-Bewegung, der die Autorin Starhawk sowie die Dichterin
Francesca de Grandis (Kapitel 4) angehören, und Crowleys Liber
Al vel Legis meinen, dass die Ureinheit sich in zwei teilte - die
Göttin und der Gehörnte Gott -, damit durch ihre Liebe
und Vereinigung das sichtbare Universum und alle einzelne Sterne,
Planeten und Lebensformen entstehen konnten. Dieser Begriff wird
aber nicht von allen Naturpantheisten geteilt.
Der ausgeprägtere Identitätsinn des Gehörnten Gottes
hat neben den Stammesgöttern, die ich im nächsten Kapitel
beschreiben werde, auch einige zusätzliche männliche Gottheiten
in manchen pantheististischen Überlieferungen erzeugt.
Der
Gott des Todes und der Wiedergeburt
Ein altes englisches heidnisches Märchen beschreibt zwei Pflanzenkönige,
die um die Hand der Erdmutter werben: der Stechpalmenkönig
und der Eichenkönig. Jeden Frühling besiegt der Eichenkönig
den Stechpalmenkönig, aber der Stechpalmenkönig siegt
im Herbst. Die Wicca haben dieses Märchen übernommen und
der Göttin einen Wintergatten gegeben, der sich vom Gehörnten
Gott des Frühlings und Sommers unterscheidet: den Gott des
Todes und der Wiedergeburt.
Dieses basiert auf dem griechischen Persephone-Mythos, von dem man
glaubt, dass er eine zentrale Rolle in den Eleusinischen Mysterien
gespielt hat. Der Mythos erzählt wie die Jungfrau-Göttin
Kore, Tochter der Erdmutter Demeter, von Hades, Herr der Unterwelt,
entführt wurde, als sie Blumen pflückte. Dieser nahm sie
mit in die Unterwelt, damit sie seine Gattin werde. Ihre Mutter
war darüber so bestürzt, dass sie alle Pflanzen vertrocknen
und sterben lassen wollte, bis ihre Tochter ihr wiedergegeben werde.
Der Vater-Gott Zeus handelte einen Kompromiss aus, wobei Kore für
die Hälfte jedes Jahres bei ihrer Mutter bleiben dürfte,
aber als Persephone in den Wintermonaten in die Unterwelt zurückkehren
würde um die Gattin von Hades zu sein.
Die Wicca finden diesen Mythos besonders bedeutungsvoll und stellen
ihn in ihrer Zweitgrad-Initiation dar. Der Gott des Todes und der
Wiedergeburt ist für sie einer der zwei Pole, zwischen welchen
die zyklische Lebenskraft sich bewegt, sowohl im Leben der Pflanzen
wie in unsern eigenen Leben als einzelne Menschen. Der Mythos deutet
auf eine Seelenwanderung hin und die Wiedergeburt nach einer Zeit
erholsamen Vergessens in der Unterwelt, ein Glaube, der unter gegenwärtigen
Naturpantheisten sehr verbreitet, aber nicht vorgeschrieben ist.
Ist der Gott des Todes und der Wiedergeburt aber eine vom Gehörnten
Gott getrennte göttliche Energie, oder nur einer seiner Aspekte?
Die Wicca finden es schwer, darüber zu entscheiden. Schließlich,
obwohl der Gehörnte Gott die brünstigen Hirsche und Schafböcke
des Frühlings darstellt und dadurch eine Fruchtbarkeitsfigur
ist, ist er auch Herr der Jagd, die in früheren Zeiten hauptsächlich
im Winter stattfand, sowohl um die Hirschherden auszulesen, die
sonst ihre Nahrungsquellen erschöpft hätten, als auch
um das Dorf nach dem Ende der Getreidevorräte des vorigen Sommers
zu ernähren. Und was ist ein Herr der Jagd, wenn nicht auch
der Herr des Todes für die gejagten Tiere.
In einem andern Wicca-Mythenzyklus herrscht die Göttin von
der Frühlings- bis zur Herbst-Tagundnachtgleiche über
das Land, und der Gehörnte Gott während der Wintermonate.
Das stellt den Gehörnten Gott mit dem Gott des Todes und der
Wiedergeburt gleich.
Der
Sonnengott
Die pantheistischen Druidenorden (nicht alle Druidenorden sind pantheistisch
oder religiös) verehren noch einen andern Gott: die Sonne (die
in den romanischen Sprachen männlich ist) als Kernpunkt ihrer
religiösen Jahreszeitzeremonien, obwohl sie sie nicht unbedingt
personifizieren. Das hat einen gewissen Sinn, denn die Sonne ist
der dialektische Ergänzungspol zur Erde sowie zum Mond (in
den romanischen Sprachen weiblich), die beide die Göttin symbolisieren.
Das erweckt Misstrauen bei den Feministinnen und vielen Wiccas.
Da der Mond das Sonnenlicht wiederspiegelt, scheint eine Darstellung
der Sonne als männlich und des Mondes als weiblich nochmals
den Vorrang der Männer zu rechtfertigen. Sie machen darauf
aufmerksam, dass in den germanischen, baltischen und japanischen
Sprachen sowie deren Mythen die Sonne eine weibliche Göttin
und der Mond ein männlicher Gott ist.
Freya Aswynn, die führende europäische Vertreterin der
nordischen religiösen Asatru-Überlieferung, bietet eine
interessante Erklärung für diese Umkehrung der Geschlechter
der Sonne und des Mondes zwischen den nordisch-germanischen und
baltischen Kulturen einerseits und den romanischen Mittelmeerkulturen
andererseits. Im kalten nordeuropäischen Klima ist die Sonnenwärme
sanft und nährend und wird deshalb wie eine liebende weibliche
Macht dargestellt. Der Mond erscheint dagegen in den eiskalten Winternächten,
die für Menschen ohne Dach und Wärme tödlich sein
können.
In den heißen Mittelmeerländern und tropischen Klimazonen
dagegen ist die Sonnenhitze sengend und kann für denjenigen,
der ohne richtige Kleidung und Schutz in der Glut des Mittags ausgesetzt
ist, tödlich werden: deshalb wird die Sonne dort als eine männliche
Gottheit betrachtet. Es sind die kühlen Nächte, in welchen
der Mond scheint, die als sanft und erholsam und deshalb zum Reich
der Göttin gehörig betrachtet werden.
Das gemeinsame beider Überlieferungen ist, dass die sanften
und erholsamen Tageszeiten als weiblich und die wilden und tödlichen
Extreme von Kälte oder Hitze als männlich betrachtet werden.
Die heutigen Naturpantheisten sind bereit, diese sich oft widersprechende
Mythen über unsere Gottheiten zu akzeptieren, weil wir sie
nicht als Tatsachen, sondern als poetische Gleichnisse betrachten,
die tiefere Wahrheiten symbolisieren. Was sie alle gemeinsam haben
ist die pantheistische Überzeugung, dass das ganze Universum
in seiner Vielfältigkeit göttlich ist: die Sonne, der
Mond, die Sterne und Planeten ebenso sehr wie die Erde und ihre
Meere, Steine, Pflanzen und Tiere. Von allen von ihnen haben wir
etwas zu lernen, nicht nur über unser Verhältnis zu unserer
Umwelt, sondern auch über uns selbst.
Auszug aus dem Buch «Naturpantheismus
- Religion ohne Glauben»
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